Die Glaubenspaltung
in Litauen
im XVi. Jahrhundert bis zur Ankunft der Jesuiten
im Jahre 1569.
Dissertation
zur |
Erlangung der Doktorwürde
von der
hohen philosophischen Fakultät der Universität Freiburg
in der Schweiz
vorgelegt von
Joseph Puryckis
aus Litauen.
8/8
7
FREIBURG |
BUCHDRUCKEREI GEBRÜDER F RAGNIERE
1919
= - BEE lie EIIFZLTE
|
Nikolaus Radvila der Schwarze,
litauischer Patriot und Vorkämpfer der Reformation in Litauen
INHALT
Vorwort
Einleitung
Das Dunkel über der Hlanischen Reforinalionsbewerdng
41). — Geographische und zeitliche Abgrenzung des Stoffes (2-3).
— Darstellungen und Quellen zu dieser Geschichtsperiode (3-10).
KAPITEL L
Die Zustände im Grossfürstentum Litauen unmittelbar
vor der Reformation .
Die Beziehungen Litauens zu Polen di. 19. - — Die Regie-
zung in Litauen (14-18): Der Grossfürst (14-15), der Senat
(15-16), die Karvedschaften (16-17), Kreiseinteilung (17), Samo-
gitions Sonderstellung (17-18). — Die kirchlichen Zustände
(18-48): die Bischöfe (18-38), die Domkapitel (34-37), der nie-
dere Klerus (37-47), die Ordensleute (47-48). — Der kulturelle
Stand der einzelnen Gesellschaftsklassen (49-71) : der Hochadel
(49-53), der Kleinadel (54-58), die Städter (39-60), der Bauern-
stand 60-71).
KAPITEL TI.
Die Anfänge der Glaubenspaltung in Litauen
Die ersten Vermittler der neuen Lehre (71-75); die Ade-
ligen auf Reisen in Westeuropa (72), Handel und Verkehr mit
Deutschland (72). — Die vorbereitende Periode der Reforma-
tion und die ersten Vorkämpfer (73-79): Tortyllowiez (75),
Abraham Culva (76), Albrecht von Preussen (77-79). — Be-
kämpfung des Protestantisınus durch geistliche Behörden (79-83):
durch Johann de Ducibus Lituaniae, Bischof von Vilnius (79-80),
Bischof Paulus Algimundus (80-81). — Bekämpfung durch Zi-
vilbehörden (83-85): Edikte des Königs Sigismund I (83-85).
— Die Ursachen der raschen Verbreitung der neuen Lehre
(85-91): der Tiefstand des Klerus (86-87), Nachahmungsucht
des Adels (87), Nachwirkung der hussitischen Lehre (88), der
Einfluss des Humanismus (89), das Streben des Adels nach
Machterweiterung (89-90), der Einfluss der Ausländer durch
‚Handel und Verkehr (91).
Seite
1-10
11-91
IV
KAPITEL III
Die Ausbreitung der neuen Lehre unter dem Gross-
fürsten Sigismund-August bis zum Tode Badvilas
des Schwarzen (1548-1565) .
' Grossfürst Sigismunds- August Charakteranlagen (98. 98),
— Seine Stellung zur neuen Dei (99-101). — Nikolaus Rad-
vila der Schwarze und seine politische Machtstellung (102-105).
— Radvila der Schwarze als Vorkämpfer des Kalvinismus und
Führer der Neugläubigen (105-109). — Sein Einfluss auf die
Adeligen (109). — Die Ausbreilung der neuen Lehre in dieser
zweiten Periode (110-113). — Die litauischen Bischöfe dieser
Zeit (114-116): Protasewiez, Bischof von Vilnius (114); Die
Bischöfe von Samogitien : Domanowski, Narkustis, Vierzbicki,
Pietkiewiez (115-116). — Der Indifferentismus des Landvolkes
gegenüber der Reformation (116-118). — Die mühelose Ausbrei-
tung der neuen Lehren in Litauen und die Nachlässigkeit der
Reformierten in der rechtlichen Sicherstellung und dogma-
tischen Fundierung ihrer Religion (118-127). — Radvilas Be-
mühungen zum Ausbau der reformierten Kirche (127-129). —
Sigismunds-August schwankende Haltung (130-131). — Ueppi-
ges Wachsen der neuen Lehre nach Radvilas Tode (1565).
KAPITEL IV.
Der Zerfall des Protestantismus
Die Ausbreitung des lutherischen Glaubens in 1 li-
tauischen Städten unter dem Schutze Albrechts von Preussen
(135-136). — Das Aufblühen des Kalvinismus (136-137) und des-
sen Zerfall (137-138). — Die Verkündigung der Lehre Ser-
veds (137). — Der Arianismus (138-141). — Dessen Auflösung
in zahlreiche Sekten (141-142). — Das Sektenwesen (142-152).
Die religiöse Anarchie (152-157). — Das Wiedererstehen der
katholischen Kirche (158-173): Der Uebertritt des Nikolaus
Christoph Radvila (« Sierotka >, der Sohn-Radvilas des Schwar-
zen) zum katholischen Glauben (158). — Der Kampf der Fa-
milien gegen die neuen Lehren (159). — Die Konversion der
Adeligen (160). — Der Zusammenbruch der reformierten Kirche
(160-164) und dessen Ursache (164-169). — Commendone
(169-170) und Hosius (170-172), zwei Reformatoren der katho-
lischen Kirche in Litauen. —- Der Anteil der Jesuiten an der
Gegenreform (172-173).
— 9.
Seite
92-135-
135-178:
Vorwort.
Diese Studie ist zum Teil vor dem Kriege, zum Teil in
.den ersten Kriegsjahren zum Abschluß gebracht worden und
hat sich deren Drucklegung lediglich durch den Krieg bis
jetzt verzögert. Weil der Verfasser den Druck nicht selbst
überwachen konnte, und mit dieser Aufgabe andere betrauen
mußte, besaß er nicht die Möglichkeit, am Werke irgend-
welche Änderungen vorzunehmen, obwohl die seit Beendi-
gung verflossenen Jahre in seinen Ansichten doch einige
Wandlungen bewirkt haben. Diese Meinungsänderungen be-
rühren allerdings weder den in der vorliegenden Arbeit ge-
sammelten Stoff selbst, noch die aus ihm abgeleiteten rein
wissenschaftlichen Schlußfolgerungen ; sie beziehen sich viel-
mehr auf einige historisch-religiösse Ausführungen des Ver-
fassers, besonders am Schluße des Buches.
Als Katholik befürchtet der Verfasser, daß er dort, wo
er zwischen dem Katholizismus und anderen Konfessionen
Parallele ziehen mußte, trotz redlicher Bemühungen in seinen
Ansichten und Ausdrücken vollkommen objektiv zu bleiben
in seinen Schlußfolgerungen, möglicherweise die Gefühle
der Gläubigen anderer Konfessionen, zu wenig berücksichtigt
haben könnte. Er glaubt, daß er sich ‚jetzt verschiedentlich
anders ausdrücken und mauche Schlußfolgerung anders for-
mulieren würde, trotzdem muß er nochmals betonen, daß er
bei der Sammlung des Stoffes, bei der Untersuchung der
historischen Tatsachen und ihrer ‘Gruppierung sowie bei den
daraus hergeleiteten Folgerungen stets bemüht war, unpar-
teiisch und objektiv zu bleiben. |
Ohne Zutun des Verfassers wurden einige Personen und
Ortsnamen ins Litauische übersetzt, wodurch sie für die All-
gemeinheit an Verständlichkeit nicht gewonnen haben.
Herr Professor Dr. Gustav Schnürer in Freiburg (Schweiz)
hat sich der formellen Gestaltung des Stoffes freundlichst
angenommen, wofür ihm der Verfasser aufs beste dankt.
Berlin; im Oktober 1919.
Der Verfasser,
Einleitung.
Der protestantische Sturm, der im XVI. Jahrhun-
dert im Westen losbrach und viele Länder durchzog, er-
reichte auf vielen Wegen auch Litauen. Die Reformation
fand hier einen günstigen Boden und vermochte sich schnall
auszubreiten, weil die katholische Kirche in Litauen noch
jung und schwach war und weil auch bei ihr alle jene Miss-
stände eingerissen waren, an denen die Kirche im Wesien
Europas krankte. Aber bald trat eine Gegenwirkung ein.
Die religiösen Kämpfe, die auch in Litauen die Gemüter
sehr erregten und allgemeine Unruhe hervorriefen, waren
hier nicht von langer Dauer. Schon nach 20—30 Jahren
begann die Kampfeslust abzunehmen und erlosch schliess-
lich ganz, und heute lassen sich kaum Spuren nach-
weisen, dass in Litauen solche Kämpfe stattgefunden hat.-
ten. |
Das Bemerkenswerteste an der Geschichte des Protes-
'tismus in Litauen ist die Art und Weise wie er zu
Grund: ging. Nachdem die Reformation von den Grossen ge-
fördert sich in Litauen schnell und leicht verbreitet hatte,
ging sie nicht durch äussere Waffengewalt, auch nicht so
sehr durch die geistigen Anstrengungen der Gegner, als
durch die Spaltung in zahlreiche besondere Sekten von
selbst zu Grunde. | i
Diese seltsamen Vorgänge sind auf Grund historischer
Quellenforschung noch nicht zu einer wissenschaftlichen
Darstellung gelangt. So wage ich mich an diese Aufgabe
heran und hoffe, dass es mir gelingen wird. den Schleier,
der die Geschichte der litauischen Glaubenspaltung verhüllt,
ein wenig zu lüften.
u.
Allerdings ist es mir. klar, dass ich eine schwierige
Arbeit übernehme ; denn es fehlt hier fast überall an
Vorarbeiten, an Werken, die einen Ueberblick über die Ge-
schichte der Kirche in Litauen gewähren, und es fehlen
auch Schriften, die die einzelnen Perioden oder Ereignisse
der Kirchengeschichte Litauens behandeln.
Auch ist es sehr schwierig Quellenangaben für die
ältere litauische Kirchengsschichte ausfindig zu machen,
und wenn Quellen vorhanden, dann sind sie teils nicht
herausgegeben, teils muss man sie wie einzelne Samen-
körner in litauischen, deutschen, russischen und polnischen
Werker mühsam heraussuchen.
Die politische Geschichte Litauens ist noch‘ wenig
erforscht, die Geschichte der litauischen Kirche liegt noch
mehr im Dunkel. Um diese grosse Lücke auszufüllen
belarf es noch vieler Vorarbeiten: Die Geschichte ein-
zeiner Landesteile und einzelner Ereignisse muss näher
erforscht werden.
Ich habe mir daher folgende Grenzen gezogen:
Was die örtliche Ausdehnung betrifft, so werde ich
nicht das ganze historische Grossfürstentum Litauen, son-
dern nur den von Litauern bewohnten Teil, der die beiden
Bistümer Vilnius und Samogitien umfasst, behandeln. Auss-
er lem Rahmen meiner Arbeit liegt die Geschichte Volhy-
niens und Podoliens, also der Gebiete, die wohl Provinzen
des einstigen Grossfürstentums Litauen waren, aber nach
langen Zwistigkeiten im. Laufe des XVI. Jahrhunderts
vanz mit Polen vereinigt wurden. Ucberdies gehören die
Bewohner Volhyniens un Podoliens einem anderen Stamme
und Sprachgebiet an.
Dafür dass die Geschichte Litauens noch so wenig er-
forscht ist, lassen sich viele Gründe anführen. Polen
ist viel früher als Litauen mit der abendländischen Kul-
tur in Berührung gekommen; und dieser Umstand hat den
Polen eine Ueberlegenheit gesichert, die es ihnen möglich
machte über Litauen eine politische und geistige Vor-
herrschaft zu begründen. Die Folge war, dass sich die
a
einflussreichen "Stände, vorerst der Adel und später die
Gebildeten, sich als Polen betrachteten und nur polnisch
sprachen und schrieben. Erst in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts begannen die Litauer die Landessprache als
Schriftsprache zu gebrauchen und die vaterländische Ge-
schichte selbst zu erforschen. Diese erfreulichen Anfänge
kamen bald zum Stillstand, als die russische Regierung
im Jahre 1864 verbot, die litauischen (lateinischen) Schrift-
zeichen zum Druck zu verwenden, wodurch die Herausgabe
litauischer Bücher unmöglich gemacht wurde. Dieses Ver-
bot dauert2 volle vierzig Jahre, also bis zum Jahre 1904.
Seit dieser Zeit begannen die litauischen Gebildeten, be-
sonders die Geistlichkeit, eine rege literarische Tätigkeit
zu entfalten. Man muss auch anerkennen, dass die Russen
und besonders die Polen sich an der Erforschung der li-
tauischen Geschichte lebhaft beteiligt haben. Die Kirchen-
geschichte Litauens ist aber vernachlässigt worden.
Zeatlich beschränke ich mich auf das XVI. Jahr-
hundert und zwar vom Anfang des Protestantismus ın
Litauen (um das Jahr 1530) bis zur Ankunft der Jesui-
ten (1569).
Ueber den Protestantismus in Litauen sind bisher
nur zwei Werke, nämlich die Arbeiten von Lukaszewiez
und von Dambrauskas veröffentlicht worden.
Der Pole Lukaszewiez behandelt in seinem zweibän-
digen Werk, das den Titel ‚„Dzieje wyznania helweckiego w
Litwie“ führt, im ersten Bande die Geschichte des Kal-
vinismus in Litauen bis zur Mitte des XVIIlI. Jahr-
hunderts, im zweiten die kalvinistischen Tempel, Kultus-
diener, Schulen, Druckereien u.s.w. Das XVI. Jahrhundert
wird, obgleich der Kalvinismus in diesem Zeitalter auf
dem Höhepunkt seiner Entwicklung stand, wohl wegen
Mangel an Quellenmäterial sehr kurz behandelt, dagegen
wird das folgende Jahrhundert, in dem sich der Ver-
fall des Kalvinismus vollzog, sehr eingehend erörtert.
Auch finden die Sekten, die neben dem Kalvinismus auf-
Ba A,
traten. eine mangelhafte Berücksichtigung. ‚Ueber die Aria-
ner weiss Lukaszewicz sehr wenig, fast nichts zu be-
richten. Da das Werk vor mehr als 70 Jahren ge-
schrieben wurde, so sind dem Verfasser die meisten Quellen.
dıe heute bekannt sind, unbekannt geblieben. Trotzdem
ist dieses Werk von grosser Bedeutung, denn der Ver-
fasser führt viele Quellen an, die inzwischen verloren
gegangen sind. Für meine Arbeit allerdings kommt das
Werk von Lukaszewicz wenig in Betracht, weil es das
XVI. Jahrhundert nur sehr kurz behandelt.
Das andere Werk: Dambrauskas „Pradiia ir ıssı-
pletojimas Protestantizmo Lietuvoje‘“ ist eine in populärer
Art verfasste Broschüre, die als Quelle wenig in Be-
tracht kommt. |
Ausserdem kann man bei Krasinski, Bukowski, Za-
krzewski, Wotschke, Liubowiez und anderen, die über di®
Glaubenspaltung in Polen geschrieben haben, einige. Be-
merkungen über die Reformation in Litauen finden. Allein
alle diese Angaben sind sehr kurz und mangelhaft und in
den verschiedenen Werken so zerstreut, dass sie von der
litauischen Glaubenspaltung keinen rechten Begriff veben.
Unter den von mir hervorgezogenen Quellen befinden
sich viele, die noch nicht herausgegeben sind. An erster
Stelle sind hier die Manuskripte zu erwähnen, die sich
in der Bibliothek des Priesterseminars zu Kaunas be-
finden. Unter diesen sind von grosser Bedeutung die Ab-
schriften von Briefen, welche die Bischöfe von Samo-
gitien im XVI. und XVII. Jahrhundert an verschiedene
Adressaten gerichtet haben. In dem Manuskript, das
diese Abschriften enthält, fand ich einige bis jetzt ganz
unbekannte Briefe der Bischöfe Domanowski (1556— 1563),
Vietorius Wierzbicki (1566 — 67) und Nicolaus Pac
(1610—1619).
Ferner findet sich dort ein Manuskript aus dem Jahre
1624, verfasst von einem unbekannten Gelehrten, der über
den Anfang, Aufschwung und Niedergang des Protestan-
tismus in Litauen wertvolle Aufschlüsse gibt. Es scheint,
Be ih a
dass der Verfasser in Litauen gelebt hat und dass ihm
die Ereignisse, welche er beschreibt, wohl bekannt waren.
In derselben Bibliothek befinden sich‘ ferner Akten über
kirchliche und bürgerliche Angelegenheiten, aus dem XVI.
und XVII. Jahrhundert, die ich ebenfalls benutzte, Es
ist zu bedauern, dass alle diese Manuskripte nicht ge-
sichtet sind und von denselben kein Katalog hergestellt ist.
In dem Archiv der Bibliothek des Priesterseminars zu
Vilnius fand ich unter anderm ein Manuskript, das für
meine Abhandlung von besonderem Wert war. Es ist
während der Regierungszeit des Bischofs Benedictus Wojna
{1600—1615) geschrieben und enthält Beschreibungen
über das Leben der Bischöfe von Vilnius und zwar vom
Bischof Johannes de Ducibus Lituaniae an (1519—1536)
bis auf Benedietus Wojna. : Die Beschreibungen enthalten
viele Einzelheiten, die bis jetzt unbekannt waren. Leider
fehl: der Anfang dieses Schriftstückes, das wahrscheinlich
einige Bemerkungen über die Vorgänger des Bischofs
Johannes enthielt. Das Werk kann in seiner Bedeutung
nicht hoch genug geschätzt werden, denn es enthält die
ältesten Biographien der Bischöfe von Vilnius. Dasselbe
Archiv enthält noch Abschriften von Briefen, Gerichts-
verhandlungen, Inventare und andere Dokumente, von denen
ein’ge aus dem XVI. und XVII. Jahrhundert stammen.
Leider liegen alle diese Manuskripte ordnungslos umher.
Das sogenannte Zentralarchv zu. Vilnius enthält
schr viele Akten (an 15000 Bände) die aus ganz Li-
tauen stammen. Viele Dokumente dieses Archives hat die
russ'sche Regierung gedruckt herausgegeben. Bis jetzt er-
schienen 30 grosse Bände unter dem Titel: „Driewnije
Akty‘ ete. In diesem Archive sind auch 6 grosse Kisten
mit Dokumenten, die man aus dem Archiv des Kapitels
von Vilnius geholt hat, die aber bis jetzt weder geordnet
noch erforscht sind.
Die öffentliche Bibliothek in Vilnius enthält sehr viele
gut geordnete und katalogisierte Dokumente wie z.B.
päpstliche Bullen, Privilegien, kirchliche, Inventare, Tes-
ei. dr
tamente und dergleichen. Viele von diesen Schriften habe
ich für meine Arbeit benützt.
In der Bibliothek der Römisch-Kathol. Geistl. Aka-
demie zu Petersburg habe ich auch einige Handschriften
gefunden, die mir Dienste geleistet haben. Unter diesen ist
nennenswert die „Historya wierna o Kacerstwach‘. Dieses
Manuskript stammt aus der Zeit von 1631 bis 1640 und
enthäli die Geschichte des Protestantismus in verschie-
denen Ländern. Es ist für meine Arbeit insofern von
Bedeutung, als darin nähere Angaben über den Protestan-
tismus ın Litauen zu finden sind. Der Autor war wohl
ein Litauer, denn er ist über die litauischen Zustände sehr
gut unterrichtet. |
Auch aus der Bibliothek von ÖOssolinskt zu Lember«
konnte ich einiges heranziehen. Für meine Abhandlung
kamen besonders zwei Manuskripte in Betracht. Zuerst
ein Manuskript mit dem Titel: „Poloneutychia etc. von
Lubieniecki. Das andere Manuskript rührt von ei-
nem unbekannten Jesuiten her und behandelt die Nie-
derlassung der Jesuiten in Litauen und ihre dortige
Tätigkeit. Der Verfasser behandelt in seiner Arbeit
den Zustand Litauens vor der Ankunft der Jesui-
ten. Dabei berichtet er auch interessante Einzelheiten
über die protestantischen Sekten, ihre Vorsteher und über
ihre verschiedenen Spaltungen. Allem Anscheine nach ist
das Schriftstück nur eine Abschrift. Das Original ist wohl
verloren gegangen. Ich habe noch andere Dokumente die-
ser Bibliothek für meine Arbeit verwenden können und
werde sie an den betreffenden Stellen näher anführen.
Nicht weniger interessant waren verschiedene Doku-
mente, die ıch in einzelnen Pjarrarchiven Litauens ge-
funden habe, in denen die religiösens Zustände des XVI.
Jahrhunderts geschildert werden. Besonders habe ich die
Dokumente der Pfarrarchive von Jeznas, Rumsiskes, Trakai
berücksichtigt. Endlich habe ich auch Material ın Prival-
archiven gefunden. Unter diesen muss ich besonders das
Privatarchiv von Morawski (Gouvernement Vilnius, Us-
FEIUE ,
tronie) erwähnen, in welchem ich sehr wichtige Dokumente
gefunden habe.
Alle die oben erwähnten Dokumente waren nicht
nur bis jetzt unbenützt, sondern zum grössten Teil (be-
sonders die in den Archiven Litausns) vollständig un-
bekannt. Die Hoffnung, dass später noch viel handschrift-
liches Material in Litauen zum Vorschein kommen könnte.
wird sich kaum verwirklichen ; denn an Handschrift:n
und Archivalien ist Litauen arm.
Dieser Mangel an Urkunden in Litauen lässt sich leicht
erklären. Litauen war seit Jahrhunderten der Schauplatz
grosser Kriege, in deren Verlauf das Land vielen Plünde-
rungen ausgesetzi war. Am Ende des Mittelalters begann der
deutsche Orden von Norden und Westen her seine Einfälle in
das litauische Gebiet zu unternehmen. Vom Süden her führten
die Tataren mehrere verheerende Streifzüge aus, und vom
Osten drangen vom XV. Jahrhundert an die grössten
Feinde Litauens, die Russen, vor, die beständig das li-
tauische Grossfürsientum mit Krieg überzogen. Schliess-
lich tritt im XVII. Jahrhundert noch ein neuer Feind
Litauens auf: die Schweden. Seit dieser Zeit -bis zum
XIX. Jahrhundert ist Litauen beständig Kriegschauplatz.
Die gewaltigen Heerscharen Napoleons durchzogen Li-
tauen sowohl auf ihrem Zuge nach Moskau als auf der
Flucht vor den russischen Verfolgern. Diese Verwüstung
Litauens wurde ‚vervollständigt, als die Russen die auf-
ständıschen Polen und Litauer in den Jahren 1830 und
1863 ın blutigster Weise niederwarfen.
Da die litauischen Städte bis zum XIX. Jahrhundert
vorwiegend aus Holz gebaut waren, so ist es kein Wunder,
dass sie vielmals durch Feuer vollständig zerstört wurden.
In diesen Bränden ging der grössere Teil der historischen
Quellen Litauens zu Grunde. Was dem Feuer entging,
das schleppten die Feinde mit sich, sodass diese Ueber-
reste heute in Petersburg, Moskau, Kiew, Stockholm, Ber-
lin, Wien, Lemberg und in anderen Städien zu suchen
sind. In Litauen selbst blieben nur weniger wichtiee Ur-
kunden, die meistens aus später Zeit stammen.
u. IS ger
Die gedruckten Quellen, die mir zur Verfügung standen,
sind meistens Druckschriften des XVI. Jahrhunderts. Sie
sind zum grössten Teil heute eine bibliographische Selten-
heit. Viele von diesen sind nur in 4, 3, 2, oder sogar nur
in, einem Exemplar vorhanden. Sie befinden sich zer-
streut in den verschiedensten Bibliotheken und sind des-
hallı nur schwer erhältlich. Ich musste dieselben mühsam
'n den Bibliotheken von Krakau. Lemberg, Petersburg,
Vilnius und Posen suchen. Der grössere Teil dieser Druck-
schriften enthält die religiös-polemische katholische und
protestantische Literatur des XVI. Jahrhunderts. Die
Glaubenspaltung hat wie anderswo so auch in Polen und
Litauen Anlass zur Herausgabe von Schriften meistens
veligiös-polemischen Inhaltes gegeben. Es sind Tausende
‘von Broschüren belehrenden und polemisierenden Inhaltes
herausgegeben worden. Diese Broschüren sind nicht nur
für die Geschichte der Literatur, für die Kenntnis der
Lehren der verschiedenen Sekten von grösster Bedeutung,
sondern auch unentbehrliche Hilfsquellen für die Kultur-
geschichte und für die Geschichte des Protestantismus
und Katholizismus. Neben dogmatisch-moralischen Beweis-
führungen finden wir daselbst auch Beschreibungen und
Aufschlüsse über einzeln» historische Ereignisse und über
einzelne Persönlichkeiten.
Es ist selbstverständlich, dass man bei der Verar-
beitung dieses Materials sehr vorsichtig zu Werke gehen
muss. Wie jede polemische Literatur ist auch diese na-
türlich einseitig. Es ist für die Geschichtsforschung sehr
zu bedauern, dass ein bedeutender Teil dieser Literatur
durch die Gegner vernichtet worden ist. Besonders die
Katholiken haben, als sie Herren der Lage wurden, mit.
aller Macht — man kann sagen mit Fanatismus — die
Schriften 'der Gegner vernichtet. In den damaligen
Schriften wird öfters von der Verbrennung der „häreti-
‘ schen“ Werke gesprochen. Es ist daher erklärlich, dass
manche Werke bis zum letzten Exemplar der Bücher-
stürmerei zum Opfer gefallen sind, von anderen Werken
sind nur einige Exemplare gerettet worden. Aber nicht
ea, Ar.
nur Druckschriften wurden vernichtet, sondern auch alle
anderen gegnerischen Schriften. Daher wurden auch: die
Akten der protestantischen Synoden, Briefe, Dokumente
und dergleichen schonungslos vernichtet, sodass man heute
kaum eine Spur von ihnen finden kann. Manche vornehme
Familie schämte sich, dass ihre Vorfahren verschiedenen
Sekten angehört hatten, und suchte später alle Spuren
«lavon zu verwischen. Sie ‚vernichtete daher alles, was
'rgend einen Beweis für die Teilnahme ihrer Vorfahren
am Protestant'smus hätte erbringen können.
Von der religiös-polemischen Literatur benutzte ich
hauptsächlich folgende der nicht katholischen Autoren : Cze-
chowiez, Budony, Frycz Modrzewski, Wolan, Andreas Lu-
bieniecki, Gregor von; Zarnowiec, Johann und Jakob Niemo-
jewski und Gregorius Pauli. Von katholischer Seite sind
besonders benutzt: Zebrowski, Jurgiewiez, Skarga, Rescius
(Reszka,, Jungius, Wilkowski, Herbest. Ich kann hier
nicht auf die Charakteristik der einzelnen Autoren und
ıhrer Schriften eingehen, weil das zu weit führen würde.
Uebrigens ist diese Aufgabe bereits von andern ausgeführt
worden. (Ich verweise auf das Werk von T. Grabowski im
Literaturverzeichnis.) Man muss hier aber im allgemeinen
bemerken, dass die Schriften der Neuerer objektiver und
in. ruhigerem Tone gehalten sind als die der katholischen
Polemiker. Besonders den arianischen Autoren, vor allem
Czechowicz, muss man zuerkennen, dass sie in ihren Schrift-
em. Ruhe und sachlichen Ernst zu wahren wussten. Selbst-
verständlich gibt es auch Ausnahmen. Die katholischen
Autoren dagegen kämpften mit grosser Leidenschaftlichkeit.
Viele ihrer Werke sind voll von Schimpfworten und Grob-
heiten. so zum Beispiel diejenigen Jurgiewiczs und Ze-
browskis. Die Jesuiten schrieben in ruhiger Form, be-
sonders zeichnen sich die Werke des berühmten Skarga
‚durch grosse Ruhe und Würde aus. Dama!s war übrigens
die leidenschaftliche Polemik eine literarische Kampfme-
thode, die allgemein angewendet wurde. Die grossen Re-
formatoren. des Westens mit Luther an der Spitze gaben
der damaligen Polemik den Ton an. Nur die polnisch-
ee Al)
litauischen Arianer sind wie in vielen anderen Dingen, so
auch in der Sachlichkeit der Polemik ihrem Zeitalter
vorausgeeilt. |
Ausser der religiös-polemischen Literatur benutzte ich.
noch viele Schriften anderer Autoren des XVI. Jahrhun-
derts, die über Litauen geschrieben haben, z.B. Lasicki.
Michajlo Litwin, Guagnini, Kurbski, Warszewicki, die Be-
richte der päpstlichen Nuntien und andere. Aus den Samm-
lungen von Akten und Dokumenten, die ich benützte,
weise ich hier an erster Stelle auf die russischen Quellen-
sammlungen hin, auf die: Akty otnosiascijasia k’istorii
zapadnoj Rossi, Akty litowskoj metrikt und besonders
die Quellensammlung unter dem Titel: Akty tzdawajemyja
Kommissijej dla razbora drewnich aktow w Wilnie — die
interessante alte aus dem Zentralarchiv von Vilnius stamm-
ende Dokumente enthalten. Neben den russischen dienten
mir auch die polnischen Quellensammlungen, deren Titel
ich im Literaturverzeichnis angebe. Dabei muss man je-
doch bemerken, dass alle diese russischen und polnischen
Quellensammlungen hauptsächlich die politische Geschichte
behandeln, denn die russische Regierung ebenso wie die
Polen haben mehr für dis politische Geschichte Li-
tauens als für seine Kirchengeschichte Interesse be-
zeugt, und so ist es erklärlich, dass über die Kir-
chengeschichte Litauens fast keine Spezialarbeit ver-
öffentlicht worden ist. Die Quellen für die litauische
Kirchengeschichte finden sich in unzähligen polnischen,
“russischen, deutschen und schwedischen Quellensammlungen
verteilt. Die Litauer selbst konnten, obwohl sie sich für
ihre Kirchengeschichte interessieren, bis jetzt keine grössere
Quellensammlungen herausgegeben, da die russische Re-
gierung erst im Jahre 1904 das Verbot litauisch zu
drucken aufgehoben hat. Ueber die späteren Autoren, die
ıch benutzte, verweiss ich auf das alphabetische Lite-
raturverzeichnis.
Die Glaubensspaltung in Litauen.
Die Zustände im Grossfürstentum Litauen
unmittelbar vor der Reformation.
Die Beziehungen Litauens zu Polen. Wie Litauen allmählich po-
lonisiert wurde. — Die oberste politische Gewalt im Grossfürstentum
Litauen ; Teilung derselben zwischen dem Grossfürsten und den Grossen
des Reiches. — Verwaltung des Grossfürstentums. Die Karvedschaften,
die Karveden und deren Gewalt. Die Landkreise, die Seniunen:
Verfassung Samogitiens. — Religiöser Zustand Litauens. Die Bi-
schöfe und ihre politische, administrative und gerichtliche Ge-
walt; ihre wirtschaftliche Lage. Sitten der Bischöfe, der Verfall
der Sitten und seine Ursachen. Die Bischöfe von Vilnius. Bischof
Johann Radziwill aus dem grossfürstlichen Hause. Die Bischöfe
Samogitiens. Bischof - Nikolaus Radziwill. — Die Domkapitel ; ihre
wirtschaftliche Stellung ; - ihre Sitten. Das Kapitel von Vilnius;
das Kapitel von Samogitien. Die Geistlichkeit ; Besitz, Bildung
und ihre Sitten; ihre Laster: Trunkenheit, Unzucht, Geiz, gegen-
seitiger Hass. — Die Ordensleute im Grossfürstentum. — Die cin-
zelnen Stände des litauischen Volkes. Die Grossen und ihre Bezie-
hungen zum Adel; ihre ökonomische und moralische Lage; ihre
Laster: Prachtaufwand, Trunkenheit, Schwelgerei. — Der Alel;
politische Macht, !wirtschaftliche Lage, dessen Sitten und Un-
sitten ; seine Unwissenheit. — Die Städter. — Das Landvolk. Zeit-
genössische Zeugnisse über deren gesellschaftlichen und ökonomischen
Stand seine Sitten, seine Religion. Götzendienst. — Zusammen-
’ g
fassung sowie Ergebnis.
l.
Unter der Regierung des Grossfürsten Sigismund
II.!, der als König von Polen Sigismund 1. hiess, war
‚4 Der erste Grossfürst von Litauen namens Sigismund war ein
Sohn des Keistutis, welcher nach Svidrigaila von 1432—1440 das
grossfürstliche Szepter führte cf. Narbutt, Die Taten (des Iitauischen
Volkes VII, p. 103 ff.
Litauen von Polen wenig verschieden. Die Erklärung
ist. darin zu suchen, dass über ein Jahrhundert die Sitten
und Gebräuche der Polen zugleich mit der Religion sich
in Litauen ausbreiten konnten, wobei nicht nur die Reli-
gion, sondern auch die äusseren Umgangsformen der Polon
die gutmütiger Litauer mächtig anzogen. Es ist sicher,
dass die ersten Prediger der Evangeliums in Litauen Polen
waren.! Beweiskräftige Zeugnisse besagen ferner, dass auch
in der nachfolgenden Zeitdie Polen sich‘ verschiedentlich
ın Litauen niederliessen und verschiedene, darunter hohe
Acmter, innehatten ?, was selbstverständlich zur Ausbrei-
{une der polnischen Sitten stark beitragen musste. Uebri-
1 Kromer, Polonia 246 £.
Kojalowiez, Historiae Lituaniae I, p. 396 £.
Wolonezewskis, Zemaijtin Wiskupiste I, p. 34 ff.
Przyalgowski Zywoty Biskupow Wilenskich I, p. 14—16.
Morawski Dzieje Narodu Polskiego, II, p. 8. Wir nennen hier
diejenigen erste Prediger, die unter Wladislaus Jogaila in Litauen das
Christentum gepredigt haben. Denn obwohl vor diesen Predigern König
Mindaugas mit vielen Litauern das Christentum angenommen hatte
1251} und der erste Bischof in Litauen der hl. Vitus (ein Pole)
gewasen ist, so verschwand bald das Christentum aus Litauen wieder.
Nach «lieser Zeit wissen wir trotz mancher Spuren des Christentums
in Litauen fast nichts Bestimmtes von seinen Verkündern.
Kojalowiez, Historiae Lithuanae I, 96 sq. Miscellanea I, 57sq
Przyalgowski, op. eit. 3 sg.
Totoraitis, Die Litauer unter König Mindowe p. 76 ff.
= Narbutt. Die Taten des litauischen Volkes, VIII. pag. 8 £.,
22, 40.
Nach dem Zeugnisse von:
Kojalowiez, Miscellanea rerum ad statum ecelesiastium in M.
D. Lit. pertinentium p. 17;
Naramouski, :Facies rerum Sarmaticarum II, p. 347 ff.;
Przyalgowski, Zywoty Biskupow Wilenskich, I, p. 15, 32, 35
sind von den 9 Bischöfen, die bis Sigismund I. auf dem bischöf-
lichen Stuhle von Vilnius gesessen haben, drei Polen gewesen. Ebenso
haben in Samogitien von der Gründung des Bistums bis auf Sigis-
mund 1. drei Polen zu verschiedenen Zeiten den Bischofstab ge-
führt.
Naramowski, op. eit. p. 527 ff:
Wolonezewskis, Zemaijtiun Wiskupiste I., p. 63-66, 70, 72.
2, die „=
gens standen den polnischen Einflüssen in Litauen noch
andere Wege offen. Zuerst führten die Grossfürsten von
Litauen, die zugleich Könige von Polen waren, bei ihren
Besuchen in Litauen ein zahlreiches Gefolge von Höflingen
und Beamten mit sich. In Kriegszeiten, wenn Litauer
und Polen als Bundesgenossen stritten, wurden oft polnische
Truppen in Litauen und umgekehrt litauische in Polen
einquartiert1. Ferner verband ein reger Handelsverkehr
beide Völker”. Endlich sandte Litauen, das ın diesem.
Zeitalter nur sehr wenige Elementarschulen und höhere
Bildungsanstalten überhaupt nicht besass, seine Jugend
ıns Ausland, besonders in das benachbarte Polen?. Mit.
der Bildung brachten dann die jungen Leute auch fremde.
insbesondere polnische Sitten in die Heimat. Info!ge aller
dieser Umstände machte die Polonisierung Litauens so!che
Fortschritte, dass bereits Mitte des XVI. Jahrhundert
der apostolische Nuntius Julius Ruggieri behaupten konnte,
Litauen sei in vielfacher Beziehung Polen sehr ähnlich *.
Doch sei hier bemerkt, dass die Polonisierung Litauens-
nur das politische und soziale, vor allem das religiöse
Leben Litauens erfasste, während das private Leben nur
1Morawski, Die Taten des polnischen Volkes, II, p. 43, 51, 59.
76, 137, 204, 285.
Liubawskij, Ocerk istorii Litowskorusskago gosudarstwa p. 183.
2 Seweryn Golebiowski, Die Zeiten Sigismund-Augusits, II, p.
253 ff.
T. Czacki, Vom litauischen und polnischen Rechte I. ausg. I.
p. 210 £.
3 Wolonczewskis, Zemaijtiu Wiskupiste II, p. 7 ss.
Przyalgowski Zywoty Biskupow Wilenskich I, p. 28, 41, 50, 64.
Lappo, Welikoje Kniazestwo Litowskoje I, 449—504, 509.
Lukaszewiz J. Geschichte der Schulen im polnischen Reiche und
Grossfürstentum Litauen I, p. 66. II, p. 11.
Jaroszewiez, Das Bild Litauens in bezug auf dessen Zivilisation
Cistowitsch, Ocerk istorii zapadno-russkoj cerkwi I, 96 £.
IBerichte der apostolischen Gesandten (Nuntii). Rykaczewski I,
p. 170.
er >
bei den Reichen betroffen wurde. Das einfache Volk, zu-
mal auf dem Lande, ist dagegen bis auf den heutigen Tag
von den fremden Sitten fast unberührt geblieben, : was
jeder, dem das litauische Landvolk irgendwie bekannt ge-
worden. ist, leicht bezeugen kann.
Ehe wir auf das politisch-soziale und religiös-mora-
lische Leben im Grossfürstentum Litauen unter Sigismund
II. eingehen, wollen wir eine kurze Darstellung der inneren
politischen. Konstitution des Grossfürstentums und der ein-
zelnen Schichten der Bevölkerung vorausschicken. Diese
Darlegungen sind zum Verständnis der raschen Ausbreitung
des Protestantismus wie seines ebenso schnellen Verfalles
unumgänglich notwendig.
Il.
Das Haupt und der Führer der Litauer war der Gross-
fürst, der von den Grossen des Reiches auf Lebens-
dauer gewählt wurde!. Diese Würde verlieh zwar ihrem
Träger die höchste Gewalt, aber in ihrer Ausübung
war er von seinen Wählern, den Grossen (Pany-Herren,
1 Gewisse Geschichtschreiber wie:
Narbutt, T. Die Taten des litauischen Volkes IX, p. 275,
Morawski, Die Taten des ‘polnischen Volkes II, p. 427,
Szujski, Die Taten des polnischen Volkes, II, p. 308, bezeichnen
die grossfürstliche Krone als erblich. In Wirklichkeit war diese Erb-
lichkeit nur rechtlicher Natur, denn wie die Geschichte bezeugt,
wählten ebenso wie die Polen ihren König, so die Litauer ihren
Grossfürsten seit der Union von Horodlo ganz unabhängig von ein-
ander.
Liubawskij, Ocerk istorii Litowsko-russk. gosud. S. 41, 56, 52,
64, 68.
Narbutt, T. VIII, S. 9, 260. IX, S. 182 £.
Deswegen sprechen die hervorragendsten Kenner der Geschichte
Litauens wie Lappo und Liubawskij an keiner Stelle von der Erb-
lichkeit des litauischen Thrones. Liubawskij, den man in dieser
Hinsicht am meisten schätzen kann, sagt ganz deutlich, die hi-
tauische Grossfürstenwürde beruhe seit den Zeiten Jogaila’s auf
Wahl. Liubawskij, S. I6 ff.
ir, A, Zus
Rada-Rat genannt) erheblich beschränkt. Keine äussere
Angelegenheit des Reiches durfte ohne Wissen und Gut-
heissung der Grossen erledigt werden !. Dasselbe galt
nach der Verfassung des Grossfürsien Alexander (1492)
und besonders Sigismunds II. (1529) von der gesetzge-
benden Gewalt’. Gleicher Beschränkung unterlag die
höchste Gewalt in dGerichts- und Verwaltungsachen’.
Kurz, die Gewali des Grossfürsten war so beschränkt, das;
zur Erledigung sämtlicher wichtigeren Angelegenheiten die
Einwilligung und Gutheissung des Rates der Grossen er-
forderlich war.. Immerhin genoss der Grossfürst hohes
Ansehen, sei es wegen des noch frischen Andenkens an
die mächtigen Gestalten eines Gediminas, eines Algirdas
eines Algirdas, eines Vytautas, welche eine fast abso-
Sute Herrschafi ausgeübt hatten, sei es auch wegen
des litauischen Charakters, ihre Fürsten mit Ehrfurcht
zu behandeln.* |
- Somit lag die Ausübung der obersten Gewalt in den
Händen des Grossfürsten sowie der Grossen des Laandes,
welche den Senai bildeten; dieser bestand aus regie-
renden Fürsten, aus Bischöfen, Wojwoden, Kastellanen,
hohen Staatsbeamten und Hofbeamten ?. Zu den wich-
tigsten Angelegenheiten des Reiches, z.B. zur Wahl des
Grossfürsten, zur Kriegserklärung, zur Bündnisschliessung
u.a. wurden die Stände einberufen, wozu ausser (dem
Senate und den. Magnaten noch der Kleinadel eingeladen
wurde. Doch hatte der letztere bis zur Regirrung des
I Die Verfassung Alcxanders, 1492, Sigismunds I., 1506, 1529,
bei Liubawskij, p. 307 ff. 'Idem ecıdem op. p. 169 ss.
2 Liubawskij op. eit. 307 ff. |
® Idem 169—176.
4 Narbutt, Die Taten Jdes litauischen Volkss IX. p. 114, 179,
182, 275.
Liubawskij, 176.
5 Liubauskij, 170 ff.
Lappo, Welik. Kniazestwo Litowskoje, 255 ff. 264 ff.
u
"Grossfürsten Sigismund-August in politischen Fragen schr
wenig zu sagen, sodass in. politischen Angelegenheiten d'’e
Magnaten fast allein nach ihrem Gutbefinden entschieden !.
Die innere Verwaltung des Grossfürstentums war fol-
gendermassen ‚geordnet : Das ganze Gebiet war eingeteilt in
Wojwodschaften ? und diese wieder in Kreise. An der
Spitze der Wojwodschaften standen die Wojewoden, die von
den Grossfürsten auf Lebenszeit ernannt wurden und ehema-
lige Fürsten vertraten®. Eben darum war das Ansehen
und die Macht der Wojwoden sehr gross. Bis in die Mitie
des XVI. Jahrhunderts war sie dreifacher Art: militäri-
scher, administrativer und gerichtlicher . Der Wojwode
war vor allem der berufene Führer sämtlicher Truppen sei-
ner Wojwodschaft. Beim Ausbruche eines Krieges rief er
die bewaffneten Mannen seiner Wojwodschaft zusamm>n.
musierte sie und führte sie meistens auch selbst im Kampfe
an. Ferner wachte er als Vertreter der höchsten administra-
tiven Gewalt darüber, dass weder die Starosten, noch dir
Verwalter, noch die übrigen Beamten ihre Pflichten ver-
1 Linbawskij, p. 202 ff. In Polen war zur gleichen Zeit die
Macht des Landadels so stark gewachsen, dass in den allgemeinen
Versammlungen (sejm walny) die Adeligen über Senät und Beamten-
tum die Oberhand gewannen.
?2 In der Vereinigungsurkunde von Horodlo 1413 (Volumina Le-
yum I, 23—32, Ausgabe von Petersburg 1859) werden nur 2 Wojwod-
schaften genannt: die von Vilnius und die von Trakai. Unter König
Sigismund I. bestanden folgende Wojwodschaften: von Vilnius, von
Trakai, von Kiew, von Novgorod, von Vitebsk, von Polock, von Smo-
lensk (diese letzte wurde unter unter diesem König von den ‚Russen ge-
nommen und ist eingegangen) ebenso die von Podlasien. Sigismund-
August (1566) ha neue Wojwodschaften geschaffen, nämlich die
von Brest, Minsk, Mscislaw, Wolyn und Braelaw.
J. Wolff, Senatoren u. Würdenträger des Grossfürstt.. Litauen,
p=
» Liubawski, Ocerk istorii Litowskorusskogo gosuldarstwa 159.
Lappo, Welikoje Kuiazestwo Litowskoje 580 ff.
i Lappo, 584.
Liubawskij, 158 £.
2, AT 2
nachlässigten. Ausserdem verteilte er den Boden wie auch
herrenlosen Besitz (possessiones vacuas) ; schliesslich zog
er auch die Steuern ein. Er erfüllte also alle Funktionen
der obersten Verwaltung. Endlich entschied er als oberster
Richter in höherer Instanz alle Streitfragen, ausgenommen
jene, die vor das kirchliche Forum gehörten !.
Diese weitgehende Gewalt, dann die Tatsache, dass
der Karvede seine Würde und sein Amt lebenslänglich
inne hatie und, dass er meistens sehr reich war, machten die
Karvedschaft zu einem hochwichtigen Posien ersten Ran-
ges’. Das müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir
die Karveden als Gönner, ja sogar als Verbreiter des
Protestantismus auftreten sehen.
Die Karvedschaften waren in Distrikte eingeteilt,
an deren Spitze Seniunen standen ; diese wurden in der
Regel vom Grossfürsten ernannt und waren den Karveden
unterstellt3. Zahlreiche Grundstücke, grossfürstliches Pri-
vateigentum #, wurden im Namen des Grossfürsten von
seinen Statthaltern oder Verwaltern. verwaltet. Diese Beam-
ten. besassen meist nur administrative Gewalt, wozu auf
grösseren Besitzungen noch gerichtliche und militärische
Tätigkeit kam. | |
Einer eigenen Verfassung erfreute sich Samogitien
(Zemaiten),. das keine Karvedschaft war, sondern den
Titel Seniunei, manchmal auch Herzogtum führte und
viele Vorrechte, die einer Art Autonomie gleichkamen,
genoss. Das grösste Vorrecht bestand darin, dass die Sa-
mogitier ihre Beamten selbst wählen durften. Ihr Präfekt
l Lappo, 577 ff.
Liubawskij, 154 ff.
? Lappo, 587.
3 Lappo, 266 ff.
Liubawskij, 154 ff.
? Narbutt, Dzieje narodu litewskiego, IN, 275.
Liubawskij, 88 ff:
Lappo, 266 #f.
° Akty Zapalnoj Rossii, I, 120.
— 8 —
führte zwar den Titel Seniunas, überragte jedoch die übri-
gen Träger des gleichen Titels im; Grossfürstentum so sehr.
dass er den Karveden gleichgestelli wurde und im Se-
nate den dritten Platz (nach dem Karveden von Trakai)
einnahm !. Samogitien zerfiel in 13 Kreise, an deren
Spitze Beamie, „civuni‘ genannt, standen ?.
So war die politische Organisation im Grossfürstentum
Litauen unter Grossfürst Sigismund II. Wir glaubten die-
sen Stand kurz schildern zu müssen, weil die Politik
ohne Zweifel in der religiösen Bewegung der menschlichen
Gesellschaft eine höchst wichtige Rolle spielt. Dies gilt
nicht weniger für die Zeit des litauischen Protestantis-
mus.
III.
Nunmehr seien die kirchlichen Zustände des Gross-
fürstentum beleuchtet, wobei auch die ökonomisch-sozialen
Verhältnisse berücksichtigt werden sollen. Es kommen da
verschiedene Faktoren zum Vorschein, die der Glaubens-
spaltung in Litauen den Boden vorbereitet haben.
In der Zeit, der unsere Untersuchung gewidmet ist.
bestanden im Grossfürstentum Litauen vier Bistümer.
nämlich die von Vilnius, von Kiev, von Luck und
von Samogitien ?. Die Bischöfe Litauens wurden gleich
„Przywilej wsezystkim obywatelom Zmudzkim na rozne prawa
y wolnosty od Krolow ich Mei zdawna :nadane‘‘ (bei Liubawskij, 371—
376): | s
(Eir Vorrecht allen Adeligen von Zmud;z bezüglich verschiedener
Recht und Freiheiten vom: Könige von altersher verliehen).
I Guagnini, Sarmatiae europeae descriptio in opere: Polonicae
historiae corpus, Basileae 1582, pag. 45.
Wolff J. Senatoren- und Würdenträger des Grossfürst. Lit. 2£.
Liubawskij, op. eit. 154 f.
® Lappo, Velik. Kniaz. Litovskoje, 305 ff.
3 Kojalowiez. Miscelianea rerum ad statum ecelesiast. in M.
Lituaniar Ducatu pertinentium p. 74.
Die Unterschriften der vier Bischöfe von : Vilnius, Luck, M. dininkai
=. 4: 2
denen ın Polen vom Grossfürsten erwählt oder ernannt, vom
Papste bestätigt und unterstanden dem Metropoliten (Erz-
bischof) von Gnesen. Um die Bischöfe jener Zeit besser
kennen zu lernen, soll ihre politisch-ökonomische Stellung
und ihr moralisch'- religiöser Stand geschildert, sowie
schliesslich die Reihenfolge der Oberhirten in den ein-
zelnen Diözesen aufgeführt werden. |
„Wie im Königreich Polen, so hatten auch im Gross-
fürstentum Litauen die Bischöfe des lateinischen Ritus den
ersten Rang (unter den Senatoren) im Senate, weshalb zu die-
ser Würde nur Sprossen ritterlicher Familien gelangten.
Darüber besteht eine vom Papste bestätigte Konstitution der
Republik. In Litauen wurden ausserdem zu der bischöf-
lichen Würde nur Eingeborene zugelassen“. Dies bsrichtet
Kojalowiez von der politischen Autorität der Bischöfe !.
Aehnlich schreibt Guagnini: „Die Bischöfe sind Fürsten
und Senatoren ersten Ranges dank der ehrwürdigen Ma-
jestät und Autorität des kirchlichen Standes, wie auch
wegen ihrer grossen Reichtümer. Darum sitzen sie auch
im Senate zu beiden Seiten des Königs*“. 'Alles das
beweist, welch hohe Autorität in der Politik die Bischöfe
Litauens besassen. Sie also nahmen im Senate die ersten
Steller. ein ; als die ersten unterzeichneten sie die Akten.
Vom Grossfürsten wurden sie allen übrigen Würdenträgern
und Kiev stehen in den Konstitutionen (in der Verfassung) des
Grossfürstentums Litauen : Sigismund II. 1522, 1529 und >Sigis-
mund-August 1551, bei Liubawskij, p. 318, 320, 328, 329, 333.
NB. Obgleich in der Zeit, von welcher hier die Rede ist, im
Grossfürstentum Litauen die vier obgenannten Diözesen existierten.
so werden wir in der vorliegenden Arbeit doch nur die Diözesen
von Vilnius und Samogitien behandeln. Die übrigen Diözesen werden
aus den schon in der Einleitung angeführten Gründen übergangen.
I Kojalowiez A. Miscellanea etc. p. 73.
2 Guagnini, p. 36.
- 3 Verfassungsurkunden des Grossfürstentums Litauen bei Ziubaus-
kij. Ocerk istorii Litovskorusskago gosudarstva 318, 320, 328,
329, 338.
— 20 —.
des Reiches vorgezogen !. Weil sie so hoch im Ansehen
standen und durch Bildung hervorragten?’, waren sie die
berufenen Räte des Grossfürsten ? und besassen sein Ver-
trauen in allen Angelegenheiten *.
Neben der Senatorenwürde besassen die Bischöfe auch
richterliche Gewalt. Zum bischöflichen Gerichtshof ge-
hörten alle Streitigkeiten unter den Klerikern, Irrtümer
in Glaubensachen, Vergehen gegen die Religion, Ehepro-
zesse, Legitimation unehelicher Kinder, Streitigkeiten wegen
Kirchengüter ® usw. Auf den kirchlichen Besitzungen, die
sehr ausgedehnt waren, oder auf ihren Erbgütern hesassen
sie volles Verwaltungsrecht, das Privileg in Gerichtsachen
1 Przyalgowski. Leben der Bischöfe von Vilnius p. 90.
Lappo. Op. eit. 574.
2 Die meisten Bischöfe hatten akademische Grade. Viele werden
wegen besonderer Gelehrsamkeit hervorgehoben.
“Kojalowicz, Miscellanea rerum p. 77 £., 93 ff.
3 Lappo. Op. eit. 573.
* Lappo. Op. cit. S. 574 f.
Narbutt. Die Taten Ues litauischen Volkes VIII, p. 145, 288, 291,
401.
5 Das litauische Statut, Abteilg. III. Artikel: 31, 32, 393, 34.
Abteilg. V. Artikel 20.
Volumina legum I, p. 38.
Czacki T. Ueber litauische und polnische Rechte, Ip. 310 f.
Przyalgowski. Leben der Bischöfe von Vilnius, p. 147.
Ob im Grossft. Litauen das durch Ladislaus Jogaila 1424 in
Wielun erlassene Edikt (Vol. leg. I. pag. 38) „gegen jene, die den
Bann über ein Jahr aufrechthalten‘, von gleichem Jogaila 1433.
verkündet und von Kasimir (aus demselben Geschlechte) 1458 be-
stätig (Vol. leg. Ip. 88 ff), Geltung gehabt hat, darüber fehlen
Zeugnisse. Nach diesem Erlass waren die Laien verpflichtet, an die
Geistlichkeit den Zehnten zu zahlen. Wer diesen nicht zahlte, wurde
exkommuniziert. Falls der Exkommunizierte innerhalb eines Jahres
sich mit der Kirche nicht einigte, wurden alle seine Güter kon-
fisziert, dazu wurde er aller bürgerlichen Rechte verlustig erklärt und
galt als vogelfrei, weswegen er in die Verbannung gehen musste.
In diesem wiederholt erlassenen Edikte wird aber Litauen nicht
erwähnt, und keiner der Grossen Litauens hat es unterschrieben,
während alle Senatoren Polens dies getan haben. In jenen Zeiten
— 21 —
sogar gleich den Karveden die Militärgewalt!. Zu-
dem ‚waren damals die litauischen Bischöfe äusserst
reich. _Nach dem Berichte des apostolischen Gesand-
ten Jul. Ruggieri trug jedes litauische Bistum 5000
Goldfloriner ein?. Paolo Emilio Giovanni, der Se-
kretär des Nuntius Commendoni, schätzt die Einkünf-
te eines jeden litauischen Bischofs auf ungefähr 8000
Goldfloriner?®. Obschon diese Summe für jene Zeiten
sehr beträchtlich war, entspricht sie doch noch nicht
der Wirklichkeit. Wir besitzen authentische Inventare
der Güter der Kathedrale von Vilnius. Laut diesen trugen
die Grossgrundbesitzungen jenseits des Flusses Vilija
dem Bischof von Vilnius jährlich 20000 Goldfloriner
ein‘. Diese Latifundien bildeten aber nur den kleineren
Teil des bischöflichen Vermögens, der grössere lag dies-
seits des Stromes®. Daraus kann man schliessen, dass der
Bischof von Vilnius ausser anderen Einkünften, an barem
Gelde jährlich etwa, 40000 Goldfloriner Einkommen ge-
habt hat. Die Einkünfte des Bischofs von Samogitien
waren sicherlich geringer. Trotzdem führt das Inventar
besass das Grossfürstentum Litauen aber eine eigene Regierung,
eigene Gesetze, eigene Verfassung, und das einzige Band, welches das
Grossfürstentum an Polen knüpfte, war die Person des Königs,
der zugleich die Würde eines Grossfürsien von Litauen inne hatte.
Daher haiten die in Polen verkündeten Erlasse oder Gesetze in Li-
tauen keine Kraft.
I Das litauische Statut, Abtlg. III, Artik. 32 f.
Lappo, Welikoje-Kniaz. Litowskoje. 568 ff.
? Relacye Nuncyuszow I p. 162.
? Relatione di Polonia’ di Pauolo Emilio Giovanni J. Korze-
niowski. Analecta Romana s. 194.
4 Mss. Archiv der Bibliothek von Vilnius, Saal B, Schrank 53,
Ne 114 ff. Ä
> Ibidem.
Diesseits des Flüsses Vilija lagen mehrere grosse Latifundien.
Siehe. Inventara der Güter der Kathedrale von Vilnius, (Hand-
schrift). Bibliothek von Vilnius, Saal B. Schrank 53, N® 105, 109,
112, 113, 114—137.
von 1648 ein Einkommen von 24000 Goldfloriner an !.
Dazu sei bemerkt, dass die Bischöfe von allen Lasten, sei
es ziviler sei es militärischer Natur, insbesonders von
Steuern, gänzlich befreit waren.
Wie verhielten sich nun die damaligen so reichen lı-
tauischen Bischöfe zur Kirche? Wie erfüllten sie ıhre
Hirtenpflichten ? Wie waren ihre Sitten ?
Nachdem wir gesehen haben, dass die Bischöfe als
Staatsbeamte allzusehr mit der Politik und mit staatlichen
Angelegenheiten beschäftigt waren, können: wir von vorn-
herein annehmen, dass sie ihr kirchliches Amt ver-
nachlässigten, denn unter solchen Umständen konnten sogar
die pflichtgetreuesten Hirten nur mit Mühe ihre Seel-
sorgerpflichten in ordentlicher Weise erfüllen.
Und es fehlt auch nicht an Dokumenten, welche be-
sagen, dass die Bischöfe jenes Zeitalters sich um kirchliche
Angelegenheiten nur nebenbei bekümmert haben. So le-
sen wir zum ’Beispiel in den Diözesanakten ver-
schiedener Bischöfe folgendes: „Da ich durch wichtige
politische Angelegenheiten sehr in Anspruch genommen
bin, stelle ich es Dir anheim, die betreffende Angelegenheit
dieses Pfarrers auf ihren sacnlichen Inhalt hin zu prüfen
und falls es nötig sein sollte, den betreffenden Pfarrer nach
dem Gesetze zu bestrafen‘. So schreibt z.B. der Bischof
von Samogitien Domanowski (1556—1563) an einen Ka-
noniker 2.
Sogar der von den Jesuiten so sehr gefeierte Pro-
tasewiez-Suskowski, Bischof von Vilnius, war mit poll-
1 Dieses Inventar fand sich in der Bibliothek des samogitischen
Seminars unter Handschriften, die noch nicht gesichtet oder kata-
logisiert waren. Dieses Inventar scheint auch dem Bischof Mat.
Valancius unbekannt geblieben zu sein, denn in seinem „Bistum
von Samogitien‘‘ erwähnt er es. nirgends.
2 Ms. in der Bibliothek des Priesterseminars von Kaunas.
3 —
tischen Angelegenheiten so sehr beschäftigt, dass er den
religiösen und sittlichen Zerfall seiner Diözese nicht: be-
merkte. Daher saiıı sich das Kapitel genötigt, ihn zweimal
zu mahnen, dass er sich mehr in seiner Diözese aufhalte
und auf die immer mehr zunehmende Häresie sein Au-
genmerk richtel. |
„Da sich nämlicn die Bischöfe einer dreifachen Ge-
walt erfreuen — der bischöflichen, der Senatoren- und
der weltlichen — so können sie keiner von diesen
Pflichten in entsprechender Weise nachkommen‘, diese
Meinung wurde von den Kapiteln dem apostolischen Nun-
tıus auf seine Anfragen hin des öfizren ausgesprochen ?.
Die Bischöfe überliessen die Seelsorge den Kapiteln,
verweilten lange Zeit am königlichen Hofe und nahmen im
Senat und in anderen politischen Versammlungen eine
führende Stellung ein 3.
Es ist daher leicnt begreiflich, dass diese Bischöfe
keine Apostel Christi waren. Sowonl in moralischer wie
in anderer Hinsicht gaben, sie dem Volke kein gutes Bei-
spiel, sie erregten vielmehr durch ihren Luxus, ihre Hab-
sucht und durch andere Laster im Volke grosses Aergernis.
So wurden die Bischöfe wegen ihrer Ausschweifung>n
1 Sumaryjny wypis z protokolow akiow Kapituly wilenskij olzr
1501 do r. 1783, pazdziernika 22 przez i..w. Aawierego Bohrsza,
Bibliothek von Vilnius, Saal B, Schrank 4, 146.
Pralata Kantora Kapit. wilensk. uczyniony (sub an. 1557 et 1556).
®2 Relacye Nuncyuszow I, 46.
3 ‚Was ist das für ein Hirte, der nicht einmal seine Schäflein
kennt und bei ihnen nicht wohnt, sondern sie jemand anderem an-
vertraut, der um Wolle, um Milch zu ihnen schickt, selbst aber
ihnen niemals Dienste erweist... Unsere Schuld ist es, und zwar
eine grosse, geliebte geistliche Vorgesetzte und Hirten, dass wir das
Wasser auffischen, um die Fische uns aber nicht kümmern, und dass
wir bei unserem See und Teich nicht wohnen : die Fische sind in Li-
tauen, der Fischer aber in Poten‘, so schreibt der berühmte Peter
Skarga, Kazania niedzielna Li swiateezne. Na niedziele druga po
Wielkiejnoev, na nielz. IV. po swiatkach.
4 —
ınit Recht mit allgemeiner Verachtung und mit Spott
gestraft.
„Ueber ihre Sitten ist es nicht nötig ein Urteil zu fällen:
ihr Luxus, ihre Habsucht, ihr Stolz und ihre Hofart ist
allen bekannt“, schrieb Frycz Modrzewski von den Bi-
schöfen dieses Zeitalters '.
Ein gewisser Mönch Vincentius, der in der ersten
Zeit des XVI. Jahrhunderts den Ruin der Kirche be-
klagte, charakterisiert die Bischöfe in folgender Weise:
„Stolz, eitel, prahlerisch, simonistisch , unsittlich‘, die ih-
ren Glauben an die irdischen Güter heften. Sie be-
sitzen insoweit Glauben, als sie Einkünfte haben.
Für die Kirche selbst sorgen sie nur sehr wenig.
Sie besitzen keine Nächstenlieb2s, sind schwelgerisch,
gelrässig, faul, weil sie nicht zelebrieren noch predigen,
sondern Äergernis geben. Es sind weltliche Herren ohne
Nächstenliebe, onne Frömmigkeit und ohne Frieden“ °.
Es könnte jemand einwenden, die oben zitierten
Zeugnisse seien vereinzelte und gingen nur aus Hass
oder Neid hervor. Darauf ist zu antworten, dass derartige
Zeugnisse keineswegs einzeln dastehen, sondern recht zahl-
reich sind, und zwar haben nicht nur Laien, sondern auch
kirchliche Personen, deren Glaubwürdigkeit über jeden
Verdacht erhaben ist, in derselben Weise die Bischöfe
jener Zeit geschildert”. Bemerkenswert ist besonders eine
I Fririus Modrevius. De Republica emendanda. Basileae 1554
p. 399.
:? Prophetiae Daniclis prophetae tres horvibiles... a Vincentio
orılinis praedicatorum vxplanatae Crac. 1527 fol. 5.)
> Es existiert eine grosse Menge von Zeugnissen über «die verdor-
bunen Sitten und die Pflichtvergessenheit der Bischöfe in Litauen und
in Polen des KVL. Jahrhunderts. Ich zitiere hier nur einige Werke
un! Manuskripte. in denen diese Zeugnisse besonders häufig vor-
kommen
Rovsius Petrus Maurus. Kanouikus der Kapitel von Kaunas
und Vilnius (lebte im XVI. Jahrh.), Carmina 2. Bde (besonders:
„Pontifex Sarmata’ und viele andere).
99H _
Instruktion, die den Abgeordneten des Krakauer Kapitels für
die Provinzialsynode, die 1551 in Petrikau abgehalten wur-
de, mitgegeben ward!. Den in dieser Instruktion gegen die
Czekanowski Sylvius, (lebte im XVI; Jahrh.) De corruptis moribus
utriusque partis pontificiorum et evangelicorum.
Ms. 168. XVI. Jahrh. Ossolineum Lemberg. Dazu viele nicht
numericrtie. Msc. im Archiv der Priesierseminare zu Vilnius und
Kaunas.
Zukowiez. Kardinal Gosij (Hosius) i polskaja cerkov j2go vreme-
ni S. 34 ff.
Bukowski. Dzieje reformaceyi w Polsce I, 472 ff.
1 Mit folgenden Worten schildert das Krakauer Kapitel im Jahre
1551 die Bischöfe dieser Epoche:
wegen ihres (der Bischöfe) Ehrgeizes, ihrer übergrossen
Habsucht führen sie ein leichtsinniges Leben, sie, die ihr Amt,
ihren Eid und ihre MHirtenpflicht vergessen. haben; sie sind
uneingeldenk der Verdammung und des strengen Gerichtes (rottes,
sie haben alle Sittsamkeit abgelegt und sind taub gegen die
Gespräch: und Reden der Leute. Im Luxus bei Gelagen und Dirnen-
gesellschaft, in fleischlichen Begierden und unzüchtigen Gedanken
vernachlässigen sie ihre Bischofspflicht, sie suchen schmutzigen Ge-
winn und treiben Handel. Kein Wunder, wenn die Bischöfe solche
Leute sind, denn sie kennen die hl. Schrift und das kanonische
Recht nicht: das Gesetz Gottes kennen sie überhaupt nicht und
deshalb verstehen sie es nicht, sich selbst und ihre Untertanen
zu leiten;... Verdächtige Priester, geächtete Häretiker, solche, die
ihre Verirrungen gutheissen und ihnen nach dem Munde reden,
nehmen sie auf, behalten die bei sich, nähren und pflegen sie.
Die von der Kirche eingesetzten Feste, fromme Zeremonien und
Fasten beobachten sie nicht; sie essen in der Fastenzeit öffentlich
Fleisch mit den Weltleuten, sie reichen den Laien die Kommunion in
beiden Gestalten ; sie lassen in der Kirche nur noch 3 Sakramente
bestehen. alle anderen verwerfen sie. ...Man sagt, dass manche der
bischöflichen Herren keinem Glauben und keinem Bekenntnisse an-
hingen. Ihren Enkeln und Blutsverwandten, Knaben und ihren
ungebildeten Dienern, Änalphabeten und solchen, die ein schlechtes
Gewerbe treiben, auch Kupplern, geben sie die Priesterweihe. In
niederträchtiger Weise verzehren sie ihre Einkünfte, das Almosen
und das Brot der Armen. Bei Gastmählern, Gelagen und den aus-
gesuchtesten Weinen tischen sie lukullische Mahlzeiten auf und das
Kirchengut vorschleudern sie zu schlechten Zwecken ;, zum Vergnügen
6 —
Bischöfe erhobenen Beschwerden kann man vollen Glauben
schenken, denn sie mussten öffentlich auf der Synode von
den Kanonikern in Gegenwart derselben Bischöfe, die in
errichten sie Bauten, kaufen ihren Buhlerinnen Häuser und be-
schenken sie,...
Der Erzbischof (N. Dzierzgowski, 1545—1559) gibt sich den
weltlichen Sorgen für den Leib hin, er liest nicht die heiligen Schrif-
ten, nicht den Kanon; nicht ‚die Provinzialstatuten ; des Morgens
steigt er nicht aus dem Bette, sondern schläft bis in den Tag hinein.
Nachdem er kurz das Messopfer gehört hat und die kanonischen
Horen gebetet hat, isst er, richtet den Tisch üppig her und weilt
beim Becher bis zur Trunkenheit. Nach dem Mittagsmahl verschläft
er den Nachmittag, dann geht er zum Abendessen, dann schläft er
wieder und wird vielleicht geliebt... Der Herr Erzbischof kümmert
sich nicht um seine Pflicht, die Häresie auszurotten, die wegeh
seiner Nachsicht von Tag zu Tıg an Krafi gewinnt und sich ver-
mehrt. Die Priester, durch das lutherische Verderben angesteckt,
lehren die Häresie und streuen sie allenthalben aus, sie gehen sakri-
lege Ehen ein, beseitigen die Sakramente der Kirche, die hafilige
Eucharistie treten sie mit Füssen, verbrennen sie, verspotten und
beschimpfen sie, die Kruzifixe schlagen sie ab, zerbrechen sie und be-
schimpfen sic auf mannigfache Weise, sie vergreifen sich an den
Gütern der Kirche, sie drucken häretische Bücher und verbreiten
sie unter den Laien, sie halten Zusammenkünfte der Häretiker
und Gastmähler ab und setzen Verschwörungen gegen die Religion
und die kirchlichen Stände ins Werk... Der Herr Erzbischof hält
keine Vısitation weder in seiner noch in anderen Diözesen ab, er
wacht nicht über das Leben, die Sittsamkeit, die Gelehrsamkeit und
den Glauben seiner Mitbischöfe, die fast alle, mit Ausnahme von
zwejen, oder sicher wenigen, sich mit solchen nicht alltäglichen Lastern
befleckt haben...
...Man erzählt sich, dass der hochwürdigste Bischof von Krakau
(Andreas Zebrydowski, 1555—1560) die vierzigtägigen Fasten nicht
halte, in disser Zeji Fleisch esse, die Spendung der Kommunion in
beiden Gestalien für erlaubt erkläre, um! — es ist schrecklich zu
sagen -- durch und durch Athrisi sei. Man berichtet auch, lass er
öffentlicht gesagt habe, Moses, Mahomel un! Christus seien drei
ausgezeichnete Betrüger gewesen, die die ganze Welt irregeführt und
belogsen hätten..., die Untertanen des Bistums Cujawa soll er aus-
geplündert haben.... Von ihm heisst es, dass er weder keusch noch
vorsichtig lebe, dass er ein Frauenzimmer bei sich halte, von dem
— 271 —
der Instruktion angeklagt wurden, bekannt gemacht werden.
Daher kann man behaupten, dass die Kanoniker voll-
wichtige Beweise haben mussten, um jene Beschwerden zu
bekräftigen. Ebenso zeigen auch die apostolischen Nun-
tien in ihren Berichterstattungen und Briefen die Bi-
schöfe Polens und Litauens im schlimmsten Lichte. Der
Nuntius Lippomano berichtet z.B. in einem Briefe an
Papst Paul IV., dass einige Bischöfe von der Häresie
angesteckt seien, andere nur noch dem Namen nach
ıhm eine Tochter geboren sei.... Desgleichen spricht man von Non-
nen und anderen Frauen, denen er nachjage.... Es heisst bei den.
Leuten, er habe sich das Bistum dadurch erkauft, dass er der
Königin hierfür die Güter zu Wawrzynezyce gegeben habe.
Der Bischof von Posen (Isdbienski, 1546—1553) wird der
Räuberei und der Habsucht beschuldigt..yı Er soll die Testamente
an sich reissen, fremden Geldes sich bemächtigen, rauben und nichis
zurückgeben...” Die Kanoniker soll er, um das Geld .aus. ihrer Kasse
fortzunehmen, exkommunizieren und selbst wiederum die Exkommuni-
kation erfahren haben. Ueber sein sittliches Leben und seine Taten
werden die Nuntii des Kapitels zu Posen berichten...
„Man sagt, dass er (der Bischof von Plork, Norkowek 1516
1567) mit heiligen Dingen sich nicht befasse, auf Erwerb unil
Gewinn ausgehe, Handel treibe, Waren, Holz ja ganze Wälder zum
Hafen von Danzig flössen lasse. : Er kenne die Pflicht eines Bischofs
nicht und erfülle sie nicht, er spreche meist wie ein Possenreisse:,
sehe selten seine XKathedralkirche, meide sie, aber diese £Er-
scheinung finde sich bei allen Bischöfen. Er soll nur Rechnungs-
bücher haben, für die Kathedralkirche gar nicht sorgen,... es sollen
gute Fahnen, Chorgestühl, eine‘ Orgel, Bilder, ein Ziborium in der
Kathedralkirche fehlen, die meisten Priester sollen ein lockeres
Leben führen, keine Bücher lesen noch haben...
Der Bischof von Cujawa (J. Drohojewski, 1551—1557) soll
lutherische Gottlosigkeit und ruthenisches Schisma in sich vereinigen.
Um die Bestimmungen der römisch-katholischen Kirche soll er
sich nicht gekümmert haben, die vierzigtägigen Fasten nicht beo-
bachtet, zur Fastenzeit mit seiner Dienerschaft und allen, die zu
ihm öfters kamen, Fleisch gegessen haben. Die Leute sollen unter
beiden Gestalten kommuniziert haben, die Sakramente der Kirche
soll er, ausser dreien, über Bord geworfen haben, da sie Erfindungen der
Menschen und des Satans seien ; er sagt, dass der heilige Geist allein
— 38 —
Bischöfe seien!. Commendoni (von 1563—1564 Nuntius)
schildert die Bischöfe in seinen Briefen ebenfalls in
den schwärzesten Farben und nennt sie habsüchtig, da sie
keine andere Sorge haben, als nur ihre Einkünfte zu ver-
mehren ; ferner nennt er sie neidisch, da der eine gegen
den anderen mit Hass erfüllt sei; auch seien sie befleckt
von anderen Schandtaten, sodass sie Atheisten zu sein
scheinuen.? |
Selbst König Sigismund-August sagte dem Nun-
vom Vater ausgehe, nicht vom Sohne. Er hat mit den Häretikern
Verkehr und duldet sie bei sich.
„....Der Bischof von Kamieniec (Leonhard Sloncezewski, 1547 —
1563 soll Lutheraner sein. ‚..J.Der Bischof von Cholm (Uchanski,
1551—1557) soll Lutheraner sein, er liebt nur häretische Bücher.
..\er verwirft die Riten der katholischen Kirche, beseitigt die
Verehrung und Anrufung der Heiligen.... bei den Gesängen „Salve
Regina” und „Regina ceoeli laetare‘ hält er die Ohren zu. Er ver-
kehrt mit Häretikern. In einer Versammlung sagte er drohend:
„Ball werde die Kirche in Polen durch ihn im Verein mit den
anderen Bischöfen eine Aenderung und Verbesserung erfahren“...
Er war es, der Cosminus und Discordia nach Litauen schickte,
die den Hof des Königs und ganz Litauen ansteckten... Auch be-
zahlte er seine Schulden nicht gern, wie auch die anderen Herren
Bischöfe, was (die Bischöfe so verächtlich machte, dass unter den
Adeligen das Sprichwort aufkam: „Kto jedno zostanie biskupem,
Jakobv zelazny list wzıal‘. (Bischof werden ist gleichbedeutend
mit Empfang einss Freibriefes für Schulden).
Weren unserer und besonders der Bischöfe schlechten Sitten und
Handlungen, kommt Gottss gerechter Unwille und die Anfeindung
des Klerus. Instruetto Nemteis capituli Cracoviensis ad synodum a.
1551 data. (Acta Historica I, 477—484.)
Wenn auch ın dieser Instruktion die litauischen Bischöfe dem
Namen nach nicht genannt sind, so zeigt der Text deutlich genug.
dass (die Ankläger den ganzen polnisch-litauischen Episkopat ohne
jele Ausnahme im Sinne hatten.
'Lippomani nuntii Apost. epistola ad Paulum IV 1556 (Relae.
Nieneyuszow I, 26).
" AlbertranUi-Malnowski. Pamietniki o dawnej Polsce obejmujace
listv J.F. Commendoniego. Vilnius 1851, I. ss. 16, 44. 56, 57, 74,
«tr, 122, 205,250. IE ss, 17, 18, 24, 33, 36, 56, 99, 111.
19 —
tius Commendoni einmal folgendes : „Diese Bischöfe be-
suchen oft die Kirche und wohnen der Messe bei und hörem
Predigten, aber dennoch weiss ich nicht, welchem Glauben.
manche von ihnen angehören“
Einige Zeitgenossen erzählten von den Bischöfen jener:
Zeit so Verbrecherisches und Schändliches, dass ich ihre
Zeugnisse hier anzuführen Bedenken trage, um beim Leser:
nicht zu grosses Aergernis zu erregen.? |
Nunmehr soll geschildert werden, wem und was für
Leuten in dieser Epoche die Würde eines Bischofs ver-
liehen zu werden pflegte.
Schon früher erwähnte ich (8. 20), dass sowohl ın
Polen wie in Litauen die Bischöfe vom Könige (oder vom.
Grossfürsten), eingesetzt wurden und dann vom apostoli-
schen Stuhle die Bestätigung erhielten.
Solange ‘diese Art der Wahl in Geltung war, gab es
für die verschiedensten Ränke, Missbräuche und simonis-
tischen . Komplotte die reichste Gelegenheit, die man sich
denken kann.
Auch wenn das Staatsoberhaupt würdige Karen
erwählen wollte, wie hätte es solche finden können? Denn
alle, die ersten Magnaten nicht ausgenommen, strebten nach
den hoher Ehrenämtern mit ihren grossen Einkünften ®.
Was Wunder also, wenn nicht die würdigsten,, sondern
die vornehmsten, einflussreichsten und am meisten be-
günstigten Persönlichkeiten, besonders die Höflinge die:
I Albertrandi-Malinowski, I, 56.
? Ozekanowski Sylvius, De corruptis moribus utriusque partis.
catholicorum scilicet et haereticorum (1568).
Ms. in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius.
Acta. capituli Poznaniensis a. 1539. (Acta Historica XIII.)
3 Cromerus, Polonia sive de rebus gestis Polonorum. Coloniae:
Agrip. 1589, Seite 376 £.
Relac. a ai Relac. o Polsce przez A. Lippomano z.r..
1557, I, 67. |
— Opis Polski przez Fulv. Ruggieri w. r. 1565, I, s. 162 f£.
4 Wodrewius. De re publica emendanda p. 339.
=, Gi: ge
Bischofstellen erhielien!. So erklärt es sich, dass zu
dieser Zeit die Bischöfe tatsächlich keine Seelenhirten,
sondern mehr Staatsräte und oberste Beamte des Reiches
waren. Das Staatshaupt sah denn auch bei der Er-
nennung der Bischöfe nicht so sehr auf die einem Seelen-
hirten notwendigen Tugenden, nicht .auf ein christ-
liches Leben, sondern vielmehr auf ihre Kenntnisse in
Rechtsachen, auf das diplomatische Geschick, und auf
andere den Staatsbeamten notwendige Eigenschaften. Des-
halb wurden auf den obersten Bischofsitz sehr oft Reichs-
sekretäre erhoben ?
Die unheilvollste Zeit für die Kirche in Polen und Li-
tauen brach herein, als Königin Bona während des Grei-
senalters König Sigismund I. die Leitung des Reiches an
sich riss. Jetzt wurde die schändliche Sitte des Ver-
kaufs der Bischofstellen eingeführt °.
1 Derselbe in demselben Werke:
„Qui (Episcopi) ad summos ecclesiae honores ex aulicis anal
pervenere suis et suorum rebus magis consulere consueverunt, quam
ecclesiae. Praefmium enim }aulicorum operum episcopatus esse sta-
tuunt. Itaque et ipsa sacerdotia conferunt praemii loco cum minis-
tris suis, tum consanguineis et amicis.... quorum nonnullos ornant fere
ab ipsis incunabulis“‘ p. 339.
2 Korzeniowski, Analecta Romana, (Script. Rerum polonic. XV)
10 ff.
Theiner, Monumenta Poloniae et Lithuaniae, II, 589.
3 Damalewiez, Series Archiepiscoporum Gnesensium. Varsaviae
1649, p. 297, 301.
„Nihill tum temporis aulae polonicae fuit familiarius, quam
auro praediis episcopatus venire, labeque simoniae sibi non cavere, a
qua labe et turpitudine prorsus aula polonica nunc est libera sub
Sigismundo III.“ Mss. Bibliothek zu Wien (Ossolinski, Wiado-
mosci historyczno krytyczne IV. 291.)
„Die Königin Bona trat heftig gegen den Bischof (Zebrzydowski)
auf und sagte: „Du, du, der du ein Bistum kauftest. Worauf der
Bischo? erwiderte, dass es käuflich gewesen sei.“ Bei Gornicki, Dzieje
w koronie Polskiej S. 140, 177.
Zukowiez, Kardinal Gosij (Hosius) i sollen cerkov jego vre-
meni S. 39.
= al. we
Dazu kam, dass sehr oft Versetzungen von einem Bi-
schofstuhl, den man angeblich für schlecht hielt, auf einen
besseren vorkamen. Die Bischöfe, die auf einem schlech-
ten Bischofstuhl sassen, gingen darauf aus, möglichst bald
einen besseren zu erhaschen, weswegen sie sich um ihre
Diözesen sehr wenig bekümmerten.!
Fassen wir alles bisher über die Bischöfe Gesagte
zusammen,so sehen wir, dass die Verhältnisse und Umstände
derart waren, dass nur die erprobtesten Seelenhirten
ihre Tugend unverletzt bewahren und ihr Hirtenamt.
gut verwalten konnten ; aber leider Gottes gab es nur
sehr wenige solcher Vorsteher. Trotzdem wage ich
nicht zu behaupten, dass alle Bischöfe völlig ver-
dorber und gleich schlecht gewesen seien. Im Gegenteil
muss man annehmen, dass es unter den schlechten auch gute
gegeben hat, wenn auch nur selten. Sodann darf man nicht
glauben, dass jene, von denen die Geschichte bezeugt,
dass sie überaus schlechte Männer waren, nun auch gänz-
lich jeder guten Eigenschaft bar gewesen seien. Man kann
leicht nachweisen, dass auch: von den schlechtesten Bischöfen
nicht wenig Gutes getan worden ist. Alle schlechten
verharrten auch nicht immer verblendet in ihrer Schlechtig-
keit. Zumal beim Herannahen des protestantischen An-
sturmes kamen viele wieder zur Vernunft. Gegen Ende des
XVI. Jahrhunderts sehen wir unter den litauischen Bi-
schöfen Männer, die vom apostolischen Eifer beszelt waren,
Instructio Nuneiis capituli Cracoviensis ad Synodum a. 1551 data
in Actis Historicis I. p. 481,
ı Modrzewskä, Liber de hominis libero arbitrio. (Ossolinski,
wiadomosei historyczno-krytyezne IV, S. 131). ‚Item eponendum
suae Re Sti, quod bona mense episcopalis pessumdantur et destruun-
tur propter frequentem transmutationem episcoporum Aspirantium
ad ma;jores et pinguiores dignitates“. Articulli cum Dno Eppo
tractandi 1537 Juli 3. (Acta Historica XIII.)
Zükowiez, Op. eit. S. 39.
u 59:
wie Melchior Gedraitis (Gedroje), der wegen seines Eifers-.
und seiner Heiligkeit noch heute gefeiert wird.
Wollen wir aber die Wahrheit gestehen, so müssen
wir sagen, dass zu Anfang des XVI. Jahrhunderts die
meisten Bischöfe wie in ganz Europa, so auch in Litauen
von ihrem hohen Berufe abgeirrt und in dem Sumpf
der Laster versunken waren. De
Sehen wir uns nun die einzelnen litauischen Bischöfe
etwas näher an, die zu dieser Zeit die Kirche regierten.
Den Primat unter den litauischen Bischöfen hatte der
Bischof von Vilntus. Er war der erste im Senat und hatte
ın Litauen: denselben Rang wie der Primas von Gnesen in
Polen, auch wenn er keine Jurisdiktion über die andern Bi-
schöfe ausübte.! Von seinem ungeheuren Reichtum hörten
wir schon.?2 ‚Ein pompöser Hofstaat, ganz wie der eines
Fürsten eingerichtet, umgab ihn.?
In der Epoche, die ich behandle, hatte zuerst Albert
Radvila (Radzivill) (1508—1519), der aus der hochad-
ligen Familie der Radvila stammte, den Bischofstuhl von.
Vilnius inne. Ueber sein Leben und seine Tätigkeit wissen
wir sehr wenig, da die verschiedenen Autoren ihm Ver-
schiedenes zuschreiben und sich auf keine glaubwürdigen
Quellen berufen ; alle erheben ihn jedoch mit Lobsprüchen
und berichten, dass er gegen die Armen freigebig gewe-
sen sei.t
I Narbutt. Dzieje narodu litewskiego VIII. S. 145, 291, 455.
IX, S. 294.
2 Seite 23.
3 Lappo. Welik. Kniazestvo Litovskoje S. 50.
t Kojalowiez. Miscellanea rerum ad statum ecclesiasticum in
M.D. Lit. pertinentium. Vilnae 1650, p. 78.
Naramowski, Facies rerum Sarmaticarum Lib. 1I. Vilnae 1726
p. 355.
Rzepnicki, Vitae praesulum Poloniae et M.D. Lit. Posnania 1762,
II. 8. 179 f.
Przyalgowski, Zywoty biskupow wilenskich.
Petersb. 1861, I, S. S9—102. Da alle diese Autoren viel jün-
geren Datums sind als die Epoche, die hier behandelt wird, und da
„2.89
Johannes, der Nachfolger Radvilas, mit dem Bei-
namen „de Ducibus Lituaniae‘“‘ war der leibliche Sohn
König Sigismunds I. (1519—1536).
Dieser Bischof war bei allen sowöhl wegen seinsr
Jugend (er war 21 Jahre alt, als er den bischöflichen
Stuhl bestieg), als auch wegen seiner etwas dunklen Her-
kunft so unbeliebt, dass beim apostolischen Stuhle gegen
ihn viele Klagen einliefen. Deshalb bestimmte Gross-
fürst Sigismund II. auf Betreiben des Papstes dem jungen
Bischofe zwei andere Bischöfe (die von Krakau und Lu-
ceoria) als Vormünder !.
Und dieser schwächliche und furchtsame Jüngling,
der bei seinen Untergebenen überhaupt keine Autorität
hatte, sollte den äusserst erbitterten Kampf mit dem
protestantischen Ansturm aufnehmen !
Bischof von Samogitien war beim ersten Auftreten
des Protestantismus Nikolaus Radvıla, ein Sohn des Her-
zogs- Nicolaus zu Goniadz (1514—1522).
Stolz, gierig nach Reichtum, wollte er die Güter seines
Kapitels, die er sich in seiner Anmassung unrechtmässig
verschafft hatte, trotz seines Ueberflusses an Reichtum
nicht zurückerstatten. Wegen seines Hochmutes und seiner
Habgier bei allen verhasst, starb er nach einer unglück-
lichen, siebenjährigen Regierung”. Nach seinem Tode
sie sehr wenige zeitgenössische Zeugnisse, um nicht zu sagen, gar
keine anführen, so darf man ihnen nur vorsichtig Glauben schenken
und da: um so mehr als sie alle Bischöfe, besonders die von Vilnius
ohne Unterschied zu loben pflegen. Denn die Jesuiten verschwiegen
aus Eifer für den katholischen Glauben und um den guten Ruf der
Kirche gegen die Protestanten zu schützen die schlechten Taten der
Bischöfe und brachten nur Gutes, entweder Wahres oder Erdichietes.
1 Kojalowiez, 78.
Naramowski, II, 356.
Rzepnicki, II, 129 £.
Przyalgowski, I, 102 ff.
2 Kojalowiez, Miscellanes rerum, S. 85.
Naramowski, Facies rerum Sarmaticarum II, S. 532.
— 4 —
b!ieb der Stuhl von Samogitien aus unbekannten Gründen
zehn Jahre lang unbesetzt ; die Diözese regierte unterdessen
der Kanonikus Taliat (1522—1531).1 Ueber das Leben und
die Tätigkeit dieses Verwesers wissen wir bestimmt nur
das Eine, dass während seiner Amtstätigkeit sich in Sa-
mogitien die protestanistche Lehre zu verbreiten begann.
Wir sehen also welche und was für Führer es waren,
die die katholischen Truppen zum Kampfe gegen den neuen
Feind führen sollten.
Die nächsten Gehilfen und Ratgeber der Bischöfe
waren die Kapitel. |
‚Ich will nicht von der weltlichen Gewalt der Kapitel
reden, denn diese war in der Regel gleich Null. Nichts-
destoweniger haiten sie wegen der oft hervorragenden
Gelehrsamkeit ihrer Mitglieder?, wie auch wegen ihrer
kirchlichen Würde und ihres Reichtums einen nicht zu
unterschätzenden ‘Anteil am sozial-politischen Leben, und
sie verschafften sich mitunter eine so grosse Autorität,.dass
sie zuweilen keine Bedenken trugen, den Bischöfen, ja
selbst den Königen und Päpsten sich zu widersetzen. Be-
kannt ist das Beispiel des Kapitels zu Vilnius, das sich
weigerte, den von König Sigismund Ill. erwählten und vom
Papste bestätigten Bischof Maciejowski, da er Pole war’,
Rzepnicki, Vitae praesulum Poloniae III, S. 29 f.
Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste I, S. 7T7ff.
1 Wolonczewskis, 82. r
2 Sc schrieb z.B. Roysius Maurens, Kanoniker zu Samogitien und
Präla. zu Vilnius, vorher Professor der Rechte an der Universität Kra-
kau, der vom Könige Sigismund und August selbst hoch gechrt war,
‚„Decisiones lituanicae‘“, „Chiliasiicon“ und viele andere Gedichte,
„Statua Capituli Samogitiensis“. S. Golebiowski. Czasy Zygmunta
Augusta, I, S. 226 f. Ebenso Domaniewski, und Narkustlis, später
Bischöfe von Samogitien (Roysius, Deeisiones Lituanicae S. 280)
und viele andere.
3 Das litauische Recht schloss von den Aemtern alle Ausländer
selbst die Polen aus.
Dabkowski, Sianowisko cudzoziemeow w prawi2 litewskim. Lwow
1912.
in die Kathedrale zu Vilnius einzulassen. Nachdem das
Kapitel die Grossen auf seine Seite gebracht hatte, blieb
es selbst dem König und auch dem Papste gegenüber Sie-
ger !.
Was die wirtschaftliche Lage der Kapitel anbelangt,
so gehörten ihnen ziemlich beträchtliche Güter. So nannte
das Kapitel zu Vilnius ungefähr 20 grosse Grundstücke,
15 gemauerte Häuser und viele Plätze in der Stadt
selbst sein eigen.”2 Bekanntlich waren die Güter des
Kapitels zu Samogitien zwar kleiner, aber immerhin noch
bedeutend genug°.
Im Allgemeinen waren die Kapitel so wohlhabend
dass ihre Mitglieder ein frohes, angenehmes, ja vergnüg-
ungsreiches Leben führen konnten.
Fragt man aber nach dem sittlichen Leben der Kapitel
in dieser Epoche, so müssen wir darauf antworten, dass es
kein gutes war. In den Akten des Kapitels zu Vilnius aus
dem XVI. Jahrhundert befinden sich Berichte, aus denen
hervorgeht, dass unter den Kapitularen besonders wegen der
Güter dauernd Hass, Eifersucht, Zank und Streit herrschte.
Hier befinden sich Dekrete gegen die Kanoniker als
Sittenverderber, auschweifende und dem Trunke ergebene
Leute. Indiesen Erlassen beklagt sich das Kapitel gelegent-
lich über den Verfall der Sitten bei den Klerikern, das
Kapitel nicht ausgenommen, gleichzeitig ermahnt es die
Kanoniker, sie möchten nicht durch das Beispiel ihres
schlechten. Lebens dıe Menschen ins Verderben führen ®.
I Opisanje ruskopisnago otdielenia Wilenskoj .publienoj biblio-
teki. I, S. XVI—XVII, 70—73, 88 161—163. 186, 187, 188.
Przyalgowski, Zywoty biskupow wilenskich. II. S. 28 f.
Bohusz, Summaryjny wypis z 'protokolow aktow Kapituly wilensk,
(aus den Jahren nach 1594, 1596, 1597).
? Wizyta kosciota Katedralnego wilenskiego Mss in der Bi-
tliothek von Vilnius Saal B, Schrank 53, 1, SS XVII f, No 139, 149,
141 ff.
Kraszewski, Wilno od jego poczatkow do r. 1750, III, S. 11 f.
8 Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste I, S. 56 ZT.
Ms. Zongollowiez, Historia capituli Samogitiensis MS. S. 1—3.
* Ms Bohusz, Summaryjny wypis z protokolow Kap. wiienskiej
u. 6
Aber auch das Kapitel von Samogitien gab durch
seine Sitten kein gutes Beispiel.
„Da wir in Erfahrung brachten, dass einige Kanoniker
der Trunkenheit ergeben sind, andere wieder Sklaven der
schmutzigen Leidenschaft, so mahnen wir Euch Brüder
durch die Liebe der göttlichen Barmherzigkeit, dass ihr
Euch der ärgerniserregenden Handlungen enthalten möch-
tet“,... schreibt der Bischof von Samogitien Domaniewski
(1556—1563) an sein Kapitel !.
Sehr oft wurden zur Würde eines Kapitulars minder-
jährige Jünglinge, Söhne der "Aristokraten, erhoben, die
gewiss keineswegs durch Seeleneifer, sondern durch das
Verlangen nach Würden und Reichtum zum Klerikerstand
hingetrieben wurden. Diese hatten öfters nur die Sub-
dıakonats- oder Diakonatsweihe, sie gelangten auch ohne
besondere Anstrengungen zu verschiedenen Würden und
führten ein unnützes, vergnügtes Leben ?. Ausserdem war
es Sitte, dass die Mitglieder des Kapitels nicht vom Kapitel
selbst oder vom Bischof, sondern vom König gewählt
wurden. Aber der König gab die Kapitularwürde, die
meist sehr grosse Einkünfte mit sich brachte und weiter
mit keinem Amt verbunden war, nicht würdigen Prie-
stern, sondern ihm genehmen Personen, auch Lairn.
So gab Sigismund-August ein Kanonikat zu Vilnius als.
vora Jahre 1550, 1555, 1557, 1571. 1575, 1580, 1584, 15%D0,
1541, 1592. 1596, 1597. 1598, 1601, 1602, usw. in der Biblio-
thek von Vilnius Saal B, Schrank 4, 146. In den anderen en
von Poicı: war es nicht besser, siehe:
Acta capiluli Poznaniensis vom Jahre 1542—1549, S. 109117.
123, 124, 137, 139, 162—170, 182—184, 199, 201, 203, 206,
214, 215—216, 222, 234, 237, 238,239, 307—310, 312, 316, 317.
(Acta Historica XIII B.) „Abscheuliche Unsittlichkeit, Trunk-
sucht, Grausamkeit und andere Laster‘.
1 Manuskript in der Seminarbibliothek zu Kaunas, (noch nicht
Braune): |
? Bohusz, im zitierten Manuskript unter dem Jahre 1596.
Albertrandi-Malinowski Listy Commendoniego II, S. 6.
u I,
Lohn einem Arzte, der seine Mutter in bestimmter Zeit
geheilt hatte.
Dennoch scheinen die Kapitel nicht gänzlich von
der Verderblichkeit angesteckt gewesen zu sein. Wir
wissen, dass neben den schlechten. nicht selten fromme
Leute gewesen sind, die in diesem Wirwarr der Verderbt-
heit noch nicht alle gute Eigenschaften verloren hatten.
Die apostolischen Nuntien loben die Kapitel, denn siefanden
nur unter den Kapitularen Gehilfen für ihre reformatori-
sche Tätigkeit’.
Während der Bischof, durch die Politik in Anspruch
genommen, fern von seiner Residenz weilte, übernahm das
Kapitel das Hirtenamt, suchte die Sittlichkeit unter dem
Klerus, seine eigenen Mitglieder nicht ausgenommen, zu
bessern und benachrichtigte den Bischof von dem drohenden
Unheil. Zuweilen trug es kein Bedenken, seinem Vorsteher
wegen seiner Nachlässigkeit in kirchlichen Dingen und
wegen seiner schlechten Sitten Vorhaltungen zu machen °.
Wenden wir uns nun den Pfarrern oder Kuraten und
deren Vikaren zu.
Die finanzielle Lage der Pfarrer oder Kuraten in
Litauen kann im allgemeinen als gut bezeichnet werden.
Denn die frommen Könige, Magnaien und sonstigen
Adeligen, die den Priestern aus ihrer Armut heraushelfen
wollten und um das Heil ihrer Seelen besorgt: waren, wandt-
en der Kirche viele ansehnliche Vermächtnisse zu *. Ein! Blick
in die alten Nachlassinventare zeigt, dass jede Kirche we-
1 Balinski,, Studia Historyezne, II, 88.
2 Albertrandi-Malinowski im zitierten Werke TI, S. 14; II, 309.
Relacye Nuncyuszow I, S. 45.
Acta Historica I, Instructio S. 477 MM.
3 Bohusz, Summaryjny wypis etc. aus den Jahren 1550 und
1560. :
Instructio (Acta Historica I, S. 477).
4 Relacye Nuncyuszow I, Seite 110, 164.
Przyalgowski, Zywoty biskupow wilenskich I, Seite 18, 35, 39,
415. 49, 55—57, 61-64, 67—69, 73—76, 79, 82--87.
Br
nigstens ein Grundstück nebst Bauern besass.! Die Vikare
der Pfarrer waren hierin weniger glücklich, denn, da es
keine gesetze gab, welche die Einkünfte der Vikare .fest-
setzten,? so waren diese dem Gutdünken der Pfarrer über-
lassen und gerieten oft in bittere Not.3 ' |
Viel schlechter war die Lage des Klerus hinsicht-
lich der :Bildung. Sieht man die historischen Schriften
dieser Epoche durch, so findet man sehr häufige Klagen
über die Unwissenheit der Kleriker *. |
Junge Leute wurden ohne vorherigen Schulbesuch or-
Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste 1,S. 57—62, 73, 274—331.
Einige Pfarrbenefizien waren so reich ausgestattet, dass sie
grössere Einkünfte als manche Bistümer einbrachten. Zum Beispiel
brachte das Benefiziat der Kirche zu Gieranony (Diözese Vilnius) un
gefähr 20000 Goldfloriner ein. Przyalgowski I, Seite 35.
l Die ältesten Vermögensverzeichnissee kann man in der Bibliothek
zu Vilnius finden (Saal B, Schrank 53), aus denen hervorgeht, dass
viele Benefizien vier, fünf, sieben, ja bis zu zehn Güter mit den an-
sässigen Bauern ihr Eigen nannten.
2 Solche Gesetze, die speziell die litauischen Diözesen berücksich -
tigen, habe ich nirgends finden können.
„Oft erhalten wir Beschwerden von den Vikaren, dass ihnen
von seiten der Pfarrer Unrecht geschehe‘‘, schreibt Georg Radvila,
Bischof von Vilnius (1581—1591). Manuskript in der Seminarbiblio-
thek zu Vilnius.
% Relacye Nuncyuszow I, Seite 47 f.
Prophetiae Danielis tres horribiles de casu ruinae vitae spiritualis
etc. fol. 6. |
Instructio capituli Cracoviensis ad synodem 1551 an. data (Acta
Historica I, 490, 491, 492).
Albertrandi-Malinowski Listy Commendoniego II, Seite 11.
Wolonczewskis, Zemaijtju wiskupiste II, S. 6.
Zukowicz, Kardinal Gosij (Hosius) S. 169.
Liubowicz, Nacalo Katoliceskoj reakeii i upadok reformacionnago
dvizenia w Polsche, 8. ,9.
Andreae Fryeii Modrevii, De re publica emandanda, libri quinque
Basileae 1554. „Inscitia presbyterorum doctrinae religionis summa:
Populi tamquam ovium sine pästore errores innumeri, luporum grassa-
t1o; haereticorum impetus et incursiones, nemine scilicet eos pro-
hibente a caulis . Dominicis‘‘ S. 339.
539 —
diniert, nachdem sie ein wenig Lesen und Schreiben ge-
lernt hatten und ein bischen in den nötigsten kirchlichen
Dingen unterrichtet 'worden waren!. Es gab nämlich weder
Seminare, noch überhaupt in ganz Samogitien kaum eine
Elementarschule!. :In der Diözese Vilnius hat ausser der
Domschule, die wahrscheinlich ° exisiierte, kaum eine an-
dere Schule bestanden *.
Die Verderbnis, die wir bis zu den höchsten Stufen
der kirchlichen Hierarchie hinauf beobachten können, war
in die niederen Schichten noch mehr eingedrungen. Ein
katholischer Autor dieses Zeitalters gibt folgendes wahr-
scheinlich etwas übertriebenes Bild von dem Klerus seiner
Zeit :
„Die Priester fischen heutzutage nach‘ Ehren, aber
keineswegs nach guten Sitten. Denn sie selbst sind un-
1 Przyalgowski, I, S. 150.
Wolonczewskis, II, S. 6 £.
In den Quellen finden wir Klagen, dass die Kleriker nicht nur
selbst Analphabeten gewesen seien, sondern dass sie auch andere ge-
lehrte Leute und sogar die Bücher hassten: „Literatos homines et
doctoes morumque sinceritate commendatos oderunt, persequuntur e
medio sublatos connituntur... Si librum in mensa vel scammo eru-
ditum videant, se putant ignem infernalem ardentem videre ; si doctum
virum ac probum, conscientiae suae carnificem cernere...‘
Czekanowski Sylvius, De corruptis moribus utriusque partis ete.
Sace. XVH.
2 Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste II, S. 7 f.
3 ‚Wahrscheinlich‘ sage ich, weil sichere Zeugnisse nicht ange-
führt werden können.
* Lukaszewiez Historya szkol w Koronie i W. Ks. Lit. I, Seite
66, Note 3.
Kraszewski, Wilno od poczatkow jego do voku 1750, IV,S. 4f., 42.
Albert Gasztold, Karvede zu Vilnius glaubte auf Betrieben eines
Magisters der Künste, Georgius eine Schule für Adelige gründen zu
müssen ‚und erbat hierfür im Jahre 1537 vom Kapitel zu Vilnius
die Erlaubnis. Aber das Kapitel bestimmte, dass die Erlaubnis hierzu
nicht erteilt worden dürfe, aus welchem Grunde wissen wir nicht
(bei Kraszewski 1. eit.). Während in Litauen so wenig Schulen waren,
tindet man in Polen in den grösseren Städten wie auch bei jeder
Pfarrkirche Schulen (Lukaszewiez, op. eit. I, 67).
— 40° —
wissend, von sich eingenommen und spotten über die an-
deren. Sie sind Idioten, Heuchler, neidisch auf die Ge-
lehrten, habsüchtig, simonistisch, schlimmer als die Juden,
unsittlich, neidisch, unrein und geben der ganzen Welt
ein Aergernis. Wenn es sich um Geld handelt, sind sie
schnell dabei, sonst aber sind sie für die Tugenden gar
nicht empfänglich. Sie sind grausam und ohne Mitleid,
bedienen sich viel der Waffe und wenig des Brevieres ;
sie sind hartnäckig und geschwätzig, aber keineswegs wahr-
heitsgetreu. Es freut sich das christliche Volk, wenn es
unter tausend einen frommen findet“ '.
In gleicherweise klagen die Kapitel in ihrer Antwort
ım Jahre 1550 an den! Apostolischen Nuntius: „...wie beim
Weltklerus sehen wir auch bei den Ordensleuten eine grosse
Verkommenheit der Sitten. Ueberall sehen wir Luxus, Pomp.
Habsucht, Leidenschaften und Faulheit“ ?.
Der Bischof Hosius trug kein Bedenken auf der Sy-
ıode zu Petrikow im Jahre 1551 öffentlich zu versich-
ern, dass alle Kleriker das Reich Christi verlassen und
das Reich des Satans aufgesucht hätten >.
Michailo, der Geschichtschreiber von Litauen vor
der Mitte des XVI. Jahrhunderts, ein guter und
durchaus glaubwürdiger Katholik, beklagt den. Fall der
litauischen Kleriker folgendermassen : „Durch die Gasi-
mähler verweichlicht, brennen sie in beständiger Leiden-
schaft und halten sich deswegen Konkubinen. Nichts-
destoweniger legen wir den Mietlingen die Pflicht auf
Gott zu loben; aber sie erregen vielmehr den Zorn
Gottes durch ihre verdorbenen Sitten, als dass sie ihn
besänftigen. Indem sie dieses Amt den nachlässigen
Vikaren anvertrauen, huldigen sie selbst dem Nichts-
tun und der Sittenlosigkeit. Was das Volk durch seinen
Fleiss verdient, das verzehren sie, indem sie gross-
I Prophetiae Danielis ete., fol. 6.
? Relacye Nuncyuszow I, 48.
® Reseius St. Hosii vita 1. I, e. XVII.
(Acta Historiea IV, p. 22
2 |
artige Gelage veranstalten und sich üppig kleiden ; schon
als Minderjährige häufen sie mehrere kirchliche Benefizien
an und beschäftigen sich nur mit weltlichen Dingen, die
ihnen keineswegs entsprechen.
Sie sind nicht zufrieden mit dem Zehnten und den
Einnahmen, die sie für die Vergebung der Sünden er-
halten und mit anderen Einkünften, die sie sowohl von
Reichen als auch von Armen, von Neugeborenen, von Hei-
ratenden, von Kranken und Toten erzwingen. Damit
noch nicht zufrieden, streben sie sogar nach reichen Bene-
fizien, obwohl sie schon mehrere innehaben. Sie besitzen
mehrere Kirchen und können nicht in jeder residieren oder
sie aufsuchen, ja sie bekommen sie manchmal kaum zu
sehen‘. !
Dass die Trunkenheit besonders unter den Klerikern
verbreitei. gewoszu ist, bezeugen die meisten zeitgenössischen
Berichte.
Die Bestimmungen der Synode zu Leczyca vom Jahre
1547 enthalien unter anderen folgendes : „Die Priester sind
die grössten Trinker und beständig berauscht ; den ganzen
Tag sitzen sie in Gasthäusern, spielen Würfel mit Trinkern
und Frauen, wobei nichts Ehrbares gehört oder gesagt wird.
Sie trinken bis über Mitternacht hinaus. Von da gehen
sie, ohne dass der Rausch vergangen wäre, zurhl. Messe‘ ?.
1 Mermuary olmosiasciasia k istorii juznoj Russi, Kiev 1890.
(Michailo Litwin) S. 57 £.
?2 Decreta synodi provincialis Laueiciensis, (Acta historica I.)
Ein durchaus zuverlässiger zeitgenössischer kaiholischer Schrift-
steller gibt uns ein Bild von dem sittlichem Zustande der Kle-
riker: ‚Pro honesta sanctioris vitae devotaque conversatione cen-
taurica barbaries, pro munere ecclesiastico fideliter obeundo sylves-
tris venatio, pro jejunio belluatio diurna atque nocturna, pro sacer-
dlotalj castitate multorum scrortorum inquiramenta, pro justitia sub-
itis administranda, tyranica oppressio pauperum, sacerdotum, ac
rusticorum, pro fortitudine omni, qua ecclesiae jura possessionesque
«lefendi debeant, blandae haereticorum, conversationes atque commu-
nicata familiaritas. Denique pro horarum canonicarum recitatione
lusoviorum taxillorum alea, pro sancto choro pollutus thorus, pro
Die Kleriker, auch die in der Stadt, selbst die Kanoniker
verbrachten vielfach’ in den Kneipen Tag und Nacht mit
Trinken auf gleicher Bank mit dem niederen Volke. Sie
scheuten sich nicht trunken auf den Strassen zu erscheinen,
ja sogar in diesem Zustande in den Kirchen zu zelebrieren
und die Sakramente zu spenden!.
Mit der Trunkenheit ist bekanntlich die Unsittlichkeit
eng verknüpft, die so weit um sich griff, dass sehr viele.
Priester Konkubinen bei sich hatten oder öffentlich Hoch-
zeit hielten ?.
Christo fiscus, pro E!:clesia taberna — ut pro Deo Satanam, pro:
coelo sempiterni gaudii, gehennam aeterni supplicii jamdudum am-
_plexi et concupisse videntur “...
« (zekanowski, De corruptis moribus etc.
1 Bohusz, Summaryjny wypis z protokolow actow Kapituly wi-
lenskiej 143 b, 177 a, 184, 185, 215, 223.
„Das über die Art der Krankheit Isaaks (Kanon. des Kapit. zu
Vilnius) benachrichtigte Kapitel verbot demselben den Wochendienst,
der ihn traf, selbst auszuüben, damit er nicht etwa infolge der Be-
rührung der Gefässe und Apparate jemanden anstecke‘‘.. „Dafür,
dass er sich in Gasthäusern betrinkt und neulich infolge eines
Streites verprügelt wurde, wurde er wiede” von ihm auf einen Monat
von der Amtserfüllung suspendiert‘.
„Weil der Domherr Isaak während de Kapitelversammlung sich
erbechen musste, und weil er während des Vespergesanges im be-
trunkenen Zustande Fehler beging und für alle Aergernis erregend
sang, deswegen zahlte ihm das Kapitel den Gehalt für einen
ganzen Monat nicht aus‘.
Bohusz, op. cit. 192, 218, 233.
Ebenso Mss. in der Seminarbibliothek zu Vilnius aus den Jahren
1548--1552.
Frieiug Modrewius, de re publica emendanda S. 349.
® Bohusz, Gesamtabschrift aus dem Protokoll des Kapitels zu
Vilnius aus «den Jahren 1557, 1572, 1573, 1575, 1596. Das
Kapiteldekret gegen die Vikare, die bei sich öffentlich Konkubinen
halten. ‚Das Kapitel, das benachrichtigt wurde, dass die Vikare, Stifts-
geistliche und Kathedralkapläne bei sich öffentlich Konkubinen halten
und mit ihnen in AÄergernis erregender Weise leben, beschliesst,
dieselben zu sich zu berufen und sie zu ermahnen und falls sie sich
nicht bessern, dies dem Bischof zu melden‘. Bohusz, op. eit.\ 61.
„Der Bischof beklagt sich im Kapitel über die Aergernisse und
3 —
Ein Pfarrer jener Zeit versichert, dass von keinem
Priester das Zoelibat beachtet werde und schämt sich
nicht zu sagen, dass dies dem Menschen unmöglich' sei !.
In den Geschichtsquellen des XVI. Jahrhunderts gibt es.
fast unzählige Dokumente, die eine unglaubliche, völlige
Auflösung der Sittlichkeit unter dem polnischen und
litauischen Klerus bezeugen, die zu lesen ich dem Leser
ersparen will.
Darüber darf man sich aber nicht allzusehr wun-
dern, denn Reichtum, Müssiggang, Luxus, der allgemeine
Ruin jener Zeit auf sittlichem Gebiete, Mangel an not-
wendiger Erziehung und noch viele andere Umstände er-
schwerten dem Priester die Bewahrung der Keuschheit
ausserordentlich.
Nächst der Unsittlichkeit ist es die Habsucht, über
welche die Männer jener Zeit klagen. Sie zöge die Kleriker
von den göttlichen Dingen ab und sie besonders habe
sic des Ansehens beraubt. ‚„...Die Spendung der Sakra-
fragt, wie ihnen vorzubeugen sei ? Das Kapitel antwortet,... zuerst.
gedenke es, sie zu ermahnen, und wenn sie vom schlechten Lebens-
wandel nicht abständen, denn werde es sie in das bischöfliche Ge-
fängnis abführen lassen‘‘. Bohusz, 62.
..Das Dekret gegen die Vikare und die anderen, die Verfchlung: n
begehen... Wolski... Prälat... berief vor das Kapitel Vikare, Alta-
risten, Stiftsgeistliche und Kapläne und tadelte sie heftig, dass sie die
kirchlichen Andachten vernachlässigten und ohne vorher gebeichtet zu
haben hl. Messen lesen, und dass sie mit Buhlerinnen zusammenleben
und sich nicht bessern wollen“... ib. No 68. Wenn schon in der Stadt
unter den Augen des Bischofis und des Kapit:ls so schwer> Verfehlungen
nicht selten waren, so wird es wohl in den Gemeinden und Dörfern,
die fern von der Stadt lagen, noch schlimmer gewesen sein. Und tat-
sächlich fand ich in den Archiven nicht wenig Dokumente, die von
einer aussergewöhnlichen Korrumption unter der ländlichen Geist-
lichkeit zeugen. Vergleiche dazu auch:
Liubowiez, Nacalo katoliceskoj reakeii S. 2 ff.
Czekanowski Sylvius, De corrupiis moribus, und andere Autoren.
l Epistola de miseria curatorum seu plebanorum Cracoviae apud
Fl. Unglerum (1511—1552 Bandke Histor. druk. Krak. S. 266) fol.
1—2.
‚mente... sind wir gezwungen uns für Geld zu verschaffen,
weil sich unter Tausend nicht einer findet, der frei
und bereitwillig ‚die Sakramente spenden will, sodass
jeder ein Simonist ist..., Alle, vom Höchsten bis zum
'Niedersten sind der Habsucht und der Simonie ergeben “ !.
Um Geld von ihren Pfarrkindern zu erpressen schreck-
ten die Pfarrer sehr oft nicht davor zurück, mit der Ver-
weigerung der Sakramente, ja sogar mit der Exkommu-
nikation zu drohen.” Von Habgier ergriffen rotteten
einige Pfarrer ihre Pfarrkinder zusammen, überfielen ihre
benachbarten Confratres, traktierten sie mit Schlägen oder
behandelten sie sonst in niederträchtiger Weise, plünderter
sie aus und kehrten freudig unter Absingung des „Te
Deum“ nach Hause zurück.® Die Akten der Gerichts-
prozesse über derartige Fälle, geben noch heute Zeugnis
von diesen ‚„Seelenhirten‘“.
Endlich waren beständiger Hass, Zänkereien und
Feindschaft wegen der Pfarreigrenzen, des Zehnten und
anderer Einkünfte, ja selbst wegen der Frauenzimmer '
1 Prophetiae Danielis tres horribiles, fol. 6.
? „De plebanis et plebanorum vicariis non levis est querela, qui
propter morum incivilitatem, ob exile lucellum, avaritiae erimen et ob-
trectationem ac odium incurrent. Dum qui non in Sancta hebdomada.
populum communicant, Eucharistiam porrigendo, percontantur, num
solverit communicare volens colendam aut petronales ; si non solverit,
porrectam hostiam removent plebani et adimunt ab ore communicantis ;
qune res valde offendit animos saecularium. Huic inconvenientiae oc-
eurratur“. Instructio Capituli Cracov. (Acta historica I, S. 492).
Bohusz, wypis summaryjny akt. Kapit. wilenskiej. 530 b.
Albertrandi-Malinowski, Listy Commendoniego I, S. 90 #.
> Manuskript aus dem 16. Jahrhundert im Kirchen-Archiv zu
Rumsiskes (früher Diözese Vilnius, heute Samogitien ), noch ungeordnet.
Ehenso die Manuskripte von den Jahren 1552, 1554 in der Seminar-
bibliothek zu Vilnius (ungeordnet). |
4 Die Klage des Pfarrers von Jeznas gegen den Pfarrer von
Punia wegen Raub einer Magd aus der Pfarrei Jeznas‘‘. Unter den
Manuskripten der Seminar-Bibliothek zu Vilnius (vom Jahre 1568)
nicht «eorinet: „Das Urteil gegen den Pfarrer von Rumsiskes für
die niederträchtige Behandlung und Verprügelung des Pfarrers von
Nampiske infolge eines Weibes“. Archiv der Kirche zu Rumsiskes.
zwischen. den Klerikern dieser Zeit an der Tagesordnung:
Der apostolische Nuntius Commendoni beklagte sich
wiederholt darüber, dass die Gehässigkeit und Habsucht
des Klerus seiner reformatorischen SaUEHeL das grösste
Hindernis bereite.!
Fassen wir alles bisher über den sittlichen Zustand
des Klerus Gesagtse zusammen, so bietet sich uns ein so
überaus trauriges Bild dar, dass mancher die Wahrheit.
des Dargestelltien. bezweifeln möchte. _
Aber alle hier zum Belege angeführten Dokumente
sind unverdächtig, sie stammen aus der Zeit, die ich hier
bespreche (Anfang und Mitte des XVI. Jahrhunderts) und
von Leuten, welche die besten Kenner des litauischen und
polnischen Klerus waren, und die von jedem Verdachte
durchaus frei sind, da sie ja alle Katholiken, die meisten
auch kirchlich gesinnt waren und dem Katholizismus in
keiner Weise feindlich gegenüberstanden. Ä
Auch habe ich nicht vereinzelte Dokumente unerlaubt.
hervorgehoben, sondern nur solche angeführt, die sich oft
bestätigt fanden.
Ich glaube aber, dass man sich über diesen schreck-
lichen Ruin des Klerus keineswegs wundern kann; denn:
wenn wir alle Umstände ins Auge fassen, so kommen wir
unbedingt zum Schlusse: Der Klerus war so, weil er
kaum ein anderer werden konnte.
Zunächst bewirkte der Reichtum der Kirche, dass viele
im Priestertum nicht den Dienst für Gott und’ den Nächsten.
sondern nur ein sorgloses und angenehmes Leben suchten.
Dann kam noch ein Zweites in Betracht: der Priester-
amtskandidat hat ausser der aufrichtigen Hinneigung zum
Berufe noch eine gewissenhafte Verstandes- und Herzens-
bildung nötig. Aber wo hätte man damals eine solche
Erziehung geniessen können ? Kirchliche Seminarien gab es
nicht, und die Bischöfe, welche selber zur Erziehung des
1 Albertrandi-Malinowski, Listy Commendoniego I, S. 16, 1S,.
77, 79. 149.
Zr A
Klerus geeignet waren, sorgten durchaus nicht für die
Ausbildung des Klerus.
Daher wurden Laien fast ohne jede Voibersilung
Priester und blieben auch im Priesteramte weltlich gesinnte
Leute, denn die Weihen allein können die Natur des Men-
schen nicht umformen.
Zu dieser Zeit waren die Laien und besonders
die Adeligen, wie wir noch sehen werden, in Sitten-
verderbnis geraten. Wenn man also einem schon der-
artig verdorbenen Laien, ohne Kenntnis des priesterlichen
Ideals, ohne reines Absicht und — was das Wichtigste
ist — ohne die nötige Ausbildung das Priestertum mit dem
Zoelibatt und den andern Pflichten des Priesters auf-
bürdete, ihm Reichtum gab und: ihn mitten in die Ver-
hältnisse jener Zeit setzte, so konnte man aus einem
solchen keinen reinen Priester machen.
Endlich hat auch ein Priester mit der besten Vor-
bereitung und Ausbildung jemanden nötig, der ihn stützt,
unterrichtet und beaufsichtigt, wofür in der Regel ein
‚guter Bischof Gewähr leistet.
Die.Bischöfe aber waren einerseits ganz und gar mit
weltlichen Dingen beschäftigt, anderseits nicht die Ober-
hirten, welche die sittlichen. Verhältnisse des Klerus hätten
beaufsichtigen und dessern können. Die Visitation der Diö-
zesen kam ausser Gebrauch. Die bischöfliche Autorität
war erloschen.
Das höchst unheilvolle Patronatsrecht bot wie an-
.derswo auch in Litauen, zu zahllosen Missbräuchen An-
lass.E Denn die Kollatoren waren vorwiegend Magnaien
1 Epistola de miseria Curatorum seu plebanorum. In dieser Schrift
beklagt sich ein Pfarrer aus dem Anfange des XVI. Jahrhunderts in
folgender Weise über den Kollator: ‚Primus diabolus inter omnes
est ipse collator, qui Jum ecddesiam, quam confert suam esse putäat,
jlebanum tamquam alıium subditum tenet et tractat et quia hane in-
tentionem falsam habet, missas celebrare et quaecumque alia al
hbitum, facere jubet... qui collatoris irrationabilem voluntatem sal-
{em in minimo non implet, praster cartera improperes etiam morlis
is DT =
und Leute aus dem niedern Adel, oft. religionslose und ver-
dorbene Leute, manchmal sogar Orthodoxe. Der Kollator
war absoluter Herr der Kirche ; er konnte ohne den Bischof
zu befragen die Kirche einem jeden übertragen. Somit.
vergab er die Pfarrei entweder für persönliche Verdiensie
oder er verkaufte sie.
Die Benefizien wurden Laien, die oft noch im Knaben-
alter waren, und selbst verbrecherischen Leuten anvertraut.
die durch Vikare ihre Pflichten als Seelsorger ausüben
liessen. Man übertrug oder verkaufte die Pfarrei sogar
Leuten anderen Bekenntnisses. In den Akten fand ich gogar
einen Juden als Pfarrer bezeichnet. So kam der Handel
mit kirchlichen Würden auf. Dazu trat eine ungeheure
Anhäufung von Benefizien.!
Die Bischöfe waren nicht imstande, alle diese Miss-
bräuche abzuschaffen. |
Fasst man alles dieses zusammen, so darf man sich
nicht über den grossen Zerfall der kirchlichen Einrich-
tungen wundern.
Vom niederen Klerus gilt dasselbe, was ich oben
von den Bischöfen. gesagt habe. Es gab neben schlechten
Priestern auch gute und die Verdorbenheit der schlechten
ist nicht so aufzufassen, als ob sie gar nichts Gutes ge-
leistet hätten. Ich glaube, dass dieses an und für sich
klar ist und keiner weiteren Auseinandersetzung bedarf.
Der Regularklerus aber konnte nicht ersetzen, was
dem Weltklerus fehlte, denn einmal war er zu dieser Zeit
an Zahl sehr gering, z.B. gab es in der Diözese Vilnius
ausser sechs kleinen Klöstern keine andere religiöse Ge-
meinschaften. Vor der Ankunfi der Jesuiten, befanden sich
periculum vix effugiet. Seit Deus quia non mentior quod (dico, ipse
hodie sustinceo ; qua® in pastorem dominatio tam est tyrannica, quam
injusta, ut licet collatori plebano quiequam mandarve, quem et nec
habet. imo non poiest investire”. Fol. 1.
1 Liubowiez, Nacalo katoliceskoj reakeii 1 ff.
un MR
ın Samogitien überhaupt keine Klöster.1!'Anderseits war der
Regular — dem Weltklerus in sittlicher Beziehung unge-
fähr gleichwertig’? und übte auch auf das religiöse Leben
keinen grossen Einfluss aus, darum glaube ich ihn hier
übergehen zu können.
Mögen einige der oben angeführten Dokumente sich
auch mehr auf den polnischen als auf den litauischen
Klerus beziehen, so krankte der litauische Klerus siı-
cherlich nicht minder an den gleichen Uebeln ; so be-
richte: der Nuntius Commendoni vom litauischen Kle-
rus: „In diesem Lande blüht keine Wissenschaft; es
gibt auch keine Priester, oder nur solche, die aus
Polen kamen ; und zwar gehen von da (aus Polen) nur
solche nach Litauen, die in der Heimat keine Anstellung
finden, nämlich Leute, die meistens weder Wissenschaft
noch gute Sitten haben“.?” Deswegen musste die li-
tauische Geistlichkeit noch viel schlimmer sein als die
polnische.
In der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts bieten
also die Bischöfe, die Kapitel und der Klerus ein trauriges
Bild dar. Mag man auch in Betracht ziehen, dass das
Schlechte immer mehr hervortritt als das Gute, dass in
Jurisdiktionsakten für das letztere natürlich kein Platz
st, so bekommt man trotz alledem den Eindruck, dass die
Verderbnis gross gewesen ist, um so beklagenswerter, weil
sie bis in’s innerste Mark des katholischen Lebens, näm-
lich in die bischöflichen Kurien und die Kapitel drang.
Das waren also die Truppen, welche die Kirche Li-
{auens gegen den Protestantismus in den Kampf führte.
I Kojalowiez, Miscellanea rerum S. 101 #f.
Wolonezewskis, Zemajtiu wiskupiste II, 8. 7Y ff.
2 Üzekanowski, De corruptis moribus ete.
Instructio Capituli Cracoviensis ad Synod. 1551. (Acta Hist. I.)
Manuskript 168, S. 72, Ossolineum, Lemberg.
3 Albertrandi-Malinowski, Listy Commendoniego 11. S. 11.
-- 49° —
IV.
Nachdem wir das politische und kirchliche Leben des
Grossfürstentums Litauen besprochen haben, wollen wir
uns auch die einzelnen Stände und Klassen seiner Be-
wohner kurz ansehen, indem. wir vor allem ihre poli-
tisch-wirtschaftlichen und religiös- sittlichen Zustände be-
trachten. Ich glaube, dass dieses darum notwendig ist,
weil die verschiedenen Klassen der Bevölkerung bei der
Verbreitung und dem Verfall des Protestantismus ver-
schiedene Rollen spielten. Diese Verschiedenheit hängt aber
von nichts anderem, als von dem verschiedenen poli-
tisch- wirtschaftlichen und religiös- sittlichen Zustande
dieser Klassen ab. |
Zunächst haben wir die höhere Aristokratie oder die
Magnaten' des Grossfürstentums Litauen zu besprechen.
Die politische Macht der litauischen Magnaten haben
wir schon als bedeutend kennen gelernt. Denn als
die niedern Adeligen noch keinen Einfluss in .po-
litischen Dingen besassen, waren es allein die Magnat.en,
die neben dem Grossfürsten im Senate wie in den allge-
meinen. Versammlungen, die höchste Gewalt in Händen
hatten .!
Ihre Macht auf politischem Gebiete war um so grösser,
weıl, wie Orzelski ein Schriftsteller jener Zeit sagt, der
1 Vergl. 8. 16ff. Ebenso Liubawskij, Ocerk istorii Litowsko
russkago gosudarstwa S. 75. Während in Polen schon längst der Adel
die Regierung in den Händen haite, besassen in Litauen der (xross-
fürst und die Magnaten die Macht. Doch infolge der Union wurde
der polnische Einfluss auf Litauen immer stärker. Im XVI. Jahr-
hundert begann der litauische Adel dieseiben Rechte zu verlangen,
wie sie der polnische Adel hatte. ‘Anfänglich war dieses Streben ohne
besondere Resultate, erst die Union zu Lublin im Jahre 1569
sicherte dem litauischen Adel die gleichen Rechte, die der polni-
sche Adel längst besass. Seit dieser Zeit beginnt die innere Ver-
fassung in Litauen die gleiche zu sein wie in Polen.
— 50° —
Iitauische Kleinadel immer das wollte, was Radwila Chod-
kiewic und den anderen Magnaten lieb war.!
Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiete hatten die
litauischen Magnaten bedeutenden Einfluss.
Zum Beispiel nannte Johannes Kiszka, ein Vorsteher
(Starosta) in Samogitien, 70 Flecken und grosse Dörfer
und ungefähr 400 Latifundien sein eigen.” Trotzdem
gehörte er noch lange nicht zu den reichsten wie Gasztold.
Kiejzgallo, Radvila, Holszanski und viele andere.3
So war es kein Wunder, dass diese Magnaten eine
grosse Rolle spielten, sowohl bei der Verbreitung wie auch
beim Niederringen des Protesiantismus.
Fragt man nach den Sitten und nach dem Glauben
der Grossen, so sieht man schon ohne eingehendere
Untersuchung, dass da nichts Günstiges zu sagen ist.
Der Leichtsinn dieses Jahrhunderts, der, wie wir sahen.
die Kleriker, die Bischöfe selbst und die Kapitel in einen
so traurigen Zustand brachte, steckte noch mehr die Welt-
leute und besonders die Aristokraten an.
Es gibt viele Dokumente, welche beweisen, dass auch
bei den Magnaten gute Sitte und Religion in Verfall
geraten waren. Die Autoren konstatieren nämlich, dass zu
Anfang des XVI. Jahrhunderts wie in Polen so auch in
Litauen die Sittlichkeit schlechter zu werden anfing. *
‘Die Friedenszeit® und der Reichtum brachten Luxus
1 .Lappo, Welikoje Kniazestwo Litowskoje, S. 112.
Orzelski, Bezkrolewia Ksiag osiem Petersb. 1856 II, 126 f£.
?2 ‘Bock, Historia antitrinitariorum Regiomonti et Lipsiae 1774
Ss. 424 $.
3 Die Kiejsgalli stellten zum Beispiel (im Jahre 1528) 768 be-
waifnete Reiter, ferner musste jeder Magnat ungefähr 9 Reiter von
jedem grossen Grundbesitze stellen. Nach diesem Ansatze sehen wir,
dass die Keisgalli ungefähr 90 jzrosse a besassen.
Lappo, S. 263, 493 ff.
Dzieduszycki, Skarga i jego wiek, Krakow 1866, S. 25.
3 Jaroszewiez, Obraz Litwy III, Seite 2 ff.
Kojalowiez, Historiae Lithuaniae II, S. 350.
5 Im zweıten Teile der Regierung des Königs Sigismund II. (l)
u. le
und Weichlichkeit ins Land, deren Folgen Müssiggang,
Genussucht, Habsucht und andere Laster waren.
Der Mittelpunkt, von wo aus sich Verderbnis und
Unsittlichkeit in ganz Litauen verbreiteten, war der Hof
Sigismunds-August!, den die Zeitgenossen in den düster-
sten Farben schildern. „Der Hof des Königs Sigismund-
August“, sagt der Zeitgenosse Christoph‘ Warszewski, „war
in sittlicher Beziehung sehr verdorben ; von dieser Zeit
ab begannen die Sitten der Polen von der alten Strenge
abzuweichen und es trat ein grosser Leichtsinn ein‘“2?.
Dasselbe bestätigt auch der Fürst Kurbski.?
Die Syphilis griff am königlichen Hofe so sehr
um sich, dass man sie fortan Hofkrankheit (choroba dwors-
ka) nannte.*+ | =
Da sich am königlichen Hofe sehr viele Magnaten
und deren Söhne aufhielten, um sich die Gunst des Königs
zu erwerben und um eine höfische Erziehung zu geniessen,
so wurden auch sie von der Schlechtigkeit des Hofes
angesteckt.®° Dazu kommt noch, dass König Sigismund-
August gewöhnlich in Litauen Hof hielt.6
und unter Sigismund-August wurden überhaupt fast keine Kriege
geführt.
1 Manuskript 197, Ossolineum Lemberg.
2.Im Werke: Jaroszewick, Obraz Litwy III, S..159.
2 Im Werke Jaroszewicz, Obraz Litwy III, S. 159.
Dzieje Narodu Litewskiego IX. Beilagen S. 29.
4 Stryjkowski, Kronika S. 654.
Narbutt, IX, S. 73.
5 Jaroszewicz, III, S. 2 ff.
6 Relacye Nuncyuszow I, S. 65f.
Grabowiecki, ein Höfling Sigismunds-August schildert in einem
Briefe an Kardinal Hosius den königlichen Hof folgendermassen : „Vi-
vitur enim ex arbitrio et desiderio, nemo est, qui nostrae libidini
imponat frenum vel habenas. Arguit nemo, corripit nemo ac admonct
nullus. Ita prorsus, ut nunc ad internecionem omnia nata esse vi-
‚deantur. Ego dum agnosco istam petulantiam, dum considera Jissolutos
mores, maeresco quidem tam effrenata cupiditate. Deum invoco, ut
Auch das ist zu berücksichtigen, dass aich viele Ma-
gnaten ausserhalb des Vaterlandes an Höfen, Universi-
täten und anderen Orten des Westens herumtrieben, wo be-
kanntlich die Sittlichkeit damals ebenfalls sehr tief stand.!
Der Luxus, der Pomp und die Trunkenheit der
Magnaten setzten die Ausländer in Staunen. „Bei ih-
nen (den Magnaten) besteht die Freude des Lebens
in den ausgesuchtesten und gut zubereiteten Mahlzeiten mit
dem teuersten Wein, in Spielen und Tänzen gemeinsam mit.
ihren Schmarotzern‘“.? | | |
suscitet, nobis aliquem Danielem vel Joannem, qui nos almoneat, ut
resipiscamus‘‘... 1556, 28/I. Epistoliae cord. Hosii, 1268. Aetlu
historica IX. Christoph Warszewicki, ein Höfling Sigismunds-Au-
gust und bekannter Schriftsteller, berichtet von ihm folgen!s:
„Sigismund-Augustus Wilnam reversus et matrimonio solutus, vo-
luptatibus, quibus a juventute assueverat, operam dare cocpit et eJus
rei alministros facile invenit‘. Caesarum, regum ct principem
vitarum libri duo. Frankforti 1604, S. 306. Ebenso: Uzacki T.
Dziela III S. 12.
1 Lappo, Welik. Kniazestwo Litowskoje S. 207 ff.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, S. 2.
® ,... bei ihnen (den Magnaten) sind recht ausgesuchte Mahl-
zeiten und Leckerbissen, die teuersten Weine, Spiele und ständim.
Tänze gemeinsam mit ihren Schmarotzern, das einzige Vergnügen ıhies
Lebens. Beim Zeltgelage pflegen sie mit Hochmut zu prahlen. in-
dem sie sowohl Moskau als auch Konstantinopel für niehts haltn.
Nach ihrer Meinung können sie den Türken, auch wenn er am Him-
melsgewölbe wäre, herabreissen und verhauen. Wenn sie sieh in ınrv
Lager, (las mit weichen Felerbeiten ausgestattet ist, hinl:gen, daun
erwachsu sie erst am hellen Tag und stehen infolge des Bierrausch"s
mit verbundenen Köpfen auf. Aus diesem Grunde... wurde man
gleichgültig für das Wohl des Vaterlandes, und vergass nicht
nur die Taten der Vorfahren, sondern auch das Schicksal der
Mitbürger, die in der Konechtschaft des Feindes schmachten.
Ebenso kümmern sie sich gar micht um die Bauern, die jedes Jahr
von ihren eigenen Augen mit Frauen und Kindern in ungezählter
Menge in die Sklaverei weggeschleppt werden... Sie schämen sich
darüber nicht, noch rührt sie die allgemeine Klare, welche das
Landvolk laut werden lässt. Wenn sie nun zur Waffe greifen und
ins Feld hinausziehen, dann laufen sie in grosser Entfernung hinter
Zu. ER
Ein anderer Zeitgenosse schildert die Trunksucht
der Magnaten folgendermassen : „Die Grossen sitzen bei
(rastmählern vom Mittag bis Mitternacht, trinken und
essen ununterbrochen und stehen nur dann vom Tische
auf, wenn sie die Natur dazu zwingt; sie fressen bis
zum Erbrechen und bis sie die Besinnung verlieren‘“.!-
Der Litauer Volanus, ein zeitgenössischer Schriftsteller,
beklagt sich über den Luxus, die Trunksucht und Völlerei
der Magnaten, die er in den dunkelsten Farben schildert.
Wie er berichtet wurden bei den Gastmählern der Mag-
naten, ausser den verschiedensten Weinen, dreissig bis
vierzig Gänge aufgetischt.? |
Fast alle auswärtigen Botschafter, die unter Sigis-
mund-August in Polen weilten, bezeichnen Luxus, Völlerei
und Trunkenheit als die herrschenden Laster in Polen
und in Litauen.” Mit der sinkenden Sittlichkeit musste
0}
den Bissurmannen (Tartaren) her und fürchten sich anzugreifen und
lıszuschlagen... der ganze Feldzug endigt so mit einer Jagd, die zwei
oder drei Tage dauert. Was nun aber die Tataren noch übrig
gelasser. haben, oder was die Bauern in den Wäldern zu verbergen
nicht versianden haben, sei es Vieh oder Futter, das alles verzehren
Giler rauben sie und lassen den unglücklichen Leuten nichts von
den kläglichen Ueberbleibseln‘‘.
Skasanija kniasia Kurbskago 1, S. 82 ff,
Ebenso: Narbutt, Dzieje narodu litewskiego IX, Beilagen XI,
2.20:
Kurbski, ein Russe und Höfling des moskauischen Grossfürsten
Johann IV. (des Schrecklichen), entfloh vor dem Zorn seines Herrn
nach Litauen und verblieb da auf immer. Er hinterliess interes-
sante Memoiren.
1 Mathias Michowiae, De Sarmatia Asiae et Europaea (Polonicar.
rerum latini seriptores, Basileaee 1582 S. 147 £.
® A. Wolan, O wolnosci Rzeezypospolitey S. 64 ff.
3 Relacye Nuncyuszow I, S. 127 £., 131 £., 169 f., 252.
Roysius, der Sekretär des Königs Sigismund-August und Kano-
n'ker zu Vilnius, sagt, dass die Mahlzeiten der Litauer und Polen
von der untergehenden Sonne und die Abendmahlzeiten von der
aufgehenden Sonne beschienen würden. Ms. 159, S. 261, Ossolineum
I.emberg
auch die Religion sinken! um so mehr weil der Klerus
weit davon entfernt war durch Wort und Beispiel frommen
und religiösen Sinn zu wecken, sondern durch seine Schlech-
tigkeit: bei den Laien grossen Anstoss erregte.
Aehnlich wie mit den Magnaten, verhielt es sich
mit dem naedern Adel.
Ueber die politische Macht des litauischen Kleinadels
brauchen wir nicht zu sprechen, da diese, wie wir es
schon sahen, bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts fast
gleich Null war.
Wenn man sie endlich auch zum Reichstag berief,
so hatten sie doch keine entscheidende Stimme,? weil sie
sich dem Willen der Magnaten unterwerfen müssten.
Ihre wirtschaftliche Lage war sehr verschieden. Viele
der niedern Adeligen kamen an Reichtum den weniger
begüterten Magnaten ganz nahe; aber der grössere Teil
der Adeligen war so arm, dass er sich den Lebensunterhalt
mit der Hände Arbeit verdienen musste.
In seinen Sitten ahmte der .Kleinadel die Magnaten
nach. Wie die Magnaten am königlichen Hofe sich sonnten
und verdorben wurden, so der Niederadel an den Höfen der
Magnaten.* |
Als herrschende Laster unter den niedern Adeligen
Litauens und Po!ens bezeichnen die zeitgenössischen Schrift-
steller im XVI. Jahrhundert übermässigen Luxus, Völle-
rei, Trunksucht, Unzucht, Totschlag und fortwährende
Streitigkeiten.
Michailo und Wolan, zwei litauische Schriftsteller des
XVI. Jahrhunderts, beklagen weitläufig die Sittenverderbnis
der Adeligen. Vor allem stand das Laster der Trunksucht
1 Ms. 168 fol, 7Off. fol. 103ff. Ossolineum Lemberg.
2 Lappo, Welikoje Kniazestwo Litowskoje, S. 112 ff.
Liubavskij, S. 203 ff.
3 Lappo, S. 472 ff.
1 Lappo, S. 498.
in vollster Blüte. Minderjährige und Erwachsene, Männer
und Frauen, alle betranken sich ausnahmslos. Beim Becher
begannen und beschlossen sie den Tag. Wo immer sie sich
auf Reisen befanden, sei es im Feldzug, sei es auf dem Wege
zu heiligen Orten, führten sie Wein oder andere be-
rauschende Getränke bei sich. Nach Michailo waren in den
Städten Litauens viel mehr Bierbrauereien und Schnaps-
brennereien als Werkstätten anderer Handwerker.!
Die beständige Trunkenheit hatte zahllose Streitig-
keiten und Morde zur Folge. Der schon genannte Schrift-
steller Volan berichtist, es gebe sehr wenige adelige Häuser;
in denen keine Trauer herrsche wegen Ermordung des Va-
ters, des Bruders, des Sohn>s oder Gatten. Nach ihm kamen
die Morde auch deshalb so häufig vor, weil das litauische
Recht solche Verbrechen bei den Adeligen nur mit Ge-
fängnis von einem Jahre und einer kleinen Geldbusse
bestrafte.?
Michailo Litwin sagt, dass der litauische Adel bei
weitem mehr von Streitigkeiten in den Gasthäusern zu
Grunde gehe als im Kriege.? |
Ebenso berichtei: der Botschafter Lippomano : „Gewalt-
tätigkeit, Totschlag und Räuberei nahmen überhand, die
ungestraft blieben. Man spricht von 12000 gar nicht
1 Michailo Litwin - Memuary otnosiascijasia Kistorii Juzno) Russt
Ill. S. 251,
Wolan A-O. wolnosci Rzeezypospolitej, S. DNFf.
2 Wolan A-O., wolnosci Rzeezypospolitej, S. 40 ff. Die Sirn-
fen für einen Mord waren nach dem litauischen Gesetz im allg--
meinen gering. Nach dem ersten Statut (1529) zahlte ein Adliger,
wenn er einen von Seinesgleichen im Streite erschlug 200 Schock
Groschen, hundert in die Staatskasse, und die andern den Ver-
wandten des Erschlagenen (Kap. VI. S 28). Für die Tötung eines
Unfreien brauchte man nur 10 Schock Groschen zu zahlen. (Kap.
NT. Ar, 172,3), |
Das zweite (1566) und das dritte Statut (1588) haben die Strafe
um etwas erhöht.
? Memuary otlnosiaseiasia k'istoris juznoj Russi, S. 43.
ui
Gericht verhandelten Morden“.! Aehnlich berichtet.
oe der Botschafter Buongiovanni. °
Streitigkeiten, Kämpfe und Prübdisien zogen gericht-
liche Verhandlungen nach sich, von deren ganz unglaub-
licher Anzahl im XVI. Jahrhundert die gerichtlichen
Akten. bezeugen. In einem einzigen Kreise von. Upita, in,
dem höchstens 3000 adeligen Familien sein konnten, zählte
ich in den gerichtlichen Akten einzig aus dem Jahre 1568
860 Kriminalprozesse, von denen die Hälfte Morde und
Verwundungen betrafen .3 |
Dasselbe berichten Schriftsteller dieser Zeit von
Luxus. Völlerei, Unzucht und anderen Lastern der niedern
Adeligen Polens und Litauens.?
I Relacye Nuncyuszow I, 65 £.
„Es häufen sich Gewalten, Morde und Räubereien, die alle
ungestraft. bleiben. Der Geschädigte kann nicht zu seinem Recht
gelangen. denn der Adel hat das Vorrecht, dass er nur am Reichstag
in «der Gegenwart des Königs verurteilt werden darf... Man sagt,
dass 12000 nicht beendigie Gerichtsprozesse wegen Mordes zu-
rückgeblieben sind, die vom Adel begangen wurden.
Polsce przez Nunceyusza Aloizy Lippomano. z. r. 155%.
” „Wehe dem in Polen, der weniger kräftig ist und sich nicht
selbe‘ vor Gewalt un: Räubereien schützen kann, die sich in diesem
Lande häufen -“ |
Opisanie krolewst. Polsk. przez Bernarda Buongiovanni biskupa
Wameriuskiego Relacye Nuneyuszow I, S. 96.
3 Wilenskij centralnyj Archiv (Zentralarchiv zu Vilnius) Mss
1112-1115. | |
4 Wilenskij Archeograficeskij sbornik, Bd. XVI. Andr. Wolan.—
O woluosct Rzeczypospolitej, S. 41 ff.
Michailo Litwin. — Memuary otnosiase k’istorii juzno) Russi.
Se LIE.
Relacye Nuneyuszow, T. I. Fulvius Ruggieri im J. 1565:
„Der Adel lebt gewöhnlich in grossem Luxus, hält mit Vorliebe viele
[2
Relacya o
Yiene> und Pferde, sodass mancher Adlige 100 oder mehr besitzt...
er ıst beständig auf Reisen. Zu Freunden und Verwandten fahren sie
mitunter gegen 100 Meilen weit, was für sie eine Leichtigkeit ist,
da sie in genügender Zahl Pferde und Wagen besitzen.
Unterwegs schlafen sie alle, Männer und Weiber, rund herum auf
a I an
Durch die Sittenverderbnis war die Religion schon
Stroh, und weil sie unterwegs das Trink- und Festgelage nicht auf-
‚geben, so kommt es, dass es wenig sittsame Weiber gibt; es fehlt
„uch nicht an öffentlichen Dirnen. Trotz ihrer raschen Auffassungs-
gabe gehen sie auf ein ‘gründliches [Erkennen der Sache nicht ein ; lieber
lernen sie das schon Erfundene, als dass sie sich Mühe geben würden,
eiwas in ler Wissenschaft oder in den Künsten zu entdecken. Sie
bemüher sich nicht, in irgend etwas zur Vollkommenheit zu gelangen,
und das vielleicht aus dem Grunde, weil sie einem zu bequemen und
lustigen Leben ergeben sind... in Polen blüht jetzt die Wissenschaft
nicht mehr, wie das vor 170 Jahren nach der Gründung der
‚Akademie zu Krakau der Fall war. Mit unaussprechlicher Leich-
tigkeit erfassen sie Gebräuche und Sprache fremder Völker... Der
polnische Adlige bekümmert sich wenig um eine geordnete Wirt-
‚schaft, macht grössere Ausgaben als er Einnahmen hat, weswegen
beinahz der ganza Adel verschuldet ist.“ S. 127 £.
. Julius Ruggieri 1568. ‚Sie lieben die Untätigkeit und die
lockere Letensweise und ertragen nicht den geringsten Zwang...
Sich zu betrinken ist bei ihnen eine löbliche Gewohnheit, ein un-
zweifelhafter Beweis der Offenheit und der guten Erziehung, dagegen
wird die Nüchternheit als Unhöflichkeit angesehen... Sie sind
freigebig bis zur Verschwendung, sogar weniger Begüterte haben je
nach ihrem Stande silberne Tischgeräte und andere Einrichtungen,
die zum bequemen Leben dienen... Der ganze Adel hat die
Gewohnheit sich reich zu kleiden, trägt meistenteils verschieden -
farbige Bekleidung, wie dies in Ungarn üblich ist; manchmal
kleidet er sich auch nach italienischer Art, nicht nur in seidene
‚sondern auch in goldgestickte mit teuerem Pelz gefütterte Ge-
wänder... Was wir über die Polen gesagt haben, bezieht sich zum
Teil auch auf die Litauer..‘ S. 169.
Lippomano im J. 1575. „Die Polen, unter welchem Namen
‚alle Völker, die dem polnischen Szepter untertan sind, zu verstehen sind,
sind grösstenteils von hoher Gestalt... Die Adligen lieben es sich stolz
und reich zu kleiden, im Sommer in seidene, mit Gold und Si!ber durch-
wobene Gewänder von mannigfalliger Farbe, im Winter in Tuch, mit
teurem Pelz gefüttert. Mitunter tragen hinter ihnen die Diener, die
ebonfalls reich gekleidet sind, gewaltige Säbel ; jeder reiche polnisch»
Edelmann unterhält eine zahlreiche Dienerschar, für die er keine
Ausgaber scheut; und so mancher macht Ausgaben über sein
Vermögen nur um glänzend auftreten zu können. Mit einem Worte,
um Bewundsrung zu erregen und Beifall zu ernten, überschreiten sie
‚das Mass im Trinken... und im Essen sind sie cbenfalls unmässig,
:scllass es vorlommt, dass sie 7—S Stunden bei Tische sitzen. Diese
— 598 —.
so geschwächt, dass man bereits zu jener Zeit unter den
Magnaten und Adeligen Atheisten fand. !
Hierzu kam die Unwissenheit der Adeligen, die wie
sicher feststeht, gross gewesen ist. Denn während die
Magnaten und auch die reichen Adeligen ausserhalb der
Heimat sich die Bildung holen konnten, war der bei weitem
grössere Teil das Adels wegen Mangel an Geld nicht im
Stande in’s Ausland zu reisen und blieb, da es in der
Heimat an Schulen fehlte, in tiefer Unwissenheit stecken.?
Wenn auch nach dem Zeugnis der Autoren, die Ade-
ligen weniger verdorben und nicht so sehr mit Lastern
behaftet waren wie die Magnaten, ® so war doch ihr sitt-
licher und religiöser Zustand sehr niedrig.
Ich muss aber bemerken, dass alles das, was ich
bisher von den niedrigen Adeligen gesagt habe, nur von dem
Teile gilt, der sowohl an Reichtum wie auch an Le-
bensführung den Magnaten ähnlich war. Der gewiss be-
Neigung zum Trinken, die sie den Spiegel der Seele nennen, bewirkt,
dass sie rasch zornig werden...‘ S. 251 £.
Lappo, Welik. Kniaz. Litowsk. 572.
Przyalgowski, Zywoty biskupow wilensk. I, p. 71, 114, 115.
Wolonczewski, Zemajtiu wiskupiste I, S. 91.
1 Zebrowski, Recepta na plastr Czechowicza, Krakow 1597.
„»...vor nicht langer Zeit ereignete sich in Litauen bei dem
vorvoriger Tribunalgericht zu Vilnius (also vor dem Jahre 1597, in
welchem das Buch erschienen ist), dass der Adel einen Richter, namens
Lowejka, aus einem litauischen Bezirke von Mozera, vor sein Gericht
gerufen hat, weil er nicht glaubte, dass die Seelen unsterblich seien,
sondern so stien wie die der Tiere ; desgleichen glaubte er nicht an cine
Auferstehung ‘und an das jüngste Gericht; dazu sagte er en
die Welt sei nicht erschaffen, sondern bestehe von Ewigkeit her .
Ss. alf. Ä
Reszka, D: Atheismis ei Phalarismis Evangelicorum, Neapoli
Merczyng, Polsey deisei i wolnomyslici.l2 za Jagiellonow Warsz.
1911, Ss. 1 ff.
Brjickner, Roznowierey polscy Warsz. 1905. S. 198 ff.
2 Lappo Welik, Kniaz. Litowsk. S. 499.
3 Jaroszewiez, Obraz Litwy TII, p. 1ff.
Narbutt, Dzieje narodu Litewskiego IX, S. 490.
=. 50; 2
deutend grössere Teil der Adeligen, der in wirtschaftlicher
Hinsicht fast nicht höher wie die Bauern stand, war auch
im sittlichen Leben den Bauern ziemlich ähnlich. Hierüber
aber später.!
Da die Städte gleichsam die Ausgangspunkte der neuen
Lehre waren, so müssen wir auch über diese sprechen.
Bekanntlich waren die Städte Litauens weder zahlreich
noch gross.” Wie die polnischen wurden auch die litauischen
Städte von Ausländern, besonders von Deutschen bewohnt.
Der Nuntius Fulvius Ruggieri (1565) sagt, dass alle
polnischen und litauischen Städte voll von Deutschen seien’?
und. dase man keine andere Sprache als die deutsche höre. !
Ebenso enthalten die Verordnungen des Grossfürsten-
tums Litauen im XVI. Jahrhundert Klagen über die Masse
der Ausländer, besonders der Deutschen und Italiener in
! Lappo, Seite 498.
2 Herberstein, Rerum Moscoviticarum commentarii: De Lituania
(im Werke: Rerum Moscovitarum autores varıii. Francoforti, 160),
Seite 76.)
Guagnini, Sarmatiae Europeae discriptio, (corpus historiac Po.o-
niae, Basilcae 1582, p.40ff.).
Guagnini nennt als hervorragendste Städte in Litauen, »odo-
lien und Wolhynien ausgenommen, Vilnius, Gardinas, Kaunas, Minsk,
Novogrwlok, Brestia, Pinsk. Der Verfasser nennt auch viele andere
Städte, aber er nennt nur die obigen „amplas‘, „amplissimas‘“. In
Samogitia scheint es keine bedeutendere Stadt gegeben zu haben, da
der Verfasser bei der Beschreibung dieses Landes keine Stadt nennt
(Im gleichen Werke Seite 45—47).
Lasicki berichtet von \en Städten Samogitiens „...Disperse per
silvas camposque degunt, rara oppida, nee pagos nimium mulios.'
Johannes Lasicki, De diis Samogitarum caeterorumque Samatarum
(in seinem Buche: Res publica sive status Regni Poloniae, Prussiae,
Lituaniae etc. Elseviriae 1626, S. 296). Ebenso: Opisanie Ksiestwa
Zmojdzkiego Ms. 113. Ossolineum, Lemberg.
3 Opis Polski przez Fulwinsza Ruggieri wr. 1565. Relaye
Nuncyuszow, I, p. 131.
4 Ebendaselbst, Seite 127 f. S. Galekiswski, Czasy Zygmunta
Augusta II, p. 77.
Deieduszycki, Skarga i jego wiek, p. 25.
= 60: =
Jen Städten Litauens, weil die Eingeborenen von ihnen
bedrängt wurden.!
Ueber Sitte und Religion der Stadtbewohner und be-
sonders der Ausländer, berichten die zeitgenössischen Quel-
len, die wir zur Hand haben, nichts. Wir können aber
schliessen, dass die Städter und vor allem die Ausländer
keine guten Sitten hatten, denn die Verordnungen be-
klagen sich, dass die Einheimischen von den Ausländer
verdorben und durch schlechte Sitten angesteckt würden. °
Die Städter waren die ersten, welche der neuen Lehre
auhingen und an ihr zähe festhielten.
An letzter Stelle müssen wir über die niederen Schicht-
en des Volkes und besonders über den Bauernstand spre-
chen. j
Wie fast überall, so war auch im Grossfürstentum
Litauen zu dieser Zeit das Los des niederen Volkes sehr
elend und beklagenswert. |
Hören wir, um unsere Behauptung zu begründen, die
Zeitgenossen : „Die Bauern werden kaum anders behandelt
als Sklaven oder Tiere‘, schreibt Frycz Modrzewski. *
Und an einer einer anderen Stelle: „Man kann sehen,
dass das Leben der Bauern ähnlich dem der Sklaven ist,
die an Scholle und. Pflug beständig gleichsam ange-
bunden sind ; den ganzen Tag hindurch arbeiten sie ent-
weder für sich selbst oder für ihre Herren. Vielen reicht
das Brot kaum für die Hälfte des Jahres ; den übrigen
Teil des Jahres leben sie sehr elend. Wer von ihnen
' Kozuchowski,, Constytucye Koronne, „W. X. L. „In ver-
schielenen Städten des Grossfürstentums Litauen, besonders in der
Hauptsiadt Vilnius, liess sich eine grosse Anzahl fremder Kauf-
leut: nieder, die Uns und dem Reiche keinen Eid geschworen haben
un! «leshalb im Handel und Kauf den Bürgern und Städtern
vielfach grossen Schaden zufügen.‘ S. 335.
? Kozuchowski, Constytucye Koronne yW.X.L. ‚...welche (frem-
“de Kaufleute) nicht nur die Städte und Kaufleute des Königreiches
angesteckt, sondern auch lem Reiche nicht geholfen haben...“ p. 354.
3 Andreae Frycii Modrevii. Commentariorum de re publica emen-
«danda, libri quinque, Basileae 1554, S. 179.
ul Be
reicher ist, erfährt grössere "Ungerechtigkeit. Die unge-
rechten Herren haben viele Möglichkeiten die Bauern.
zu schinden, denen weder das Recht zusteht über ihre
Herren zu klagen, noch sie vor Gericht zu ziehen. Ich
weiss nicht, ob die ägyptische Knechtschaft grösser war
als die der Bauern“.! |
„Die Adeligen‘, sagt der Nuntius Lippomano, „haben.
fast unumschränkte Gewali über ihre Bauern, die sie
in den Stand der Sklaverei erniedrigten‘“.?
Eine längere Beschreibung des unglücklichen Loses
der Bauern in Polen und Litauen gibt der Nuntius Fulvius
Ruggieri (1565).?
Nach einigen Autoren war die Knechtschaft in Li-
tauen härter als in Polen ; denn Hieronimus Lippomano, der:
Gesandte Venedigs, schreibt: „Es gibt auf der Welt keinen
unglücklicheren Menschen als den litauischen „Cmetho‘
(Bauer), der gar nichts sein Eigen nennt, ausser was ihm
seinHerr aus Wohlwollen schenkt, was meisi für die dringe-
endsten Lebensbedürfnisse nicht ausreicht. Sie werden
nicht nur von ihren Herrn bedrückt und geschunden, son-
dern aucn noch von den in den Gemeinden und Dörfern
hausenden Soldaten. Was die Herren den „Umethonen
an Vermögen noch gelassen haben, das rauben die Soldaten,
I Frycius Modrevius, Op. eit., S. 181.
?2 Bericht des Nuntius Alois. Lippomano über Polen im J. 159€.
(Relacye Nuncyuszow I., p. 65).
„Für den polnischen Adel arbeitet das ländliche Volk als Sklave
und muss für alles aufkommen.‘ Schilderung des. Königreiches Pel’n
durch B. Bongiovanni, im J. 1560 (Relacye Nunceyuszow I, p. 98).
3 Beschreibung Polens durch Fulvius Ruggieri, 1565. Relarye
Nuncyuszow, I. p. 128 f. ‚Die ‘Bauern bestellen das Feld und
sind die Untertanen ihrer Herrn, die über sie das Recht über
Leben und Tod haben, ohne dass ihnen ein Appellationsrecht
eingeräumt wird. Grundeigentum besitzen diese nicht, ausgenommen
in manchen geistlichen Gütern; sie müssen einige Tage in der
Woche für ihre Herren arbeiten, wofür sie ein Stück Land, das sie in
den freien Tagen bebauen, zu ihrem Unterhalt bekommen. Auf den
geistlichen Gütern sind! sie besser dran, wie z.B. in Preussen wo es
= 36
sodass sie sich öfters gezwungen sehen, vor der Gewalt
mit Kindern und Vieh in die Wä,lder.zu fliehen‘“.!
schöne Dörfer gibt ; aber auf den andern Gütern führen sie grösstenteils
ein elendes Leben, so dass man mitten im kältesten Winter barfusse
und ärmlich gekleidete Frauen, die im tiefen Schnee herumwaten,
anireffen kann. In ihren Häusern haben sie hur ein Zimmer, in
dem sich ein Ofen ohne einen nach oben führenden Schornstein be-
findet, sodass beständig Rauch in der Wohnung ist. Oft lassen die
Adliger ihre Untergebenen für geringfügige Vergehungen unbarm-
herzig schlagen, mitunter sogar aufhängen, und obwohl sie diese ohne
Ursache töten, sind sie von jeder Strafe frei, wenn sie 10
Skude (italienischer Taler) zahlen, während für einen getö-
teten Hund mehr bezahlt wird. Diese schwere Sklaverei erniedrigte
die Bauern in dem Masse, dass sie, wenn sie Schläge bekommen, was
sich oft ereignet, ihrem Gebieter noch dafür danken, sodass man
mit Recht sagen kann, auf der ganzen Welt gibt es keinen tiefer
stehenden Sklaven, als es ein polnischer Bauer ist. Die Bauern
dürfen ohne Erlaubnis ihres Herrn nicht in ein anderes Dorf über-
siedeln da sie an ihre Scholle gebunden sind und s4 kommt es, dass,
wenn ein Besitzer das Dorf verkauft, er zugleich auch die dort wohn-
enden Bauern verkauft, die mitunter ihre Freiheit für acht Skudi
pro Kopf erwerben können. Sollte sich ein Bauer ohne die, Erlaubnis
seines Herrn aus dem Dorfe entfernen und würde er auf die erste
Aufforderung nicht zurückkehren, so wird er gefangen, in Fesseln
gelegt, und zum Tode geführt, wenn er sich nicht loskaufen kann.“
„Aber über die Untertanen des Adels hat weder der König noch
sonst jemand die Gewalt; einzig und allein der Adel entscheidet
über seine Untertanen. Gegen das vom Adel gefällte Urteil hat der
Bauer keir. Appellationsrecht mehr.‘ — Bericht über Jie Zustände
ia Polen durch J. Ruggieri 1568. Relacye Nuncyuszow I, S. 174.
1 Relacya o Polsce zr. 1575, przcz posla weneckiego Hieronima
Lippomano. Relacye Nuneyuszow I., S. 248. M
Wie ich bereits oben gesagt habe, betrug die Strafe für die Tötung
eines Bauern (gemäss dem ersten Statut) 10 Schock Groschen, für
einen Handwerker zahlte man mehr. Diese Strafen zahlte man in
Wirklichkeit nur dann, wenn man einen fremden Menschen tötete.
Ueber seine eigenen Leute besass jeder Herr, wenn nicht de jure, so
doch de facto die Gewalt über Leben und Tod. |
Die Quellen bezeugen ausdrücklich, dass die Herrn ihre Leute
‘ quälten und töteten, ohne ‘dass sie deswegen zur Verantwortung
gezogen wurden. Michailo Litwin, Memuary otnosiasezijasia k’istorii
Juznoj Russi S. 38 £. '
= I, u
Alexander Guagnini, der um die Mitie des XVI.
Jahrhunderts lange Zeit in Litauen weilte und die verschie-
denen Teile als Oberst durchstreifte, berichtet vom nie-
deren Volke in Litauen folgendes: „Ein bedauernswertes
Volk; es wird besonders in den Dörfern und Ge-
meinden von harter Knechtschaft bedrückt, denn ein jeder
kann von einer Schar von Dienern umringt in das Haus
ırgend eines Bauern hineingehen, dort ungesiraft tun, was er
will, die nötigen Lebensmittel nehmen und den Bauern
grausam schlagen“. |
„Den Bauern steht der Weg zu den Herren, wenn sie
diese aus irgendeinem Grunde einmal aufsuchen wollen, nur
dann offen, wenn sie Geschenke mitbringen. Die Bauern
arbeiten fünf Tage lang, zuweilen sechs für ihre Herren.
Der Montag ist frei für Privatarbeit und zumeist arbeiten
sie auch an Sonntagen (denn es gibt für die Landleute keine
Feiertage), bebauen den Acker, ernten, mähen und dreschen.!
Wenn man fragt: „Warum arbeitest du am Sonntage ?“
dann pflegen sie zu antworten: „Muss man nicht auch
am Sonntage essen?‘ Jedes Jahr zahlen sie drei und
viermal. eine für die Landesverteidigung bestimmte Geld-
summe und sie werden von ihren Herren auch mit Hilfs-
trıbuten schwer belastet. Sie essen schwarzes, ärmliches
Brot, in dem Weizen mit Kornähren verarbeitet sind‘.?
„Auch kann man bei ihnen sehen, dass wenn jemand
zum Tode verurteilt ist, er auf Befehl seines Herrn
1 De lituanae gentis origine et moribus ex Alexandri Guagnini
Sauromatica Europea. In seinem Buche: Respublica sive status
Regni Poloniae, Prussiae, Lituaniae, Livonicae etc. Elzeviviis 1626,
p. 281.
Ebenso Cromerus, Polonia, Coloniae Agrippinae 1589, pag. 249 a.
? Guagnini, 8. 281. )
Johannes Lascius schreibt über die Wohnungen der Samo-
gitier: „Sie bauen Hütten, die sie Türme nennen, die oben
eng sind, woraus der Rauch und die schlechte Luft ent-
weicht, diese sind offen und aus Balken, Stangen, Stroh und Baum-
rinde. So wohnen die Leute mit allem Eigentum auf dem mit
Brettern belegten Boden. Da liegt der Familienvater an der Tür,
= bh
sich selbst den Tod geben muss; sollte er sich weigern,
so wird er durch Drohungen und Schläge gequält und dazu
gezwungen.“!
Nach dem zeitgenössischen Schriftsteller Wolan ver-
schlang der unglaubliche Luxus der Magnaten und Adeligen
ein gewaltiges Vermögen, zu dessen 'Beschaffung alle Feld-
früchte ins Ausland ausgeführt und verkauft werden muss-
ten. Deshalb wütete unter dem niederen Volke der Hunger
oft so enisetzlich, dass man in den Städten und Dörfern
zahllose Leichen von Leuten sehen konnte, die vor Hunger
gestorben waren.?
Die Herren hatten eine unbeschränkte Gewalt über
Leben und Tod ihrer Untertanen. Michailo, ein .Litauer
jener Zeit, der selbst Untertanen hatte, sagt: „Wir miss-
brauchen unsere Gewalt gegen die Untergebenen dadurch,
dass wir sie quälen, verstümmeln und töten ünd zwar ohne
jegliches Urteil bloss wegen eines zufälligen Verdachtes‘“.
Ich muss aber bemerken, dass nicht alle Bauern in
Litauen unter dem gleichen Lose zu leiden hatten. Das
niedere Volk schied sich in drei besondere Klassen, von
denen die erste Klasse aus den eigentlichen Sklaven he-
stand. Dass ihre Zahl gross war, ist bekannt. Sklaven wur-
den: 1) Kriegsgefangene, 2) Abkömmlinge von Sklaven,
3) solche, die mit Sklaven Ehen eingingen, 4) sol-
che, die sich selbst in die Sklaverei verkauften und 5) sol-
che, die ihren freien Stand nicht nachweisen konnten.
damit er alles im Auge hat und die schädlichen wilden Tiere und
die Kälte vom Vieh fernhält. Die Wache über das Feuer ist dem
Herdgotte anvertraut, damit nicht das Feuer der Wohnung Schaden
tut oder die glühenden Kohlen des Nachts erlöschen. Hier kommt
es häufig vor, dass ein Schwein oder ein Hund aus dem Topfe,
der auf dem Herde steht, Fleisch wegstiehlt oder sich am heissen
Wasser (ie Schnauze verbrennt.“ De diis Samogitiarum, p. 296#£
I Guagnini, Sauromatia Europea (im Buche: Respublica ete.
p- 39
® Wolan Andrzej, O wolnosei Rzezypospolitei, S. 64 Ä#f.
3? Michajlo Litwin. Memuary olnosiase. Kistoril juzno) Russi,
Ss. 3Sf£. ge Br
{ ; = es )
=, "05
Diese alle waren völlig rechtlos und wurden von den Herren
wie Sachen oder Vieh behandelt.
Zur zweiten Klasse gehörten die an die Scholle gebun-
denen Bauern. Diese hatten einige Rechte ; sie durften
z.B. gewisse Kontrakte abschliessen und bewegliches Ge-
‘rät besitzen. Im 16. Jahrhundert aber gehen sie all-
mählich in der Klasse der Sklaven auf.
Die dritte Klasse, die Wandernden oe; um-
fasste die freien Bauern. Diese betrieben den Ackerbau und
konnten von einem Herrn zum andern zu verabredeter
Zeit frei übergehen. Sie genossen volle persönliche Frei-
heit ; unbewegliche Güter zu besitzen, war ihnen aber ver-
boten. Diese Klasse war in der Zeit, die wir besprechen,
nicht mehr zahlreich‘; in der Folgezeit verschwindet sie
gänzlich .!
Im. allgemeinen kann man jedoch sagen, dass es
von .der höchsten Gewalt gesetzlich festgesetzte Rechts-
bestimmungen über die gegenseitigen Verpflichtungen von
Untertanen und Herren nicht gab. Infolgedessen waren
natürlich die Untertanen ‘gänzlich vom Willen ihrer
Herren abhängig. Darum war das Los der Untergebenen
bei guten und verständigen Herren erträglich, zuweilen
sogar gut, dagegen seufzten die Untertanen bei schlechten
und grausamen Herren in unerhört schrecklicher Knecht-
schaft.
Es ist völlig überflüssig zu beweisen, dass das nie-
dere Volk Litauens zu dieser Zeit im tiefsten Dunkel der
Unwissenheit lebte. Denn bei dem Mangel an Ele-
mentarschulen musste dem Volke jede weitere Kenntnis
fehlen.
Fragt man nach dem moralischen Zustand des niederen
Volkes in Litauen, so muss man sagen, dass die Ge-
sittung des einfachen Volkes entschieden besser war, als die
1 Archiv jugozapadnoj Rossi, Th. VI, B. U, S. 10£f.
Kutrzeba, St. Historya ustroju Polski w zarysie (Litwa), -S.
12 ff.
3
66 —
der Magnaten und Kleinadeligen. Dennharte Knechtschaft
und bittere Not hielten das niedere Volk von Völlerei,
Trunksucht, Luxus, Pomp, ‘von stolzem Wesen,‘ weich-
lichem Leben und von allen jenen Gelegenheiten ab, in
denen die guten Sitten zu verderben und die Laster zu
wachsen pflegen. Unter dem Drucke der Knechtschaft
führte das niedere. litauische Volk ein hartes Leben und
hielt darum grösstenteils an den von den Vätern ererbten
strengen Sitten fest.!
1'Johannes Lasicius, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-
hunderts lange Zeit in Litauen weilte (Fr. Max Sobicsz-
czanski, Encyclopedia powsz. Orgelbranda 1864. XVII, Seite 536—
538) überliefert über die Gesittung des niederen litauischen Volkes
folgendes : „Männer wie Frauen sind sehr liebenswürdig und ehrbar.
sehr selten kommt bei ihnen Mord, Diebstahl, Unzucht und Blut-
schande vor. Das Mädchen verfolgt den, der es zur Unkeuschheit
‘ reizt, mit blankem Messer. Es geht mit zwei vorwärts und rück-
wärts hängenden Klingeln und bei Nacht mit einer Fackel einher,
wodurch die Eltern aufmerksam gemacht werden, wo die Toch-
ter ist und was sie treibt... Die Jungfrau heiratet nicht vor dem
dreissigsten Jahre oder sie zählt mindestens 24 Jahre, und sie
verfertigt eigenhändig einige Körbe mit Kleidungstücken, um sie
mit ihrem Bräutigam an alle, die zu ihnen kommen, zu verteilen ;
dabei gibt sie nämlich diesen einen Ueberrock, ein Vortuch,
ein Handtuch, oder aus Wolle gewobene Strümpfe und Handschuhe ;
sie geht nicht eher auf das Land hinaus, bis sie die Eltern bedient
hat und ihnen in allem zu Willen gewesen ist; ebenso macht es der
Sohn. Und die Werber, welche sie zur Frau begehren, sehen zu-
nächst und vor allem’ darauf, ob sie den Eltern gehorsam ist und ob
sie häuslichen Sinn hat... Wenn der Vater eine Gattin für den Sohn
sucht, so schaut er nicht auf schöne Gestalt und Mitgift. Er glaubt,-
dass sie genügend Mitgift hat, wenn sie sittsam, kraftvoll und er-
wachsen ist, sie wird mit grosser Freude in's Haus des Schwie-
gervaters eingeführt.‘
| J. Lasieii, De diis Samogitarum, im Buche: Respublica sive
status Regni Poloniae, Prussiae, Lituaniae etc., Elzeviriis 1626,
p. 298.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, S. 2£.
Narbutt, Dzieje narodu litewskiego IX, S. 490. Wenn auch
‚andere Schriftsteller des 16. Jahrhunderts die Sitten der Bauern
Litauens nicht loben, so sprechen sie doch nirgends von einer Ver-
Obwohl es feststeht, dass, wie auch einige Autoren
behaupten,! ‚die Verderbnis der obern auch in die .nie-
deren Schichten des Volkes einzudringen begann, so wissen
wir nichtdestoweniger bestimmt, dass bis dahin nur das
niedere Volk seine guten Sitten unverfälscht bewahrt hatte.?
Aber die Religion des niederen Volkes war viel schlech-
ter als seine Sitten. Denn nach guter Ueberlieferung
waren im 16. Jahrhundert, und besonders in Samogitien,
noch sehr viele Ueberreste des Heidentums vorhanden.?
Grossfürst Sigismund-August schrieb im Jahre 1547
über den religiösen Zustand Litauens: „Wir haben eine
neue Pflanzstätte für ‘den christlichen Glauben in un-
serem Grossfürstentum Litauen. Denn mit Ausnahme der
Stadt Vilnius ist es hauptsächlich in Samogitien, um
von anderen abergläubischen Gebräuchen zu schweigen,
wo das rohe und unkultivierte Volk Wälder, Eichen, Lin-
den, Flüsse, Steine, auch Schlangen als Götter verehrt
und ihnen öffentlich und zu Hause Schlacht- und Brand-
opfer darbringt“.*
Guagnini sagt: „Es gibt noch‘ heute mehrere Götter-
kulte“. Er beschreibt auch die heidnischen Gebräu-
che der Litauer.® Desgleichen schildert der oben er-
dorbenheit der bäuerlichen Sitten, das geschieht aber sehr oft,
wenn sie von den Sitten des Kleinadels und der Magnaten sprechen.
Relacyc Nuncyuszow, I, S. 64 ff, 96ff, 113ff, 165£f, 238 ff.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, S. 1 ff.
Golebiowski S., Czasy Zygmunta Augusta II, S. 155£f, 281£f.
‘Guagnini, Sarmatiae Europeae descriptio und viele andere.
1 Jaroszewiez, S. 1 ff.
2 Jaroszewiez, S. 2 f. Narbutt, IX, S. 490.
® Opisanie Krolewstwa polsk. przez Bernarda Buongiovanni
3r. 1560. Belacaye Nuncyuszow I, S. 98.
Opis Polski przez Ful. Ruggieri wr. 1565. Belaoya Nuncyus-
zow, I, S. 160.
Relacya o Polsce przez posla weneckiego Hieron. Lippomano, Bela-
cye Nuncyuszow I, S. 248.
4 Epistola Sigismundi-Augusti ad S. Maciejowski 1547 an.
Vilnae (acta Historica IV, N A 29).
9 ..gewisse Schlangen mit vier kurzen Füssen nach Art der
— 68 —
'wähnte Johannes Lasicius in seinem Buche „De diis
Samogitarum‘“ eingehend den heidnischen Aberglauben Sa-
mogitiens im 16. Jahrhundert, mit allen seinen Riten,
Zeremonien und seiner umfassenden Mythologie.! Fast alle
Schriftsteller sagen, dass das Heidentum nur in Samogitien
in Blüte gestanden habe. Aber es fehlt in den Quellen
nicht an Dokumenten, welche uns überliefern, dass im
XVI. Jahrhundert die heidnischen Gebräuche im gesamten
ethnographischen Litauen, also soweit es von Litauern be-
wohnt war, verbreitet gewesen seien.? Ä
Die Ursachen dieser Erscheinung waren mannigfach.
Die Christianisierung des niederen litauischen Volkes.
war meist mit der Spendung der Taufe beendet. Die
Bauern wurden zwar auf Befehl ihrer Herren getauft, aber
der Unterricht in der Religion fehlte ihnen gänzlich. Denn
Kirchen . waren sehr selten, zumal bei der ungeheuren
Eidechsen, mit einem schwarzen und dicken Körper, die sie in
der heimischen Sprache Givojiten nennen, ernähren sie als die
Hausgötter ihrer Behausung. In einem geweihten Hause unter-
gebracht kriechen diese Schlangen an bestimmten Tagen an die vor-
gesetzte Speise und werden dann von den Leuten solange umstanden.
bis sie gesättigt in ihre Behausung zurückkehren, welche mit einer
gewissen Furcht verehrt wird. Wenn ihnen ein Unglück zustösst,
so glauben die Leute, dass ihr Hausgott, die Schlange, nicht gut
empfangen und nicht satt geworden sei... Es gibt auch vier Meilen
von Vilnius entfernt ein königliches Landhaus, Lavariszkes (Lawariski).
in dem von vielen’ bis auf den heutigen Tag noch'Schlangen verehr:
werden. Obwohl dieses nicht in Samogitien vorgekommen ist, sondern jn
Litauen, so habe ich es doch als Beispiel angeführt.“ Alerander
Guagnini, De Ducatu Samogitiae, im Buche: Respublica sive status
Regni Poloniae, Prussiae, Lituaniae, Livoniae etc. Elseviriis 1626,
Ss. 276 ff.
1 De diis Samogitarum caeterorumque Sarmatarum im Buche: Res-
publica sive status Regni Poloniae etc., S. 291 ff.
2 Relacye Nuncyuszow, I, S. 98, 160, 248. Mess. (Bibliothek
zu Vilnius) 158, 1895. Wie lange die Litauer an den heidnischen
Gebräuchen festhielten, ersieht man schon daraus, dass noch heute
sehr viele heidnische Elemente beim einfachen Volke zu finden sind,
und zwar am meisten dort, wo die Kultur weniger Fortschritte gemacht
hat.
=. 60
Ausdehnung des Grossfürstentums Litauen.! Die Bewoh-
ner wohnten zerstreut in den Wäldern und manche von
ihnen besuchten wegen der Entfernung und der sehr
schlechten Wege die Kirche sehr selten oder sogar nie.
Bei solchen Zuständen konnte nur ein wahrhaft apost-
olischer Eifer etwas ausrichten. Wir haben aber schon
früher gesehen, war für Apostel der litauischen Kirche
vorstanden. |
Insbesondere unterliessen es die litauischen Bischöfe,
dafür zu sorgen, dass der Priesterstand aus den Einhei-
mischen sich rekrutierts ; sie betrauten Ausländer, meistens
Polen, mit dem Seelsorgeramt ; Leute, die wegen ihrer
schlechten Führung aus Polen vertrieben worden waren.?
Diese Aus!änder verstanden die litauische Sprache nicht
und vernachlässigten es zumeist, sie zu erlernen, weshalb sie
mit Recht „stumme Hirten‘ genannt werden konnten (Man
darf nicht vergessen, dass das Litauische von den slavischen
Sprachen ganz verschieden ist und den Slaven grosse
Schwierigkeiten zu machen scheint).
Endlich übten die verdorbenen und habgierigen Kle-
1 Zacharias Ferrerius, Apostolischer Nuntius, spricht im Hand-
weiser für die Diözesen Litauens vom Jahre 1520 seine Verwunderung
über die „grosse Entfernung der Kirchen vom Volke und deren
Seltenheit in einer so weiten und ausgedehnten Gegend‘ aus.
Lukaszewiez, Historya szkol w Koronie i w Wielkim Ks. Li-
tewskim II, S. 66f. Note 3.
2 Ich habe oben das Zeugnis des Nuntius Commendoni ange-
führt, das berichtet, dass die litauische Kirche nur vertriebene
polnische Priester (die verdorbensten Ausländer) gehabt habe, die weder
sittlich gut waren, noch den nötigen Unterricht gehabt hatten, und
die obendrein nicht einmal die Sprache und die Sitten der Litauer
kannten. Aber hören wir auch andere zeitgenössische Zeugen : „Die
Bauerr sind in der Religion ungebildet, weil sie keine Priester und
Pfarrer haben, welche ihre Sprache kennen.‘“ Cromerus M. Scrip-
tores rerum Polonicarum XV, S. 174.
„Wenn wir die Diözese Vilnius besuchen würden,... wie viele
Pfarrkirchen würden wir gegen des Priestermangels in jener
Diözese von ihren Leitern verlassen. finden. Wir haben erfahren,
riker eine grausame Herrschaft über die Untergebenen aus:
die oft grausamer war als die der Laien* und machten so
die Litauer. von. sich, wie auch von der Religion abr
wendig.
Das sind die Gründe, welche uns end erklären,
warum das niedere litauische Volk noch ungefähr 150 Jahre
nach der Ausbreitung des Christentums mehr heidnisch
als christlich war. In diesen Schichten war an ein
verständnisvolles Eintreten für die katholische Lehre über-
haupt nicht zu denken.
So:war also der Boden Litauens für dis Aufnahme
des Samens der neuen Lehren nur.zu gut vorbereitet. ‚Die.
welche den Samen der katholischen Lehre säen und pflegen
sollten, vernachlässigten ihre Pflicht, und scheuten sich
nicht einmal die Saat des Aergernisses mit eigener Hand
auszustreuen. Der geistige Boden, auf dem das religiöse
dass sie schon lange Zeit preisgegeben seien und dass, wenn man zu-
fällig in einigen Kirchen einige Priester findet, diese, wie wir gesehen
haben, wegen der Unkenntnis der litauischen Sprache für die Kirche
und das Volk jenes Landstriches völlig unnütz sind. Wir haben
bemerkt, dass wegen des Priestermangels und ihrer Unkenntnis
der Sprache, das Volk nicht nur ohne jeden Unterricht, der zum
Heile beim Sakramentenempfang. notwendig ist, geblieben ist, son-
dern fast ohne Kenntnis Gottes und der Sakramente, gleichsam wie
dummes- Vieh dahinlebt und dass die Kinder sehr oft ohne
die hi. Taufe aus dem Leben gehen.‘ Alexandri Cumulei ad Septen-
trionales Principes Nuntii Apostolici et Visitatoris sede vacante in
Episcopatu Vilnensi Provisio Seminarii pro alendis viginti juvenibus
Lituanis et Bursae Valerianae melioratio (vom Jahre 1595).
Balinski. Akademja. Wilenska.
1 Die Kapitel sprechen sich in ihrer Antwort an den Nun-
tius Lippomano (1555—1557) über die Art und Weise, wie die
Kleriker ihre Untergebenen behandeln, folgendermassen aus: „Wir
geben hier die harten Abgaben und Verpflichtungen, sowie die sehr
schwere Last an,die sie ihren Untergebenen dadurch aufbürden, dass sie
diese auch an Sonn- und Feiertagen zur Arbeit zwingen, sodass sie
sich nichts daraus machen, wenn sie es hierin den Adligen gleich
tun, und diese in vielen anderen Hinsichten sogar noch übertreffen..
Relacye Nuncyuszow I, S. 46 £.
=. I Se
Leben hätte erblühen sollen, lag teils brach, teils nährte er
unfruchtbare und schädliche Kräuter. Hier konnte jeder,
ae Macht hatte, säen, was er wollte:
II.
Die Anfänge der Glaubenspaltung in Litauen.
Wege, auf denen der Protestantismus nach Litauen kam: Herum-
wändern der Magnaten und niedern Adeligen. Handel und Verkehr.
Der erste Samen der neuen 'Lehren in Litauen und seine ersten Ver-
breiter: Tortyllowicz, Abraham Culvensis, Albrecht von Preussen
und seine Tätigkeit zur Verbreitung des Protestantismus in Litauen.
Ausbreitung der neuen Lehre in ‚Litauen. Hindernisse, die der neuen
Lehre in den Weg gestellt wurden. — Die Bischöfe von Vilnius:
Johannes de Ducibus Lituanise; Paulus, Dux Holszanensis, seine
Tätigkeit, um die Fortschritte der neuen Lehre zu hemmen. —
Die Bischöfe von Samogitjien: Wenzeslaus Vierzbicki. — Beziehung
der weltlichen Macht zur neuen Lehre. König Sigismund I. Seine
Edikte gegen die Verbreitung der .neuen Lehre. Ursachen, welche die
Litauer für die Annahme der Neuerungen empfänglich machten:
Sittenverderbnis des Klerus, ungenügendes Eindringen der katholischen
Lehre in Litauen. Die Sitten der Litauer und Eigentümlichkeiten
der Zeit; Leichtlebigkeit und ‚‚Nachäfferei‘‘ der Magnaten und
des niedern Adels. Dar Humanismus in Litauen. Herrsch- und
Habsucht der Magnaten. Ursachen, welche die Neuerungen ins Land
brachten. |
I.
Nachdem wir gesehen haben, wie der Boden Litauens
zur Aufnahme der neuen Lehre vorbereitet war, müssen wir
auch die, welche die Aussaat besorgten, die Aussaat selbst
und die günstigen Umstände, welche den Sprösslingen för-
derlich waren, und ihr Wachstum kennen lernen.
Die Geschichte überliefert über die ersten Verkünder
des Protestantismus und seine Verbreitung in Litauen
sehr wenig. |
I
Wann die ersten Samenkörner der neuen Lehre in
Litauen ausgestreut wurden und werdie ersten Säer waren.
ist nicht sicher bekannt. |
Wir wissen jedoch, dass die protestantischen Ideen
auf zwei Wegen in Litauen. Eingang gefunden haben.
Zunächst wurden die Magnaten und Kleinadeligen.
die nach damaliger Sitte in den Ländern des Westens um-
herzogen und die Universitäten besuchten, dort mit den
neuen Lehren bekannt, die sie dann in der Heimat unter
ihren Landsleuten aussäten.!
Doch gab es auch Priester, die der Studien halber die
Universitäten des Westens besuchten und so für die neue
Lehre gewonnen wurden.?
Ein zweiter Weg war der Handel und Verkehr mit
Deutschland und besonders mit Preussen. Die Kaufleute
aus Litauen besuchten oft die Städte Deutschlands und
besonders die Preussens.. Ebenso kamen Deutsche des
Handels wegen nach Litauen ; viele von diesen und an-
dere Ausländer pflegten in Litauen zu bleiben, wie wir
bereits gesehen haben.? Kein Wunder, wenn also die neue
Lehre, besonders unter den Bewohnern der Städte, Ver-
breitung fand.
— nn — oo
1 Die Sitte nach dem Westen zu gehen, um die verschiedenen
Lehrer zu hören und die Universitäten zu besuchen, war unter
Jen Magnaten Polens wie Litauens, zumal im 16. Jahrhundert, sehr
verbreitet. Dies galt für eine bessere Bildung als unumgäng-
lich notwendig. In Litauen war es in den Gesetzen festge-
legt, dass niemand diesen Aufenthalt im Auslande hindern könne
(Statut Litewski, Rozdz. I, art. 16). Die Friedenszeit und der
Reichtum begünstigten diese Wanderungen in's Ausland sehr. Die
3 Kozuchowski, Constytucye koronne yW. Ks. Lit. Mokrsk
dem Drange, in der Fremde neue Dinge, Abenteuer und Gefahren
aufzusuchen.
2 Ossolinski, Wiadomosci historyczno-Krytyezne IV, S. 179.
3 Kozuchowski, Constytucye koronne y W. Ks. Lit. Mokrsk
1132, S. 354 f.
Golebiowski, Czasy Zygmunta Augusta II, 8. 253 £.
Czacki T., O litewskich i polskich prawach I, S. 107, 135.
u. wi
Wer die neuen Lehren in Litauen zuerst offen aus-
zustreuen begann, darüber sind die jüngeren Autoren ver-
schiedener Meinung.! Soviel wissen wir aber bestimmt, dass
schon einige Jahre nachdem Luther zum Abfall von der
katholischen Kirche aufgerufen hatte, unter den Litauern die
neue Lehre derartig verbreitet war, dass der Bischof von Vil-
nius, Johannes, genannt „de ducibus Lituaniae‘, für dieses
Uebel ein Gegenmittel suchen musste und im Jahre 1526
oder 1527 eine Diözesan-Synode berief, auf. der er ien
‚Zustand in seiner Diözese mit folgenden Worten schilderte:
„Angesichts der gegenwärtigen Lage wundern wir uns, dass
in unser Grossfürstentum Litauen so mannigfaltige Riten
des christlichen Glaubens, so viele Abwege und Unterschiedr
der Religionsübung, deren täglich leider neue entstehen;
eingedrungen sind, wodurch die einfachen und ungebil-
deten Kleriker angesteckt, durch’ schlechte Sitten und ver-
‚abscheuungswürdige Gewohnheiten verdorben, in schwere
nn
1 A. Wegierski (Regenvolscius), ein Schriftsteller aus der Mitte
des 17. Jahrhunderts, der noch als Quelle in Betracht kommt, nennt als
ersten ' Verbreiter des Protestantismus in Litauen den Abraham Culven-
sis: „Bei den Litauern fassten vom Jahre 1539 an die Anhänger
Luthers aus Deutschland Fuss, und zwar unter Leitung eines gewissen
Abraham Culva, eines Doktors der Theologie, der in der Stadt Vilnius
eine Schule eröffnete, in der er 60 Schüler unterrichtete.‘‘ Sys-
tema historio-chronologicum 1652. Trajeci ad Rhenum, p. 74.
Kojalowicz, ein Zeitgenosse des Wegierski, der ebenfalls zu den
_Quellenschriftstellern gerechnet werden darf, nennt als ersten Verbreiter
‚des Protestantismus in Litauen einen gewissen Viklef (nach anderen
Vincler) ‚Im Jahre 1555 erschien zuerst in Vilnius ein Ausländer, na-
mens Viklef (dem Stande nach Priester, wie er angab). Dieser erhielt
die Erlaubnis den Bewohnern der Stadt und den Ausländern in
‚deutscher Sprache zu predigen. Dieses tat er unter grossem Zulauf in
der St. Anna-Kirche, sodass er keiner Behörde als verborgenes
Gift erschien.‘ Miscellanea, S. 64. R
Friese, vom Ausgange des 18. Jahrhunderts, gibt ein ganz
anderes Zeugnis: ‚In Litauen soll die evangelische Lehre schon
1525 ihren Anfang genommen und im selben Jahre ein Fran-
':ziskanermönch, der schon viel Einsicht gehabt, Luthers Lehre öffent-
lich gepredigt haben. Um das ‘Jahr 1535 hatte sich diese schon
_ A —_
Gefahren für die Seele geraten, um nicht zu sagen, dass sie
den kanonischen Strafbestimmungen anheimgefallen sind“ .!
Dennoch scheint es an solchen Neuerern gefehlt zu
haben, die, nachdem sie die katholische Religion verlassen
hatten, offen ihre Lehre bekannten, und ebenso fehlte es an
durch ganz Litauen verbreitet, und es mögen ohne Zweifel viele
durch die Einwohner aus dem benachbarten Preussen, aus Kur- und
Livland dazu gebracht worden sein... -Die bekanntesten Lehrer waren
Georgius Martinus Moscovidius, Stanislaus Rappagelanus, der erst
ein Franziskanermönch gewesen, dann die Kutte weggeworfen, nach
Wittenberg gegangen und sich eine lange Zeit bei D. Luthern auf-
gehalten, von ihm auch zum Doktor der Theologie gemacht worden ....
Aus seinem Schreiben, so dieser Rappagelanus 1543 an den König
von Polen ergehen lassen, sieht man, dass noch mehr gelehrte
Litauer gewesen, die wegen der Verfolgung ausserhalb Landes ge-
gangen sind... so Abraham Culva, welcher erst zu Krakau studierte,
von da begab er sich nach Wittenberg, studierte unter Melanchthon
und kam um das Jahr 1538 nach Litauen zurück. 1539 hielt
er ansehnliche Collegia zu Wilda ;(Vilnius), wohin er viele andere
Polen und Litauer, die vorhin unter seiner Direktion zu Witten-
berg studiert, gezogen, sodass über sechzig junge Leute beisammen
waren, hernach aber ist er wegen der Verfolgung nach Königsberg
gegangen‘‘. Beiträge zur NBReformationsgeschichte 1786, S. 70 £.
Soweit die alten Schriftsteller. Unter den jüngeren Autoren sind die
Meinungen ebenfalls sehr verschieden.
Jaroszewicz folgt Wegierski und fügt nichts selbständiges hinzu.
(Obrak Litwy III. S. 31 £.).
Bukowski hat in der Hauptsache die Friesesche Ansicht über-
nommen (Dzieje Reformac. I, 338 ff.).
Przyalgowski schliesst sich Wegierski an und gibt dessen An-
sicht wieder, wenn er sich auch nicht auf Wegierski beruft
(Zywoty Bisk. Wilensk. I, S, 147 ff.).
A. F. Adamowicz scheint in seinem kleinen, aber durchaus
wissenschaftlich gehaltenen Büchlein Friese zu folgen, aber er
erwähnt weder diesen noch andere Quellen (Kosciol Augsburgski
w. Wilnie 9—12). Allen jüngeren Autoren ist jedoch Wotschke
vorzuziehen, der nicht nur Wegierski und Friese vor Augen hat,
sondern wichtige Quellen und unbekannte Briefe anführt. Deshalb folge
ich ihm vor allen anderen. Siehe seine Werke: Geschichte der
Reformation in Polen, Leipzig 1911. S. 87 ff. Abraham Culvensis
in der ‚Altpreussischen Monatschrift‘“. Bd. XLIl. H. 3, 4.
1 Jocher A., Obraz bibliografizno-historyczny literatury i nauk
w Polsce, Vilnius 1839—58. III, S. 381.
u, IE
ständigen Predigern, welche die neue Lehre hätten verkünd-
en können.!
Die ersten EN Dreier der ee
Lehre, über die wir sichere Zeugnisse haben, sind Tor-
tyllowicz und Abraham Culva.
Torbyllowiez, Pfarrer zu Szilale (Sileli) in Semogikiäi
gab den katholischen Glauben um das Jahr 1535 auf und
versuchte Luthers Lehre in seinem Lande auszubreiten. Zur
Flucht gezwungen ging er nach Preussen, wo er sich!
niederliess (Er ist der Ahnherr der bekannten ostpreussi-
scher. Familie Tortyllowiez v. Batocki-Frieben geworden) .?
Bukowski, Dzieje Reformacyi w Polsce I, 547 f.
.Golab J. Starania Polski osobor powszechny, Krakow 1911,
S. 120 ff. |
Bukowski sagt, dass Wiese Synode zwischen den Jahren 1519
und 1523 abgehalten worden sei. Przyalgowski verlegt sie in das Jahr
1526. Golab endlich versichert (in seinem bereits erwähnten Werke), dass
diess Synode im Jahre 1526 oder 1527 stattgefunden habe. Die An-
sicht Bukowskis ist zu verwerfen, da sie sich auf kein Argument
stützt und einigen Tatsachen widerspricht. Mehr Glauben dagegen ver-
dient die Golabsche Ansicht. Auf dieser Synode wurden viele
nützliche Bestimmungen erlassen.
*In einem Manuskript aus dem Jahre 1536, das ich ohne
Titl und arg verstümmelt in der Bibliothek des Seminars
zu Vilnius fand, las ich (im Vorwort folgendes: „Alles ist näm-
lich derart verwirrt, alles derartig in Auflösung, dass kaum ir-
gendwo eine Spur der Tugend. zu finden ist... überall macht
sich Verdorbenheit ‘und Ueppigkeit breit... die Priester ver-
abscheuen jede heiligmässige Lebensführung, durch jede Art van
Schandtaten sind sie entweiht und geben sich der Schlemmerei
und Unzucht hin... Und was noch schlimmer ist, viele scheinen
sich heimlich haeretischen Ansichten und Irrtümern anzuschliessen,
die aus Deutschland in unser Grossfürstentum eingeführt sind.“
Am Schlusse des Vorwortes befindet sich eine Bemerkung über das
Jahr, in welchem die Handschrift geschrieben worden ist, aber Ver-
fasser und Entstehungsort bleiben unbekannt.
Das Manuskript der Seminarbibliothek zu ‚Vilnius, das vor der
Mitte des 16. Jahrhunderte geschrieben ist, bezeugt, dass die
neue Lehre unter dem Bischof :von Vilnius, namens Johannes de
Dueibus Lituaniae (1519—1536) ziemlich verbreitet worden sei, aber
sich heimlich eingeschlichen habe und keine ständigen Prediger hatte.
2 Wotschke, Abraham Culvensis, p. 169 ff.
Abraham Culva, ein vornehmer Litauer, besuchte ver-
schiedene Universitäten Westeuropas, u.a. auch die zu
Wittenberg und erwarb sich dort die akademischen Grade.
Von reformatorischem Eifer beseelt, kehrte er in die Heimat
zurück und fand die Unterstützung der Königin Bona.
Durch deren Gunst war es ihm möglich in Vilnius eine
höhere Schule zu gründen, in der er die Kinder aus dem
Magnaten- und Adelstande (ungefähr 60 an der Zahl),
vier Jahre hindurch (von 1538—1542) in den Sprachen
unterrichtete und ihnen zugleich die protestantische Lehre
beibrachte. Auch verkündete er die neuen Lehren von der
Kanzel herab. Lange Zeit verstand er es, sich dem wach-
' samen Auge des Bischofs zu entziehen. Endlich überführt
musste er auf Grund eines Ediktes des Königs Sigismund I.
(1542) in die Verbannung gehen.! |
Wenn wir auch nur von diesen protestantischen Pre-
digern unter der Regierung des Grossfürsten Sigismund
II. in Litauen sicheres wissen, so unterliegt es keinem
Zweifel, dass es deren viel mehr gegeben hat.?
Das wichtigste Zentrum, von dem aus sich die Flut
Derselbe, Geschichte der Reformation in Polen, S. 837 £.
INach einjähriger Verbannung kehrte Culva in die Heimat
zurück, um unter dem Schutze von Nikolaus Radvila (des
Schwarzen) gegen die Katholiken zu kämpfen. Er liess sich von
neuem in Vilnius nieder, doch raffte ihn bald eine Krankheit
hinweg. Wotschke behauptet unter Bezugnahme auf den Brief der
Mutter des Culva an Herzog Albrecht, dass Abraham von den
Katholiken durch Gift beseitigt worden sei. Aber die Mutter,
die dies nur vermutet, erbringt in diesem Briefe keinen Beweis dafür.
Wotschke, Abraham Culvensis, S. 154 ff. \
? Einige Autoren rechnen den Italiener Lismaninus aus dem
Franziskanerorden, den Beichtvater der Königin Bona, der, wie man
bestimmt weiss, ein Neuerer war, ferner Stanislaus Rapagelanus (Ra-
pailovitz), Georg Mosvidius, Georg Zablocki und Georg Haustinz, lauter
Litauer, zu ‘den ersten Verkündern des Protestantismus in Litauen.
Georg Zablocki hatte, nach Wotschke, 1540 in Wittenberg stu-
diert und war als Unterlehrer an der Schule Culvas tätig. Dann ging
er nach Polen, wo er „‚seines evangelischen Bekenntnisses wegen“
‚sein Lehramt aufgeben musste und schliesslich wieder mit Cul%a
der Neuerungen über Litauen ergoss, war Preussen, dessen
Herzog Albrecht die protestantische Sache in Litauen
mit allen Kräften begünstigte.
Geradezu erstaunlich ist der Eifer, mit den Albrecht.
an der Ausbreitung des Protestantismus in Litauen ar-
beitete. Mit Wort und Tat förderte er die neue Lehre
und scheute sich durchaus nicht zu ihrer Förderung grosse
Kosten auf sich zu nehmen, obwohl er selbst nicht über
ein grosses Vermögen verfügte.! Es ist nicht anzunehmen.
dass er einzig aus reinem Eifer für den Protestantis-
mus so gehandelt hat, vielmehr dürfte er sich aus der
Verbreitung des Protestantismus in Litauen und Polen
die grössten politischen Erfolge versprochen haben. Wot-
schke hat den Briefwechsel zwischen ihm und den litaui-
schen Magnaten, der Königin Bona und Sigismund-Augusit
herausgegeben. Darin empfiehlt Albrecht den Magnaten die
protestantischen Lehrer, schützt diese vor Verfolgungen,
sorgt dafür, dass die Kinder der Magnaten und Klein-
adeligen in seine Akademie geschickt werden und ordnei,
andere Angelegenheiten, welche die Verbreitung des Protes-
tantismus in Litauen betreffen.? |
Kurz, Albrecht arbeitete in dieser ersten Periode an
nach Vilnius kam‘. Die anderen Autoren und Quellen, die ich sin-
dier%* habe, wissen von ihm, wie von den anderen obgenannten, fast
nichts.
Adamowiez A.-F., Koseiol Augsburski w Wilnie, 8. 7 ff.
Bukowski, Dzieje Reformac. w Polsce, I, S. 337 ff.
F'riese. Beiträge zur Reformationsgeschichte II., Th. I, S. «Of.
Wotschke, Geschichte der Reformation in Polen, S. 37 ff.
Derselbe, Abraham Culvensis, S. 169 ff. .
1 Im übrigen liess er auf seine Kosten litauische und polnische
Büche. drucken und protestantische Prediger erziehen, die er nach
Litauen sandte und dort unterhielt, auch nahm er die von dort
vertriebenen auf.
Liubowiez, Albrecht Herzog Prusskij i reformacia w Polsche.
Zurnal Min. Narodn. Pr. 1885, B. 240, S. 125 £f. (russisch).
2 Wotschke, Abraham Culvensis, Beilagen I, TL, DL IV, VW,
VI. u.s. w. bis XXXIV.
der Ausbreitung des Protestantismus in Lütauen so sehr,
‚dass er zweifellos dessen eifrigster Förderer war.l
Fast alle Historiker, welche über den Protestantismus
in Litauen geschrieben haben, glauben, dass der Anfang der
'Glaubenspaltung. in die ersten Jahre der Regierung Si-
giemunds-August zu legen sei. Doch fehlt es nicht an Ar-
‚gumenten, welche beweisen, dass schon vor dem Tode des
Königs Sigismund I. der neuen Lehre heimlich gehuldigt
wurde.
So besagt eine alte Inschrift der Kirche zu Jeznas,
dass die neue Lehre bereits um das Jahr 1545 im: Gross-
fürstentum Litauen eine gewisse Macht besass.?
Sodann sagt das Manuskript der Seminar-Bibliothek
zu Vilnius (aus den Jahren 1610—15) deutlich, dass schon
in den ersten Jahren der Regierung des ‚Bischofs von
Vilnius, Algimunt Holszanski (1536—1555), die neuen
Lehren überall an Ausdehnung gewonnen hatten, wenn-
‚gleich sie sich aus Furcht vor N II. verborgen
‚genalten hätten.’ '
1 Gewiss begünstigten schon sehr viele litauische Magnaten den
Protestantismus, jedoch förderten sie ihn noch nicht so energisch wie
nachher in der zweiten Periode, wie wir noch sehen werden.
2 Jeznas ist eine kleine Stadt im .Regierungsbezirke Trakai
(Diözese Vilnius). Hier lagen einst grosse Landgüter des Geschlechtes
‚der Pac. In einer alten, mehrmals restaurierten, sehr schönen Kirche
befanden sich mehrere Inschriften, die heute in den Manuskripten
-des Pfarr-Archive aufbewahrt werden, von denen die folgende be-
merkenswert ist: ‚Diese Kirche, die 6 Jahre später die Häretiker,
welche zu dieser Zeit in Litauen heimlich zu” Werke gingen, sich
‚aneigneten, gründete im Jahre 1540 Nicolaus Pac, Karvede (Woje-
woda) n wun Podlachia .“
® „Als Paulus Algmundus, Herzog von Holszany, Bischof war
(1536—1555), wuchs die neue Lehre so sehr, dass sie sehr viele An-
hänger unter den niedern Adligen und Mägasten hatte. Anfangs hielten
‚die Häretiker, obwohl sie schon zahlreich waren, ihre Schlechtigkeit
versteckt, als aber Könjg Sigismund I., der mit starker Hand den
Uebermut der Häretiker gezügelt hatte, tot war, setzten’ sie eine Ka-
tholikenverfolgung ins Werk.‘ Manuskript in der Seminar-Bibliothek
za Vilnius.
-
wi MG
Endlich beweist der neulich herausgegebene Brief-
wechsel zwischen den litauischen Magnaten und dem Her-
zog Albrecht von Preussen klar, dass vom Jahre 1536
ab die ersten litauischen Familien, namentlich: Chodkie-
wicz, Radvila« Keyzgallo tund andere der neuen Lehre
offen zugetan waren und sie gefördert haben.!
Mag auch schon vor dem Tode des Königs Sigis-
mund I. der Protestantismus unter den Magnaten und dem
Kleinadel viele Gönner gehabt haben, so fehlten ihm aber
doch die Kirchen. und die Diener zum Gottesdienste.?
Viele begünstigten zwar die Neuerung, aber sie scheuten
sich, offen von der angestammten Religion der Vorfahren
abzufallen.
Mit dem Tode Sigismund I. hört die erste Periode
der Geschichte des Protestantismus in Litauen — die man
dıe vorbereitende nennen kann — auf.
Ihr wichtigstes Merkmal ist die geheime Ausbesiking
des Protestantismus, der sich rasch viele Gönner und An-
hänger erwarb. Ä
Es fehlte aber auch nicht ganz an Widerständen
gegen die Neuerer. Johannes de Ducibus Lituaniae berief
als Leiter der Kirche von Vilnius die bereits erwähnte
Diözesan-Synode vom Jahre 1527, auf der er zur Reform:
1 Wotschke, Abraham Culvensis: Beilagen : II, VI, XII, Xlll, XIV,
XXU, XX1l, XXV, XXVII, XXVIIIL, XXIX, XXX, XXXI, XXXIL,
XXXII, XXXV. Mit meiner Ansicht scheint auch der Historiker
Czacki übereinstimmen, Vergl. Dziela wyd. Raczynski Poznan 1845,
Ill, S. 12. S. ferner Friesa, Beiträge zur a III,
Th. 1, S. 70 £.
® Nirgends ist zu lesen, dass unter König Sigismund I. auch nur
eine Kirche der Neuerer in Litauen bestanden . hätte. Siehe die.
vorgenannten Autoren... H.M(erzyng)-Zbory i senatorowie w dawnej
Rzeczpospolitej, . Warszawa 1905, S. 83 ff. Nicht mit- Unrecht
glaubt man, dass die erste von den Neueren erbaute Kirche, die
zu Vilnius gewesen sei. Natürlich bestehen über die Zeit ihrer Ent-
stehung abweichende Ansichten, aber es wird von niemand behaup-
tet, dass sie vor dem Jahre 1550 erbaut worden sei. |
A(damowiez) A.F., Kosciol Augsburgski w Wilnie, S. 22 £.
— 80 —
der kirchlichen Disziplin viele heilsame Verfügungen traf.1
Doch glaubte der Bischof nach‘ der Mitteilung dieser
Verordnung an die Priester für die kirchliche Reform genug
getan zu haben ; er widmete sich seitdem ganz der Verwaltung‘
seiner ungeheuren Güter und der Errichtung von Bauten,
sodass er während der langen Zeit, in der er Bischof war,
ausser jener Synode fast nichts mehr tat, um die von
Tag zu Tag wachsende neue Lehre zu zügeln oder die
Sitter. der Kleriker zu reformieren.?
Auf Johannes folgte Paulus Algimuntus, Dux Hol-
szanensis, der von seinem Vorgänger durchaus verschieden
war. Er war ein tatkräftiger, unerschrockener, hervor -
ragender Mann. Er umgab sich mit königlichem Pomp
! Die verschiedenen Missbräuche bei den heiligen Riten wurden
abgeschafft. Es wurde Weisung erteilt, dass an allen Pfarrkirchen
Elementarschulen errichtet werden und dass keine deutschen Leh-
rer in den Schulen zugelassen werden sollten. Dem Volke sollte die
hl. Schrift erklärt werden u.s. w. Die Bestimmungen dieser Synode
sind gedruckt worden. Das Büchlein ist heute sehr selten. Sein
Titel lautet: Statuta Vilnensis dioezesis synodaliter per illustris-
simum Principem et Reverendissimum Dominum Joannem de Duci-
bus Lituaniae (Das Druckjahr ist nicht angegeben).
Jocher A., Obraz bibliografiezno-historyezny literatury i nauk
w ‚Polsce, Wilno 1839—58, III, S. 381.
?2 Przyalgowski, Zyaly biskupow Wilenskich I, 102 ff.
Nicht alles was Przyalgowski erzählt, erscheint glaubenswürdig ;
der Verfasser führt auch wenig Quellen an. Da aber bis jetzt
niemand eine bessere Lebensbeschreibung der Bischöfe von Vilnius
verfasste, musste ich eben dieses Werk benutzen.
Kojalowiez, Naramowski und Rzepnicki bringen fast nichts über
diesen Bischof. Bischof Johannes kam im Jahre 1536 auf den
bischöflichen Stuhl von -Posen, wo er 2 Jahre später starb.
In den Akten des Posener Kapitels finden sich über ihn folgende
Worte: „Dominns Johannes de Ducibus Lituaniae episcopus posna-
niensis, Setcundo sui episcopatus anno defunctus est; hic nullam re-
formationem in clero neque aliquam ejus defensam fecit‘‘. Akten des
Posener Kapitels vom 18. Februar des Jahres 1538 (Acta Histo-
rica, XIII).
3 Das bereits genannte Manuskript des Seminars zu Vilnius,
geschrieben im «Anfang es 17. Jahrhunderts, sagt über Bi-
ER
und Luxus ! und wollte auch eine königliche Gewalt aus-
üben. Daher rückte er der Reform nicht mit geistigen,
sondern mit weltlichen Waffen zu Leibe.
Er erteilte Befehle, die Neuerer aufzuspüren, sie zu
fangen, in die Gefängnisse zu werfen und zu töten.
Dieser Art die Religion zu schützen, mochte sie auch die
zu jener Zeit übliche sein, musste aber wirkungslos bleiben.
d& sie nur Anwendung finden konnte, wo der Bischof
die volle weltliche Gerichtsbarkeit hatte. In den 'Ter-
ritorien der Magnaten hatte der Bischof zwar theo-
retisch die Gerichtsbarkeit gegen die Neuerer, prak-
tisch aber konnte er diese nur mit der ausdrücklichen
Zustimmng der Herren ausüben. Dort also, wo die Mag-
naten den Neuerern ihren Schutz angedeihen liessen, konnte
der bewaffnete Arm des Bischofs diese nicht erreichen,
Uebrigens scheint auch dieser Bischof ein Mäcen und
mehr ein Beschützer der Künste, als der Religion ge-
wesen zu sein, wie aus glaubwürdigen Quellen hervorgeht. ?
Die Kirche von Samogitien wurde in dieser Sturm-
und Drangzeit von Wenzeslaus Vierzbicki geleitet (1534—
schof Paulus folgendes: ‚....qui non nudum nomen, sed fortitudinem
Ducum Holszaniensium gessit: Qui vir strenuus, fortis, animo in-
flexibili fuit... haereticam pravitatem non mollibus verbis, sed,
exiliis, incarcerationibus atque aliis poenis eradicare adnisus est.
ıAanuskript ohne Nummer).
I Przyalgowski,, im zitierten Werke Bd. I, S. 141ff.
Lappo. Welikoje Kn. Lit., S. 5%.
2 Manuskript der Seminar-Bibliothek zu Vilnius ‚,...Haereti-
corum pertinaciam gladio infringere non dubitavit...“
Przyalgowski, I, S. 147. Ob wirklich dieser Bischof einen Neuerer
mit dem ‚Tode bestrafen liess, können wir nicht bestimmt beweisen.
Gestützt jedoch auf das oben genannte !Manuskript und auf
den Brief der Königin Bona an den Herzog Albrecht von Preussen,
glaube ich dieses annehmen zu müssen. Wie wir schon sahen, hatten
die Bischöfe und übrigen Magnaten über ihre Untertanen absolute
Gewalt. Da sie diese schon wegen geringen Ursachen zum Tele
verurteilen konnten, so war dies bei Haeresie natürlich noch mehr:
der Fall.
3 MS. 168., fol. 103. Ossolineum, Lemberg.
— 92 —
1555)1. Aus seinem Leben und seinen Werken wissen wir
nur, dass er den Reichtum liebte, eine reiche Erbschaft hin-
terliess? und eine Diözesan-Synode zusammenberief. Ob
und wie er die neue Lehre bekämpfte, die unter seiner
Regierungszeit schon weit um sich: gegriffen hatte, ist uns
gänzlich unbekannt. Aber aus dem Schweigen der Zeit-
genossen über seine Regierungszeit, die von langer Dauer
war, können wir schliessen, dass er nichts Nennenswertes
getan hat.? Es sind also von Seiten der Kirche der
neuen Lehre wenige oder gar ‚keine Hemmnisse bereitet
worden.
Aber auch darüber braucht man sich’ durchaus nicht
zu wundern. Denn obwohl die Kirche gegen ihre Gegner
genügend geistige Waffen hat, so sind doch nicht immer
die geeigneten Leute zur Hand, um mit diesen den Feind
zu bekämpfen.
Wie wir gesehen haben, waren die Diener der
Kirche zu jener Zeit so sehr heruntergekommen, dass
sie solche geistige Hilfsmittel weder anwenden, noch' ver-
stehen konnten.
1 Nach dem Tode des Bischofs Radvila (1522) verwaltete der
Kanonikus Georg Taliat als Kapitularvikar die Kirche von Samogitien
ungefähr 10 Jahre lang. Ueber sein Leben und seine Werke wissen
wir nichts. 1532 kam Nikolaus Wizgajlo (Visgalis) auf den Bischofs-
stuhl von Samogitien. Von ihm berichtet Kojalowicz, dass er in sei-
nen weisen Entschlüssen ein leuchtendes Vorbild und von hervorragender
Sittenreinheit gewesen sei (Vom Volke erhielt er den Beinamen
„Eiferer für's Vaterland“). Valancius bezeugt, dass dieser Bi-
schof ein kluger und geschickter Mann (,‚buklus‘) gewesen sei.
Er verwaltete aber das Bischofsamt nur kurze Zeit, denn er starb
im folgenden Jahre. Auf ihn sollte Georg Taliat folgen, aber bevor
er den bischöflichen Stuhl besteigen konnte, sank er ins Grab. Dessen
Nachfolger wurde dann Wenzeslaus Vierzbicki. Cf. Kojalowiez, Mis-
eellanea rerum, S. 85. Naramowski, Facies rerum sarmaticaum Bd.
41, 8. 532 ff. Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste I, 79f£f.
2 Kojalowicz und Naramowski sagen, dass der Bischof dieses Geld
zu Gunsten der Kirche habe bestimmen wollen.
9 Kojalowicz, Naramowski, Wolonczewskis in den bereits genannten
Werken.
9 —
Wie verhielt sich die Zivilbehörde gegenüber den Fort-
schritten des Protestantismus ?
Die protestantische Lehre begann sich der Zeit öffent-
lich in Litauen zu verbreiten,! als König Sigismund I., als
schwächlicher Greis, den früheren Eifer verlierend, es
aufgab, durch strenge Edikte gegen die Protestanten vor-
zugehen .?
Die Edikte, die früher von Sigismund I. gegen die
Protestanten erlassen worden waren,3 bezogen sich wahr-
1 Bewegungen, die durch die neue Lehre hervorgerufen: waren,
traten nach dem Jahre 1535 zu Tage. MS. in der Bibl. des
Priesterseminars zu Kaunas.
Wotschke, Geschichte der Reformation in Polen, S. 87 ff.
2 Wegierski sagt über die letzten Jahre Königs Sigismund I.:
„Verum tamen Sigismundus I. Pater Augusti sub finem vitae suae
plurimum mutatus et lumine Spiritus Sancti illustratus, maxime de-
lectabatur, contionibus sacerdotum, vitia et errores Pontificios re-
prehendentium, purique Evangelii praedicatione ad Jesum, unicum
mundi Salvatorem, conscientias humanas deducentium. Quos etiam pa-
trocinio suo fovebat, et contra persecutiones a clero Papistico pro-
tegebat, ut Ilsam sive Jacobum Ilszensem, ad S. Stephanı tempiuu.
:Cracoviae, a vicario loci ordinarii ÜCracoviensis. Nicolao Bedlenio,
‚anno 1531 haereticum pronuntiatum et alios.‘“‘ Systema Historico-
.chronologicum ecelesiarum slavonicarum, p. 208.
® König Sigismund I. veröffentlichte das erste Edikt im Jahre
1520 zu Torun (Thorn), in welchem er bei Strafe der Verbannung und
‚Einziehung der Güter verbot, die Bücher Luthers einzuführen
und zu verkaufen. 1522 erneuerte er dieses Edikt zu Gardinas
und betonte besonders dessen Vollstreckung. Da dieses nicht genügte,
erliess er zu Krakau im Jahre 1523 ein neues, das strengste von allen,
.das die Einfuhr von häretischen Büchern und die Annahme der neuen
Lehre unter Androhung der Strafe der Verbrennung auf dem Scheiter-
haufen verbot. Das vierte Edikt vom Jahre 1534 befahl, dass
‚alle Studierenden Polens aus den Schulen zu Wittenberg in die
Heimat zurückkehren sollten, und dass der Besuch dieser Schulen
unter der Strafe ewiger Verbannung verboten sei. Sechs Jahre später
:arbeitete König Sigismund das Edikt wieder um, dehnte es auf die
meisten Städte Deutschlands aus und verschärfte die darin fest-
gesetzten Strafen; 1543 wird ein neues Edikt veröffentlicht, das
aber sehr gemildert war, denn es wird nicht das Bekenntnis, sondern
-die Verbreitung der Irrtümer mit Strafen belegt. Der Besuch der
u —
scheinlich nur aufdastKönigreich Polen und wurden nicht.
auf Litauen ausgedehnt.!. Ä
Trotzdem ist es sicher, dass von König Sigismund I.
auch gegen die Neuerer in Litauen einige Edikte erlassen
worden sind.”2 Aber deren Zeit und Dauer lassen sich
bis heute noch nicht feststellen, da die Autoren hierin.
nicht übereinstimmen und direkte Quellen fehlen.” Mit
Berufung auf diese Erlasse zwangen die Bischöfe die oben
genannten Prediger in die Verbannung zu gehen.
Im Allgemeinen aber schadeten diese Edikte dem Fort-
schritt der protestantischen Sache nicht viel, denn einerseits
drang der König zu wenig auf die Ausführung seiner
Vorschriften und anderseits fanden die Protestanten bei
deutschen Schulen wird wieder gestattet. 1544 endlich erlässt Si-
gismund sein letztes Edikt gegen die Einfuhr und Verbreitung von
Büchern der neuen Lehre. Aber diese Erlasse kamen überhaupt
nicht zur Ausführung und verhinderten auch die Verbreitung der
neuen Lehre kaum.
Kautz, Praecipua et publica religionis evangelicae in Polonia
fata sub Sigismundo I. et Sigismundo-Augusto, Hamburgi 1735,
p. 13, 18 ss.
Friese, Beiträge zur Reformationsgeschichte Th. IL, Bd. 1.
Ss. 36, 50 f., 57 ff.
Zakrzewski, powstanie i wzrost reformac. w Polsce, S. 22 ff£.,.
226 ff. |
Zukowiez, Kardinal Gosij i polskaja cerkov, S.P.B. 18S2,
S. 70 ff. (russisch).
1]n diesen Erlassen wird nämlich Litauen nicht erwähnt und
die litauischen Senatoren haben keinen dieser Erlasse unterschrieben.
Dass das nötig gewesen wäre, kann nicht bestritten werden, da
Litauen damals ein von Polen getrennter Staat war. Auch schienen
solche Erlasse für Litauen nicht nötig zu sein, denn (wie ich schon
öfters bemerkt habe) wagte der Protestantismus sich erst nach dem
Jahre 1535 an die Oeffentlichkeit.
Bukowski, Dzieje reform. I, 342 f.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, 23ff.
2 Akty zapadnoj Rossii S.P.B. 1846—1853, III, 8. Akty
iuzno; i zapadnoj Rosii, S.P.B. 1863— 1877, Bd. 1, S.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweck. w Litwie, Bd. I, S. 6 ff.
Bukowski, Dzieje reform. I, 342 f.
3 Die oben zitierten Quellen geben uns nur Einzelerlasse wieder.
Allgemeine Erlasse sind in den von -mir benutzten (uellen nicht
«den überaus mächtigen Magnaten, die wir als Begünstiger
‚der neuen Lehre kennen gelernt haben, fortwährend sichere
Zuflucht .!
Die Wirkungslosigkeit der Edikte hr ferner An,
dass man zu jener Zeit nicht nur in Polen, sondern auch in
Litauen anfing, die königliche Autorität und die Gesetze
‚gering zu schätzen. Daher leisteten Kirche und Staat in
‚dieser ersten Periode des Protestantismus der Verbreitung
der neuen Lehre zu wenig Widerstand, und so kann man
‚sich nicht wundern, wenn diese, die sich bis dahin in
Stillen verbreitet hatte, nun ın der zweälten Periode eine
ungeheure Verbreitung fand.
11.
Bevor ich diese zweite Periode behandle, wıll ich
Einiges über die tieferen Ursachen vorausschicken, welche
‚die Entstehung und den Fortschritt des Protestantismus im
‚Grossfürstentum Litauen begünstigten.
Sehr viele Ursachen, die den Fortschritt des Protestan-
tismug bewirkten, sind innerlich eng verknüpit mit. der
a —
‚enthalten. Es wird nur kurz erwähnt, dass solche allgemeine Dekrete
erlassen worden seien. Von den modernen Autpren teilen Kojalowiez,
Narbut, Daukantas, Przyalgowski überhaupt nichts über solche, General-
erlasse gegen die Protestanten mit. Bukowski nennt zwei solcher Edikte,
.aber mit Unrecht. Das erste Edikt, dessen Inhalt er kurz erklärt,
führt er auf das Werk Zaluski (Cephasi Zelosivii, Dwa miecze,
Warszawa 1731), als Quelle zurück. Aber entweder hat der Ver-
fasser (Bukowski) sich getäuscht, oder er will den Leser hinter's
Licht führen. Denn in dem Werke Zaluskis gibt es ein Edikt
.dieses Inhalts von diesem Jahre nicht; auch reicht die Seiten-
zahl, die Bukowski angibt, im Werke Zaluskis nicht so weit.
Er gibt nämlich als solche 251 an, während das Werk Zaluskis
nur 226 Seiten zählt. Es folgt noch Verschiedenes als Anhang, aber
ohne Angabe der Seitenzahl. Siehe Bukowski, Dzieje Reformacyi,
S. 340, Anm. 2.
1 Aus dem Briefwechsel zwischen Herzog Albrecht von Preussen
und den Magnaten Litauens ersehen wir, wie sehr diese den Neuerern
ihren Schutz angedeihen liessen. Siehe: Wotschke, Abraham Culvensis
‚(Beilagen). Ebenso Kojalowicz, Miscellanea rerum, p. 64, s.
—_ 6 —
Entwicklung und dem Untergang der neuen Lehren, wie
wir im weiteren Verlaufe sehen werden. Geschichtliche
Ereignisse kommen nicht so von ungefähr, sondern sind
durdh die Reihenfolge der vorausgehenden Geschehnisse
vorbereitet ; Leibnitz drückt das mit dem Satze : „Praesens
futuro praegnans est“ aus, d.h. die Zukunft wird nicht
nur aus der nächsten, sondern auch aus der entfernteren,
ja entferntesten Vergangenheit geboren. Wenn man daher
die Ursachen eines Ereignisses wissen will, so muss man
auch seine entferntere Geschichte erforschen.
Man. kann für die Entstehung und den Fortschritt
des Protestantismus in Litauen zwei Arten von Ursachen un-
terscheiden : erstens solche, die das litauische Gemüt der
katholischen Religion entfremdeten und es für die An-
„nahme der neuen Lehre empfänglich machten, zweitens
solche, die die Einführung dieser neuen Lehre in Litauen
äusserlich beeinflussten.
Es ist wahrscheinlich, dass die Litauer, wenn sie aus:
‚voller Ueberzeugung der katholischen Religion ergeben ge-
wesen wären, sich niemals einer neuen Lehre angeschlossen;
hätten. Aber diese Bedingung war nicht vorhanden. Was
am meisten für die Religion empfänglich macht und sie
tiefer ins Menschenherz eindringen lässt, das sind gute
und heilige Diener der Kirche.
Schlechte und verdorbene Diener, besonders solche, wie
sie im vorigen Kapitel geschildert wurden, erwecken Ab-
neigung und Hass gegen die Religion. Jene Priester
konnten infolge ihrer schlechten Sitten und wegen ih-
rer Unwissenheit weder durch‘ Worte, noch durch ihr
Beispiel jemanden belehren und fromme, religiöse Gesin-
nung schaffen ; sie, von denen ein Augenzeuge berichtet : „Sie
sind lieblos, unzüchtig, genussüchtig, faul, weil sie nicht
zelebrieren und nicht predigen, sondern Aergernis geben ;
eie sind als Herren zeitlicher Güter lieb- und: erbarmungslos
geworden, sie haben die Frömmigkeit und den Frieden ver-
loren. Sie, die als Weg des Heiles dienen sollten, eind
zum Wege der Verderbnis geworden.‘!
‘ Ausserdem ist zu beachten, dass der katholische Glaube
in Litauen noch jung war, sodass er ins Herz des Volkes,
vor allem des niederen, noch nicht hatte eindringen
können?, um so mehr, weil die Priester, als Fremdlinge
der litauischen. Sprache nicht mächtig und zudem in sehr
geringer Anzahl waren.
Das ist die erste Ursache, die das Gemüt der Gläubigen
dem katholischen Glauben nicht näher brachte.
So konnte es also geschehen, dass man anfing die katho-
lische Religion zu verachten, ihre Gebräuche zu verspotien
und ihre Diener zu hassen, was für ein Zeichen guter
Erziehung und höherer Bildung angesehen wurde .3
Weiter bekunden viele Schriftsteller des 16. Jahr-
hunderts, dass die Polen und Litauer sehr bereitwillig die
Gebräuche anderer Völker angenommen und die Ausländer
nachgeahmt haben .*
Mit dieser Unbesonnenheit ist ein unglaublicher Wan-
kelmut und eine dauernde Neuerungsucht eng verknüpft.
Sie verachteten alles ihnen Eigentümliche, schätzen aber
alles Fremde überaus hoch und strebten ihm nach
und doch behielten sie nicht das, was sie einmal als
etwas Neues von andern angenommen hatten, sondern
1 Prophetiae Danielis tres horribiles a Vincentio ordinis praedi-
catorum, Cracoviae 1527, fol. 5 £.
? Wie wenig der katholische Glaube in der Bevölkerung Li-
tauens im 16. Jahrhundert festen Fuss gefasst hatte, ersieht
man aus den zahllosen Spuren des Heidentums, wovon alle Schrift-
steller dieses Jahrhunderts berichten. Es gibt noch viele heidni-
sche Ueberbleibsel bis auf den heutigen Tag.
® Cichocki (Sawicki), Alloquiorum ossiecensium libri V, Craco-
viae 1615, S. 201.
Kojalowicz, Geschichte Litauens II. Teil, S. 428.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, 31.
* ‚Mit unaussprechlicher Leichtigkeit bürgen sich die Gebräuche
und die Sprache anderer Völker ein.“ Fulvius Ruggieri, Be-
schreibung Polens im Jahre 1565 (Berichterstattung der päpst-
lichen Gesandten, Bd. I, S. 128).
Rn. : pe
wandten sich von unersättlicher Begierde nach Neuerungen
beunruhigt, bald wieder etwas Neuem zu.! Ferner zählen
fast alle jüngeren Autoren die Ueberreste der hussitischen
Lehre zu den Ursachen, die dem Protestantismus in Li-
tauen die Wege ebneten ; aber diese Ansicht stützt eich
auf keine feste Grundlage, denn es gibt keine An-
haltspunkte, die beweisen könnten, dass noch’ im 16. Jahr-
„Sie haben ausserdem eine aussergewöhnliche Leichtigkeit. im
Erlerner anderer "Sprachen, und passen sich ebenso leicht den
Bräuchen anderer Völker an, nach denen sie sich zu kleiden
lieben und die sie in allem nachahmen..‘“ Julius Ruggieri, Bericht
über den Zustand Polens, der dem Papst Pius V.' im Jahre 1568
vorgelegt wurde (Berichte der päpstlichen Gesandten, Bd. I, 5,170).
Fıicius Modrevius, De republica emendanda, Basileae 1554, C. 5, TH+£.
Wolonczewskis, Zemaijtin Wiskupiste I., S. 7.
il In divinis autem rebus ac caelestibus hallucinari, non jam
quovis supplicio vindicandum, sed cum extremo scelere conjunctum
putandum. Et tamen hoc vitium illud est, quo passim hodie laboratur
levitas, inguam hominum et quaecumque dicuntur essentiendi faci-
litas... venere homines... impudenti facie.... blasphemi, ingrati, sce-
lesti, sine pace, criminatores, proditores, protervi, tumidi, ac contra
majorum suorum religiosissimorum mortalium sanctissimam discipli-
nam loqui ceperunt: repente apud lenissimos homines, fidem merue-
runt.“ Andreas Jurgewic, Responsio. Fol. 1.
„Es gibt keine noch so sonderbare Chimäre, die in diesem
Reiche nicht ihre Sahöpfer und Nachahmer gefunden hätte.” Alber-
trandi-Malinowski, Listy Commendoniego I, 38.
„Cum igitur tanta sit istarum, quidvis credendi et opinandi
facilitas: quid jam non credent et in quas foveas non cadent, qui
rem tam absurdam et impossibilem atque ex solis nefandis calumniis
coniestam persuaderi sibi a suis magistris patiuntur ? „P. Skarga,
Artes duodecim sacramentariorum (Epistola dedicatoria Stephano regi,
fol. 6-7).
Cichocki (Sawicki;, Alloquia ossecensia, p. 205. Lukaszewiez,
„Endlick besass der litauische Adel dieselbe Neuerungsucht, dasselbe
Streben nach dem Ausländischen, sogar in Sachen der Religion, und
denselben Leichtsinn wie der Adel im Königreiche‘‘, in Dzieje
wyznania helweckiego w Litwie I, 2.
Golebiowski S., Czasy Zygm. Aug. II, 77.
Bukowski, Dzicje Reformac. w Polsce I, 334.
Karieiew, Ocerk istorii reformacionnago dwizenia i katoliceskoj
recake. w Polsie, S. 5öff., 86£.
89 —_
‘hundert Spuren dieser Lehre in Litauen existiert hätten ..!
Dagegen kann man den Einfluss des Humanismus,
der wegen der dauernden Bezieliungen mit dem Westen
im 16. Jahrhundert in Litauen und Polen sehr verbreitet
‚gewesen war, nicht mit Stillschweigen übergehen. Sicherlich
haben diese humanistischen Ideen die Geister, zumal der
Magnaten, zur Annahme der Neuerungen nicht wenig emp-
fänglich gemacht ..?
Endlich ist es die habsüchtige Gesinnung der Mag-
naten und der Kleinadeligen, ferner die Begierde über die
Kirche zu herrschen, die viel dazu beitrugen, dass man der
Brückner, Roznowiercy polscy, S. 109, Anmerkung.
1 Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego I, 1.
Golebiowski, Czasy Zygm. Aug. II, 77.
Bukowski, op. citato 1, 332 £.
Lukaszewicz trat zuerst mit dieser Ansicht hervor, ohne jedoch
.die Quelle anzugeben, aus der er sie schöpfte. Seine Ansicht hat Gole-
‚biowski wörtlich in sein Werk übernommen, und auch er gibt gar
keine Quelle an. Diesen beiden schloss sich Bukowski an. Es gibt
überhaupt keine Beweise für diese Ansicht, viel eher könnte man
.solche finden, die dagegen sprechen. Denn Kojalowicz, der zu den
Quellen gehört, versichert, dass das Grossfürstentum Litauen von
jeder Haeresie (ausgenommen dem Schisma) bis zur Zeit Luthers
frei gewesen sei (Miscellanea rerum, p. 62). Meiner Meinung nach
kommt hierbei vielmehr das orientalische Schisma in Betracht, das
in der Diözese Vilnius so viele Anhänger hatte, dass sie an vielen
‘Orten und in der Stadt Vilnius an Zahl selbst den Katholiken
überlegen waren. Wenn auch Staat und Kirche die Schismatiker
‚durchaus nicht begünstigten, so waren sich die Katholiken doch
so wenig ihres Glaubens bewusst, dass sie das Schisma dem Katholi-
zismus gleich hielten. Jewlaszewski, ein vornehmer litauischer Schrift-
steller des 16. Jahrhunderts, sagt: „‚...In damaliger Zeit wurde
‚durch die Religionsverschiedenheit die Freundschaft nicht im ge-
ringsten gestört.“ Memuary otnosiasc. kistorii juznoj Russi II.
Kiev 1896, 7.
Lappo, Welik Kniaz. Litowsk, S. 235.
2 Jaroszewiez, Obraz Litwy III, p. 31.
Bukowski, Dzieje Reform. w Polsce I, 55 ff.
Kariejew, Ocerk istorii... S. 41 ff:
Zukowicz, Kardinal Gosij, 61 ff.
=. 60;
neuen Lehre folgte. Denn die Kirche hatte Ueberfluss an
grossen Gütern und Privilegien, die bei den herrsüchtigen
Magnaten und niedern Adeligen Neid und Eifersucht er-
regten .!
Diese Magnaten waren an eine fast unbegrenzte Macht
gewöhnt ; sie waren sehr unwillig darüber, dass die Kirche
nicht nur frei und aller möglichen Lasten ledig war, sondern
auch eine grosse politische Macht in den Händen hatte.
Sie hätten sie am liebsten beraubt und ihrer eigenen Ober-
hoheit unterstellt. Der Protestantismus bot nun den Mag-
naten und Kleinadeligen die allerbeste Gelegenheit, die Kir-
che unter ihre Botmässigkeit zu bringen. Dieser Grund
ist für die Verbreitung des Protestantismus wesentlich,
da er vor allen andern der neuen Lehre Tür und Tor
öffnete.
Dieses sind die hauptsächlichsten Ursachen®?, durch wel-
che Magnaten und Niederadel vom katholischen Bekennt-
nisse sich abspenstig machen liessen und sie zur Annahme
der neuen Lehre sehr geneigt machten.
Diejenigen also, die den Samen des Protestantismus
nach Litauen bringen und ihn auf einen vorbereiteten Boden
aussäen liessen, waren vor allem die Magnaten und niedern
Adeligen, die der Erziehung halber und als Gesandte oder
auch ohne besonderes Ziel im Westen herumgestreift und
dabei besonders von der Neuerung ergriffen wurden, und
in die Heimat zurückgekehrt, eie unter ihren Landsleuten
aussäten.
1 Zakrzewski W., Powstanie i wzrost reformac. w Polsce, S. 38 ff.
Bukowski, im zitierten Werke, S. 62 ff.
Liubowicz, Nacalo katoliceskoj reakcii, S. 26ff.
Zukowicz, Kardinal Gosij, S. 41ff.
Der Kampf um Rechte und Privilegien zwischen Klerus und
Adel war im 16. Jahrhundert besonders in Polen entbrannt. Be-
kanntlich war er in Litauen viel gelinder.
2 Ich sage die „hauptsächlichsten Ursachen‘, denn es kann auch
andere gegeben haben und wahrscheinlich gab es solche.
- 1 —
Wenn wir ausserdem beachten, dass zu jener Zeit die:
Kultur im Westen sich bereits einer hohen Blüte erfreute,
die Lrtauer die Zivilisation aus dem Westen erhielten.
und zur Nachahmung alles Ausländischen sehr geneigt
waren, so darf man sich nicht wundern, dass alle jene, wei-
che aus dem Westen kamen, in hohem Ansehen standen und.
in Wort und Tat als das beste Vorbild nachgeahmt wurden.
Ebenso führten die Kaufleute, die des Handels halber
besonders die Städte Deutschlands besuchten, mit ihren
Waren den Samen der neuen Lehre nach Litauen ein.
Dazu kamen noch sehr viele Ausländer, die beson-
ders im 15. Jahrhundert unsere Länder überschwemmten,
Ehre und Reichtum oder wenigstens ein angenehmes.
Leben suchten und die Nerderunis mit ihren Lehren allent--
halben ausstreuten .t
Besonders von dem benachbarten Preussen, wo der
Protestantismus von. seinen ersten Anfängen an ver-
breitet, tief Wurzel gefasst hatte,? ergoss sich‘ die pro-
testantische Lehre auf Betreiben des Herzogs Albrecht.
auch über Litauen. |
: Es war also kaum anders möglich, als dass die bisher
noch nicht gehörten Glaubensätze der Reformatoren, die
den Westen erschütterten, auch in Litauen recht bald.
‚viele nn und Anhänger bekamen.
1 Relacye: Nuncyuszow I, 127 #£.
Andrzej Wolan, O woluosei Rzeczypospolitej, S. 59.
2 Albrecht, Hochmeister des deutschen Ordens, bekannte sich bereits
im Jahre 1525 mit seinen Untertanen zum Protestantismus und
wurde von 'König Sigismund I. als erbberechtigter Herzog anerkannt.
Albrecht wurde dadurch ein tatkräftiger Förderer und Gönner des
neuen Bekenntnisses, das er überall, besonders in Polen und.
Litauen, verbreitete und aufrecht erhielt. Auch kam der Protestantis--
mus aus Livonien, das im Jahre 1522 von der neuen Lehre ergriffen.
und in kurzer Zeit zum grössten Teil, besonders in den Städten
protestantisch geworden war nach Litauen (Bujnicki K. ‚ Encykl. powsz:
XII, 8. 552 £.). |
II.
Die Ausbreitung der neuen Lehre unter dem Groß-
fürsten Sigismund-August bis zum Tode Radvilas
des Schwarzen (1548—1565). |
Ursachen, welche die Neuerer zwangen sich zu verbergen. --
Geistesanlagen Sigismunds-Augusts. Stellung und Beziehung des Gross-
fürsten Sigismund-August zu den neuen Lehren. — Viele Grosse treten
offen zum neuen Glauben über. — Radvila der Schwarze als An-
hänger und Vorkämpfer des Kalvinismus. — Seinem: Beispiele folgen
fast alle Magnaten und Kleinadeligen Litauens. — Die Verbreitung der
neuen Lehre. Die Hemmnisse, welche Her neue Glaube in der zweiten
Periode fand. — Protasewiez, Bischof von Vilnius. Die Bischöfe
‘von Samogitien. Geringe Erfolge der neuen Lehre unter dem Volke.
— Reform der Kirchen. — Die Verdienste Radvilas um die Aus-
breitung des Protestantismus.. — Verbreitung des Protestantismus
vor dem Tode Radvilas. |
I.
Mag der Protestantismus während der Regierung des
Königs Sigismund I. auch mehrere Gönner und geheime
Anhänger unter den litauischen Magnaten, Kleinadeligen,
Zugewanderten und Bürgern gezählt haben, so besass er
doch nur wenige offene Bekenner, sodass die Protestanten
weder Kultdiener noch Kultstätten besassen.
Das entsprang werschiedenen Ursachen :
Wenn zunächst König Sigismund I. auch wenig auf
die Ausführung seiner gegen die Häretiker erlassenen
Dekrete zu sehen schien, wenn er in seinen letzten Le-
bensjahren die Neuerer sogar duldete, so kann er trotz-
dem nicht als Begünstiger und Verteidiger der neuen
Lehre bezeichnet werden .!
1.Wegierski hält Sigismund I. in seinen letzten Regierungs-
jahren für einen Neuerer oder wenigstens für einen Begünstiger
_.3 —
Ohne Zweifel hielt vielmehr das Beispiel des Gross--
fürsten von Litauen, der grosses Ansehen genoss, viele
Magnaten von der Neuerung zurück.
Sodann war die jüngere Generation, die vom neuen
Glauben ergriffen war, noch nicht mächtig genug, da sie
keine der höchsten Staatstellen inne hatte, und die ältere
scheute sich die alte Religion, in der sie erzogen worden.
war, offen zu verlassen .! |
Obgleich schliesslich die protestantischen Ideen ziemlich
weite Verbreitung gefunden hatten, so waren doch nur
wenige Leute von ihnen beeinflusst worden. Wir sind
gut darüber unterrichtet, dass die Meinungsverschieden-
heiten über religiöse Anschauungen nicht plötzlich auf-
tauchten und keine plötzliche Sinnesänderung hervorrie-
fen, sondern dass es hierzu einer mehr oder minder ge-
raumen Zeit bedurfte.
Erst als Sigismund.- August den litauischen Thron-
bestiegen hatte, trat die neue Lehre deutlicher ans Tages-
licht und fing allmählich an, sich Eingang und Rechte
zu verschaffen.
der neuen Lehre. Aber diese Behauptung scheint uns übertrieben
zu sein, da man kein ähnliches zeitgenössisches Zeugnis über
König Sigismund I. aufweisen kann. Ja, in den Berichten der
Nuntien wird der König wegen seiner Treue zum Katholizismus nicht
selten anderen Fürsten als Beispiel empfohlen (Relac. Nuncyuszow
I, S. 1, 76). Keiner von den neueren katholischen Autoren hest
Zweifel an der Rechtgläubigkeit Sigismunds I., die er bis an
sein Lebensende bewahrte. Sie beschuldigen ihn nur den Nachlässig-
keit und Saumseligkeit gegenüber den Neugläubigen.
Jaroszewiez. Obraz Litwy III, S. 29.
Golebiowski, Czasy Zygmunta II, S. 1.
Zukowiez, Kardinal Gosij (Hosius), S. 78£.
Bukowski, Dzieje Reformaecyi w Polsce I, S. 600 ff.
Krasinski, Zarys dziejow powstania i upadku Reformac. I, S.
87 ff. |
Zakrzewski, Powstanie i wzrost reformac. w Polsce, S. 22 ft..
1 Kariejew, Ocerk istorii reformacionnago dwizenia, S. 93.
= 9:
Die Neuerer begannen nicht nur ihre Lehre öffentlich
zu verteidigen, sondern sie gingen auch dazu über, katho-
lische Gotteshäuser für sich in Anspruch zu nehmen und
‚die Katholiken in den Hintergrund zu drängen.
Zeitgenossen, wie auch neuere Historiker, schreiben das
‚Anschlagen dieser schärferen Tonart dem Grossfürsten
‚Sigismund-August zu.!
Dazu ist zu sagen, dass der neue Grossfürst durch
‚seine Haltung bei den Protestanten die grösste Hoffnung
‚erweckte und ihnen Mut einflösste, sodass er auf diese
Weise mehr passiv als aktiv der neuen Lehre Vorschub
leistete. |
Aus der Ehe eines litauischen Vaters und einer ital-
ienischen Mutter geboren, vereinigte er in sich in seltener
. Weise die entgegengesetztesten Eigenschaften : litauische
Kaltblütigkeit, Langsamkeit, Hartnäckigkeit und Ausdauer
:mit italienischem Feuer, Schlauheit, List und Gewandtheit.?
Diesen Charakterzügen muss man dann noch' die Güte,
‚Freigebigkeit und Wankelmütigkeit als jogailonisches Erbe
hinzufügen. Er hatte einen scharfen, durchdringenden
‚Geist, aber auch einen unbeständigen, leicht einzuschüch-
ternden Willen .?
1 Kariejew, Ocerk istorii reformacionnago dwizenia, S. 921.
* Die Arglist Sigismunds-August kommt in den Briefen an
‚die „Bojaren‘“ Johannes IV., des Grossfürsten von Moskau, klar zum
Vorschein, in welchen sie Sigismund-August zum treulosen Abfall von
ihrem Grossfürsten aufforderte. Danilowicz II, S. 2373, 2374, 2375.
3 Hören wir einige zeitgenössische Zeugnisse über den Charakter
und die Gesinnung Sigismunds-August:
„...Ein König, aber kein Scheinkönig, könnte sehr viel wirken ; da-
gegen liebt der jetzige vor allem die Ruhe und scheut nicht nur
die Mühen, vor denen die Vorfahren im Kriege wie im Frieden nicht
zurückwichen, sondern schiebt sogar die Reichstagversammlungen hin-
aus, die ehemals in wichtigen Staatsangelegenheiten alljährlich
‚stattgefunden haben... Der König wird sich niemals als Neuerer er-
klären, denn wie er durch seine Friedfertigkeit und um jeder Sorgen
— 95 u
Ein» weichliche Erziehung am Hofe seiner Mutter,
der Königin Bona, unter meist ausländischen Frauen, wo
keine Tugenden, wohl aber viele Laster heimisch waren,
.*-
zu entgehen, die Neuerer nicht unterdrückte, wie er eigentlich den
Landesgesetzten gemäss hätte tun sollen, so besitzt er auch nicht
den Mut, die grosse Anzahl der katholischen Senatoren zum Wechsel
des Glaubens zu zwingen, die ihm offenen Widerstand leisten würden.
Deshalb glaube ich, dass er aus Furcht die Dinge ihren Lauf gehen
lässt, d.h. dass er einem jeden erlaubt in der Religion zu bleiben, die
für der einzelnen die beste ist. Er selbst beichtet zu Ostern, kommuni-
ziert unter einer Gestalt, hört jeden Tag eine hl. Messe; mit einem
Wort. er lebt nach katholischer Art.“ B. Bongiovanni an den
Kardinal Moroni (Relac. Nuncyusszow I, S. 86 ff).
„‚...Der König kleidet sich einfach, besitzt aber die verschieden-
sten Kleider,... Kleinode liebt er überaus. Eines Tages zeigte er
mir sie geheimer Weise, denn er verheimlicht sie vor den Polen,
um zu vermeiden, dass sie erfahren, welch gewaltige Summen er
für (diese ausgegeben hat; mit einem Worte, ich habe soviel Kleinode
gesehen, wie deren nie an einer Stelle. Diese Kleinode kann man
weder mit den venezianischen, noch mit den päpstlichen — die
ich ebenfalls gesehen habe — vergleichen. Er lässt jeden nach seinem
Gefallen leben, denn er ist so gut und liebenswürdig, dass er nie-
mandem die geringste Sorge verursachen wollte. Ich würde bloss
wünschen, dass er wenigstens in der Religion etwas strenger sein
wollte. Er geht zwar alljährlich zur Beicht und täglich zur hl.
Messe, hört jeden Feiertag eine Predigt an und singt mit den
anderen Sängern mit lauter Stimme in der Kirche.‘ Beschreibung
des polnischen Königreiches durch B. Bongiovanni (Relac. Nun-
cyuszow I, S. 99£.).
„...Er ist von kleiner Gestalt, ganz hager und schlank, mit
spärlichem, schwarzem Bartwuchs, dunkler Gesichtfarbe und scheint
von nicht allzu starker, sondern eher von delikater Konstitution
zu sein, weswegen er Strapazen und Unbequemlichkeiten des Lebens
nicht aushalten kann... In der Lebensweise hält er in jeder Jahres-
zeit stets dieselben Regeln inne, die aber von den allgemein angp-
nommenen ganz verschieden sind. So steht er im Winter ungefähr
5 Stunden vor Tagesanbruch auf. Das Mittägessen nimmt er in der
Nacht ein und das Abendessen am Tage; schlafen geht er ein paar
Stunden nach Sonnenuntergang. Im Sommer steht er um 7 Uhr
auf, isst um 11 Uhr zu Mittag, um 8 Uhr nimmt er das
Nachtessen ein und geht um 11 Uhr schlafen. Er isst sehr wenig, .
= 6
nährte seine angeborene Willensunbesiändigkeit und ver-:
zärteltie ihn, machte ihn weibisch und sinnlich .t
Frei von: Zorn, geduldig und weich gestimmt, suchte
er allen zu genügen. Wenn er gezwungen war zwischen.
zwei Dingen zu wählen, so wollte er das so getan wissen,
dass, wie man sagt, der Wolf gesättigt wird und das
Schaf doch unversehrt bleibt.
Leute dieser Art sind zur Wahl der goldenen Mit-
telstrasse d.h. stets zu gemässigten Entscheidungen geneigt.-
Wenn sie aber gezwungen sind, ihre Meinung zu äussern,
dann pflegen sie möglichst lange zu warten und ihre Ent-
scheidung stets auf morgen zu verschieben. Daher pflegte
man Sigismund - August unter seinen Zeitgenossen den
„Warte-König“ (Dojutrek) zu nennen.?
Seine ganze Handlungsweise war launisch. Er konnte
oft in Amtsachen entscheiden, um kurze Zeit darauf den
Entschluss wieder rückgängig zu machen oder abzuändern.
Im Versprechen war er vorsichtig und sparsam, wenn
aber trinkt sehr oft, sodass er, kaum zu Tisch gegangen, schon
zu trinken anfängt; er bedient sich aber kleiner Becher und,
trinkt ungarischen Wein ohne Wasser beizumischen. Sein Aeus-
seres ist sehr angenehm und sanziehend, und gein Charakter
eher mild. Im Sprechen ist er zurückhaltend, versteckt, vor-
sichtig ‘und misstrauisch. In Staatsangelegenheiten hat er ausser-
gewöhnliche Fähigkeiten, aber in seinen Antworten drückt er sich
so zweideutig aus, dass die Antwort zumeist einen ganz entgegen-
gesetzten Sinn haben kann; so ist es leicht zu begreifen, dass er
diejenigen niemals der Hoffnung berauben will, mit denen er zu
tun hat. Bevor die Notwendigkeit ihn nicht zwingt, sich klar
auszudrücken, will er nie etwas Bestimmtes versprechen. Er bemüht sich
zuerst jene Angelegenheiten vorzubringen, in denen sein cigenes
Interesse eine untergeordnete Stelle einnimmt ; dazu braucht er viel
Zeit zur Ucberlegung, und das kommt daher, weil er seit seiner
Jugend im Handeln sowohl im Frieden, als auch im Kriege schr
langsam ist.“ Relacya Juliusza Ruggieri 1568 (ibid. p. 181).
U Bukowski, Dzieje Reformacyi, I, S. 334 If.
? Roysius, Carmina II, p. 23 ss.
er aber etwas versprochen hatte, so pflegte er sich immer
ein Hintertürchen offen zu halten.!
Es kann uns deshalb nicht wundern, dass es für seine
Zeitgenossen, wie auch für die späteren Geschlechter sehr
schwer war (und auch immer schwierig sein; wird) für Sigis-
mund-August volles Verständnis zu gewinnen.
Die Protestanten hielten ihn bis zu seinem Tode für
den ihrigen und erwarteten mit jedem Tage seinen offenen
Uebertritt zum Protestantismus. In seiner ganzen Eigenart
erinnert er nicht wenig an Heinrich VIII. oder an Phi-
lipp II., ohne sie jedoch in seiner Handlungsweise
zu erreichen. Hartnäckig, und bisweilen auch heftig, war
er nur in solchen Sachen, die unmittelbar seine Per-
son betrafen. Eigensinnig war er in politischen An-
gelegenheiten nur dann, wenn er gezwungen wurde, ein
Staatsgeschäft schnell zu erledigen ; aber auch hier be-
stand die Hartnäckigkeit nur darin, dass er sich‘ weigerte,
sofort zu entscheiden und die Erledigung auf den folgenden
Tag verschoben wissen wollte.
Endlich müssen wir noch die ausgesprochene Neigung
zu sinnlichen Genüssen und das lockere Leben des Fürsten
in Betracht ziehen,? ein Umstand, der ohne Zweifel auf
seine Geistesrichtung und seine religiösen Anschauungen
grossen Einfluss ausübte. |
Zakrzewski bemerkt daher mit Recht: Ein Urteil über
1 Warszweski Christoph, ein Höfling Sigismunds-August, der
den König in seiner ganzen Eigenart kannte, schreibt über ihn:
„Princeps posteritatis non indignus memoria nisi cunctator dandis.
responsis iisdem dubiis et una eademque re uni et alteri simulcon-
ferendo ei denique vario et multiplici ingenio aliquendo notatus“.
Caesarum, regum et principum vitarum libri duo. 8. 403.
®2 Der Vater Sigismunds-August, Sigismund I., war ein Mann
von reinen Sitten, aber seine italienische Mutter, Bona, stand sittlich
viel tiefer. Das Schloss dieser Königin, die besonders in den letzten
Lebensjahren ihres Gatten von diesem getrennt lebte, wird von Zeit-
genossen als ein Herd der Sittenlosigkeit bezeichnet. So wurde Sigis-
mund-August, der am Hofe seiner Mutter erzogen wurde, von diesem
7
ı
-— 8 —
Sigismund-August zu fällen, ist äusserst schwierig. Unter
den Begünstigern der neuen Lehre erzogen, ist er selbst
ein Schirmherr derselben geworden. ?
Uebrigens scheint er in religiösen Dingen von einer
Gleichgültigkeit gewesen zu sein, die man heute mit In-
differentismus bezeichnet ; ein Verhalten, zu dem ihn nicht
zuletzt: sein lockeres Leben bestimmte .3
Verderben beeinflusst; denn dieser Fürst hatte ausser seinen drei
rechtmässigen Frauen, die schnell nach einander starben, noch mehrere
Konkubinen.
Warszewickö Chr. Caesarum, regum, principum vitarum libri
duo. S. 306. |
Balinski, Pisma historyczne I, S. 257.
Czacki F.,. Dziela III, S. 124 und viele andere.
1 Zakrzewski, Powstanie i wzrost reformac. w Polsce, S. 55.
Die polnischen Historiker gehen in der Beschreibung des Charak-
ters Sigismunds-August weit auseinander. Szujski nennt diesen König
den Retter des Katholizismus, von grossem Geiste, grossen Tu-
genden und unbeugsamer Energie. Nach Szujski wies der in po-
litischen Dingen so weise König Sigismund-August das Amt eines
litauischen-polnischen Kirchenhauptes ab und rettete durch sein Zögern
den Katholizismus in Polen. (Szujski, Dzieje Polski II, S. 251.
Derselbe, Odrodzenici reformacyja S. 94 ff., 105 £.). Bobrzynskü
g’bt ein ganz entgegengesetztes Urteil über Sigismund-August ab.
(Dzieje Polski w zarysie, Wyd. 2. Warszawa 1881, II S. 76 £f.).
Mit DBobrzynski scheint der russische Historiker Kariejew ganz
übereinzustimmen (Kariejew, Ocerk istorii reformacionnago dwizenia,
Ss. 102 ff.).
Ungefähr in ähnlicher Weise schildert Zakrzewski den Charakter
Sigismunds-August. Die Meinung dieser Historiker scheint auf jeden
Fall richtig zu sein und wird durch die Briefe des Commendone,
der Sigismund-August persönlich gut kannte, hinreichend bewiesen.
Albertrandi Malinowski, Listy Commendoniego I, 22, 199, LI.
S. 123 f., 126, 136, 212.
? Relacy Nuncyuszow, I, S. 68, 88, 95.
Wotschke, Abraham Culvensis. Beilagen 169 ff.
MS. 168, Ossolineum Lemberg, fol. 34—37.
Rycheicki, (Dzieduszycki) Skarga i jego wiek I, S. 67.
Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego w Litwie I, S. 6 £.
Anm.
Kariejew, Ocerk istorii reformac. dwizenia. S. 102—105.
® So betrachten ihn sowohl die Katholiken, als auch die Protes-
—- 9 —
Die Religion als solche betrachtete der Grossfürst zwar
:als eine Stütze des Staates, aber auf die religiöse Form kam.
es ihm wenig an.l! Auch liebäugelte er mitder neuen Lehre
aicht so sehr aus Ueberzeugung, als vielmehr aus Neu- .
gierde, wie er es denn auch nie wagte, den Glauben seiner
Väter zu verlassen.” Mit einem Worte, die ganze Eigen-
art des Grossfürsten ging dahin, die grossen Hoffnungen
‚der Protestanten zu nähren, ohne sie zu erfüllen.
Obwohl er schon im Jahre 1529 zum Grossfürst von
Litauen gewählt worden war, nahm er erst 1544 sei-
nen Wohnsitz in Litauen und übernahm allmählich die
Regierung, die bis dahin in den Händen seiner Mutter ge-
‚blieben war.° Alsbald wurde die Hofburg des jungen Gross-
fürsten eine Zufluchstätte für die Neuerer, die Sigismund»
tanten als den ihrigen. Sigismund-August empfing bei sich Prediger
und las Werke Luthers, die ihm Albrecht zugesandt, beschützte die
Anhänger der neuen Lehre und besuchte ihren Gottesdienst. Zugleich
unterschrieb er Dekrete gegen Häretiker und gab sich als guter
Katholik aus. Siehe auch:
Bukowski, Dzieje Reformac. w Polsce I, $. 345.
Zakrzewski, Powstanie i wzrost reform, S. 55 ff.
Wie wenig Sigismund-August um den Katholizismus besorgt
‘war, bezeugt sein Brief an Radvila aus dem Jahre 1553.. Als er
‚erfuhr, dass der Grossfürst von Moskau sich mit der katholischen
Kirche vereinigen wolle, wofür er vom Papste die Krone versprochen
‚bekam, beauftragte er Radvila, alle Mittel anzuwenden um dies
zu verhindern. „Man muss‘‘, sagte er, ‚den Papst zu überreden suchen,
‚dass er schwere Bedingungen stellt, vor allem, dass er die gänzliche
Lossagung vom orientalischen Ritus fordert. Eine solche Bedin-
gung wird der Grossfürst von Moskau nie annehmen, da dies die
Revolution hervorrufen könnte‘. Weiter erklärt er, müsse man auch
in Moskau alles tun, um dies zu verhindern. Sollte auch dies nicht
helfen, so müsse man die Krone unterwegs abzufangen versuchen. Lästy
.Zygm. Augusta do Radziwilla Czarnego wyd. Lachowicz Wilno 1842.
8. 87 £t. | | |
1 Zakrzewski, Powstanie i wzrost reformac, S. 56.
® Bukowski, Dzieje Reformac. I. S. 347 ff. II, S. 146 £.
Zakrzewski, Powstanie i wzrost reformac. w Polsce, S. 56.
® Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego w Litwie I, S. 6.
=. 400 =
August und seine Mutter, die Königin Bona, jetzt offen be-
günstigten.! Die Prediger, wie Joh. Kosminczyk und.
Lorenz von Przasnysz, „Discordia“ genannt, wagten
Luthers Lehre offen von der Kanzel zu verkünden.’
Als der Bischof von Vilnius, Paul Holszanski, sich darauf
anschickte, ihnen das Predigtamt zu nehmen, fanden sie bei
dem jungen Grossfürsten Schutz und Sicherheit. Von.
Albrecht von Preussen, dem grossen Verbreiter der pro-
testantischen Sache, liessen der Grossfürst und seine
Mutter sich protestantische Bücher und Prediger kommen
und gewährten den letzteren Schutz und Unterkunft.* So:
zogen Sigismund-August und seine Muiter eine Anzahl
Neuerer, die anderswo ausgewiesen worden waren, nach Li-
1 Wotschke, Abraham Culvensis. (Beilagen.) 177, 178 £f.
Lubieniecki A., Historia, reformationis polonicae 1685, S. 18, 21 ff..
2 Ludwig Dietz, Gesandter oder besser Kundschafter Albrechts
‚von Preussen, hat über seine Eindrücke betr. Religiosität am Hofe
Sigismunds-August an seinen Fürsten folgendes geschrieben : „Es mag
mir Ew. F.:D. glauben, dass man das Wort Gottes also gewaltig bey
uns prediget, als es in einer Kirchen der Christenheit gepredigt mag.
werden, man verschonet niemandt und halt ein christliche weis nie-
mandt zu schelten, so under jedermann vunder dem sussen joch des
hern zue erhalten, niemandt auszuetilgen, alle menschen, vunder den
auch beider standts die grossen prelaten vund allein mein gn.
her ertzbischof ausgenommen, welcher auch junner nit fast frisch
ist vund lest aber sein hochwürdigst genadt der warheit die also
on lesterung gepredigt‘.... :
Wotschke, Abraham Culvens. S. 175f. (Beilagen.).
® Im Jahre 1548 schreibt Sigismund-August folgendes an Rad-
vila: ‚Gerne möchten wir die Ursache erfahren, weswegen der
Bischof von Vilnius unseren Predigern zu predigen verboten hat,
und deshalb wünschen wir, dass Ihr uns einen hinreichenden Be-
scheid darüber erteilen möchtet. Wır hören auch, dass ihnen von
seiten der dortigen Geistlichen Ungerechtigkeit und Verachtung zu-
teil wird ; deswegen beschützet sie im Verein mit Herren Lubelski,.
bis wir uns, so es Gott will, sehen werden .“
'Bobrowicz, Zbior pamietnikow I, S. 303.
4 Wotschke, Abraham Culvensis (Beilagen), S. 171 £., 176.
— 11 —
‘tauen,! wo sie vom Grossfürsten, von Magnaten und vom'
niederen Adel auf das gastfreundlichste aufgenommen wur-
‚den und überall ihre Ideen weiterpflanzen konnten. °
Solches hatte sich‘ auch schon zu Lebzeiten des Königs
Sigismund I. zugetragen. Aber nach dem Tode dieses
Königs gestaltete sieh das Los der katholischen Religion in
Litauen äusserst traurig. Sehr viele Magnaten und Adli-
ge schwuren dem katholischen Glauben ab- und gingen
offen in das protestantische Lager über. Ja, man scheute
sich nicht, katholische Priester zu vertreiben und an de-
ren Stelle Diener der neuen Lehre anzustellen und in den
1 Ms in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius.
Ebenso schreibt Gratiani in seinem Werk ‚Vita Commendoni“
folgendes : „Post mortem ejus (Sigism. I)... Secutum filii matrisque
-dissidium, quo regis legumque resoluta majestas, late aditum excu-
bantibus in occasionem haereticis patefecit continuoque omnis errorum
.ac perditarum opinionum cohors irrupit... Ita regnum brevi, ex
levissimi cujusque libidine, peregrinis sacris, institutisque et opinion-
ibus novis oppletur dispergentibus late virus multis novitatis duc-
-toribus.“
Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego w Litwie I, S. 10.
‚Anmerk.
2 Wotschke hat mehrere Briefe von litauischen Grossen veröffent-
licht, aus denen man ersieht, wie freigebig und gastfreundlich die
Andersgläubigen vom Grossfürsten, dessen Mutter und den Mag-
naten aufgenommen und gegen die Angriffe der kirchlichen Obern
ın Schutz genommen worden waren (Abraham Culvens. Beilagen
p. 169 ss).
„Nach dem Tode des Vaters (Sigismund I.) strömten unzählige
Andersgläubige in Litauen zusammen‘ a Magno Duce et proceribus
peramanter suscepti.‘
Ms aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts in der Bibliothek des
Priesterseminars zu Vilnius.
„Nec Rex Sigismunds- Augustus absistere poterat tot haeresum
.exanimibus turmatim in regnum ipsius convolantibus et sese nunc
hue nunc illuc protendentibus, tanquam si muscas ventilabro abigere
volueris, ubi paululum remiseris manum, eaedem et multo plures
vel in ipsos oculos agminatim involant et molestia sua ipsa prope
‚defatigant, crebrius aesdem abigere volentem.“ Cichocki, Alloquia,
P- 4,
— 102 —
katholischen Kirchen den neuen Ritus einzuführen. ' Am
meisten bemühte sich um die Ausbreitung der neuen Lehre
die Familie Radvila, die damals die mächtigste und
vornehmste war. Das Haupt dieser Familie war zu dieser
Zeit Nikolaus Radvila, nach der Farbe seines Bartes der
„Schwarze“ genannt, der Fürst von Nieswiez, seit 1549
Karvede von Vilnius. Da dieser Mann im litauischen.
Protestantismus die Hauptrolle spielte, müssen wir ihn
näher kennen lernen .? ee
' 1
Mit grossem Scharfsinn begabt, von ernster ne
und unbeugsamer Willensenergie, von feinster höfischer
Bildung, voll heissen Verlangens nach grossen Leistungen,
1 „Qui (haeretici advenae) multis nobilibus persuaserunt, ut
eiurata fide catholica presbyteros catholicos expellerent, templis in
synagogas haereticorum permutatis ministros constituerent. Hoc ne-
fandum consilium multi secuti sunt praesertim pravo M. Ducis
exemplv seducti.'‘ Zitat aus dem Manuskript in der Bibliothek des
Priesterseminars zu Vilnius.
. *Kotlubaj E., Galerja Neswiezka portretow Radziwillowskich.
Wilno, 1857.
Niesiecki, Korona III, S.. 822 f£.
Ms. panegyryk Wojeiecha Ksiecia Radziwilla. (Aus dem 16..
oder Anfang des.17. Jahrhunderts in der Bibliothek der katholischen
geistlichen Akademie zu. Petersburg).
Wotschke, Abraham Culvensis, Beilagen.
Gornicki, Dzieje w Koronie Eohkie) za Zygm. I. i Zygmunta II;
S. 59, 171.
Relacye Nuncyuszow, I, S. 13f., 461.
Hystoria wierna o Kacerstwach Ms. aus dem Anfang des 17.
Jahrh. in der Bibl. der geistlichen kathol. Akademie zu Petersburg ..
Albertrandi Malinowski, Listy Commendoniego I, S. 17, 73,
82, 165, 251; II, S. 171, 204. 208, 212. |
Cichocki (Sawicki) Alloquia Ossiecensia Crac. 1615. S.83, 200 ff.
Bobrowicz, Zbior pamietnikow o dawnej Polscze I, 290 ff.
Kojalowicz, Fasti Radziwillani, Vilna 1653, S. 42 ff.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania Helweckiego w Litvie I, S. 11 ff.
Golebiowski, Czasy Zygmunta Augusta II, S. 10, 14, 74. 80.
Dies sind die Hauptquellen, aus denen ich zur Charakterisierung
Radvilas geschöpft habe. Ausser diesen habe ich noch viele andere
benützt, die ich unten zitieren werde.
=. 103. —
stach Nikolaus Radvila aus allen litauischen Grossen
hervor. Zudem war er sehr reich und verfügte über einen
derartigen Grossgrundbesitz, dass seine Ländereien nach
der Ansicht vieler den vierten Teil der Karvedschaft bil-
deten.t Aber nicht nur durch Begabung und materiellen
Reichtum, sondern auch durch seine Tugenden, war er
allen anderen voraus. In der allgemeinen Sittenverderbnis-
hielt er sich rein und übertraf die anderen Edeln weit an
Freigebigkeit, Wohltätigkeit und Vaterlandsliebe. Alle Zeit-
genossen, auch die Katholiken — trotzdem sie schwere An-
klagen gegen ihn erheben — sprechen mit Achtung von die-
sem Manne, während die Nichtkatholiken ihn mit Lob-
sprüchen bis in den Himmel heben.
Er genoss nicht bloss unter dem Adel, sondern auch bei
den Grosssen des Reiches, hohes Ansehen und wurde überall
' als Sachwalter des Königs geachtet. Nach Kojalowiez er-
freute er sich einer solchen Verehrung und Hochschätzung
ım ganzen Reiche, dass man ihn — da Sigismund-August
kinderlos war — als Thronfolger betrachtete.2 Wegen seines
ausgezeichneten Charakters und seiner Tüchtigkeit war
er von Sigismund sehr geschätzt. Radvila wurde zu den
geheimsten Beratungen herangezogen, wodurch er natürlich
auf den König einen bedeutenden Einfluss ausübte.? Durch
1 Ms. in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius.
- „Non multum ab hinc distat annus familiae funestus morte
Nicolai Radivili Palatini Vilnensis, ducis in Nieswicz et Olyka;
viri cum in vivis esset tantae apud principem et universos aestima-
tionis, et seu votis, seu suspicionibus aliquarum, A.ugusto prole orbe,
successor in magno ducatu designaretur‘, Kojalowiez, Fasti Radzi-
willani, p. 44 s.
3 ‚Den Schwarzen (Mikolaj Radziwill) achtete er so, dass,
so oft Mikolaj der Schwarze mit seinem zahlreichen Gefolge den
litauischen Senat betrat, der König selbst sich von seinem Throne
erhob und ihm einige Schritte entgegen ging und es gar nicht zuliess,
dass er dort Platz genommen hätte, wo die gewöhnlichen Karveden
aus Vilnius sassen, sondern er setzte ihn, nicht weit vom Throne
unter den goldenen Baldachin, um so seine Tugend mit besonderer
Ehre auszuzeichnen‘.
— 14 —
seine Gestalt, sein Benehmen, seine Beredsamkeit, ja sogar
durch seine Kleidung, übte dieserrMann auf seine Umgebung
einen aussergewöhnlichen Einfluss aus. Selbst die. Polen,
die Radvila seiner Macht wegen hassten — und das vor allem
weil er Gegner der Union Litauens mit Polen war —
sprechen mit Achiung und Bewunderung von ihm.!
Deshalb wurde er mit Würden und Ehrenstellen über-
häuft, so z.B. mit der Karvedschaft von Vilnius u.a. Fast
„Aus dem Schreiben Ew. Gnaden (sagt Sigismund-August in
einen Briefe an Rayuvila) entnehmen wir, als wenn Ew. Exzellenz
einige Bedenken über Unsere Gnade hätten, obwohl wir keineswegs
beabsichtigten, jemanden oder irgendeines Verdienste höher zu schätz-
en, als die Ew. Exzejlenz selbst, oder dass Wir jemanden, was
Gott behüte, die Oberhand über Ew. Exzellenz geben wollten...
Solche Gesinnung haben Wir .nie gehabt und wollen sie wahrhaf-
tig nie haben. Daher möge Herr Karvede und FExzellenz ge-
ruhen, nie an Unserer Gnade zu zwf£ifeln, denn wie Wir stets vor.
allen anderen die würdigen, nützlichen und treu ergebenen Verdienste
Ew. Exzellenz zu Uns kannten, so wollen Wir auch in Zukunft stets
zeigen, dass Wir Ew. Exzellenz vor allen anderen Unsere Gnade noch
mehr angedeihen lassen, wessen Sie ohne jedes Bedenken stets
versichert sein können, da Wir Unser Denken und Fühlen mit Recht
auf Ew. Exzellenz gerichtet haben, und worin Wir, gebe es. der
liebe Gott, uns nie ändern wollen‘ (Lukaszewicz, Dzieje wyznania
helweckiego I, S. 11, Anmerk.). Wie nahe Radvila seinem Herrn,
Sigismund-August, stand und wie sehr er von ihm geschätzt, ge-
achtet und geliebt wurde, ersahen wir aus den Briefen, die
Sigismund-August an Radvila richtete (Bobrowicz, Zbior pa-
mietnikow, I, S. 290 ff.). Radvila wurde mit den wichtigsten
Botschaften, besonders an Kaiser Karl V. betraut, von dem er auch
den Fürstentitel erhielt. Als Vertreter und Prokurator vertrat er
Sigismund-August, als dieser die Tochter des Kaisers Ferdinand 1.
heiratete. Im Gefolge Radvilas befand sich auch Gornicki, der
später die Hochzeitsfeier beschrieb (Gornicki, Dzieje w koronie pols -
kie), S. 62 £.).
! Christoph Wearszewski, ein Pole, beschreibt die Erscheinung
Radvilas auf dem Reichstage zu Warschau 1563 folgendermassen :
„Veste is longa et lugubri a morte suae conjugis et amplis-
simo planeque regio omnis generis, ut semper apparatu utebatur;
et partim natura, partim etiam studio ea ornamenta habuerat, plane
ut admirabilis multidini videretur; ab eademque ob faciem bar-
bamque nigram et exquisitum vestium epularumque nitorem et mag-
— 105 —
ganz Litauen war in seiner Gewalt, denn ausser den aus-
‚gedehnten Erbgütern und dem, was er vermöge seiner Würde
beherrschte, hatte Sigismund-August ihm noch alle Staats-
ländereien, die fast die Hälfte des Grossfürstentums aus-
machten, auf Lebenszeit übertragen.!
Auch pflegte Sigismund-Augusi, wenn er verreiste,
die gesamte Reichsregierung in Radvilas Hand zu legen.?
Dieser Mann nun, an Tüchtigkeit, Ansehen und Reich,
tum so überaus mächtig, auf den alle Augen der Magnaten.
Kleinadeligen und des Volkes im ganzen litauischeni Reiche
gerichtet waren, wurde Haupt und Führer der Protestanten,
und zwar so eifrig und so entschieden, dass Nuniius Com-
mendoni kein Bedenken trug, über ihn den Satz niederzu-
schreiben : „Die katholische . Religion weiss gegenwärtig
ın Polen, wie ausserhalb dieses Landes, vielleicht kei-
nen grössseren Verfolger zu nennen, als ihn“ (Radvila).?
Kein Wunder ! Radvila hatte eben den Rückgang beo-
bachtet, der — wie wir es oben zu beschreiben versucht
— im religiösen und sitilichen Leben Litauens immer
'traurigere Früchte zeitigte. Solches konnte ein Patriot
wie Radvila nicht ohne tiefen Schmerz ansehen. Viel-
nificentiam, quam in aula Caroli V. Caesaris didicerat, Hispanus
.dicebatur.
His igitur in conspectum prodidens regium, meditata oratione
-de hoc negotio unionis habita, ita regem ejusque commovit animum,
lacrimas ut ipsi excutere et quibusdam Polonis, qui facundiam
et principatum linguae Polonicae sibi vindicaverant, in admirationem
sui quodammodo rapere videretur‘ (Warszewski, Caesarum, regum, et
principum vitarum libri duo, p. 374).
1 Boniecki, Poczet rodow W. Ks. Litewsk. w XV: XVIw. 8. 275.
„Der Karvede von Vilnius [Radvila], der mächtigste Mann
nicht nur in Litauen, sondern auch in allen anderen Ländern
dieses Reiches‘‘ so schildert ihn der Nuntius Commendoni (vergl. Al-
bertrandi Malinowski, Listy Commendoniego II, S. 208).
2 Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiegoe w Litwie I, S. 13
8 Boniecki, Poczet Rodow W. Ks. Litewskiego w XV ; XVI w.
.S. 275.
Danilowicz, Skarbiec Dyplomatow II, 2361.
— 106 —
leicht hat er gewartet und von den Bischöfen eine Er-
neuerung gehofft. Während er als Gesandter im Westen,
besonders am Hofe des Kaisers Karl V./weilte, erfuhr er
von den reformatorischen Bewegungen und lernte auch
bald die Reformatoren selber kennen. Diese sannen nun auf
Mittel, wie sie den gewaltigen Magnaten auf ihre Seite
bringen könnten, denn dessen Einfluss auf Sigismund-Au-
gust war ihnen nicht unbekannt und so durften sie hoffen,
durch Radvila den König selbst vom katholischen Glauben
abwendig machen und auf diesem Wege nicht nur Litauen,
sondern auch Polen für ihre Lehre gewinnen zu können.!
Wie und wann Radvila zur neuen Lehre ablenkte, darüber
gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist jedenfalls,.
dass er um das Jahr 1550 die katholische Religion öffentlich:
abgeschworen hatte, sich bereits zum Kalvinismus bekannte,
und als Verfechter dieser Lehre auftrat.?2 Als seine Gattin,
seine Kinder und das Hauspersonal auf seine Veranlassung
hin den gleichen Schritt getan hatten,? begann er die neue
Lehre über Litauen hin zu verbreiten ; das aber mehr mit:
Gewalt, als durch Ueberzeugung, was ihm ein Leichtes war,
da er — wie wir oben sahen — fast über ganz Litauen ver-
fügte und zudem das volle Vertrauen des Königs genoss.
1 Albertrandi Malinowski, Listy Commendoniego II, S. 204..
Radvila unterhielt eine sehr umfangreiche Korrespondenz mit
den schweizerischen Theologen, besonders mit Kalvin.
Wotschke, Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen.
Opera Calvini, Bde. XVII, XVIII, XıX, XX.
Nuntius Commendoni schreibt in seinen Briefen, dass niemand.
von den Königen und Herzögen so umfangreiche Beziehungen mit
protestantischen europäischen Herrschern und verschiedenen Sekten
unterhalten habe, wie Radvila.
2 Provinciae poloniae Societ. Jesu Ortus et progressus, I15 628,.
Ossolineum Lemberg, fol. 63.
Wegierski, Systema historico-chronologicum, p. 141.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego, I, S. 13.
8 Wegierski, S. 141.
Lukaszewicz, S. 12.
— 107 —
Zuerst liess er in der Vorstadt Lukisiai in Vilnius ein
kalvinisches Gotteshaus errichten und suchte zunächst das
Volk dadurch an sich zu ziehen, dass er ihm ein grosses
Gastmahl gab.! Bald jedoch lockte er es nicht nur durch.
Leckerbissen, sondern trieb es auch durch Strafen zur An-
nahme der Lehre Kalvins.?
Kurze Zeit darauf liess er eine andere Kirche, diesmal
in der Stadt selbst, erbauen. Obgleich Radvila auf seinen
und den grossfürstlichen Gütern den Katholiken die Kir-
chen mit Gewalt entrissen und den Kalvinisten über-
geben hatte, glaubte er dieses in der Hauptstadt selber nicht.
wagen zu dürfen ; einerseits, weil er den Bischof und viele.
andere, die dem Katholizismus noch nicht vollkommen ab-
trünnig geworden waren, fürchtete, anderseits aber auch, .
weil er Bedenken trug, ob der Grossfürst Sigismund-August
— der zwar die Neuerungen begünstigte — ein derarüiges-
Vorgehen billigen würde.
1 „Hic Lukiszkis excitata amplissima aula, Calvini erroribus
seminandis initium dedit; usus ‘opera duorum presbyterorum a
catholica religione profugorum. Trahebatur ad nova sacra ex civitate
populus, mensa, in qua venientibus lautae epulae proponebatur, ita.
quidquid aut odii aut metus ex insolentia sacrorum creari poterat,
munificentia ducis apud pronum in gulam populum leniebatur....
ornatum in praedicta faciebat sericum villosum coloris nigri... alba.
ceruce in medio distinetum; ...ad communionem ZEucharistiae sub
atraque specie admittebantur flexi genua, praemissaque prius con--
fessione auriculari...
Ritus hi paulo post Palatino displicuere, quare imperavit ut,
qui Eucharistiam sumpturi essent, non flecterent, sed discumberent‘‘
(Of. Kojalowicz, Miscellanea rerum, p. 66).
Wegierski, Systema historico-chronologicum, p. 142.
MS (1631—1640), in der Bibliothek der geistlichen Akademie:
zu Petersburg, S. 3, 7, 13.
2 Vergl. dasselbe Msc.
Wegierski, Systema historico-chronologicum, p. 142.
MS in der Bibliothek der geistl. Akademie zu Petersburg.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego, S. 13.
Golebiwwskt S., Czasy Zygmunta Augusta II, S. 79 £
— 108 —
Auf seinen und den grossfürstlichen Gütern liess er
‚die Priester, die sich nicht zum Kalvinismus bekennen
wollten, vertreiben und führte in den Kirchen den kal-
vinischen Gottesdienst ein.! Seine Priester. liess er zum
‚grössten Teile aus Polen und Preussen kommen, aber auch
‘unter den einheimischen Priestern fand er einige, die ihm
‚genehm waren.? So setzte er z.B. den Polen Krzyszkowski
in Nesviezis, den Preussen Falconius ın Kleck, die Polen
Zaczye in Brasta und ‘Wedrychowski und Üzechowiez ın
1 ‚Neque enim contentum se esse voluit, quod ipse cum sua aula
‚Christi doctrinam amplexus esset, nisi eadem luce omnes latissi- _
marum suarum ditionum homines cerneret illustratos. Proindeque
‘.citra moram conquisitis undeque piis evangelicis ministris singulis
eivitatibus attribuit... Praeterea templa iconalatrarum aut claudi
‚aut‘ repurgari iussit et alia, quae tantum principem decet, peragi
auravit‘‘... so Schreibt Budrig, der litauische Prediger von Kleck,
im Jahre 1563 an Bullinger (vergl. Wotschke. Der Briefwechsel der
Schweizer mit den Polen. 272). ‚In ditionibus quoque suis ortho-
‚doxas Ecclesias passim aperuit, et Ministris verbi idoneis regendas
commisit‘.
2 Cichocki, „Von allen Seiten eilt eine gewaltige Menge von
Priestern zu ihm, gleich wie die Raben über die von wilden Tieren
zeriissenen Kadaver herfallen. Die kathoäischen Priester wurden zuerst
‘verspottet und hatten dann viele Verfolgungen zu erdulden, end-
lich wurden sie sogar vertrieben und gezwungen, ihre Heimat und
ihre Gotteshäuser ruchlosen Dienern zu überlassen. Mitten auf dem
Markte von Vilnius erbaute man eine Synagoge mit einem hohem
Turme, nach der auch die vornehmsten Bewohner der Vorstadt Lu-
kiszki kamen. Als sich nun jene dort versammelt hatten, kam
auch eine gılosse Menge von Predigern nach der Synagoge. Der
letzie Verfall der Kirche schien zu drohen.‘ Cichocki, Alloquia Ossie-
-censia, p. 201.
„Es gab auch katholische Priester, lie dem Willen der Grossen
nachlebten und so zu Predigern der neuen Lehre geworden sind, sich
.dann verheirateten und die katholischen Kirchengüter verschwendeten .“
Historia wierna o Kacerstwach. MS in der Bibliothek der katho-
lischen Akademie zu Petersburg.
Kojalowiez, „usus opera presbyterorum a catholica religione pro-
fugorum‘. Miscellanea, p. 66.
Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego, S. 13.
Vilnius ein.! Den letzten sandte Radvila in die Schweiz,;da--
mit er dort den Ritus und die Lehre Kalvins kennen lerne.”
Dem Beispiele Radvilas des Schwarzen, der durch’ sein
Ansehen die Aufmerksamkeit aller auf sich lenkte, folgten
alle Magnaten und der gesamte sonstige Adel. Schon im.
Jahre 1555 finden wir in Litauen vornehme Familien
welche die neue Lehre öffentlich bekennen. Die Prunski,
Holowezynski, Puzyna, Pac, Wollowiez, Szemiot, Doroho-
stajski, im oberen Teile von Litauen; die Kiszka, Chod--
kiewiez, Chlebowiez, Gorski und viele andere in Samo-
gitien bekannten sich öffentlich zur neuen Lehre und
halfen sie verbreiten.“ Vom niederen Adel brauchen wir
nicht zu reden, denn er ahmte die Magnaten wie in
allem, auch in der Religion nach.° Eine Handschrift.
aus dem Jahre 1624 berichtet uns, dass bereits im Jahre
1555 die neue Lehre so gewaltig an Ausbreitung gewonnen
hatte, dass in ganz Litauen kaum ein Magnat oder
I Ms in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius.
Lukaszewiez, S. 9.
® Lubieniecki, Historia reformationis polonicae, p. 129.
3 „Besonders durch das Ansehen Radvilas in die Enge getrieben,
sind sie fast alle evangelisch geworden... Der Adel hat deswegen
auf seinen Besitztümern die von ihren Vorfahren erbauten Kirchen
in reformierte verwandelt; die Kirchengüter haben sie eingezogen,
Kelche und Messgewänder verschenkt, Altäre und Bilder hinaus-
geworfen und je nach Belieben damit gewirtschaftet.‘‘ (Historia.
wierna v Kacerstwach. MS in der Bibliothek der katholischen
Akademie zu Petersburg.)
Lukaszewicz,, I, S. 12, 15.
4 MS. in der Bibliothek zu Vilnius.
Lukaszewicz I, S. 17.
5 „Das Beispiel Nicolaus Czarnys (Radvilas) zog in Litauen,
welches damals noch viel mehr von Ehrfurcht für die monarchische
Gewalt beseelt war, als das Königreich Polen, fast alle zur blinden
Nachahmung desjenigen, der in jener Provinz in mancher Hin-
sicht die Peıson‘ des Königs vertrat. Der litauische Adel... ver-
liess den Glauben seiner Väter scharenweise, den katholischen wie
den orientalisch-orthodoxen, und führte auf seinen Gütern und den
von ihm verwalteten Kronbesitzungen den Kalvinismus ein, baute
= 10.
sonst ein Adeliger sich noch zur katholischen Lehre be-
%kannte.! Paulus Vergerius, der im Jahre 1555 Litauen
besuchte, versichert dort viele Kirchen nach schweizerischem
‚Muster gefunden zu haben.? Und Stanislaus Rescius, ein Se-
kretär des Kardinal Hosius, bezeugt, dass im Jahre 1552
.den Katholiken in Litauen schon ungefähr 3000 Kirchen
‚genommen gewesen seien.? Hosius beklagt sich im Jahre
1555 in einem Briefe am Bischof Kromer, dass Litauen von
.den neuen Lehren so überflutet sei, dass die angrenzenden
Länder, und besonders Polen, von ihr angesteckt würden.‘
Ueber die Ausbreitung der neuen Lehre in Samo-
‚gitien in dieser zweiten Periode, haben wir wegen Quel-
lenmangel von zuverlässiger Seite nur wenig Bestimmtes.
‚Jüngere Geschichtschreiber wie Valancius,5 Lukasze -
ihm neue Kirchen oder übergab ihm die katholischen und orien-
talischen..‘“ Lukaszewiez, S. 15.
1 „Die Häresie bahnte sich schnell einen Weg ins ganze
Grossfürstentum Litauen und sie breitete sich dort so rasch aus,
‚dass nach dem Tode des Bischofs Paulus Holszanski (f 1555) kaum
noch irgendein Magnat oder Kleinadeliger den katholischen Glauben
bekannte“ (MS in der Bibliothek zu Kaunas, geschrieben im Jahre
1624).
?2 Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego w :Litwie I, 17.
3 Diese Behauptung von Rescius scheint übertrieben zu sein,
denn mit Skarga (siehe weiter oben), der die Zustände in Litauen
besser kannte, tragen wir kein Bedenken anzunehmen, dass unter
der von Rescius angegebenen Zahl der Kirchen, auch die den Katho-
liken in späteren Zeit genommenen, zu verstehen ist. ZRescius, De
Atheismis et Phalarismis evangelicorum, p. 543.
* „Mea quidem sententia sicut initium antea sic progressum nunc
habent haereses non aliunde nisi ex Lituania‘‘. Epistolae card.
Hosii, 1410 (Acta historica IX).
®° Valancius scheint sehr von der Wahrheit abgewichen zu
sein, wenn er in seinem Werke behauptet, die Anfänge des
Protestantismus in Samogitien fielen in die Zeit des Bischofs
Pietkiewiez (1567—1574). Er erwähnt vor der Zeit dieses Kir-
chenfürsten keine Irrlehre (Wolonezewski, Zemaijtiu viskupiste I,
25 ff.).
— 111 —
wicz! und andere (Dambraukas ?) berichten, dass die Aus-
breitung der neuen Lehre in Samogitien unter der Regie-
rung des Bischofs Georg Pietkiewiez (1567—1574) stattge-
funden habe. Doch unterscheiden die Quellen, die wir vorher
angeführt haben, dort wo sie von einer schnellen Ausbrei-
tung des Protestantismus sprechen, in keiner Weise zwi-
schen Samogitien und den übrigen Teilen Litauens.? Und
wenn wir die geographische Lage in Betracht ziehen, so
ist kaum anzunehmen, dass die neue Lehre in Samogitien
später als in den übrigen Teilen des Grossfünstentums
Litauen ausgebreitet worden ist. Wir haben oben bereits
gesehen, dass der Protestantismus besonders von Preussen
und Livland aus nach Litauen vordrang; weil nun aber
Samogitien einerseits an Preussen und Livland, anderseits
an das eigentliche Litauen (Augstajtija) grenzt, so ist es
selbstverständlich, dass der Protestantismus, um nach
Ober-Litauen vorzudringen, sich zuerst den Weg über Sa-
mogitien bahnen musste ..*
Wenn wir alles, was wir über die Ausbreitung des Pro-
l Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego I, S. 15 f. Ko-
jalowicz, auf den sich die Aussage Lukaszewicz gründet, spricht nicht
so sehr von der Ausbreitung des Protestantismus, als vielmehr
von dem Verfall des Katholizismus, der eine Folge dieser Ausbreitung
war. Dieser Ruin habe sich besonders unter der Regierung des.
Bischofs Pietkiewicz gezeigt, was auch aus anderen Stellen die-
ses Autors hervorgeht. Die Ausbreitung der protestantischen
Lehre in Samogitien wird sehr oft an den Namen des Bischofs
Pietkiewicz geknüpft, da Kojalowiez (Miscellanea, p. 67) bezeugt,
dass nach dem Tode dieses Bischofs in der ganzen Diözese nur 6
katholische Priester übrig geblieben seien.
?2 Dambrauskas, pradzia ir issipletimas protestantizmo Lietuvoje
16. simtm.
$ Dies geht besonders aus Cichicius hervor, der auf die schr
grosse Verbreitung des Protestantismus (besonders in Samogitien)
unter Radvila Niger hinweist.
* „Albrecht von Preussen fiel nicht nur selbst mit seinen
Untertanen vom wahren Glauben ab, sondern versuchte dieses hae-
retische Gift auch in die benachbarten Länder, und besonders in
Samogitien, einzuführen. Seine ruchlosen Versuche hatten eine solche
—: 419. 2=
testantismus angeführt haben, in Betracht ziehen, so sehen
wir, welch grossen Fortschritt die protestant'sche Lehre schon
sechs Jahre nach dem Tode Sigismunds I. gemacht hatte. Wa-
rum Staat und Kirche eine so grosse Ausdehnung der neuen
Lehre duldeten, und nur wenig oder fast gar nichts zur
Verteidigung des katholischen Glaubens versuchten, wissen
‘wir schon. Wenn auch ’der Grossfürst bis dahin den
neuen Glauben noch nicht bekannt haben mochte, so be-
schützte und begünstigte er die Häretiker dennoch‘. Die
lasterhaften, unwissenden und verhassten katholischen
Priester vermochten den besser unterrichteten Predi -
gern! des neuen Glaubens, die durch die Machtmit-
tel und das Wohlwollen der Magnaten gesichert waren,
keinen Widerstand zu leisten. Beim Regierungsanfang Si-
gismunds-August hatte Paulus Holszanski — der uns schon.
aus den vorhergehenden Kapiteln bekannt ist — die Leitung
der Kirche in Vilnius inne. Dieser Kirchenfürst bekämpfe,
wie wir gesehen haben, die Verbreiter der neuen Lehren
mit Waffen, Gefängnissirafen und Verbannung. Aber
nachdem schon zu Lebzeiten des Grossfürsten Sigismund
II. diese Kampfmethode sich! als ohnmächtig erwiesen hatte,
— weil die Neuerer immer den Schutz der mächtigen Mag-
naten genossen — so war nach dem Tode dieses Fürsten
Wirkung, dass bald darauf (Mitte des 16. Jahrhunderts) die Irrlehre
in Samogitien weit verbreitet wurde, und nur wenige Magnaten
dem katholischen Glauben treu blieben.‘‘ MS aus dem Jahre 1624 in
der Bibliothek des Priesterseminars Kaunas.
Ebenso Wotschke, Abraham Culvensis Beilagen, S. 170 ff.
1 Viele Prediger des neuen Glaubens waren durch akademische
Grade ausgezeichnet, wie z.B. Abraham Culvensis, Rappagelanus
und viele andere (siehe Wotschke, Abraham Culvensis, Beilagen
S. 170 f££f.). Dagegen konnten die meisten katholischen Priester
kaum lesen und schreiben, auch war ihr Wissen sehr be-
schränkt. ‚Die Unwissenheit des Klerus war derart, dass es selbst.
einige gab, die nicht zu schreiben verstanden‘ sagt ein Autor vom
Anfang des 17. Jahrhunderts (Manuskript in der Bibliothek zu Vil-
nius).
Ebenso Przyalgowski, Zyvoty biskup. Wilenskich I, S. 150.
=; 3.
ein derartiger Kampf gegen die neuen Lehren fast unmög-
lich, denn nicht nur die Magnaten, sondern auch der Gross-
fürst begünstigte die Neuerer ganz offen. Da der Bischof
einsah, dass die weltlichen Waffen nichts nützten, suchte
er nach geistlichen und berief eine Diözesansynode, in
der über die Reformierung des Klerus und über die Aus-
rottung der neuen Lehre verhandelt werden sollte, aber der
Tod kam ihm zuvor, da er im Jahre 1555 starb.”® Im
Uebrigen überliefern uns die Quellen über diesen. Bischof,
wie über die übrigen Kirchenfürsten Litauens, sehr wenig.
Die von ihm angekündigte Synode wurde unter dem Vor-
sitze des Praelaten Wenzeslaus Vierzbicki, des Bischofs von
Vilnius, in Samogitien abgehalten (1555). Nach Pau-
lus Holszanski wurde Valerianus Protasewiez-Suskowski
Bischof von Vilnius, ein Mann, den die Jesuiten als ei-
frigen Ausrotter der neuen Lehre mit grössten Ehren fei-
erten.? |
1 Przyalgowski, Zyvoty biskupow wilensk. I, S. 153£.
2 Kojalowiez (Miscellanea, p. 78) und Naramowski (Facies
rerum sarmaticarum II, p. 357) setzen seinen Tod in das Jahr 1553;
Rzepnicki (vitae Praesulium Poloniae et Lituaniae II, p. 182) und
Przyalgowski (Zyvoty biskupow wilensk. I, S. 132, 153) behaupten,
dass er im Jahre 1555 gestorben sei. Diese Meinung ist in
den massgebenden Quellen enthalten (MSS. in der Bibliothek des
Priesterseminars zu Vilnius und wird auch von den neueren Autoren
vertreten (Kurzewski, Kalendarium dioecesanum 1904, S. 251, Der-
selbe, Biskusptwo Wilenskie, S. 35f£.).
$ So lobt zum Beispiel der Jesuit Kasimir Kojalowiez den Bi-
schof Protasewicz mit folgenden Worten: „Ut immortalitatem merere-
tur, immortalia factorum monumenta saeculis intitulit ; ut vero vinceret,
divisis per multa merita virtutis insignibuss, amplius extendit.
Tantum igitur supra multorum vivorum illustrium fortunam eminet
quantum illi supra communem‘. Panegirici heroum, Vilnae 1668,
p. 160 ss.
Ein anderer Jesuit (Naramowski) schreibt über Bischof Pro-
tasewicz' ,„A teneris annis brevisimam ad virtutum fasti-
gium semitam invenit pietate morum promotione scientiarum, utrum-
que sic perfecit, ut simul serpentem acephalae haeresos conficeret
hydram (?!) Prolabentium in haeresim animorum vitia suae vitae
8
— 14 —
Protasewicz war Sekretär der Königin Bona, die
ihm grosses Wohlwollen entgegenbrachte und ihn sogar
auf den Bischofstuhl von Vilnius setzte. Dieser sanft-
mütige Kirchenfürst liebte Bequemlichkeit und Ruhe. Ob-
gleich er in seiner ganzen Diözese die neuen lehre weit
verbreitet fand, bekümmerte er sich wenig um kirchliche
Angelegenheiten, sondern ging ganz in den politischen
Geschäften auf, sodass selbst die sonst so saumseligen
und sorglosen Kapitularen! es zweimal für notwendig
fanden, den Bischof an seine Residenzpflicht zu erinnern und
zu ermahnen, für die immer tiefer sinkende Religion besser
zu sorgen zu wollen.? Obwohl er sein eigentliches Amt ver-
nachlässigte, neigte er doch! nicht zur neuen Lehre ; auch
war er kein Mann von schlechten Sitten, wie viele andere
Bischöfe dieser Zeit. Als er vom Kapitel und den aposto-
lischen Nuntius gemahhnt wurde, begann er auch besser für
‚seine Diözese zu sorgen, hatte aber damit nicht viel Erfolg.>
Schliesslich verzweifelte er gänzlich ‘an der Wirksamkeit
seiner Tätigkeit und an: der Erneuerung des katholischen
‘Glaubens in seiner Diözese. 1557 schrieb er an Kar-
dinal Hosius, der ihn immer und immer wieder instän-
‚dig ermahnt hatte: „Ich tue, was ich kann und höre nicht
‚auf, mein Möglichstes zu tun, aber öfters sehe ich mich
reformavit exemplis‘. Facies rerum sarmaticarum II, p. 358 ».
Ebenso Rzepnicki, vitae praesulum Polon. et Lituan. II, p. 1825.
Diese Schriftsteller preisen die Tugenden und Taten ihres
Gönners nur obenhin. Wenn sie aber das Wirken dieses Mannes
erwähnen, können sie weiter nichts berichten, als dass er die
Jesuiten nach Litauen berief und dass er bei der Hochzeit des
finnländischen Herzogs Johann mit Katharina, der Schwester Si-
sismunds-August, die in Vilnius gefeiert wurde, assistierte.
1 Dass im damaligen Vilniuser Domkapitel vieles schlecht stand,
‚geht aus seinen Akten hervor. Die Domherrn lagen wegen der
Pfründen und deren Einkünfte in beständigem Streit und Zank
und hatten für die immer tiefer sinkende Religion kein Auge.
Siche Bohusz, Summaryjny wypis z Aktow Kapit. wilenskiej.
?2 Bohusz, S. 22%£.
® Commendoni schreibt über den Bischof Protasewicez an Ca-
rolus Borromäus : „Der Bischof von Vilnius (Protasewiez)... hat es nie
— 115 —
‚gezwungen, Eurer Eminenz zu schreiben, dass die Sache
unserer Gegner auf dem Punkte angelangt ist, wo nur noch
der Schutz Gottes. allein die Kirche retten kann.‘‘l Das
‚grösste Verdienst erwarb sich dieser Bischof durch die
Berufung der Gesellschaft Jesu nach Litauen.
Nach‘ Wenzeslaus Vierzbicki bestieg der Pole J An:
nes Domanowski den Bischofsitz in Samogitien , Dieser Kir-
‚chenfürst, der bei Roysius wegen seinen juristischen Kennt-
nissen und Gerechtigkeit lobend erwähnt wird,? hatte gesunde
Ideen, mit denen er die Disziplin des Klerus und das re-
ligiöse Leben in seiner Diözese möglichst zuheben trachtete.
Doch unterband seine politische Tätigkeit sein Wirken,
-denn als geschickter Diplomat wurde er zunächst für ver-
schiedene Botschaften verwendet?, und hierauf vom Gross-
fürsten zum litauischen Justizminister ernannt. Er musste
infolgedessen die Sorge für seine Diözese dem Kapitel über-
lassen und residierte nunmehr in Vilnius (1556—1563).%
Nach Domanowski Tode kamen innert zwei Jahren
‚zwei Bischöfe auf den samogitischen Stuhl : Stanislaus Nar-
kustis und Viktorius Vierzbicki 5 Ihnen folgte Georg
Pietkiewiez, einMann, der in der Geschichte der samo-
‚gitischen Kirche als nachlässiger Seelenhirt bekannt ist.
Das waren die Männer, welche das äusserst gefährdete
unterlassen dem Papste gegenüber Achtung und Unterwürfigkeit zu
bezeugen. Er hat mich sofort besucht und schilderte mir mit
grosser Genauigkeit und Offenheit den Glaubenszusiand in Witanen,
der bei weitem schlimmer ist, als in Polen... Wenn Ew. Exzellenz
geruher. wollte, in einem Briefe einige den guten Willen dieses Prae-
laten lobende Worte hinzuzufügen, so würde ihn dies sehr an-
.spornen.‘‘ Albertrandi-Malinowskü, Listy Commendoniego I, S. 32.
1 Epistolae Hosii (Acta Historica IX).
? Roysis Petri, Decisiones Lituanicae Crac. 1563. D.2. N. 80
® Ms. 159, fol. 102—104 im ÖOssolineum, Lemberg.
* Kojalowicz,, Miscellanea, p. 85.
Rzepnicki, Vitae praesulum II, s. 31s.
Niesiecki, Corona Polska II, S. 57.
Woelonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste I, 87 ff.
5 Vergl. dieselben Autoren in den oben zitierten Werken.
— 116 -
Schifflein der katholischen Kirche in Litauen lenkten ; Män-
ner, die weder der neuen Lehre huldigten, noch mit den
Krebsschäden der damaligen Zeit behaftet waren, wie man-
che ihrer bischöflichen Amtsbrüder ,! die aber in politi-
sche und weltliche Sorgen verstrickt, die Pflichten ihres Hir-
tenamtes vergassen. Selbst die klare Erkenntnis vom tiefen.
Verfall des religiös-sittlichen Lebens vermochte ihren See-
leneifer nicht anzuspornen.? Sie waren darum nicht die
Hirten, die den Fortschritt der Irrlehre hätten eindämmen:
können, da sie zudem am niedern Klerus keinen Rückhalt
fanden. |
So befremdet es uns nicht, wenn die neue Lehre sich
über ganz Litauen verbreiten konnte und ihr Fortschritt
kaum merkliche Hemmnisse fand.
Die örtliche Ausbreitung und das Aufgehen der pro-
testantischen Saat haben wir gesehen. Es gilt noch’ einen
Blick auf Wie innere Entwicklung zu werfen und zu
sehen, wie der Protestantismus das innere geistliche Leben
der einzelnen Gesellschaftklassen durchdrang und beein-
flusste ; denn von dem mehr oder minder tiefern Eindringen.
der neuen Lehre in die einzelnen Volkschichten können.
wir die Stosskraft des Protestantismus ermessen.
Soweit die Quellen bei der Behandlung des litauischen.
Protestantismus in Betracht kommen, bezeugen sie, dass nur
Magnaten, Kleinadel und Bürgertum und ganz besonders
die Zugewanderten an der protestantischen Aktion betei-
liegt waren.® Von einer aktiven Teilnahme des Land-
1Z.B. waren manche Bischöfe Polens nicht nur sittlich gesunken,
sondern auch der neuen Lehre zugetan. Instructio Nuntiis Capituli
(Oracsviensis ad synod. a 1551 Acta Historica, I, p. 477 ff.). Zitate
aus dieser Instructio finden sich in den Anmerkungen. Damalewicz,
Vita vladislanensium episcoporum a, 1642, p. 388 ss.
2 ‚Glaube jeder, was er will, wenn nur meine Einkünfte unver-
sehrt bleiben‘‘, so sollen manche Bischöfe öffentlich gesprochen haben.
Responsiones capitulorum ad consultationem Nuntii Apostol. (Belacye
Nuncyuszow I, S. 47). |
8 Siehe die oben an verschiedenen Stellen zitierten Quellen über.
die Ausbreitung des Protestantismus.
— 17 —
volkes an der Reformbewegung berichten diese Quellen
nichts.!' Auch finden wir nirgends Spuren, die auf eine
solche Anteilnahme bei den Landleuten, sei es aktiv oder
passiv, hinwiesen.
Wohl finden wir in den Quellen Zeugnisse, die
von der Gleichgültigkeit des Landvolkes gegenüber der
neuen Lehre sprechen.? Durch harte Knechtschaft gedrückt
und durchaus ungebildet, wurden sie von ihren Herren
gezwungen, wie früher in die katholischen, so jetzt in die pro-
testantischen Kirchen zu gehen, und den sonst den katho-
lichen Geistlichen gewährten Unterhalt, entrichteten sie
jetzt den protestantischen. Um Dispute über Glaube und
Kirchendisziplin — die damals bei Magnaten und Vornehmen
an der Tagesordnung waren — kümmerten sie sich wenig .?
Hatten sie früher vom Katholizismus wenig gewusst, so
l Ich sage ‚aktive‘ Teilnahme, denn passiven Anteil an der
neuen Religion hatte das Volk gewiss; sie gingen ja getrieben von
ihren Herrn in den reformierten Gottesdienst und gewährten der neuen
Religion Unterhalt und verrichteten auch sonstige Dienste für sie. Siehe
Gruzewski, Kosciol ewangelicko-reformowany w Kielmach, S. 91.
2 „Die Häresie nistete sich besonders beim Adel ein, der seine
Wohnsitze auf dem Lande hat und seine Untergebenen zum Verläugnen
des Glaubens seiner Vorfahren zwingt‘‘, so schreibt Buongiovanni, von
1560—1564 in Polen, an Kardinal Moroni (Relacye Nuncyus-
zow I, S. 87). Aehnliches berichtet Nuntius Fulvius Ruggieri
im Jahre 1565: „Der Adel, der auf seinen Gütern eigenmächtig ist,
verfügt auch nach seinem Belieben über die Religion, eignet sich
katholische Kirchen an und befiehlt dann seinen Untergebenen den
Uebertritt zu seiner Religion‘. Die Beschreibung Polens von Ful-
vius Ruggieri, Relacye Nuncyuszow I, S. 160.
„Das Landvolk allein blieb der wahren Religion treu. Aber auch
dieses wurde von den andersgläubigen Herren gezwungen, ihrem Got-
tesdienst beizuwohnen, ihre Predigten zu hören und ihre Religions-
diener zu unterhalten. Und weil es gewohnt war, seinem Herrn un-
bedingten Gehorsam zu leisten, so fat es dies auch.‘“ Manua-
kripte aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts in der Seminar-
bibliothek zu Vilnius.
Ebenso: Rychiecki, Piotr Skarga i jego wiek, S. 26.
$® „Dogmatische Dispute waren so allgemein üblich, dass nur
noch die Landleute sie nicht kannten.‘ Ms. eben zitiert.
— 18 —
wussten sie jetzt vom. Protestantismus noch: weniger. Kurz,
das Volk benahm sich so, als merke es von der grossen. re--
ligiösen Verwirrung gar nichts. |
Es ist also festzuhalten, dass die Magnaten, dieniedern:
Adeligen und ein Teil der Städter an der protestantischen
Aktion beteiligt waren. Die Einführung der neuen Lehre ge-
schah in der Weise, dassein Magnat oder Kleinadeliger, der
offen zum Protestantismus übergetreten war, in den Di-
strikten seines Dominiums die katholischen Geistlichen vor
die Wahl stellte, entweder zum neuen Glauben überzutreten:
oder auszuwandern. Dann führte er unter Mitwirkung von
protestantischen Geistlichen in den Kirchen den refor-
mierter: Gottesdienst ein, den zu besuchen das Volk ge-
zwungen wurde .t
Aus all diesem geht klar hervor, dass der Protestan-
tismus in Litauen ein Magnaten- und zum Teil Stadtpro-
testantismus war?, und dass das ungebildete, stumm sich.
beugende Volk der neuen Religion nur gezwungen folgte..
Eine eigentliche Stütze hatte der Protestantismus-
nur am Magnatenstande. Da dieser in jeder Bezie-
hung der mächtigste war und die übrigen von ihm ab-
hingen, so war es kein Wunder, dass die protestantische
Bewegung in Litauen eine so allgemeine Umkehr der Dinge.
bewirkte. |
Nachdem wir nun den Verbreitungsbezirk des Pro--
1 „Der Adel hingegen verwandelte auf seinen Besitzungen die:
von seinen Ahnen erbauten Kirchen in protestantische Bethäuser.
Kirchliche Güter wurden eingezogen ; Kelche, Ornate und andere
kostbaren Paramente verschenkt ; Altäre und Bilder aus den Kirchen
entfernt oder verunstaltet. Es gab Pfarrer, die ihren Herren voll-
ständig untertänig waren und deshalb von ihnen zu protestantischen.
Pastoren ernannt wurden. Diese Geistlichen verheirateten sich und.
verschleuderten die kirchlichen Güter.‘‘ Hystoria wierna o Kacerst-
wach“. Ms in der Bibliothek der geistlichen Akademie zu Peters-
burg. Ebenso: Cichocki, Alloquia ossiecensia, p. 33, 201.
Jaroszewicz, Obraz Litwy III, S. 35f. |
Kojalowiez, Miscellanea, p. 67.
Kariejew, Ocerk istorii reformacionnago dwizenia, S. 99,
2 Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego w Litwie, S. 15£..
— 119 —
testantismus bezeichnet und die Beziehungen der einzelnen
lıtauischen Stände zur neuen Lehre klargelegt haben, müssen
wär uns noch fragen: Haben die Protestanten etwas getan,
um ihre Religion rechtlich sicher zu stellen, um die Prin-
zipien ihrer Lehrer den Anhängern einzuimpfen und zum
die innere Konstitution ihres Lehrgebäudes nach der dog-
matischen und disziplinären Seite hin fest zu begründen ?
Während in den Reichstagversammlungen in Polen
ein heftiger Kampf über Rechte und Privilegien des Kle-
rus und über die rechtliche Stellung des Protestantismus
zwischen den Katholiken, besonders dem Klerus, und den
Protestanten tobte,! finden wır in Litauen von all dem
keine Spur? |
Damit hat es folgende Bewandtnis :
Zunächst wurden in Litauen kurz nach dem Jahre
1555 fast alle Senatoren und Magnaten (die Bischöfe na-
türlich ausgenommen) protestantisch.? Deshalb gab es
1 So namentlich auf dem Reichstag zu Petrikau 1550, 1552
(Suspensio jurisdietionis Episcoporum), 1555; Warschau 1557, Pe-
trikau 1558, 1562, 1565. Zukowiez, Kardinal Gosij (Hosius) i
polskaja cerkow, S. 153 ff., 176 ff., 213 ff., 254 ff., 257 ff.,
299. |
Liubowicz, Nacalo katoliceskoj reakcii i upadok reformacionnago
dwizenia w Polsze, S. 31 ff., 53 ff.
® Man kann in der Tat weder im Senate, noch im Reichs-
tag von Litauen Kämpfe zwischen Katholiken und Protestanten
feststellen. So hüllen sich denn auch alle Autoren, ältere und neuere,
hierüber in tiefes Schweigen, und die Quellen, die wir durchsucht
haben, berichten nichts davon. Wenn auch die Tagebücher des
Reichtages nicht ‚mehr vorhanden sind, so müssten wir doch — wenn
derartige Kämpfe stattgefunden haben sollten — zweifelsohne in den.
Quellen des 16. Jahrhunderts eine Spur davon finden.
®.H.M.(ercyng), Zbory i Senatorowie protestantey w Dawne;j
Rzeczypospolitej, S. 138£.
Cichocki, Alloquia ossiecensia, p. 83, 210.
Der polnische Senat hatte weniger protestantische Mitglieder, als.
der litauische; denn Nuntius Fulvius Ruggieri sagt vom polni-
schen : ‚Dennoch sind drei Viertel der weltlichen Senatoren katho-
lisch.‘‘ Beschreibung Polens von Fulvius Ruggieri im Jahre 1565.
Relacyce Nuncyuszow I, S. 160.
— 120 ° —
niemand mehr, weder im Senat noch in der Reichstagver-
sammlung, der die neue Lehre bekämpft oder die Rechte
der katholischen Religion verteidigt hätte, da die Bi-
schöfe wegen ihrer geringen Zahl ! und auch aus anderen
Gründen den übermächtigen Magnaten, denen die Kleinade-
ligen folgten, gegenüber wenig vermochten. Eine Verteidi-
gung der väterlichen Religion wäre dem Kleinadel auch fast
unmöglich gewesen. Wenn er auch gewöhnlich zum Reichs-
tag? berufen wurde, so spielte er doch nur eine ganz
nebensächliche Rolle und wagte kaum den übermächtigen
Grossen entgegenzutreten.
Anderseits fanden die Protestanten nichts, was sie,
als ihnen widerstrebend oder schadenbringen, hätten be-
kämpfen sollen. Gesetze gegen den Protestantismus gab es
nicht 3 und die Rechte und Privilegien der wenigen Geist-
lichen verloren vor der Gewalt der Magnaten fast alle
Kraft* Da also niemand, weder ım Senate noch im
Reichstag, die Protestanten angriff, letztere aber auch keinen
Grund zum Kampfe hatten, blieb ein politischer Kampf
zwischen Katholiken und Protestanten fast völlig aus.
Ein anderer Grund, der einen Religionskampf aus Li-
1 Die Anzahl der Senatoren Litauens lässt sich nicht genau
feststellen, wir können auf ungefähr 40 schliessen. Darunter waren
nur 4 Bischöfe. Wolff J., Senatorowie i dygnitarze W. Ks. Litews-
kiego, S. 1—3.
Lappo, Welik. Kniaz. Litowskoje, S. 564, 670.
2 Siehe weiter oben.
® Wohl sind nach dem oben Gesagten von König Sigis-
mund I. einige Gesetze erlassen worden. Indess der Kern und die
Tragweite dieser Edikte sind ziemlich unbestimmt, und es ist sehr
wahrscheinlich, dass sie keine allgemeine Gültigkeit hatten, son-
dern nur auf Zeit und Ort beschränkt waren. Das geht schon
daraus hervor, dass der Bischof von Vilnius, Paul A. Holszanski,
genötigt war, für die Ausweisung des Abraham Culvensis ein besonderes
Edikt zu erbitten.
1 Dje Magnaten Litauens konnten nicht — wie wir es anderswo
antreffen — durch die Lockspeise der Kirchengüter zum Kampf gegen
Rechte und Besitzungen des litauischen Klerus aufgestachelt werden,
weil sie eben selber grosse Reichtümer und alle Rechte besassen.
— 1241 —
kauen fernhielt, war eine gewisse religiöse Toleranz, die
aus dem Umgange mit Orthodoxen ! und Mohammedanern
erwuchs und alle Gesellschaftsklassen, auch die Geistlichen
‚beseelte. ? |
Dazu kommt noch die politische Kurzsichtigkeit der
Protestanten, die vor Freude über den so leicht errungenen
.‚Sieg,® auf ihre Kraft und die Schwäche der Katholi-
ken bauend, wenig um das künftige Geschick ihrer Religion
besorgt waren.
So kam es, dass die Protestanten zur rechtlichen Be-
festigung ihrer Religion nichts taten.
Wenn auch keine Gesetze gegen die Protestanten be-
standen, so wurden doch anderseits auch keine Gesetze er-
lassen, die den Protestanten bezüglich des öffentlichen Auf-
tretens dieselben Rechte eingeräumt hätten, wie den Katholi-
ken. Solange die Protestanten die Katholiken überragten, be-
durften sie keiner Schutzgesetze ; aber später, als sie all-
.mählich schwächer wurden, verspürten sie deren Mangel
sehr nachteilig. Nur eines erachteten sie für notwendig,
dass nämlich Sigismund-August — auf Radvılas Betrei-
ben* — das Statut aufhob, das Andersgläubige und Grie-
chisch-Orthodoxe für immer von allen Würden ausschloss,
und dasvon Vladislaus Jogaila in Horodlo erlassen worden
war.’ Aber dieses Privileg nützte nicht so sehr den
1 Wie wir weiter oben sahen, waren in der Diözese Vilnius (Augs-
taitija) vielerorts bei weitem mehr Orthodoxe als Katholiken. Bei-
‚spiele siehe: Relacye Nuncyuszow I, S. 160. ,...Dennoch gibt es
dort (in Vilnius) bei weitem mehr ruthenische, als römische Kirchen.
Herberstein, Rerum Moscoviticarum commentarii in op. RBRerum
Moscovwiticarum auctores varii, Frankfurt 1600, p. 78.
?2 Siehe weiter oben.
3 In der Tat weiss der Protestantismus kaum in einem anderen
Land« einen so schnellen und leichten Sieg über die katholische
Religion zu verzeichnen, wie in Litauen.
% Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego I, S. 22 £.
5 Das Statut von Vladislaus Jogaila hatte folgenden Wortlaut:
„Praedictis libertatibus, privilegiis et gratiis tantummodo illi Ba-
rones et Nobiles Terrae Lituaniae debent uti et gaudere quibus arma
— 12 —
Protestanten, als vielmehr den Griechisch-Orthodoxen, da
die Protestanten bereits vor dieser Proklamation im Be-
sitze aller Würden des litauischen Grossfürstentums waren.
Nun erübrigt sich noch die Frage : Haben die Protes:
tanten sich die Mühe gegeben, die Anhänger von der neuen
Lehre zu überzeugen und im neuen Glauben zu befes-
tigen ?
Die sich zum Protestantismus bekennenden Magnaten
sorgten für die Vertreibung und den Abfall der katholischen .
Geistlichen und stellten nötigenfalls protestantische Relı-
gionsdiener an. Damit hielten sie aber auch die ganze Re-
formationsarbeit für erledigt, da sie glaubten, jede weitere
Aufklärung des Volkes den Geistlichen überlassen zu müss-
en. Aber diese Geistlichen, die vorzüglich Ausländer und
gelehrte Männer waren, zeigten sich nur an den Höfen der
Magnaten und in den Städten ..!
clenodia Nobilium Regni Poloniae sunt concessa, et cultores christianae
religionis Romanae ecclesiae subjecti, et non schismatici vel alii in-
fideles.“ Volumina legum I, p.31. Sigismund-August änderte Jas
Statut von Vladislaus Jogaila in folgender Weise ab: „Wir beschliessen
und bestimmen, dass nicht nur der Adel, die Bojaren und ihre
Nachkommen katholischer Konfession, sondern auch alle anderen
in gleicher Weise und für ewige Zeiten von den gleichen Begünsti-
gungen und Privilegien Gebrauch machen sollen. Desgleichen sollen
Aemter und Würden bei unserem Hofrate u.s.w. nicht nur den
Katholiken, sondern allen Leuten ritterlichen Standes und christlichen .
Glaubens den Verdiensten und Würden gemäss zugänglich sein.
Niemand soll (wenn er Christ ist), infolge seiner Religion von
einem Amte zurückgewiesen werden.‘ Monuments Reformationis Po-
loniae et Lituaniae. Ser. I, Heft I, S. 16 £.
Prawa i wolnosci dyssydentow w Koron. Polsk. W. Ks. Li-
tewsk. 1720. S. 1 ff.
1 Leute dieser Art waren Abraham Culvensis, Wiclef, (Koja-
lowicz, Miscellanea, p. 64 e.); nach .anderen Winkler (Jarosze-
wiez, Obraz Litwy III, S. 32 £.). Johann Kozminczyk, Lo-
renz von Przasznysz (Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweck. I.
S. 19). Volanus, Sudrovius, Czechowicz u. die anderen. Siehe-
Lukaszewiez, op. eit., S. 190—238, 266—290.
Wotschke, Abraham Culvensis, S. 170 ff.
— 123 —
Auf dem Lande setzien sich diese, wie wir schon:
gesehen haben, zum grossen Teil aus flüchtigen, unwiss-
enden und verbrecherischen Leuten zusammen. ! Meistens.
waren es abgefallene katholische Priester,? die sittlich
heruntergekommen waren. Sie kümmerten sich wenig um
die Religion und ihre Hauptsorge war die Erwerbung
zeitlicher Güter. Sie waren womöglich noch schlimmer
als die frühere katholische Geistlichkeit.
Die Zeitgenossen werfen den protestantischen Predigern.
dieselben Gebrechen und Ausschreitungen vor, die unter-
der katholischen Geistlichkeit zu beklagen waren. Zü-
gellosigkeit, Trunksucht, Habsucht, Hader und Gottlosigkeit
1 Die im Jahre 1583 in Wloclawek versammelte Synode zählt
eine lange Reihe von Lastern ihrer Religionsdiener auf: ‚„Trunkenheit,
Schwelgerei, Verschwendung, Würfel- und Kartenspiel, Geiz, Wucher,.
Unterdrückung der Untertanen, Nichtswürdigkeit gegen den Nächsten,.
die nicht jedem das Seine gibt ; Händeleien, Schuldenmachen, Grausam -
keit, Stolz, üppige Kleidung, Tanz, Buhlerei, Flüche, Hader, Feind-
schaft, Beleidigung des Nächsten und Mord, Faulheit, Flucht
vor Arbeit und Standesgeschäften, ärgerniserregende 'Unterlas-
sung der Predigt und des Gottesdienstes aus den geringfügigsten Ur-
sachen, Vernachlässigung der hl. Kommunion, Nichtbeachtung der
Mahnungen und der Disziplin. Communionis idolatiiae et blas-
phemiae respectu, sui sive liberorum suorum etc. non evitatio quo--
rundam etiam ab ariolis sciscitatio, et incantatricum ac ejusmodi Allu-
sionum variarumque superstitionum usus, et his similes abominationes.
peccata jverbo Dei contraria et plurimum mali secum vehentia.“ Jun-
gius S. J. Synopsis Novi Evangelii seu de doctrina, moribus fruc--
tibus etc. rectariorum Posen 1545, S. 235 f. Cichocki (Alloquia.
ossiecensia) beschreibt ‘die furchtbare Unwissenheit und Lasterhaf--
tigkeit der protestantischen Religionsdiener. Er. wirft ihnen viele
schreckliche Laster vor. Wenn sein Zeugnis auch etwas scharf und
verdächtig ist, so enthält es doch viel Wahres, was durch andere:
Quellen bestätigt wird. Die gerichtlichen Akten, die wir in der
Seminarbibliothek zu Kaunas fanden, enthalten Darlegungen der
verschiedensten Verbrechen protestantischer Religionsdiener.
* Dass viele katholische Priester ihre Kirche verlassen haben:
und protestantische Praedikanten geworden sind, geht aus den Quellen
klar hervor: Ms von 1624 in der Bibliothek der Priesterseminars.
zu Kaunas. Historia wierna v. Kacerstwach (1631—1640), p. 43.
— 14 —
‘waren nach unseren Quellen ziemlich häufige Erscheinungen
unter den protestantischen Praedikanten. Hätten so ge-
artete Prediger jemand für die neue Lehre gewinnen oder
‚die Seelen der Zuhörer ihren Grundsätzen erschliessen,
oder die Angeworbenen im neuen Bekenntnisse bestärken
können ?! Aber es waren auch gute Prediger unter ihnen,
leider nur wenige. Oder haben vielleicht die Protestanten
‚sich Mühe gegeben, wenigstens der Jugend durch Ein-
richtung von Bildungsanstalten, besonders von Elementar-
schulen, ihre Lehre beizubringen ?
Auch das nicht. Obgleich schon wenige Jahre nach
König Sigismunds I. Tod fast der gesamte litauische Adel
zum Protestantismus sich bekannte, so war von ihnen
vor dem Tode Sigismunds-August höchst wahrscheinlich
nur eine einzige Schule, die zu Vilnius, eröffnet worden.!
In Samogitien wurde die erste protestantische Schule
gar erst im Jahre 1592, d.h. nachdem schon fast 50
Jahre seit dem Eindringen des Protestantismus verflossen
waren, eingerichtet.” Erst am Ausgange des 16. und am
Beginn des 17. Jahrhunderts begannen die Protestanten
Schulen zu gründen,® besonders aus Wetteifer gegen die
Jesuiten. Doch erkannten sie ihren Irrtum zu spät, erst
dann als der wiederauflebende Katholizismus sich: bereits
anschickte dem geschwächten Protestantismus den voll-
ständigen Untergang zu bereiten.
In Litauen, wie anderswo, machten die Protestanten
1 Kojalowicz, Miscellanea, p. 67. Siehe auch weiter oben.
2 Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste, II, S. 8—10. Das ist
‚also jene Quelle, aus welcher nach Krasinski ein Strom von Wissen
und Bildung über ganz Litauen und Polen sich ergossen haben,
und nach dessen Versiegen Finsternis und Barbarei über beido
Länder hereingebrochen sein soll. Krasinski, Zarys dziejow powastania
i upadku Reformacyi w Polsce, Warszawa 1903, S. 3 ff.
3 Tatsächlich haben die Protestanten in Litauen die Mehr-
zahl ihrer Schulen im 17. Jahrhundert gegründet. Ohne Zweifel
wird sie zu dieser eifrigen Tätigkeit der namhafte Erfolg der Je-
‚suitenschulen angespornt haben. Lukaszewiez, op. cit. 11., S. 157—
169.
— 15 —
fast ausschliesslich durch Bücher Propaganda. Noch vor:
dem Tode Sigismunds-August hatten die Protestanten in
verschiedenen litauischen Städten fünf Druckereien gegrün-
det;! aus diesen ergoss sich dann eine Hochflut von
Schriften über das ganze Land.? Trotzdem entsprach' der
Erfolg keineswegs dem ungeheuren Aufwand von Mühe,
Kosten und Material.
Der Grund des Misserfolges lag in der Tatsache, dass
nur die obersten Klassen genügende Bildung und Mittel
besassen, um den Inhalt der Bücher sich zu eigen. machen.
zu können. Der grösste Teil des Adels und des Bürgertums:
und das Landvolk fast in seiner Gesamtheit waren Anal-
phabethen .?
Ferner haben die litauischen Protestanten so gut wie
gar nichts getan, um ihrem Bekenntnisse in doktri-
närer oder in disziplinärer Beziehung ein festes, dauer-
haftes Gefüge zu verleihen. Jeder Praedikant hatte seine:
eigene Lehre, wobei der Gutsherr die Lehren seines Pre-
digers bekannte.* Die litauischen Grossen, samt den Ade-
! Vor dem Tode Sigismunds-August sind protestantische Drucker-
eien sicher in den Städten Brest-Litowsk, Losk, Nieswiez und Vilnius
eröffnet worden. Lukaszewiez, op. eit. II, p. 170—189. Bandke,
Historya drukarn w Kr. Polsk i W. Ks. Litewskim. I, S. 55— 58,
427—431; II. S. 8—20, 265—319.
2 Die Bücher wurden besonders in lateinischer aaa polnischer
Sprache gedruckt ; in litauischer erschienen dagegen nur sehr wenige;
denn bis Stephan Batory sind in litauischer Sprache etwa 5—7
Bücher gedruckt worden, gewiss darum, weil schon damals das
Litauische fast nur vom gewöhnlichen Volke gebraucht wurde. Ver-
gleiche Baltramaitis, Spisok litowskich i drewnierusskich knig iz-
dannych s 1553 po 1903 god. S.P.B. 1904, S. 1 f£.
3Wegen Mangel an Elementarschulen war nicht nur dem gewöhn-
lichen Volke, sondern auch dem ärmeren Adel jeglicher Weg zur
Bildung verschlossen. Daher waren in den unteren Schichten der Na-
tion so viele Analphabeten. Lappo, Welik. Kniaz. Litowskoje.
Ss. 499 ff.
% Jeder Adelige hielt sich einen Prediger, von dem er mit
seiner ganzen Familie Lehre und Sakramente empfing. Viele von
ihnen schrieben ihren Predigern vor, was sie zu lehren und wie sie:
— 1236 —
ligen, waren grösstenteils Kalvinisten, während in den
Städten, namentlich unter den sehr zahlreichen Deutschen,
‚der lutherische Glaube vorherrschte. Diese übernommene
Abteilung der Konfessionen gilt in Litauen nur obenhin, da
die Prediger, aus aller Herren Ländern zusammenströmend,
‘von einander wesentlich abwichen, .und ein jeder seine
Lehre, die er selbst erfunden hatte, als die Luthers oder
Kalvins anpries. Die Entfernung von Wittenberg und
‘Genf war sehr gross ; ein gemeinsamer, oberhirtlicher Mit-
telpunkt bestand nicht; deswegen entstanden unter den
Prädikanten und unter ihren Gönnern unzählige Strei-
tigkeiten.!
Jeder Prediger bot alles auf, um seinen Rivalen aus
dem Felde zu schlagen ; keiner wollte irgend eine Autorität
anerkennen ; jeder erklärte Gott allein verantwortlich zu
sein und von keinem andern Menschen, höchstens noch: von
seinem Schlossherrn oder Gönner abzuhängen.? Die Gros-
sen taten nichts, um dieser Anarchie zu steuern ; im Gegen-
teil, sie förderten :diese noch dadurch, dass sie Praedi-
kanten zusammenriefen, um sich dann an ihren heftigen
Disputen zu ergötzen.? |
die Sakramente zu spenden hätten.‘“‘ Handschrift in der Bibliothek
des Seminars zu Kaunas. 1624, fol. 31.
1 Cichocki, Alloquia ossiecensia, f. 58, 61.
Relacye Nuncyuszow, I, S. 192.
H. Jungius, Synopsis novi evangelii seu de doctrina, moribus,
fructibus etc. sectariorum, p. 45 es., 49 uq., Öl, sq., 429.
P. Skarga S.J., Artes duodecim Sacramentariorum, Wilnae 1582,
Epistola dedicatoria Stephano regi fol. 3, 4, 5.
2P. Skarga, op. citato: „In toto orbe terrarum nullus est,
cujus se subdere cognitioni velint. Imo audet iste idem, qui ita
coram Majestate Tua queritur et judices postulat, asserere, non modo
multorum hominum, sed ne Myriadibus quidem Angelorum autori-.
tati se acquieturum, si non id, quod illi videtur rectum, sentiant et
decernant... Jam ergo nec terra nec caelum habet ullum cui se credant
et cujus sententiae pareant. Ita ad hunc dolum et tantam hypocrisim
nihil accedere potest amplius cum judices quaerunt et nullum in terra,
‚sub toto coelo etiam admittunt.‘‘ Fol. IX.
3 „„Nobiles haeretici ministros suos in unum conducebant, ut acer-
— 127 —
Die litauischen Grossen selbst haben. durch ihre Nach-
lässigkeit den Zerfall und den Untergang des Protestantis-
‚mus in ihrem Lande beschleunigt, indem sie es vernach-
lässigten die neue Lehre auf eine juridisch feste Grund-
lage zu stellen und ein dauerhaftes inneres Gefüge, mit
‚hierarchischer Ordnung und dogmatischer Einheitlichkeit
zu schaffen und eine weite Ausbreitung unter dem Volke
ın die Wege zu leiten.
Radvila allein machte von dieser Fahrlässigkeit « eine
Ausnahme. Als eifriger Bekenner der neuen Lehre leis-
tete er dieser nach‘ Kräften Vorschub.! Er allein hat sich.
bei Herzog Albrecht darum bemüht, fähige, gelehrte
Prediger aus Preussen nach Litauen zu bekommen.? Zu-
.dem schickte er litauische Praedikanten, z.B. einen Üze-
.chowicz zu Kalvin in die Schweiz, damit er von diesem
‚den Kalvinismus und die Zeremonien lerne. Er stand mit
Kalvin, Bullinger, wie auch anderen schweizerischen Theo-
‚logen, in brieflichem Verkehr, bat um Ratschläge und
Unterweisungen und beschenkte sie. Kalvin hat ihm seinen
Commentar zu den Akten der Apostel gewidmet.* Rad-
'vıla eröffnete auch die ersten protestantischen Schulen.
Besonders liess er sich die Propaganda durch Bücher sehr
‚angelegen sein; Anfangs liess er solche aus Preussen kom-
rimas eorum disputationes de articulis fidei recreationis causa au-
.dirent.“ Handschrift von 1624 in der Bibliothek des Priesterseminars
zu Kaunas.
Liubowiez, Naczalo katoliczeskoj reakeii i ipedek reformac. dwi-
‚zenia w. Polsze, S. 159 £.
1 Siehe weiter oben.
2 Wotschke, Abraham Oulvensis, Beilagen XXXV, LII, LXI, LXII,
LAXXI. Radvila der Schwarze hielt an seinem Hofe viele Pre-
.diger, ibid. LXI.
3 Lubieniecki, Historia Reformationis Polonicae, p. 129.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweck, S. 15.
1 Siehe Wotschke, Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen
‚(Archiv für Reformationsgeschichte, Ergänz. Bde 3, 4) und v)pera
‚Calvini. Bd. XVII—-XX.
5 Lukaszewiez. Dzieje wyznania helweckiego II, S. 157—169.
— 13 —
men,! später liess er in eigenen Druckereien ? Bücher her-
stellen, unter denen die berühmte Bibel von Brest ‚„Biblia
Brzeska“ hervorragt?®. Für die Ausbreitung dieser Lite-
ratur hat er ungeheure Summen aufgewandt. Seine Geld-
unterstützungen reichten sogar über die Grenzen Litauens
hinaus.* Endlich vermochte Radvila — dank seines grossen
Ansehens — eine äussere Einheit (scheinbar wenigstens) im
Protestantismus aufrechtzuerhalten,® dadurch, dass er u.a.
1 Wotschke, Abrah. Culv., Beilagen XLIV (Briefe Albrechts a
Radvila ; ebenso LXXI, LXXXV.
2 Lukaszewiez, op. eit. II., p. 170 ft,
3 „Biblia swieta to jest Ksiegi Starego i Newego Zakonu wlas-
nie z zydowskiego greckiego i lacinskiego, nowo na polski
jezyk pilnoscia i wiernoscia wylozone, Roku panskiego 1563.“ Fol.
max. An der Uebersetzung, die angefertigt wurde, beteiligten sich
Joh. Laski, Simon Zacijus, Gregor Orsacius, Peter Statorius, Thion-
villanus Gallus, Andreas Trzecieski, Jakob Lubelezyk, Lismaninus
Bernhard Ochinus, Georg Blandrats, Joh. Paul Alciatus, Martin
Krowicki, Thenaldus, Witrelinus Brelius, Gregor Pauli, Georg Scho-
mannus ; von diesen waren nur Zacijus, Trzecieski und Lubelczyk
Reformierte oder Kalvinisten, die übrigen aber sämtlich Socinia-
ner. Sehr viele Exemplare dieser Bibel hat Nikolaus Radvila
Sierotka, der Sohn Radvilas des Schwarzen, zusammengekauft und
in Vilnius mit anderen ketzerischen Büchern verbrannt.
Niesiecki, Korona III, p. 832.
L. Otto, Enceyklop. Orgelbr. III, S. 725 .£.
4 Radvila hat unter anderen dem bekannten polnischen Priester
Stanislaus Orzechowski Geldunterstützung bewilligt, solange er mit
dem kathol. Episkopate im Streite lag. „Aufdas Jahrgeld,das E.M.
durch eigenes Handschreiben mir genehmigt, habe ich zu hoffen
schon aufgehört... nun ist es bereits das dritte Jahr, dass mir es
nicht mehr auszahlt wird‘, schreibt Orzechowski an Radvila.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweckiego I, S. 14. Anm. 2.
Denselben Orzechowski nahm Radvila gegen die Bischöfe in Schutz,
Golebiowski, Czasy zygm. Augusta II, S. 10.
® Lukaszewiez, (op. eit. I, S. 17, 21.
Regenvolscius (Wegierski), Systema hystorico-chronologicum, p.
142. Wenn gleich Radvila bestrebt war unter den Protestanten
in Litauen Einigkeit zu stiften, so verhinderte er trotzdem jede Eini-
gung mit den polnischen Neuerern. Der Grund wird ersichtlich aus-
S. 82, Anm. 1.
Lukaszewiez, Op. cit., S. 22.
— 129 —
protestantische Synoden zusammenrief. Doch eine dogmati-
sche Einheitlichkeit oder eine Hierarchie hat er nicht er-
zielt.! Radvilas Verdienste um den Protestantismus in
Litauen sind so gross, dass er mit Recht Vater und
Säule des litauischen Protestantismus genannt werden
kann ; denn weder in Litauen, noch in Polen kam ihm
darin einer nahe.” Ohne Bedenken dürfen wir behaupten,
dass der Protestantismus in Litauen nicht so rasch
in sich zusammengefallen wäre, wenn Radvila länger ge-
lebt hätte. Aber schon 1565 starb er eines jähen Todes. ?
1 Lukaszewicz, Op. eit., -S. 25, 27.
Golebiowski, Op. cit. IL, S. 81.
2 „Quidquid est nunc purae religionis in Lituania, id maxime
Nicolao Radziwilo debemus.‘“ Lasicki. Pro Volano et puriore Reli-
gione, p. 142 bei Lukaszewicz, op. eitat. I. p. 15, nota. „In
Litauen stand Radvila einzig da als herrliche Ausnahme, sodass
man ihm im damaligen Polen niemand entgegenstellen konnte.‘ Brück-
ner Roznowiercy Polscy, S. 8. Nach Lukaszewicz und Bukowski war
Radvila wohl deshalb ein so eifriger Vorkämpfer der Reforma-
tion, weil er den Wunsch hegte, nach dem Tode des kinderlosen Si-
gismund-August, selbst Grossfürst von Litauen zu werden. Diesem
Plane stand am meisten eine Union zwischen Litauen und Polen ent-
gegen. Darum war Radvila nach Kräften bestrebt, Litauen zu
kalvinisieren, um damit jeglichen Einfluss Polens auf Litauen zu
verunmöglichen, und sich auf diese Weise den Weg zum grossfürst-
lichen Throne zu bahnen. Aus dem gleichen Grunde widersetzte-
er sich auch jeder Einigung mit den polnischen Kalvinisten.
Lukaszewicz, II, 21 f. Diese Meinung klingt wahrscheinlich, und
scheint auch durch die Quellen erhärtet zu sein. ‚,In Litauen
ist Radvila, der Karvede von Vilnius, nicht nur mit Waffenmacht
in Vilnius eingezogen und hat sich des königlichen Schlosses bemächtigt,
sondern er hat nicht aufgehört Ränke zu schmieden, angeblich um
die Freiheit Litauens zu schützen, die der König durch eine Union
mit Polen zu nehmen beabsichtigt.‘ Albertrandi-Malinowski, Briefe
Commendones II, S. 170 £.
Kojalowiez, Fasti Radziwillani, p. 44.
3 Ueber den Tod Radvilas des Schwarzen berichtet Commendone
folgendes : ‚Schon seit einigen Jahren litt der Karvede an Fussgicht ;
von Schmerzen gequält und von Sünden gedrückt verfiel er auf
den Gedanken, sich selbst zu entleiben; doch als er vernahm,
dass einer seiner Höflinge sich durch Einreiben mit Quecksilber
9
— 130 —
Zur Vervollständigung der Darstelulng muss hier noch
einmal der Grossfürst Sigismund-August erwähnt werden.
Dieser Fürst ist seiner Lebtage derselbe geblieben, als der wir
ihn weiter vorn geschildert haben. Die Protestanten ganz Eu-
ropas hatten auf den mächtigen Herrscher der beiden Rei-
che Litauen und Polen ihr Augenmerk gerichtet, von steter
Hoffnung erfüllt, er werde am Ende doch noch zu ihnen
übertreten ; aber der Fürst vereitelte ihre Hoffnung. Die
schweizerischen Reformatoren hörten nicht auf, sei es durch
den mächtigen Einfluss eines Radvilas, sei es durch Briefe,
Sigismund-August zu bestürmen!, um ihn zum öffentli-
chen Abfalle von der römischen Kirche zu verleiten. In-
dessen hatten die Katholiken aber treue Wache gehalten.
Die fähigsten Diplomaten und die eifrigsten Geist-
lichen, wie Commendone, Buongiovani u.a., weilten stets am
Hofe Sigismunds-August. Rührige polnische und litaui-
sche Bischöfe, mit Kardinal Hosius an der Spitze, taten
ihr möglichstes, um den König in der katholischen Religion
zu erhalten. Dieser hielt es inzwischen mit beiden Parteien
und machte beiden Versprechungen.
Auf der einen Seite korrespondierte er mit schweiz-
erischen Reformatoren, liess sich von ihnen ihre theolog-
geheilt habe, befahl er, dass eine solche Salbe auch für ıhn
zubereitet werde, entgegen einer ausdrücklichen Warnung der Aerzte.
Als diese sich nun weigerten, ihn damit zu behandeln, rieb er sich
selber ein, und zwar nicht nur die Gelenke und Pulse, sondern auch
‚die Schläfen und den Kopf. Bald darauf wuchsen die Schmerzen und
plagten ihn drei Tage hindurch ununterbrochen so arg, dass ihm
Augen, Mund und Ohren barsten, die Seiten sich öffneten und
zuletzt der Kopf entzwei sprang, sodass er in seiner Einbildung
sich von Gott verlassen wähnte und mit schrecklichem Heulen, fast
mit eigenen .Händen sich tötend, seinen Geist aushauchte.‘ Alber-:
trandi-Malinowski, Briefe Commendones, II. S. 212£.
Das ist zweifellos eine, grösstenteils erfundene, tendenziöse
Schauermäre.
1 Wotschke. Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen
(zahlreiche Briefe). Ebenso:
Opera Calvini, Bd. XVII—XX.
— 131 —
ischen Streitschriften widmen,! liess sich durch Al-
brecht von Preussen Luthers Werke zusenden ?, hielt an
seinem Hofe Prediger und spielte sich als ihr Beschützer
und Gönner auf.? Auf der anderen Seite unterschrieb er
Dekrete gegen die Häretiker, und versicherte die päpst-
lichen Gesandien und den Papst selber, dass er alles auf-
bieten werde, um die ln Kirche in seinen Rei-
‚chen zu stärken.
Einen Mittelweg Een Katholizismus und ne
formation einhaltend, legte Sigismund-August 1556
Rom einen Plan zur Reformierung der Dolnieh Aienlächen
Kirche vor, dessen Hauptpunkte der Gebrauch der Volks-
sprache in der gesamten Liturgie, Kommunion unter beiden
‚Gestalten, Priesterehe und Volksynoden für die poinisch-
litauische Kirche waren. ?® Als aber Papst Paul IV. den
‚Plan verwarf, verhielt sich der König siill, ohne aber sein
Doppelspiel aufzugeben. Erst in den letzten Jahren seiner
Regierung, als er gewahr wurde, wie die katholische Kirche
immer mehr wuchs — während zu gleicher Zeit der Protes-
tantismus mehr und mehr zurückging — stellte sich Sigis-
mund-August immer entschiedener auf die Seite des
Stärkeren, d.h. der katholischen Kirche. Er gab a’so den
streitenden Parteien volle Freiheit, um sich dann dem
Sieger anzuschliessen.
Diese gassive Rolle, die Sigismund-August in ‚der
reformatorischen Bewegung gespielt hat, sollte wichtige
Folgen haben.
Bevor wir weiter fortfahren, müssen wir uns das
üppige Wachsen des Protestantismus unmittelbar vor dem
1 Ebenda: Wotschke u. Opera Calvini.
® Wotschke, Briefwechsel, S. 146, Anm.
Höfling der Könige Sigismund-August, Heinrich und Bathorv
diger (Archiv für Reformations-Gesch. H. 16, S. 1).
4 Theiner, Monumenta Poloniae et Lituaniae II, p. 569.
5 Brief des Fürsten di Palliano an Nuntius Lippomano vom Jahre
1556. Relaeye Nuncyuszow 1, S. 29 ff.
— 132 —
Tode Radvilas näher ansehen. Bereits 1557 schrieb Jo-
hannes Piekarski, ein katholischer grössfürstlicher Hof-
prediger, an Kardinal Hosius: „Mein Geist grämt sich.
unaufhörlich wegen der auftauchenden Häresien, welche
die Gottlosen auszustreuen nicht aufhören. Je mehr sich
diese Haeresien ausbreiten, desto mächtiger werden sie;
denn schon hat diese Verirrung fast alle Litauer und Ru-
thenen umgarnt, so dass sie dem Glauben ihrer Väter den.
Rücken kehren und den Neuerungen huldigen, während die
Unsrigen nicht nur nicht widerstehen, sondern dies sogar
dulden.“ 1
‘Vor allem waren viele Magnaten von der katholischen
Religion abgefallen, sodass im ganzen litauischen Senate nur
noch der eine oder der andere dar Senatoren katholisch war .?
Dem Beispiele der Magnaten folgten auch die niedern Ade-
ligen scharenweise und vor Radvilas Tode waren unter
diesen nur noch wenige katholisch ; so fand sich z.B.
1 Epistolae Hosii No 1847 (in Acta Historica IV).
2 Cichocki, Alloquia ossiecensia: „Et profecto illis temporibus.
res Catholicorum fere deplorata erat, cum in amplissimo senatu, vix
unus atque alter, praeter Episcopos, qui se insanis molitionibus op--
ponerent, reperiebantur.‘‘ p. 83. Einige Schriftsteller (z. B. auch Gole-
biowski, Czasy Zygm. Augusta II, S. 4), behaupten, die eben ange-
führten Worte Cichockis müssten auf den polnischen Senat bezogen
werden. Das ist ein Irrtum, denn an einer anderen Stelle gebraucht er
dieselben Worte ausdrücklich für den litauischen Senat. Hier sein
Ausspruch : ‚Senatus Lituanicus multo majori ex parte jam ex
Catholicis constat, cum antea praeter duos Episcopos, vix unus aut
alter reperiretur, qui non fuerit haeresim professus.‘“ pag. 210.
Dasselbe geht aus einem zeitgenössischen Dokument, das Szujski aufge-
_funden hat, hervor und worin das Glaubensbekenntnis aller Sena-
toren Polens und Litauens von 1569 angeführt wird. Diesem Doku--
mento zufolge waren unter den litauischen Senatoren nur zwei
katholisch (die Bischöfe allerdings ausgenommen), die übrigen aber
protestantisch. Scriptores rerum polonicarum, I, p. 154.
H. Mercyng,, Zbory i Senatorowie Protestant. w dawnej Rzecz..
S.,138 £.
Der polnische Senat hingegen war zum grossen Teil katholisch ..
(Relacie Nuncyuszow, 1, S. 160).
— 133. —
1563 im ganzen Gebiete der wilkomirischen Bezirke kein
"einziger katholischer Adeliger mehr. ! Dasselbe galt vom
‘Gebiete um Vilnius wie auch von einigen Gegenden Samogi-.
tiens.? Aber nicht bloss Magnaten und Kleinadelige, sondern
auch. Kleriker, selbst Domherren, waren massenhaft zum
Protestantismus übergegangen. Leider lässt sich die Ziffer
der abgefallenen Priester aus den Quellen nicht genau
feststellen. 5 |
Die meisten der katholisch gebliebenen Priester wur-
‚den von den Kollatoren von ihren Pfründen vertrieben
und irrten umher. * Die Zahl der protestantischen Bet-
häuser in Litauen lässt sich nicht genau bestimmen, mag
jedoch wohl etwa 300 erreicht haben.5 In sehr vielen Ge-
genden wurde das Landvolk von den Gutbesitzern zur
Annahme der Reformation gezwungen ;# besonders in Sa-
mogitien wurde es seiner Kirchen und Priester beraubt,
1 Handschrift der Bibliothek des Seminars zu Vilnius.
2 Handschrift aus dem Jähre 1575 in der Bibliothek des Semi-
nars zu Vilnius.
® Historia wierna o Kacselesch Ms. In der Bibliothek der
geistl. Akademie zu Petersburg. S. 43 (Siehe auch weiter oben).
Kojalowicz, Miscellanea, p. 67,
Handschrift in der Seminarbibliothek zu Vilnius, aus dem Anfange
des 17. Jahrhunderts: ‚Schon viele Priester hat die Haeresie so be-
tört, dass sie ihre Religion verlassend und ihr Gelübde vergessend,
das liederliche Amt der Praedikanten annahmen und ihrem Gelübde
zum Hohne sich beweibten .‘“
* Skarga, Artes duodecim sacramentariorum, p. 402.
Cichocki, Alloquia ossiecensia, p. 201.
9 Skarga, op. cit., p. 402.
Jurgiewic, Anatomia libelli famosi, Vilnae 1591. Caput: Evan-
-gelica mendaeia, dist. LI. Die. Seiten sind nicht numeriert.
6 Siehe weiter oben.
Kojalowicz erzählt, dass nach dem Tode des Bischofs Piet-
kiewicz (1574) in der ganzen samogitischen Diözese bloss noch 7
Priester katholisch waren (Miscellanea, p. 67).
Diese Worte haben spätere Schriftsteller, wie Naramowski
‚(Facies rerum sarmaticarum tom. II, p. 282), Rostowski und sämtli-
‚che neueren angeführt. Die Erzählung des Kojalowicz klingt un-
JA =
worauf es sich dem Götzendienst seiner Ahnen hingab,
indem es die längst verlassenen Opferstätten aufsuchte und
den ehemaligen Gottheiten Opfer darbrachte.!
So geschah es, dass schon Cichoeius bezeugen konnte:
„Kaum ein Tausendstel der ehemaligen Katholiken ist noch:
übrig geblieben, fast ganz Litauen ist vom Unglauben an-
gesteckt und stosst überall lästerliche Stimmen gegen Gott,
die Heiligen und die römische Kirche aus‘“.?2 Die äusserst
gelichtete Schar der noch ausharrenden Katholiken war dem
stetig wachsenden und erstarkenden Protestantismus gegen-
über ganz machtlos und sah bange dem Untergang ihrer:
Kirche entgegen.
So also stunden die Dinge, als Radvila der „Schwar-
wahrscheinlich, denn alle älteren Quellen, die von .dem Fortschritte
der Reformation in Litauen berichten, führen nichts ähnliches an.
Uebrigens scheint derselbe Kojalowiez noch das Märchen erdichtet.
zu haben, dass nämlich, als Sigismund-August mit Radvila dem
Schwarzen sich einmal in ein protestantisches Bethaus soll begeben
haben, er von Cyprian, dem Suffragan von Vilnius, vor dem Eintritte
gezwungen worden sei, in eine katholische Kirche zu Bauen (Miscel-
lanea, p. 13).
Diese Erzählung wird von späteren Geschichtschreibern wieder-
holt, namentlich von Stebelski (Chronologia albo porzadek wedlug lat
zebrane, Wilna 1781—1783, S. 131), Naramowski (Facies rerum.
sarmaticarum I, p. 229 s.), wie mit gewissen Aenderungen auch
von einigen neueren. Kojalowäcz schreibt diese mutige Tat Cyprian
allein zu, während Naramowski ihm noch den Bischof Paul Holszanski’
zugesellt, und (endlich Przyalgowski Zywoty biskupow wilenskich I, S.
151 f.) dies dem letzteren allein zuerkennt. U.'E. ist diese Er-
zählung eine Erfindung, weil die älteren Quellen darüber schweigen.
Ausserdem war in der Zeit (1550—1555) des angeblichen Ereignisses
nicht Cyprian, sondern Albin Suffragan von Vilnius.
Bohusz (Summaryjuy wypis 1550, 1568, 1570). Cyprian, Jer
erst nach Albin Suffraganbischof geworden war, starb 1596, konnte
also zur Zeit des angeblichen Ereignisses kaum: Priester gewesen sein.
Bohusz, op. cit. sub an. 1596.
1 Wolonezewskis, Zemaijtiu wiskupiste I, S. 100 ff. Rostowski;
Lituanicarum, S. J. historiarum pars I., Wilnae 1768, p. 11, 118,
120, 164.
2 Alloquia ossiecensia, p. 201 f.
ze“ eines hen Modes starb. Auf den Trümmern der ka-.
tholischer Kirche triumphierte in Litauen die neue Lehre.
IV
Der Zerfall des Protestantismus.
Solange Radvila an der Spitze des Protestantismus in
Litauen stand, war die neue Religion noch vorherrschend und.
obgleich sie schon von Anfang an die Keime eines raschen
Unterganges in sich trug, schien sie nach aussen hin doch
stark. Als aber diese feste Stütze des Protestantis-
mus zusammenbrach, da begannen auch die neuen Lehren
ihre Anziehungskraft zu verlieren. Und so rasch wie die
Verbreitung, ging dann auch die Auflösung vor sich‘; denn
kaum zehn Jahre nach. dem Tode Radvilas des Schwarzen
sehen wir fast nur noch die Ruinen der früheren Herrlich-
keit des Protestantismus.
Was unsere Aufmerksamkeit in dieser dritten Periode
der litauischen Glaubenspaltung besonders auf sich lenkt,
sind die inneren Zwistigkeiten und Kämpfe und endlich
der Zerfall der neuen Lehren.
Zunächst breitete sich in Litauen die Lehre Luthers
aus,1 was besonders der Tätigkeit Albrechts von Preussen
Zuzuschreiben ist. Diese Lehre verbreitete sich haupt-
1 Ms. Im Kirchenarchiv, zu Jeznas (ungeordnete Dokumente) Re-
genvolscius, Systema historico-chronologicum, S. 139 £.
Friese, Beiträge zur Reformationsgeschichte in Polen und Li-
tauen besonders II. T., Breslau IB, S. 71f. Friese (II. Bad. 2,
Teil, S. 92 ff.) behauptet, dass bis 1536 fast alle protestantischen
Kirchen in Litauen der augsburgischen Konfession angehört hätten.
Friese irrt hierin. Es steht heute fest, dass das Luthertum — wie
ich weiter oben öfters dargestellt habe — nur inden Städten Aufnahme
gefunden hat. Darüber siehe Lukaszewicz, Dzieje wyznania hel-
weckiege I, S. 117 f. Anm. 2. Rescius, De atheismis et phalaris-
mis evangelicorum, p. 167 .
— 136 -—
sächlich in den Städten, wo die Zahl der Deutschen über-
wog. Unter den Magnaten und Kleinadeligen aber fand sie
keinen besonderen Anklang, trotzdem sie unter diesen viele
Gönner und Beschützer zählte. Mit der Zeit würde das
Luthertum gleichwohl festen Fuss gefasst haben, wenn
nicht der Kalvinismus mit ihm wetteifert hätte, denn
sobald dieser auf den Plan trat, wurde das Luthertum bei
den Magnaten und Kleinadeligen zurückgedrängt.
Das entsprang mehreren Ursachen. Unter den Li-
tauern war noch manches von dem Hasse gegen die Deut-
schen aus den ehemaligen Kriegen mit den deutschen Rit-
terorden zurückgeblieben. Die Quellen bezeugen, dass noch
im 16. Jahrhundert die Litauer den Deutschen abgeneigt
waren und alles, was von ihnen kam, ungern sahen .!
Auch stimmen fast alle Geschichtschreiber darin über-
ein, dass der litauisch-polnische Adel und die Grossen sich:
als Anhänger der neuen Lehre erklärten, und zwar nicht so
sehr aus Ueberzeugung, als aus Neugierde, Leichtsinn und
Nachahmung.? Freilich gab es dabei auch viele Ausnahmen.
Der Kalvinismus war nun eine neuere, fortschrittli-
chere, radiıkalere und individuellere Lehre ; er besass alle
Eigenschaften, welche die stets nach Neuerungen strebenden.
eigenwilligen und leichtsinnigen Magnaten anziehen konn-
ten. ? ;
Vor allen Dingen aber war der Kalvinismus durch den
allmächtigen Radvila den Schwarzen gefördert worden.
Dieser eifrige Vertreter der kalvinistischen Lehre, der die
Regierungsgewalt Litauens in seinen Händen hatte, besetzte
alle hohen Stellungen mit Anhängern Kalvins, erwies ihnen
besondere Aufmerksamkeiten und Gnaden, und so kam es, dass
1 Siehe darüber die interessante Rede des Melesko, Kastellans von
Smolensk (XVI. Jahrh. Akty otniosiasciesia k'istorii juznoj i zapadn.
Russii, II, S. 188 ff. Ebenso: Golebiowski, Czasy Zygm. Augusta
II, S. 52.
® Siehe auch weiter oben. Lukaszewicz, I, S. 2, 17 £.
Relacye Nuncyuszow 1, S. 187, an
5 Jaroszewiez, Obraz Litwy III, S. 33.
— 137 —
«dieser Mann nach und nach — bald durch Gnadener-
weisungen, bald durch überzeugendes Zureden — alle hohen
Persönlichkeiten auf seine Seite bekam .!
' So geschah’ es auch, dass fast nur die Deutschen in: den
Städten dem Luthertum anhingen, während alle übrigen
Protestanten sich zum Kalvinismus bekannten.? Indessen
erklärten sich die Lutheraner nicht sogleich für besiegt
‘und der Kalvinismus sah sich gezwungen mit dem Luther-
tum den Kampf aufzunehmen .3
Aber auch auf Seiten der Kalvinisten selbst fehlte die
Eintracht. Aus den verschiedensten Ländern und Natio-
nen waren die Anhänger zusammengeströmt* und ver-
teidigten ihre Meinungen, die sich scharf gegenüberstan-
den? Und dies um so mehr, als sie sahen, dass die
Magnaten immer nach Neuerungen strebten.
Ich beschränke mich darauf aus diesen Wirren nur
‚die markantesten Ereignisse hervorzuheben.
Schon um das Jahr 1556 — also kaum einige Jahre
nachdem die Ausbreitung des Kalvinismus in Litauen be-
gonnen hatte — fing der kalvinistische Prediger Peter von
-Goniadz (Peter Gonesius) an, die Lehre des Served zu
‘ verbreiten und fand unter den anderen kalvinistischen
‚Predigern bald viele Nachahmer.*
l Siehe weiter oben.
2 Jablonski, Historia consensus sandomiriensis.
3 Rescius, De atheismis et phalarismis evangelicorum, S. 167 ff.
4 Wilkowski, Przyezyny nawrocenia sie do wiary powszechnej,
8. 88.
5 IRescius, De atheismis ‚,...ipsi (Calvinistae) nunguam in eadem
sentia» et opinione nec in eisdem decretis et legibus caeremoniis per-
manserunt, sed post mille mutatas opiniones, post sexcentos scriptos
-et revocatas coctas et recoctas confessiones...‘‘, p. 167 3.
Wilkowski, Przyczyny nawrocenia sie II, 14.
6 Regenvolscius, Systema historico-chronologicum, p. 146.
Lukaszewicz, Dzieje wyznania helweck. I, S. 26 f. Gonesius
-war ein gelehrter Mann und hatte verschiedene ausländische Univer-
= 198. =
Zwei Jahre nachher verwarf derselbe Gonesius auf der
Synode von Brzesc-Litewski öffentlich die Kindertaufe
und die Dogmen der allerheiligstens Dreieinigkeit, wie der
Gottheit Christi und scheute sich nicht andere, gewagte
Meinungen über die Fundamentaldogmen zu äussern. !
Diese neue Lehre wird verschieden bezeichnet, beson-
ders aber ist sie unter dem Namen ‚„Arianismus‘‘ bekannt,
weil Arius die Gottheit Christi leugnete. Diese Lehre ge-
wann besonders unter den Kalvinisten mehrere Anhänger .?
Um das Jahr 1560 kamen viele italienische Neuerer,
die aus ihrer Heimat und später auch aus der Schweilz
vertrieben worden waren, nach Polen und Litauen.
Unter ihnen waren besonders bekannt: Stancaro, Gre-
gorius Pauli, Blandrata, Spinella, Gentilis, Alciata, welche
sich alsbald mit ‘den Arianern verbündeten. Sie waren.
Männer mit höherer Bildung, talentvoll, redegewandt und
es ist daher kein Wunder, dass der Arianismus durch.
sie sehr gefördert wurde .?
In kurzer Zeit wurde die Zahl der -Arianer so gross,
dass sie bereits eigene Synoden abhalten konnten.* Als.
Bam 00
sitäten besucht und ist Verfasser mehrerer theologischer Werke. Er
erfreute sich eines grossen Ansehens.
Grabowski T., Literatura aryauska w Polsce Krak. 1908, S.
45 ff. |
1 Lubieniecki, Historia Reformationis polonicae, p. 144 ff.
? Regenvolscius, Systema. ‚Petrus Gonesius Piekarseium Falko-
nium, Catechistam et praeceptorem scholae in suam adduxit senten-
tiam... 'Authore Blandrata, in diversam de Deo sententiam abiit
Laurentius Krziskovius, Minister Eccles. Niesviezensis... cum eoque
Martinus Czechovicius, Minister Ecel. Vilnensis, Nicolaus Vendro-
govius, Minister Ecel. Vilnensis, Simon Budnaeus, Minister Eccl.
Clecensis, Thomas Falconius, Gregorius Niger“, p. 146. Rescius,-
167 £.
Kojalowiez, Miscellanea „Calviniani Ministri tandem in Aria-
nam impietatem plerumque dilabebantur.‘“ S. 71.
% Ms in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius. Jacobus:
Sylvius Calvino, Opera Calvini XIX, 3866.
i Regenvolscius, Systema, P. 146.
— 139 —
die Kalvinisten vergebens versucht hatten mit den neucn
Sektierern übereinzukommen, brachen sie jede Verbin-
dung mit ihnen ab! und begannen die Arianer mit
grösster Leidenschaft zu verfolgen. Sie warfen ihnen die
unglaublichsten Schandtaten vor und forderten die weltliche
Obrigkeit auf, die Anhänger des Arianismus mit dem Tode
zu bestrafen. So legten die Kalvinisten den Arianern
gegenüber die grösste Intoleranz an den Tag.”
Dieses Vorgehen der Kalvinisten darf uns nicht wun-
dern. Sie sahen eben in den Arianern die grösseren Feinde,
als in den Katholiken und fühlten heraus, dass der bereits
so blühende Kalvinismus durch den Einfluss des Arıa-
niemus in Litauen vollständig vernichtet werden könnte.
Der Arianismus nahm trotz der Bekämpfung so sehr
überhand, dass er sich mit Erfolg den Kalvinisten wi-
dersetzen konnte. Viele Magnaten, die immer nach Neue-
rungen trachteten, traten als Begünstiger und Bekenner
des Arianismus auf.? Der berühmteste unter diesen war
1 Auf Jder Synode zu Vilnius im Jahre 1566.
Lubieniecki, Historia Reformationis, p. 184 ss. Wahrscheinlich
schon vorher ; siehe Ms in der Bibliothek zu Vilnius aus dem 17.
Jahrhundert.
Lukaszewiez, Dzieje wyzn. helweck. I, S. 29 ff.
2 Ms in der Bibliothek des Priesterseminars zu Vilnius.
Wilkowski, Przyczyuy nawrocenia sie II, S. 18.
Rescius, De Atheismis 310 £.
Lukaszewiez, I, 29 ff.
Brückner, Roznowiercy polsey, 195ff. Es gab wohl kein Vor-
wurf, der die Kalvinisten den Arianern gegenüber nicht unterlassen.
hätten ; besonders wurde diesen die abscheulichste Fleischeslust vor-
geworfen, neben anderem, wie Verschwörungen, revolutionäre Um-
triebe u.s.w.
® Et aliae haereses detestabiles fabricante diabolo illo tempore:
in Lituania natae sunt. Quae utut doctrinas omnino paganas et
plane horribiles effutiebant nihilominus sectatores multos maxime-
inter nobiles et proceres invenerunt.“ Ms in der Bibliothek des.
Priesterseminars zu Vilnius.
— 10 —
Johann: Kiszks von Ciechanowiec, der Vorsteher von Sa-
ınogitien, ein steinreicher und angesehener Mann.! Nach'
seiner Bekehrung. zum “Arianismus liess: er auf seinen,
zahlreichen Gütern die Anhänger des Kalvinismus aus
‚den Kirchen vertreiben und ersetzte sie durch’ Arianer.?
Viele Magnaten und sonstige Edelleute folgten seinem Bei-
‚spiele. | BR
Sogar Radvila der Schwarze, der doch ein so eifriger
Kämpfer für den Kalvinismus gewesen, schloss sich in
seinen letzten Lebensjahren dem Arianismus an.? Zuerst:
liess er — wahrscheinlich auf Veranlassung seiner Prediger:
— neue Gebräuche einführen. Als ersich nachher vo.lständig:
dem Arianısmus angeschlossen hatte; fing er sogar än, die:
Kalvinisten als Ketzer zu verfolgen.* Er selber aber hielt
sich für einen orthodoxen Kalvinisten, liess darum von
‚den schweizerischen Theologen nicht ab und ging sie,
immer. wieder um ihren Rat und ihre Meinung an. Noch
im Jahre 1564 schrieb er einen ausführlichen ‚Brief an
Kalvin, worin er sıch über die zahllosen Zwistigkeiten
unter den Protestanten -betreffs der Fundamentaldogmen
beklagte und dann von ihm Rat und Hilfe erbat. Zugleich
1 Bock, Historia antitrinitariorum, p. 424.
® Kojalowiez, Miscellanea, p. 71.
Lukaszewiez, I. S. 31.
3 H. Mercezyng, Zbory i senatorowie protestantey, S. 133.
Liubowicz, Nacalo katolicesk reakcii, S. 114.
Brückner, Roznowierey, S. 245.
* Der Nuntius berichtet in seinen Briefen, dass Radvila nach dem °
Tebergange zu den Arianern seine Meinung so sehr verändert habe,
‚lass er zu einem der hartnäckigsten Verfolger des Kalvinismus wurde:
„Der Karvede von Vilnius (Radvila der Schwarze 1563), der grösste
Förder und Beschützer der Trinitarier (Arianer), vertrieb alle kal-
vinistischen Kultusdiener, die seine Anschauung in der Trinitätlehre
nicht annahmen, aus seinen Gütern und andern Orten.
(Albertrandi Malinowski I, S. 165.)
Diesem Berichte Commendones widerspricht Wegierski, der von
Radvila folgendes berichtet: ‚Nicolaus Radziwill, Niger dietus, Palat.
Vilnens. constans ad obitum usque suum religio-Evangelicae promotor
— 141 —
legte er die verschiedenen Meinungen über die Dogmen
auseinander.! Das geschah im Juli, Kalvin war aber schon
ım Mai zuvor gestorben. Als Radvila den: bevorstehen-
den Ruin des Protestantismus erkannte, schrieb er noch im‘
selben Jahre zwei Briefe an dieschweizerischen Theo.ogen in
"Zürich und Genf, worin er ihnen den aus mannigfachen
äusseren und inneren Kämpfen entspringenden, bedauerns--
werten Zustand des Protestantismus in Litauen klarlegte.
Noch einmal bittet er dringend um Hilfe und er-
‚klärte wieder seine Meinungen über die Dogmen.? In
einem längeren Schreiben beweisen ihm die Zürcher
‚Theologen, dass er den Irrlehren des Arianismus verfallen
sei, und trachteten ihn wieder zu ihrem Glauben zurück-
‚zubringen.? Radvila aber ‘starb, bevor er diesen Brief
empfangen hatte. |
Auch unter den Arianern entstand eine grosse Mei-
nungsverschiedenheit über die Lehre von der Trinität,
der Menschwerdung, der Erlösung, der Sakramente, u.s. w. '
Bei Lebzeiten Radvilas wurde unter den Neuerern
der innere Kampf meistens vertuscht ; sie beugten sich vor
dem mächtigen Magnaten, der an der Einheit und Stärke
des Protestantismus nicht rütteln lassen jwollte. Aber sobald
ac defensor.‘‘ (Systema historico-chronologicum, p. 147). Man muss
jedoch den Worten Commendones mehr Wert beilegen, da er ein
Zeitgenosse war und zudem in dieser Zeit in Polen und Litauen weilte.
Die anderen Quellen bezeugen wehl, dass Radvila tatsächlich zum
arianischen Glauben übergetreten ist, von einer Verfolgung der Kal-
vinisten seitens Radvilas, wird in diesen aber nichts erwähnt.
i Opera Calvini XX. 4125. — Der Brief wurde am 16. Juli
1564 geschrieben. |
2 \Wotschke, Der Briefwechsel der Schweizer mit den Polen, 328
und 329. Der erste Brief ist am 14. September 1564 geschrieben,
der zweite am 10. Oktober gleichen Jahres.
$ Woltschke, 332.
4 Liubowicz, Nacalo katolicesko) reakeii i upadok reformacionnago-
dwizenia w Polschie, S. 106, 146, 150 ff.
Radvila gestorben war, zerfiel der litauische Protestan-
tismus in zahlreiche Sekten.
Es würde zu weit führen, die vielen Sekten Litaueng
hier beschreiben zu wollen. Ueberdies fehlen auch genauere
Angaben und Quellen, welche die Entwicklung und die
Lehren der einzelnen Sekten genügend erhellen. Ich will
deshalb nur einige Zeugnisse von Zeitgenossen anführen,
die uns die litauischen Sekten einigermassen zeichnen soilen.
Silvius Czekanowski berichtet über die Sekten in Polen
und Litauen folgendes : „Wo gibt es jetzt noch eine Provinz,
ja, wo eine Stadt, ein Dorf oder ein Haus, wo man sich nicht
über die verschiedenen Sekten stritte? Wenn es nicht so
mühsam wäre, könnten wir hier die verschiedenen Führer
aufzählen ; ganz unmöglich ist es aber, ihre einzelnen
Gruppen zu nennen, weil es deren eine Menge gibt. Es leben
bei uns wieder mehrere neuere Sekten auf, die früher schon
verurteilt worden sind.“ !
Dann zählt er die einzelnen Sekten wie folgt auf:
Stankarianer, welche behaupten, dass es drei Gottheiten
gebe ;
Servebüaner, welche die Trinität leugnen ;
Illiırianer, welche sagen, dass der Logos keine Person sei;
Anabaplesten, welche wieder in folgende Sekten zerfallen :
Stebleri, die den Waffengebrauch und die Rache des
Unrechts mit Gewalt verbieten ;
Sabbatarier, die an Stelle des Sonntags den Samstag
feiern und nur Gott den Vater anrufen, während sie
den Sohn und den hl. Geist leugnen ;
Clancularier, die ihre Lehre verheimiichen und abstrei-
ten, dass sie Anabaptisten seien. Diesen gegenüber
stehen die Manifestarier ;
Daemoniacer, die behaupten, dass die Teufel einmal
gerettet werden ;
- ——
I Czekanowski, De corzuptis moribus utrinsque partis, pontifi-
ciorum et evangelicorum. Die Seiten sind nicht numeriert.
— 143 —
Iommunisten, die alles gemeinsam besitzen wollen.
Eiulantes, deren Andacht in in Weinen und
Wehklagen besteht ;
Die Georgianer leugnen die Existenz der Teufel ;
Nach den Mennonisten hat Christus den enschliehen
Körper nicht aus der Jungfrau Maria empfangen ;
Die Polygamisten lehren, dass man mehrere Frauen
halten könne.
Ferner gibt es Sakramentarier, die wiederum in mehrere
Sekten verteilt waren: in Signtficatiwe, nach denen die
Eucharistie nur ein Zeichen des Leibes Christi ist ; in Tro-
pisten, welche die Eucharistie nur als eine bildliche Dar-
stellung des Leibes Christi ansehen und Arrahlnarier,
welche die Eucharistie nur als ein Unterpfand (arraho) des
ewigen Heiles auffassen.
ädessenarnis, die sich wiederum in mehrere Sekten spalten,
die den verschiedensten Ansichten über die Trans-
substantation anhängen ;
Neutrale, welche alle Sakramente verwerfen, da ihnen der
Glaube allein genügt;
Konfessionisten, welche der Lehre Luthers folgen ; diese
verteilen sich in rigidi, molles und antıinomi;
Injernalen, welche die Hölle leugnen. Ihnen gegenüber
. stehen andere Infernalen, die nicht nur die Existenz
der Hölle behaupten, sondern auch lehren, dass Uhris-
tus dort gelitten habe, als er zur Unterwelt stieg ;
Antidiaphoristen, die alle Zeremonien verwerfen ;
Amsdor kanar, Antikalvinianer ; |
‚Manus impositorier, nach denen nur die Handauflegung
ein Sakrament ist;
Sacerdotales, welche Ichren: dass such die Frauen alle
priesterlichen Aemter ausüben können ;
‚Biblisten, die nur den einfachen Text der hl. Schrift
annehmen, wo nach ıhrer Lehre alle Bücher, auch
die profanen, als teuflische Erfindungen dem Feuer
— 144 —
preisgegeben werden müssen. Sie verwerfen jegliche:
Kunst und üben allein die Handarbeit aus ;
Endlich noch die Bisakramentalen, Trisakramentalen,
Ossiandrianer, Antiossiandrianer, Maioristen, Poenilentia-
rier, Neu-Pelagianer, Sincretisanten, Swidnicensen. !
Ein anderer Zeitgenosse, Lubieniecki, ? der die Sekten.
in Litauen beschreibt, beurteilt viele Ansichten der Sek-
tierer und: stellt sie als monströse und! unerhörte dar, wie
z.B. die Ansichten über Gott, die Trinität, die göttlichen
Personen, die Sakramente, die Erlösung, über die letzten
Dinge u.s. w.
Ferner gab es nach Lubieniecki noch Sekten, welche die
ganze hl. Schrift verwarfen und die sich bei ihren Zusam-
menkünften Erscheinungen und Träume als göttliche Offen-
I Czekanowski, De corruptis moribus, etc.
2 Lebjeniecki Andreas, ein Pole, war lange Zeit hindurch ein
Heinrich und Bathory, Höfling der Könige Sigismund-August
(1576—1586). Er war Arianer und blieb es auch bis zu seinem
Tode. Er war Minister in Kleinpolen, übersiedelte dann aber nach Li-
tauen. Er hing dem gemässigten “Arianismus an. Sein Tod
fällt in das Jahr 1613. Aus seinen Schriften spricht ein tie-
fer, überlegener Geist und eine hohe Gelehrsamkeit. Sein Haupt;
werk, betitelt: ‚‚Poloneniychia albo Polskiego Krolestwa szezescie
a przytem i ,W. Ke. Litewskiego. A potem tego szezscia Szwan-
kowanie, ist in der Handschrift vorhanden, von der drei Ab-
schrifter stammen. Ich benutzte ‘die Abschrift der Biblio -
thek „Ossolineum‘‘ (112) zu Lemberg. Von dieser Handschrift ist
bis jetzt erst ein Teil herausgegeben worden. In diesem Werke be--
schreibt und glossiertt Lubieniecki die wichtigsten Ereignisse der
Geschichte Polens und Litauens. Am ausführlichsten schildert er
das 16. Jahrhundert, in dem er selbst lebte. Ziemlich weitläufig. ist-
die Glaubenspaltung in Litauen und Polen behandelt. Die ganze Ten-
denz dieses Werkes ist gegen die, unter Sigismund III. herrschende
katholische Reaktion gerichtet. Lubieniecki bemüht sich darzustellen,.
dass Litauen und Polen solange glücklich waren, als sie den Be-
kenntnissen vollständige Freiheit gelassen hatten. Wenn auch Lu-
bieniecki tendenziös geschrieben hat, so weist sein Werk Objek-
tivität und Ruhe auf, was besonders dessen Wert als Geschichte-
quelle erhöht. | Es
— 145 —
barungen mitteilten. Dann gab es wieder andere, die jegliche
Autorität und die äusseren Riten verwarfen und das allein
für wahr hielten, was durch ein Wunder bekräftiget war.
Es traten auch solche auf, die sich zu einem extremen
Kommunismus bekannten und allen Besitz und Würden
zurückwiesen. Sie führten ein ländliches Leben und sorgten
mit ihrer Hände ‚Arbeit für ihren Unterhalt. Lubie-
niecki zählt selbst einige Würdenträger auf, die ihr Amt
niederlegten und ein Bauernleben führten.
, Einige leugneten die Gottheit Christi, nahmen aber die
ganze hl. Schrift an, und zwar die einen nur das Neue,
die anderen das Alte Testament. Die letzteren neigten zum
Judaismus, feierten den Samstag, enthielten sich des Ge-
nusses von Schweinefleisch und beobachteten noch andere
Gebote des Judaismus. j
Zuletzt bemerkt Lubieniecki noch, dass eine solche
Unmenge von Sekten dagewesen sei, dass es unmöglich: sei,
sie alle aufzuzählen, geschweige denn sie zu beschreiben.!
Fast dasselbe berichten der unbekannte Autor des Ma-
nuskriptes vom Anfange des 17. Jahrhunderts,? Rescius,?
weiter Skarga und noch andere Zeitgenossen über die Sekten
in Litauen .* Die Historiker wundern sich über die zahl-
reichen Sekten Polens ‚aber noch: viel verwunderlichen steht
Litauer. da, denn wir erfahren aus den Geschichtsquellen;
dass es in Litauen noch viel mehr, als die aufgezählien
gab. ‚Die Zeitgenossen, zählten in Litauen sogar 72, in
Polen dagegen nur 34 Sekten.? Skarga, ein Jesuit, der
in Litauen lange Zeit gegen die Sektierer kämpfte,
sagt: „In Litauen herrscht der grösste Unglaube und die
1 „Neben diesen grösseren Sekten bestanden noch eine Unzahl
von kleineren, die man unmöglich aufzählen kann. Lubieniecki,
Polonentychia.
2 Ir der Bibliothek des Priesterseminars zu Kaunas.
3 Rescius, De Atheismis et phalarismis evangelicorum.
4 Ms. in der Bibliothek der geistl. katholischen Akademie zu
Petersburg. Ms im Pfarrarchiv zu Jeznas.
5 Morawski, Dzieje Narodu Polskiego II, S. 438.
ie
grösste Gottesleugnung‘“‘. ! Und Herbest, ein anderer Zeit-
genosse, der im Kampfe gegen die Sekten Polen und Litauen
durchzog, schreibt: „Wenn du in Gross-Polen den Orden
verlässest, so musst du zu den Hussiten übergehen (Böhmi-
sche Brüder) oder zu den Lutheranern ; tust du dies in
Kleinpolen, so musst du entweder den Kalvinisten oder den
Trinitariern beitreten. In Litauen aber, da triffst du
Stankarianer, Anabaptisten, Circumeisionen, und jene, die
den Judaismus und Mohammedanismus e.nführen wollen.“ z
1 Skarga P., Wzywanie do pokuty obywaleli Korony Polsk. i. W.
Ks. Litewsk., S. 3.
2 Herbest, Epistola ad quendam, Krakoviae 1567, fol. 11. In
diesem Werke führt auch Herbest einen um das Jahr 1565 in Vilnius
geschriebenen Brief an, der klar und deutlich die damaligen reli«,
giösen Zustände in Litauen schildert. Ich möchte daher an dieser
Stelle auf diesen Brief hinweisen: „Die Kultusdiener von Vil-
nius gehören schon seit mehr als drei Jahren dem Arianismus
an. Die Lehre von der Trinität wird von diesen in unglaublichster
Weise verunglimpft, sie proklamieren unwürdige und falsche Glau*
benslehren und verurteilen andere religiöse Anschauungen aufs hef-
tigste. Die Erinnerung an den Heiland wolien sie mit aller Ge/-
walt dem Herzen unseres Volkes entreissen. Festtage, wie z.B. Weih-
nachten, Ostern, Pfingsten und andere, beseitigen sie. Der wahre Re-
ligionsunterricht wird natürlich vernachlässigt. Die Kindertaufe ver-
werfen sie; dass Abendmahl halten sie sehr selten, und‘ dann in recht
unwürdiger Weise ab und betrachten es als eine ganz überflüssige
Sache. Statt Predigten wissen sie, gleich wie die Wiedertäufer,
von ihren Prophezeiungen recht viel zu erzählen. Diese Prophe-
zesungen sind aber nichts anderes als leere Träume und Erscheinungen,
wahrhaft die abscheulichsten Gotteslästerungen. Sie predig:n Viel-
'weiberei und Kommunismus, verwerfen dagegen die öffentlichen
Aemteı und Gerichtshöfe und verlangen die Gleichberechtigkeit aller
Menschen (Abschaffung der Kasten). Sie reden sich unter einander mit
Brüder an und gebrauchen diesen Namen auch für alle ihre Vorgesetz-
ten. Beim Essen sitzt der Herr mit seinem Diener am selben Tische.
'Ganz einfache und ungebildete Laien versehen alle kirchlichen Funk-
tionen. Nach ihrem Gutdünken erlassen diese die verschiedensten
Dekrete und verachten jede Obrigkeit. Man spricht in Vilnius davon,
‚dass alle jene von Abendmahle ausgeschlossen werden sollen, die
ihren Leibeigenen die Freiheit nicht wiedergeben wollen. In der Kircho
— 141 —
Unter den verschiedenen Gruppen ziehen die Arianer
(anderswo Wiedertäufer genannt) die Aufmerksamkeit auf
sich. Sie vertreten ın Litauen den Rationalismus und
Radıkalismus reinsten Wassers.! Während näm.üich die
Kalvinisten, Lutheraner und andere nicht nur auf die
hl. Schrift, sondern auch auf die ersten drei Jahrhunderte
der Kirche ihre Lehren begründeten, nahmen die Arianer
nur die Bibel an und verwarfen die christliche Tradition
‚als eine Erfindung des Teufels.?
findet man nichts als einen grossen Ladentisch in der Mitte. Sie
vernachlässigen ihre Friedhöfe. Ehen, Begräbnisse und andere heilige
Sachen werden dem öffentlichen Spotte preisgegeben. Wenn dieses
Begiment hier noch weiter andauern sollte, so werden nicht nur un-
:zählige Irrtümer verbreitet, sondern ist auch ein allgemeiner Auf-
stand zu befürchten‘. Wypisanie drogi fol. 2—4.
1 Mss. in der Bibl. zu Vilnius; Ms. in der Bibliothek des
Priesterseminars zu Kaunas.
Lubieniecki, Polonentychia, Ms.
Skarga, Zawstydzenie nowych Aryaln i wyzwanie ich do poku-
ty i wiary chrzescianskiej, Krak. 1608.
Czechowiez, Rozmowy christianskie etc. 1575.
Wilkowski, Przyeyny. nawrocenia sie etc. 1583. Wilno. [Mss.
ın der Bibliothek zu Vilnius; Ms in der Bibliothek des Priesterse-
minars zu Kaunas]. |
Czechowic, Odpis Jacoba Zyda.
Piotr z Goniadza, OÖ Synü Bozym 1570.
Budny, O urzedzie miecza uzywajacym 1580.
Niemojewski Jakob, O jednosci boskiej nierozdzielnej przeciw
wieku dzisiejszego bledom i bluznierstwom Aryanskim, Krak. 1566.
Das sind die Schriften der zeitgenössischen, katholischen und aria-
‚nischen Autoren, auf die ich mich bei der Beurteilung des Aria-
nismus besonders gestützt habe. Diese Werke sind sehr schwer zu
„erhalten, da nur einige Exemplare vorhanden sind. Ausserdem habe
ich noch folgende spätere Autoren berücksichtigt:
Bibliotheka Antitrinitariorum sive catalogus scriptorum et suc-
‚cincta narratio de vita eorum auctorum etc. Chr.
Sandii, Freistadii 1684.
Fr Sam. Bock, Historia Antitrinitariorum maxime socianismi et
Socianorium 1776.
A. Brückner, Roznowierey polscy. Warsz.‘ 1905.
T. Grabowski, Literatura Aryanska. Kraz. 1908.
2 Budny, O urzedzie miecza uzywajacem.
— 145 —
Einige verwarfen auch noch das neue Testament. "
Diese sogenannt judaisierenden Sekten beobachteten das
mosaische Gesetz und das Zeremonialgesetz des alten Tes-
tamentes, enthielten sich des Schweinsfieisches, feierten statt
des Sonntags den Samstag, beteten in den Synagogen der
Juden und hielten die übrigen Gebote des mosaischen Ge-
setzes.?2 Ja, einige scheuten sich nicht einmal, der Be--
schneidung der Juden sich zu unterziehen.? Die Begrün-
der und Führer der judaisierenden Partei waren der Li-
tauer Budny und ein gewisser Glirius, über dessen Her-
kunft man nichts weiss. Diese judaisierende Partei war in.
Litauen den andern an Zahl überlegen.
Andere verwarfen nicht nur das neue, sondern auch.
auch das alte Testament mit Ausnahme des Decalogs.t
Endlich gab es auch noch solche, welche die ganze
hl. Schrift verwarfen5® und eine Art Natureligion hat-
1 Lubieniecki, Polonentychia Ms. 112, im Ossolineum Lemberg.
?2 Rescius, De Atheismis, p. 167 s., 353.
Skarga, Zawstydzenie nowych Aryan... p. ‚104 £.
Wilkowski, p. 24, 86.
Czechowic, Rozmowy, fol. 4 f.
Herbest, Porzadna odpowiedz, fol. 11.
Lubieniecki, Polonentychia, Ms.
Ms in der Bibliothek zu Vilnius.
3 Ms in der Bibl. der katholischen geistlichen Akademie zu
Petersburg. |
Brückner, Roznowiercy, S. 204.
% „Wir verstehen, dass nur jene verloren gehen werden, die die
Heilige Schrift und das Neue Testament verwerfen, die unseren
Heiland verleugnen, sein Blut mit Füssen treten und in abscheu-
lichster Weise verspotten. (Das beweisen ihre Schriften, die sie mass-
enhaft unter dem Volke verbreitet haben. Sie wollten das Volk
angeblich zu Gott, zu Moses, zum alten Testament bekehren ; aber:
nachdem sie alles verworfen hatten, verpflichteten sie das Volk
nur zur Beobachtung ‘der zehn Gebote. Dieses taten sie in der Mei-
nung, dass die zehn Gebote mit der Lehre Berosus, Platos, Aristo-
teles und den anderen heidnischen Philosophen übereinstimmten .“
Czechowiez, Rozmowy christyanskie etc., fol. 4.
Lubieniecki Polonentychia, Ms, fol. 56—60.
° „Es gab auch solche, welche die ganze Heilige Schrift für ein:
— 149 —
ten. Diese wurden von ihren Zeitgenossen des Mohamme-
danismus beschuldigt.‘ Doch wissen wir nur wenig Be-
stimmtes über sie.
Nachdem die Arianer die hl. Schrift reformiert hat-
ten, sahen sie sich natürlich auch gezwungen die Dogmen
‚zu verändern.
Hier tritt nun eine gewaltige Meinungsverschieden-
heit zu Tage. Die meisten verwerfen die Gnadenlehre, die
Sakramente, die Erlösung und die Lehre über die Gott-
heit Christi (deshalb heissen sie Arianer).? Ueber das
Wesen des hl. Geist gingen ihre Meinungen weit auseinan-
der ; einige leugneten ihn kurzerhand ; andere bestritten
seine Person, wieder andere stellten sich darunter eine vom
Vater verschiedene Natur vor, weshalb man sie auch Bi-
leeres, totes Wort ansahen, dagegen aber ihre Träume u. Erscheinungen
(Phantasievorstellungen) zur Seeligkeit durchaus als notwendig erach-
teten... Sie haben Verbrechen begangen, die sogar das weltliche Recht
‘bestraft... Solche Leute gab es nicht wenige...‘“ Lubieniecki, Polonen-
tychia.
Ebenso Wilkowski II, 86.
1 P. Skarga, Zawstydzenie nowych Aryan, S. 112.
Wilkowski, II. 86.
Herbest, Epistola ad quendam, fol. 11—11.
2 Wilkowski,, 137 ff. „Sie behaupten, dass Christus weder
‚der verheissene Messias gewesen, noch für uns gestorben und von den
Toten auferstanden sei... Diese irrige Lehre hat heutzutage viele Ver-
treter‘‘, so spricht Czechowic in seinem Katechismus (Rozmowy
christyanskie, fol. 5) von judaisierenden und radikalsten Arianern,
lie Christus nur als einen ganz gewöhnlichen ‚Menschen ansahen .
An der Spitze dieser standen Budny, Glirius, Dawidowicz und an-
dere. Die gemässigteren Arianer erkannten Christus zwar als den
Messias an; nach ihrer Auffassung war er jedoch nur ein ganz
gewöhnlicher Mensch, von Gott auserwählt, mit besonderen Tugenden
und Gaben ausgestattet. Die gemässigsten Arianer endlich er-
kannten Christus nicht nur als Messias, sondern auch als Gott an,
der jedoch einen Anfang gehabt habe und geringer sei als Gott
Yater. Auch Üzechowic predigte, neben vielen andern, diese Lehre
Es ist jedoch schwer die einzelnen Lehranschauungen der Arianer zu
bestimmen, da sie diese oft so leichtfertig wechselten, wie man es
mit Handschuhen zu tun pflegt.
— 150 —
deisten nanntel und die übrigen stritten sich‘ über die
Trinität.
In der Meinung, dass der Antichrist (so nannten sie den.
Papst und den Katholizismus im allgemeinen), die ganze
Welt verderbe und verunstalte, ? glaubten die Arianer
alles ändern zu müssen und fingen an, die Sitten, das
öffentliche und ökonomisch-soziale Leben zu reformieren.
Die Polygamie wurde erlaubt,? wenn auch nicht bei.
allen arianischen Sekten ; sie erklärten alle bürgerliche
Macht und ihre Behörden, Krieg, Todesstrafe und den.
Waffengebrauch für abgeschafft. Selbst für angetane
Unbill sich zu rächen, galt ihnen sündlich, dagegen müsse
man Schlechtes immer mit Gutem vergelten ; Liebe, Frei-
heit, Gleichheit und Brüderlichkeit, müssten sie alle wohl
beachten. * Diese Ideen verbreitete besonders der bekannte:-
Ozechowicz und seine Anhänger.® In der Tat gab es
manche, welche diese Vorschriften wörtlich erfüllten. Ei-
nige Magnaten und viele angesehene Männer legten ihre
1 Czechowic, Rozmowy, 68.
Ms. in der Bibliothek zu Kaunas.
Pech Calvino. Opera Calvini XVIIL. 3245.
2 Budny, O urzedzie miecza uzywajacym 102 ff.
3 Czekanowski, De corruptis moribus.
Ms in der Bibl. der geistlichen Akademie zu Bike O8s0-
lönski, wiadomosci historyczno-krytyezne II, S. 38f.
* Lubieniecki, Polonentychia Ms. 56 ff.
Budny, O urzedzie miecza uzywajacem. Die Meinungen der
Arianer über die weltlichen Macht und die Anwendung von Waffen-
gewalt waren verschieden. An der Spitze der Verwerfer jeder. welt--
lichen Macht, jedes Krieges und jeder Waffengewalt, standen Peter
von Goniadz und ÜCzechowic. Ihnen gegenüber standen Budny, der
Gründer der judaisierenden Sekte, Paleolog Glirius u. andere. Siehe
Buyny, Ourzedzie miecza uzywajacym, fol. 102 ff.
5 „Wir sollen unsere Feinde mit Geduld, Bescheidenheit, Demut,
Bitte und Wohltat überwinden. Wir dürfen sie nicht töten oder
sonst Hand an sie legen, sondern müssen ihre bösen Gesinnungen in.
ihnen besänftigen und ihre erhitzten Gemüter mit Wohltaten be--
ruhigen.
— 151 —
Würden nieder, entliessen ihre Untergebenen, verteilten
ihren Besitz in der Gemeinde und führten dann selbst ein
Bauernleben, indem sie mit eigener Hand für ihren Le-
bensunterhalt sorgten.” Besonders über die Entlassung
der Leibeigenen entstand unter den Arianern ein grosser
Streit; denn viele hielten es für unerlaubt, dass ein Bru-
der über seinen Bruder wie über ein Tier herrsche.
Budny gibt in seinem Werke? eine Schilderung der
arianischen Synode von Jwje (in der Karvedschaft von.
Vilnius) im Jahre 1568, die zwei Tage über die Notwen-
digkeit der Freilassung der Untergebenen verhandelte. Die-
„Die Lust nach Verteidigung und Rache ist den Tieren eigen,.
und das deshalb, weil sie ohne Verstand sind und unseren Heiland nichi
nachahmen können. Es ist unerlaubi die weltliche Macht um Schutz:
zu bitten; man muss alles mit Geduld ertragen.“ (S. 242)/ „Für
eine christliche Gemeinschaft ist eine Obrigkeit oder Behörde, dia
sich des Schweries, des Gefängnisses, des Feuers oder Henkers, des
Strickes oder Galgens bedient (ohne des sich die weltliche Macht
nicht halten kann), unzulässig. S. 248. „Sollte die weltliche
Macht befehlen in den Krieg hinauszuziehen, zu kämpfen und zu
töten, so darf man ihr nicht gehorchen ; auch in den Krieg zu
ziehen, um nicht zu töteh, ist nicht erlaubt.‘ So lehrt Czechowie in. '
seinem Katechismus : Rozmowy Christyanskie. S. 253.
1 Lubieniecki, Polonentiychia, Ms, fol. 52 ff. „Auch Leute von
hoher Abstammung wurden Bauern, kleideten sich ärmlich und
schliefen und assen ebenso ; dies sahen pie als ein Gott wohl&e-
fälliges Werk am und wer es ihnen nicht gleich tat, den glaubten sie
von der Seligkeit ausgeschlossen. Viele angesehene Persönlichkeiten
verliessen ihre welilichen Aemter, die der König dann anderen übergab.
Andere wiederum gaben ihr Vermögen preis und schickten ihre Leib-
eigenen weg.‘ Als Beweis führt er den Ozarowski und Ficley an.
Der Verfasser der Handschrift aus dem Anfange des 17. Jahr-
hunderts (Bibliothek im Seminar zu Kaunas) sagt: „Viele vermögende
Herren, besonders in der Karvedschaft zu Vilnius und Trakai gaben.
ihre Güter der Gemeinde zur Niessung und schenkten ihren Unter-
gebenen die Freiheit, während sie selbst ein ärmliches Leben führten.
Zu ihnen zählte sogar Wolowicz und auch Bilewicz, der Vorsteher
(starosta) von Samogitien, die beide Besitzer zahlreicher Ländereien
“cs
waren.
® Budny, O urzedzie miecza uzywajacym, fol. 101 ff.
— 12 —
se Synode wurde vom Präsidenten Paul von Wizna mit
folgenden Worten eröffnet: „Der Antichrist (Papst), wen-
dete sobald er in der Kirche seine Stellung einnahm, stets
alle seine Kräfte an, um alles vom Kleinsten bis zum
Grössten umzugestelten, zu vernichten und zu verunstalt:n...
deswegen müssen wir alles von Grund auf erneuern. Ich' sehe
viele Dinge, welche nichts anderes sind, als ein seines Papst-
tum... vor allen Dingen bin ich überzeugt und glaube, dass
es einem Gläubigem unerlaubt ist, Untergebene oder sogar
Sklaven und Sklavinnen zu haben, denn es geziemt sich
nur dem Heiden über seinen, Bruder zu herrschen, seines
Schweisses oder vielmehr seines Blutes sich' zu bedie-
nen. Die hl. Schrift bezeugt, dass Gott aus einem Blute
die ganze Menschheit geschaffen hat, weswegen wir uns
alle gleichgestellt sind; denn sind wir eines Blutes, so,
sind wir auch alle untereinander Brüder. Wie darf nun
der Bruder über seinen Bruder herrschen und sich seiner
Hände Arbeit bedienen ?“ Sie nannten sich untereinander
Brüder und führten ein bescheidenes und arbeitsvolles Le-
ben. Die Magnaten, wie auch die Edelleute und Bauern,
trugen dieselbe Kleidung und assen dieselben Speisen. !
"Sie waren so sittenrein, dass selbst die Jesuiten, die sicher
ihre heftigsien Feinde waren, sie deswegen loben mussten .?
Der Arianismus war gleichsam die radikalste Reaktion
gegen den Ruin des Glaubens und gegen die sozialen Miss-
stände jener Zeit. Wir können hier feststellen, dass die
Lehren fast aller radikalen Richtungen unserer jetzigen Zeit
sich damals schon im Arianismus vorfanden. So finden wir
hier vollständig ausgebildete Ideen des Sozialismus, Anar-
chismus und Kommunismus, ja wir finden sogar in den
I Lubieniecki, Polonentychia Ms, fol. 52 ff. Ms in der Bibl.
Priesterseminars zu Kaunas. Herbest, fol. 2—4.
® Termin na protestacje ministra jednego ewängelickiego etc. przec
Ks. M. Zagiela, Wilno 1599. Fol. E. 4. „Die Arianer zeichnen sich
besonders durch Tugend, Andacht, Ordnung und Eintracht aus, so
dass ihre Gemeinschaft sicherlich alle überragt.“
— 15 —
Werken der Arianer, besonders bei Ozechowicz, ! die voll-
ständige Lehre des berühmten russischen Schriftstellers
Tolstoi. Viele Arianer, welche jegliche Autorität verwar-
fen und dem Rationalismus folgten, gerieten zuerst in die
Bahn des Naturalismus und schliesslich in die des Atheis-
mus. Besonders leugneten sie die Wiedervergeltung nach
dem Tode und das Vorhandensein der Hölle ,? diese Mei-
nung vertrat u.a. auch Czechowicz.3 Nachdem sie einmal
die Wiedervergeltung und die Existenz der Hölle bestritten
hatten, bezweifelten sie auch die Unsterblichkeit der mensch-
lichen Seele. Einige gingen noch weiter und stellten sogar
das Dasein Gottes in Frage. Auf solche Weise gelangten sie
allmählich zum Atheismus und endlich zum Nihilismus.*
Wir sehen also in der litauischen Reformation eine
logische Reihenfolge der verschiedensten Sekten. Angefan-
gen von den orthodoxen Lutheranern und Kalvinisten, ge-
langen wir nach zahllosen Variationen der Anabaptisten,
Arianer und Rationalisten zu den Atheisten und Nihilisten.
I Siehe seinen Katechismus : Rozmowy Chrystyanskie.
?2 Sogar Budny, der Gründer der judaisierenden Sekte, begann
schliesslich die Unsterblichkeit der Seele zu verneinen: „Die Seele
ist nichts anderes als das Leben des Menschen oder sein Körper, dass
aber irgendwelche Seelen nach dem Tode existieren oder gequält
werden, oder auch die Freuden des Himmels geniessen sollen, das sind
reine Fabeln.‘‘ Budny, O przedniejszych wiary christyanskiej ar-
tykulech etc. Losk 1576, fol. L. 2.
3 Zebrowski, Recepta na plastr Czechowica S. 50, 53, 55.
Czechowicz verstand unter dem Ausdruck „anima‘“ in der hl. Schrift
das Leben und unter dem Worte ‚„inferi‘‘ das Grab.
4 Wilkowski, II, 86. -
Zebrowski Recepta 51 £., 82.
Ms in der Bibliothek zu Vilnius. ,,...alii semper nova et inaudita
quaerentes. primo existentiam inferorum dein anima2 immortalis tan-
dem (horribile dietu) etiam existentiam Dei negarunt, proinde non
solum omnem Scripturam sed et cultum omnem omnemgque religio-
nem rejecerunt ad instar - animalium insipientium facti. Haec blas-
phemia inaudita tahto timore multos perculsit, ut tempora Antichristi
et ultimum judicium instare crederent.‘
— 154 —
Alle diese Sekten bekämpften einander aufs heftigste,
sodass unter den Neuerern ein grimmiger Streit entbrannte.
Dieser Kampf wurde hauptsächlich in zahllosen Disputa-
tionen und polemischen Schriften geführt. Man muss sich
tatsächlich wundern, dass in einem so wenig kultivierten
Lande, wie es Litauen zu jener Zeit war, so viele Schriften
veröffentlicht werden konnten. Noch mehr wurde de
Kampf in Worten: in zahllosen Privatgesprächen und
öffentlichen Disputationen geführt.
Eine reine Disputierwut hatte alle so sehr ergriffen,
dass nicht nur Theologen, Vorsteher und Prediger, son-
dern auch Laien, wie Beamte, Kaufleute, Soldaten und
Künstler ihre Geschäfte bei Seite liessen und alltäglich
Zusammenkünfte abhielien, wobei sie nicht nur ganze
Tage, sondern sogar Wochen und noch länger mit Dispu-
tieren zubrachten.”2 Politische Zusammenkünfte wurden
in theologische Synoden verwandelt, in denen die Mag-
naten und Edelleute heikle und komplizierte Fragen über
die Erbsünde, die Erlösung, die Gnade, die Sakramente, den
freien Willen, besonders aber über die Trinität und an-
deres sich auseinandersetzen .?
1 Wilkowski, S. 76.
Grabowski, Literatura Arianska w Polsce. Von den Neuern,
besonders den Arianer, sind nur wenige Schriften vorhanden. Diese
stellen eine bibliographische Seltenheit dar, denn die Gegner, beson -
ders die Katholiken, vernichteten diese wo sie nur konnten.
?...quasi pestis quaedam ardor disputandi omnes invasit. Non
solum duces et ministri, sed homines laici, officiales, mercatores,
milites, opera sua quotidiana negligentes totos dies; imo hebdomades
in disputationibus vehementissimis transigebant, sed absque ullo
effectu nam quo magis flisputabant, eo magis animo inter se dif-
ferebant.‘“ Ms in der Bibliothek des Priesterseminars zu Kaunas.
Ebenso Lubieniecki, Polonentychia Ms., fol. 52 ff.
Wilkowski, 147 £.
3 Budny, O urzedzie etc. 102 ff.
Lubieniec, Polonentychia,
Ms in der Bibliothek des Priestersemina’s zu Kaunas.
— 15 —
Alle diese Disputationen und Streitigkeiten brachten:
indessen keine Eintracht und Einigkeit, sondern verwirrten.
die Ansichten nur noch mehr, vervoliständigten die Zer-
würfnisse und führten zu neuen Sekten. !
Ausser den Zwistigkeiten, welche den Glaubensneue-
rungen in Litauen so sehr schadeten, muss man noch
die seltsame Unbeständigkeit in den Meinungen der Neue-
rer in Betracht ziehen. |
Seibst die Vorsteher und Führer blieben nicht bei der:
Lehre, die sie einmal aufgestellt hatten, sondern getrieben:
von einer unersätilichen Begierde nach etwas Neuem
änderten sie dieselbe fortwährend. Ein zeitgenössischer Aria-
ner charakterisiert seine Vorsteher und Führer folgendermass-
en: „Keine Beständigkeit und keine Sicherheit ist bei Euch.
vorhanden. Früher sagtet ihr, das Alte Testament habe
keine Bedeutung und man müsse sich an das Neue Testa-
ment halten. Darauf sagtet ihr, das Neue Testament sei
nichts und das Alte Testament soll als Richtschnur die-
nen. Schliesslich haben viele von Euch an der hl. Schrift
zu zweifeln begonnen und sich der Lehre Berosus’, Platos
und Aristoteles’ zugewandt. Was ihr gestern behauptet
habt, leugnet ihr heute und umgekehrt‘ .?
| Aber noch viel mehr als die Führer, änderten ihre
Anhänger die Ansichten. Es gab Leute, die fast alle
— mu
Wilkowski schildert die Zusammenkünfte folgendermassen : „Wenn
sic zusammenkommen um in ihren Lehren etwas festzulegen, er-
zielen sie kein Resultat, denn nachdem sie 6 oder 8 Tage unter-
einander gestritten haben (den Zuhörern und sich selber lästig), fahren
sie heim umd ein jeder bleibt bei seiner Meinung.“ 8. 147 f£.
Ferner sagt der Verfasser, dass daraus neue Zweifel und auch neue
Sekten hervorgehen. ‚Jedes Jahr erdichten sie neue Gebräuche und
neue Formen. Die Lehre einer jeden Gemeinde, einer jeden Gegend,
jeder Stadt, jedes Dorfe ist eine andere; wie die Zeit, def
Herr, die Behörde und der Prediger eben ist, so ist der Ritus und
die Art der Lehre.“ II. S. 82.
1 Ms in der Bibl. der geistl. katholischen Akademie zu Petersburg.
® Ms in der Bibliothek zu Kaunas.
— 156 —
Sekten durchwandert hatten.! „Als ihr Lutheraner wart,
so verwünschtet ihr die Sakramentarier; als ihr aber
Sakramentarier geworden waret, so scheutet ihr die Arianer,
hasstet ihr die Samosatener und bekämpftet sie, aber
nach einigen Jahren. lobtet ihr sie wieder‘, so tadelt
ein gewisser Wilkovski die Neuerer. Er selbst aber hatte
sich vorher auch schon zu mehreren Sekten bekannt!
Wenn wir nun ‚alles, was wir bisher gesagt haben,
zusammenfassen : die grosse Anzahl der Sekten, ihre ra-
tionalistischen und radikalen Ideen, ihre immerwährenden
Streitigkeiten und Disputationen und endlich die Unbe-
ständigkeit ihrer Ansichten, so können wir schon a priori
schliessen, dass diese Faktoren einen schnellen Untergang
‚der Glaubensneuerung herbeiführen mussten. Ä
In diesem babylonischen Wirrwar wussten die Leute
nicht, wem sie glauben und was sie als recht annehmen
sollten. ?
Die eifrigsten Neuerer und Verbreiter der Glaubens-
spaltung verloren den. Kopf, da: sie nicht wussten, was zu
tun und wie aus diesem Chaos herauszukommen sei. °
Durch die vielen Synoden, Zusammenkünfte und Dis-
putationen in ihrer Lehre unsicher gemacht, jeglicher Obrig-
keit, die den Zwist hätte beseitigen können, bar, sprach
I Wilkowski, II, 86.
2 Wilkowski, S. 17 £., 136 £., 147 £.; II. 82.
Herbest, Epistola ad quendam, fol. 11—111.
Zebrowski, Recepta 58. |
3 Ms in der Bibliothek der geistl. Akademie zu Petersburg. Selbst
von Radvila dem Schwarzen berichtet Rescius folgendes: ,Me-
‚minit mihi vir amicissimus Skarga, quod ille ipse palatinus Vilnensis
scripsit olim filio suo Nicolao Christophoro ‘se tot sectarum in
ministris et novarum semper monstruosarumque de rebus divinis
opinionum ac dissensionum multum pertaesum vix scire quidnam
sequendum sit in religione, neque se tantos diScordiarum tumultus
post relictam antiquam religionem expectasse.‘‘ De Atheismis et
phalarismis, p. 167 £.
— 157 —
los über die vielen unerhörten Meinungen, die sich ein-
ander scharf gegenüber standen, sahen sich endlich die
Neuerer jeder Hilfe und jeden Rates beraubt.
Da sie keinen Ausweg sahen, wandten sich die einen
in ihrer Verzweiflung an den Judaismus und Mohamme-
danismus oder ersannen verschiedene andere Lehren.! An-
dere warfen sich dem Skeptizismus oder Nihilismus in die
Arme ; sehr viele aber blickten. wieder auf den Katholi-
zismus ;3 denn sobald auf Seite der Neuerer Verwirrung
und Uneinigkeit sich’ zeigte, fanden auch wieder Ueber-
trıtte zur katholischen Kirche statt.
Seit dem Jahre 1568, ın dem die Sekten, beson-
ders der Arianismus, ihre höchste Blüte erreichten, began-
nen die Bekehrungen der Grossen und Adeligen zum Ka-
tholizismus .* Je lauter die Streitigkeiten unter den Neuerern
tobten, je mehr die Anzahl der Sekten stieg, um so mehr
Uebertritte zur katholischen: Lehre fanden statt. Als das
die Neuerer gewahr wurden, wandten sie alle Krafi an,
um wenigstens zu einer äusseren Einigkeit zu gelangen ;
t „Viele Gläubige irrten als zerstreute Schäflein von einer
Sekte zur anderen... und erkannten allmählich, dass weder die
eine, noch die andere Sekte die einzig wahre Kirche sei. Die cine
verlassend, der anderen sich nicht anschliessend, blieb nichts anderes
übrig, als an gar nichts zu glauben. Jene aber, die sich zum Judaismus
bekannten, fanden dort — wie z.B. Daniel Bielenski — alles öde
und leer : andere wiederum wendeten sich dem Muhammedanismus zu.
Doch Ekel und Verachtung der Tyrannei dieser Sekte stiessen viele von
ihr ab.“ Wiülkowski, II. 86. „Einige wurden in diesem schädlichen
Wirrwar zur Verzweiflung getrieben, andere zum Judaismus, Mu-
hammedanismus und zu ‚den verschiedensten Sekten.“ Wisniowski,.
Rozmowa o prawdziwej znajomosci Boga Ojca, Syna jego i Ducha
Sw. 1575 w :Luctawicach,: Fol. F. 2.
2 Zebrowski, Recepta, 51 f.
Ms in der Bibl. des Priesterseminars zu Kaunas.
3 Wilkowski, II, 86.
Herbest, Wypisanie drogi, fol. 61.
4 „Das göttliche Gericht begann in den letzten Tagen des Königs
August, das einen Teil der Sekten schwächte, die anderen aber gänzlich
vernichtete. Dies nahm vier Jahre vor dem Tode des Königs seinen
— 158 —
darum wurden viele Synoden abgehalten 1 und beı den
Theologen des Westens Hilfe gesucht.” Aber wie schon
{rüher, waren auch jetzt die Versuche fruchtlos.®
Ohne Zweifel bedeutete der Uebertritt des Nikolaus
Christoph Radvila — „Sierotka‘“ genannt, der Sohn des
Schwarzen — zum Katholizismus, im Jahre 1567, für dem
litauischen Protestantismus eine schwere Nieder.age.* Sie-
rotka war als Katholik ein unversöhnlicher Gegner der
Neuerer, er bewog auch seine drei Brüder zum alten Glau-
Anfang (1568) und dauerte bis zu seinem Ableben (1572) an‘.
Lubieniecki, Polonentychia, Ms. fol. 54—60.
1 „Et cum animadverterent harum dissensionum causa quosque
prudentiores offendi et ad avitam religionem catholicam reverti suasque
.novitas & deo discrepantes despectui haberi, ut tandem idem sentire
-viderentur, plurimas synodos concordise jucundae gratia celebra-
runt.‘‘ Ms 628, fol. 63 f. im Össolineum, Lemberg.
Alle Akten dieser Synoden sind verloren gegangen, und nur in
den Quellen kann man einige Erwähnungen über sie finden. Deshalb
kann ich über diese Synoden keine näheren Angaben machen.
2 Provinciae Poloniae Soc. Jesu Ortus et Progressus. Ms im Osso-
lineum, Lemberg, 628, fol. 78.
3 Jungius, Synopsis novi Evangelii sive doctrina moribus, etc.
1595, 1. I. c. X, XI, XVIII, XIX, LIII, C. XVII, XIX, XXl.
Relacye Nuncyuszow I, S. 192.
„Die polnischen Andersgläubigen haben dreimal öffentlich er-
klärt, dass sie in Glaubensachen weder einen Richier, noch ein
Oberhaupt anerkennen, und dass sie eher bereit seien ihr Leben zu zer-
lieren, als ihre Ueberzeugung preiszugeben .‘‘ So berichtet Nuutius
Commendone von den Neuerern in seinen Briefen: Albertrandi-
Malinowski, Listy Commendoniego II, S. 238. Darüber handeln auch
die Seiten 122, 133, 167, 176, 239, 292 £.
Ebenso: A. Patricius Nidecius. De Ecclesia vera et falsa, Crac..
1583. S. 14 ff.
4 Siehe: Prof. Mercyngas, Mikalojus, Krisius Radvilas Nas-
laitelis Period. Blätter. „Pasiuntinys“ 1911. No 5, S. 144 f.
Kojalowiez führt als Anlass der Bekehrung Radvilas folgende
Fabel an: „Als an einem Feiertage, an dem die Kirche den Genuss
von Fleischspeisen verbietet, bei einer Mahlzeit dem Herzog ein g@-
bratener Hahn aufgetischt wurde und der Herzog bei dieser Gelegen-
heit eine Verleumdung aussprach, richtete sich der Hahn in der
Schlüssel auf schlug mit den Flügeln und fing zu krähen an.‘ Miscell.
— 159 —
ben zurückzukehren und sorgte dafür, dass sie eifrige
Katholiken wurden .!
Die Familie Radvila begann sofort den Kampf gegen
die neuen Lehren, die von ihrem Vater in den ausgedehnt-
en Latifundien eingeführt worden waren und unterdrückten
sie vollständig.” Da die Radvılas in Litauen stets hohes
Ansehen genossen, folgten bald viele Magnaten und sonstige
Adelige ihrem Beispiele .3
p- 70. Dasselbe wiederholen Niesiecki (Korona Polska, III, Seite
832) und Rostowski (I. Historiarum lituanic. pars I, S. 258 f).
Der Verfasser der Handschrift ‚Historia wierna o kacrrstwach‘“
(Ms in der Bibliothek der geistl. kath. Akademie zu Petersburg) er-
zählt über die Bekehrung des N. Chr. Radvila: ‚Dieser Kar-
vede, der Schwarze, schrieb an seinen Sohn Christoph : „Mein Sohn,
ich bin durch die Verschiedenheit der Lehren und Doktoren so ver-
wirrt, dass ich über das, was zu glauben ist, völlig im unklaren bin.
Rate dir selbst“. Welchen Entschluss er gefasst hat, zeigt die durch
katholische Kirchen und Klöster so reizvolle und schöne Stadt Nies-
wiez.‘‘ Ueber die Bekehrungsursache des Nikolaus Radvila (Sierotka)
siehe die Abhandlung von Mercyngas im oben zitierten Blatte.
1 Cichocki, Alloquia Ossiecensia, S. 200 ff.
Regenvolscius, Systema historico-chronologicum, p. 144.
Rostowski J.J., Historiarum lituanicarum I. Teil, S. 158 £.
2 Skarga, Pro sacratissima Eucharistia, Wilna 1576. „Er (Rad-
vila, Sierotka) setzte ein neues Priestertum ein, und stellte das alte
wieder her, vermehrte die jährlichen Einkünfte, sorgte für die
Wiederherstellung der Tempel und arbeitete auf die Erneucrung der
Frömmigkeit, die vollständig verschwunden war, hin.“ (Dedicatio,
Fol. 5.)
Cichocki, ‚oben angegeben: „Es ist unnötig hier zu erwähnen,
wieviel Fleiss er für die Erneuerung der katholischen Kirche ver-
wendete. S. 202 £.
Historia wierna o Kacerstwach, Ms in der Bibliothek der kathol.
Akademie zu Petersburg. „In seinem weiten Fürstentume stiftete und
beschenkte er (Radvila Sierotka) viele Kirchen und Pfarreien... Als-
dann liess er Schulen und Siechenhäuser erbauen, sodass die alte
Religion von neuem aufblühte‘“, S. 45.
® Historia wierna etc., Ms. Indem angesehene Persönlichkeiten
und Adlige auf die vom Allerhöchsten verursachte Aenderung (die
Bekehrung Radvilas) blickten, erinnerten sie sich der Andacht
=. 460: =
Nicht lange nachher trat auch Johann Chodkiewiez,
der Starost in Samogitien, zur katholischen Kirche zurück.
Er war ebenfalls ein reicher Mann von hohem Ansehen,
Durch Kardinal Hosius angeeifert verwandte er alle seine
Kräfte zur Bekämpfung der neuen Lehre und der Wieder-
herstellung der katholischen Religion. Diesem folgten
bald die Familien Sapieha, Wojna, Wollowiez, Pac, Tys-
kiewicz und zahllose andere Magnaten und Kleinadelige .?
Damit stürzte —kaum zehn Jahre nach dem Tode Rad-
vilas des Schwarzen — der Protestantismus in Litauen
vollständig zusammen. Obgleich manche noch nicht den
Mut hatten zum Glauben der Väter zurückzukehren, waren
sie doch‘ gegen die sich!‘ steis widersprechenden Ansichten
und gegen die endlosen Stänkereien der Neuerer mit Hass
erfüllt.5_ Es gab nur noch wenige, welche die Sache der
Protestanten verteidigten .*
ihrer Vorfahren, die von den Nachkommen verlassen worden war.
Von heiligen Eifer erfüllt kehrten sie zur kathol. Kirche zurück,.
und gaben ihren verwandten Nachbarn und Untertanen das Beispiel.“
S. 45. Darüber auch Ms in der Bibl. des Priesterseminars zu Vilnius.
1 Chodkiewiecz kehrte um das Jahr 1570 zur katholischen
Religion zurück. Siehe den Brief des Kardinals Hosius, Bischof von
Ermland... an ihn (im Werke: Hosii opera omnia, Köln 1584,
II. S. 321). Nicht der Jesuit Warszewski, wie Rostowski be-
richtet (Historiarum Lituanicarum I. Teil, S.51£f.), hat Chodkiewiez
zur katholischen Kirche zurückgeführt, sondern Hosius. Dies geht aus.
einem Briefe des Chodkiewicz an Hosius, und aus einem solchen von
Hosius an Chodkiewicz hervor (Hosius, Werke II. Teil, S. 142—
144).
® Cichocki, Alloquia Ossiecensia, S. 205 ’ff.
Ms Historia wierna o Kacerstwach, S. 45.
3 Siehe Brief des Hieron. Chodkiewiez an Kardinal Hosius-
(Hosii opera omnia Köln, 1584, II. S. 242). „So sehr waren alle
der endlosen Disputationen und Streitigkeiten überdrüssig, dass ihnen
die neuen Lehren sehr verächtlich vorkamen‘‘, sagt der Verfasser der
Handschrift; Ms Anfang des 17. Jahrhunderts. Seminarbibliothek
zu Vilnius.
* Ein solcher war Radvila, der Braunrote genannt, Fürst von
— 161 —
Aber vom Katholizismus war nach der Niederlage, die
ihm die Protestanten beigebracht, buchstäblich nur noch
eine Ruine übrig. Die Kirchen waren zerstört oder von
den Neuerern in Beschlag genommen, die Priester überall-
hin zerstreut und die wenigen, die noch. übrig geblieben,
wegen ihrer Verkommenheit und mangelnder Sprachkennt-
nis zur Pastoration unfähig. Erst mit der Ankunft
{
Birziai und Dubinkiai, der Vetter des Schwarzen, der bis zu seinem
Tide (1584) Kalvinist blieb, obgleich er durchaus nicht den Eifer
zeigte, wie sein Bruder, der Schwarze.
Regenvolscius, Systema historico-chronologicum, Ss. 114.
H. Merczyng, Zbory i senatorowie protestantey. S. 9, 133.
Lukaszewiez, Dzieje wyznania helweckiego I, 25 £.
1 Cumuleus, der 1595 als apostolischer Legat die Diözese Vilnius
besiehtigte, zu einer Zeit, in der die Kirche sich von ihrer Schwäche
schon ziemlich erholt hatte, schreibt: „Ale Wir die Diözese Vilnius
bereisten, machten Wir die Erfahrung, dass sehr viele Pfarreien
wegen Priestermangel ihre Pfarrer entbehren ; wenn Wir hier und
da auch einige antrafen, so sahen Wir bald, dass sie wegen der
Unkenntnis der litauischen Sprache der Kirche und dem Volke nur
wenig nützten, und aus Mangel an Ps»iestern und Unkenntnis der
Sprache musste das Volk sogar die zum Heile notwendige Glau-
benslehre und den Empfang der hl. Sakramente entbehren ; ja,
mehr noch, Wir erfuhren, dass das Volk fast ohne Gotteskenntnis, wie
die Tiere, in seiner Unwissenheit dahinlebe, und dass. sogar sehr
viele Kinder ohne Taufe aus dem Leben geschieden seien.‘ Be;
Balinski, Akademie Wilenska, S. 440.
In Samogitien fanden sich nach dem Tode des nachlässigen
Bischofs Georg Pietkiewiez, wie Kojalowiez sagt, nur sechs ka-
tholische Priester (Miscellanea, S. 67; S. 15 desselben Werkes ver-
merkt deren 7). Obgleich der Bericht des Kojalowicz in den alten
Quellen keine Bestätigung findet, so zeugt er doch dafür, dass die
Lage der katholischen Kirche in Samogitien traurig war. Piasecius
(Kronik Crac. 1545, S. 49) berichtet, dass der Bischof Pietkie-
wicz ein Neuerer gewesen sei, aber Rzepnicki (vita Praesulum III.
p. 32) und Niesiecki (Korona Polska III, S. 592 £.) wider-
sprechen dieser Meinung; die älteren aber, wie Kojalowiez (Mis-
cellanea, S. 76), und Naramowski, (Facies rerum sarmaticarum
II. S. 536), erwähnen hiervon gar nichts.
BRostowski, schildert die Lage der Kirche in Samogitien bei An-
kunft der Jesuiten sehr schwarz: ‚Das Verhältnis der Diözese
1l
.— 162 —
der Jesuiten in Litauen (1569), begann die Wiederher-
stellung des Katholizismus. Die Jesuiten, an Zahl zwar
klein.! aber an Gelehrsamkeit, Eifer und Mut stark,
eingen nicht nur unverdrossen an die Arbeit der Wieder-
herstellung, sondern flössten auch dem übrig gebliebenen
Klerus wieder Mut ein, sodass sie an diesem bald wieder
einen Mitarbeiter fanden .?
Von dieser Zeit an begann auch der Rest des Pro-
testantismus zu verschwinden .?
Kaum zehn Jahre nach den Tode Radvilas des Schwarzen
konnte Petrus Skarga an Valerian Protasewicz, den Bischof
von Vilnius, schreiben : „Jetzt ist der grösste Teil deiner
war damals elend; auf dem Lande fand man nur wenige, die
je etwas von Christus gehört hatten. In den Ansiedelungen herrschte
der alte Aberglaube. Der Blitzschleuderer Juppiter, gemeiniglich
Perkunas genannt, alte Eichen, die Szermuksznis oder Eberesche,
Akmo, ein gewaltiger Fels ; alle diese wurden samt den alten heid-
nischen Götiern von den Landleuten verehrt. Melchior Giedraitis,
Bischof von Samogitien, sagt: „Im grössten Teil unserer Diö-
zese wirst Du keinen finden, der in seinem Leben jemals gebeichtkt
hätte, keinen, der je zur hl. Kommunion gegangen wäre, keinen,
der das ,.Vater unser‘‘ kennte oder das Kreuzzeichen zu machen
im Stande wäre, keinen, der irgendwie eine Ahnung von den Ge-
heiimnissen des Glaubens hätte ; sie begnügen sich mit dem einen und
sögen: wir sind keine Lutheraner und essen an Freitagen kein Fleisch.
Vielfach opfern sie dem Donnergotie, verehren die Schlangen, halten
lichen für heilig, bringen den Seelen der Verstorbenen Speiseopf.sr
(dar, und verrichten noch viele andere phantastische Dinge, mehr
aus Dummhest, als aus Bosheit, und halten es deshalb auch nicht
fur Sünde.“
Historiorum lituanicarum pars I, p. 118 ss.
! Rostowski, Historiorum lituanicarum, pars I, p. 3388. Im
Jahre 1569 kamen bloss 5 Jesuiten nach Vilnius, deren Zahl sich
aber bald vergrösserte. |
"Zu den Geistlichen, die mit den Jesuiten arbeiteten, gehörten
der Kanonikus Jurgiewiez von Vilnius, der viel gegen die Neucrer
schrieb, der Kanoniker Giedraitis. ebenfalls in Vilnius, später Bischof
von Samogitien (1575—1609), der im Rufe der Heiligkeit starb.
> Kojalowicez, (Miscell., p. 14—16; u. viele andere.
— 18 —
Herde zu dir zurückgekehrt, und jeden Tag verlassen noch
viele Seelen den Irrtum ; daher wollen wir uns hierüber
freuen und mit den Engeln triumphieren. Nun fängt deine
Kirche, die infolge der vielen Leiden ermattet darniederlag,
wieder an, ihre Kräfte zu sammeln und sehnt sich nach der
schnellen Heimkehr der übrigen, noch zerstreuten Schäflein
zu dem einen Schafstalle Christi“. Obgleich nun die
neuen Lehren fast vollständig verschwunden waren, so
zählten sie immer noch’ — selbst unter den Grossen, — einige
Anhänger. |
Der Arianismus und die anderen rationalistischen
Sekten, die schon bald nachher unter der Regierung Sigis-
munds-August sehr geschwächt waren, verschwanden zwar
nach dem Tode dieses Grossfürsten in kurzer’ Zeit vollstän-
dig, sodass kaum noch ein Rest übrig blieb, dafür gab es
immerhin noch: ziemlich viele Kalvinisten und einige Lu-
theraner .? 0 |
Die Kirche hatte noch einen langen und schweren
Kampf zu bestehen, weil sie vollständig entkräftet war,
1 Skarga, Pro sacratissima Eucharistia, Vilnae 1576. Dedicatio,
fol. 2
„Nach dem Tode des Königs Sigismund-August stürzte die
Neuerung schnell in Trümmer’. Ms Seminarbibliothek von Samogitien
aus dem Jahre 1624.
Ms in der Bibl. zu Kaunas.
Ms Provinciae Poloniae Soc. Jesu, Ortus et progressus, 625,
Ossolineum, Lemberg.
Relacye Nuncyuszow, I. p. 90 ff., 219.
Cichocki, Alloquia ossiecensia, p. 93, 200 ff.
Herbest, Porzadna odpowiedz, K. 6.
Wilkowski, fol. 1.
Lubieniecki, Polonentychia, Litterae annuae, S.J: (1606—1607)
Mogunt., 1608, p. 448ff.; 1608, p. 760 ff.; 1609, p. 646 ff.
Alle diese Quellen weisen auf den schnellen und vollständigen
Verfall der neuen Lehren in Litauen hin.
2 Unter den Magnaten blieb nur eine Familie, die des Fürsten
Radvila von Birziai und Dubinskiai, bis zum Untergange uieses
Hauses protestantisch.
u ah
und die Protestanten begannen — trotz ihrer geringen
Zahl, infolge der von allen Seiten drohenden Gefahren —
neue Kräfte zu sammeln: Aber es war kein Ringen mehr
um den Glauben des ganzen Landes, sondern nur noch um
den einiger haeretischer Stützpunkte.
Nachdem die Kraft des Protestantismus einmal ge-
brochen war, erreicht dieser seine frühere Blüte niemals wie-
der und verschwand so schnell, dass nach hundert Jahren
nur noch kümmerliche Reste von ihm zu sehen waren.
Es erübrigt sich noch darüber klar zu werden, warum
diese Lehre, bei so ausserordentlich günstigen Bedingungen
und nach einem so raschen und glänzenden Aufstieg, zu-
sammengebroehen ist, ohne dass eine äussere Ursache dabei
miteinwirkte. Dass beim litauischen Volk für die An-
nahme der neuen Lehren besonders günstige Umstände vor-
"handen waren, sahen wir bereits im ersten Kapitel. Der
beste Zeuge hierfür ist die schnelle Verbreitung des neuen
Glaubens. Bei ihrer Verbreitung wurden ihnen nur sehr
wenige Hindernisse — um nicht zu sagen keine — weder
von der Kirche, noch vom Staate in den Weg gelegt. Denn
die Kirche konnte nicht gegen die neuen Lehren kämpfen,
weil sie selber moralisch‘ sehr geschwächt war. Auch der
Staat verteidigte die katholische Religion nicht, weil die
protestantisierten Magnaten die höchste Gewalt besassen.
In Litauen gab es keine Religionskriege. Man kann
sagen, dass im 16. Jahrhundert in Litauen für religiöse
Ueberzeugungen kein Tropfen Blut geflossen ist. Wie die
Magnaten und Kleinadeligen ohne jeden Zwang scharenweise
zum Protestantismus übergingen, so haben sie ihn später
auch ohne jede äussere Nötigung wieder abgelegt. Wo sollen
wir nun die Ursache dieser Erscheinung suchen ? Da es
keine äusseren Ursachen gab, so mussten doch‘ innere
vorhanden gewesen sein. Nach meiner Ansicht liegt der
Hauptgrund des Zerfalles des Protestantismus darin, dass
die neuen Lehren der Kultur und dem Charakter der Li-
tauer nicht angemessen waren.
Wenn wir nämlich die primitive Kultur und den ein-
— 165 —
fachen Charakter der Litauer den oft raffinierten pro-
testantischen Lehren gegenüberstellen, dann erkennen wir
einen erheblichen Unterschied. Denn nur die Magnaten und
wenige Kleinadelige besassen Bildung, die übrigen aber —
viele Adelige nicht ausgenommen — folgten den rohen
und unkultivierten Sitten ihrer Ahnen. Die Kultur des
Westens konnte nur in der Zeit der jogailonischen Dynas-
tie eindringen und breitete sich wegen der grossen Aus-
dehnung und der dünnen Bevölkerung des Landes nur
mühsam aus und trug deshalb nur wenig zur kulturellen
- Durchdringung der litauischen Bevölkerung bei, wie auch
die Geistesbildung wegen Mangel an Schulen nur: langsame
Fortschritte machte. |
Der Litauer ist schwerfällig, aber sehr sentimen-
tal und phantastisch, was sich besonders in seiner sehr
reichen Volkspoesie und Mythologie offenbart. Da sie in
Wäldern wohnten, zwischen Flüssen, Seen und Sümpfen
zerstreut, fern von Städten, einzig von der Natur angeregt,
so entwickelte sich in dieser Umgebung eine eigene Mytho-
logie, und diese ist so inhaltsreich, dass sie der griechis-
chen kaum nachsteht.! Die heidnische Religion der Litauer
— wie auch die der anderen unkultivierten Völker —
besteht fast nur in der äusseren Verehrung der Natur-
kräfte. |
Das Christentum war in Litauen erst am Ende des
14. und am Anfange des 15. Jahrhunderts gepredigt
worden, und wurde so langsam verbreitet, dass es selbst noch
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts viele wirk-
liche Heiden gab. Zur Zeit als der Protestantismus dem
litauischen Volke nahe trat, war es noch zur Hälfte heid-
nisch. Allerdings gilt dies mehr vom gewöhnlichen Vol-
ke, als von den höheren Klassen ; doch unterschieden
sich die höheren Schichten in ihrer Kultur von den nie-
! Lasicki,, De diis Samogitarum (Res publica sive status R.Polon.
Lituania etc., p. 291 ff.). Narbutt, Dzieje Narodu Litewskiego
1, S. 1£f. | |
— 166 —
deren nur wenig ; sogar die Magnaten und ein klei-
ner Teil der Kleinadeligen, die ihre Bildung im Auslande
sich "angeeignet hatten, konnten sich dem Einfluss des
niederen Volkstandes, unter dem sie wohnten, nicht er-
wehren. |
‚Ein Hauptfaktor ist die charakteristische, nationale
Eigentümlichkeit, die einem jeden Menschen so fest ein-
gewurzelt ist, dass es lange Zeit, vielleicht ganze Genera-
tionen erfordert um sie zu verändern. Hätte also der Pro-
testantismus, diese durchaus rationalitische und indi-
vidualistische Religion, ohne äusseren Kult und Heiligen-
verehrung, die gefühlvollen, sentimentalen und noch halb
heidnischen Litauer befriedigen können ? Der Protestantis-
mus besitzt den Geist der Universalität und der Anpassung
an das Volk nicht in einem solchen Masse, wie der Katho-
lizismus ; dieser kann die Menschen — mögen sie auch'
auf den verschiedensten Stufen der Kultur stehen — er-
greifen, gleichzeitig die geistigen Bedürfnisse des ge-
lehrten Philosophen, wie die des wilden Negers befriedigen ;
Dies können wir vom Protestantismus nicht ohne starke
Einschränkung behaupten. |
Die Religion darf sich‘ nicht allein auf die Vernunft
stützen, sondern muss sich‘ auch an das Gemüt wenden.
Die Religion wirkt in der Praxis auch stark auf das
Gefühl ein, da im Menschen sehr oft das Herz den Kopf
regiert. Der Protestantismus ist bisweilen zu wenig psych-
ologisch und vernachlässigt die menschlichen Gefühle.
Litauische Neuerer, die zum Katholizismus zurück-
gekehrt sind, legen schriftlich dar, dass sie wegen der
Aufhebung der Sakramente und besonders der Beichte,
dann auch wegen dem Mangel an äusserem Kultus und
der lehrenden Autorität und dergleichen, dem Protestantis-
mus entfremdet worden seien.!
Wenn gar die Gebildeten diesen Mangel fühlten, um
1 Wilkowski, S. 2 f.
Ms. des Priesterseminars zu Kaunas.
— 167 —
wievielmehr mussten es dann die niederen Volkschichten
empfinden ! Die schnelle Verbreitung der neuen Lehren in
Litauen widerspricht dieser Ansıcht keineswegs. Sie be-
zeugt nur, dass die Litauer für die neuen Lehren sehr
empfänglich waren. Diese Empfänglichkeit rührte aber
aus Abneigung gegen die trostlosen Zustände in der ka-
tholischen Kirche und der Sucht nach neuer geistiger
Nahrung her.
Auch die Entstehung der individualistisch-rationalis-
tischen Sekten im litauischen Protestantismus, wieder-
spricht dieser. Ansicht nicht; sie beweist nur, dass der
Protestantismus eben nicht die, den Litauern entsprechende
Religion war.
Damit will ich aber durchaus nicht behaupten, dass
der Protestantismus sich nicht dem Charakter der Li-
tauer hätte anpassen können. Zweifelsohne würde sich
der Protestantismus, wenn er vom Staate — wie z.B. ın
anderen Ländern — unterstützt gewesen wäre, sich all-
mählich an den litauischen Charakter gewöhnt haben.! Aber
es fehlte in Litauen eben an solchen kernhaften und ziel-
bewussten Person, wie es im England Heinrich VIII. und
Elisabeth waren, und so musste der Protestantismus allmäh-
lich zu Grunde gehen. Religiöse Probleme im Leben der
Völker sind zur Behandlung so delikat, dass sie entweder
einer Lösung widerstreben oder nur hiypothetische Re-
sultate zeitigen.
Die zweite Ursache für den Untergang der neuen Leh-
ren war die unheilvolle Zwietracht und die inneren Kämpfe
unter. den Neuerern. Diese Ursache knüpft an die zuerst
erwähnte an.
! Da z.B. die Familie des Radvila, des Fürsten von Birziai-
Dubinkiai während des grössten Teiles des 17. Jahrhunderts bis
zam Untergang ihres Stammes, in ihren Latifundien den Kalvinismus
beibehielt, wurzelte sich diese Religion in jenen Gegenden so fest
ein, dass sich dort noch bis heute einige kalvinische Religionsinseln
erhalten konnten.
— 168 —
Zweifellos, gab es auch noch andere schwerwiegende
Gründe, welche die. Spaltung des Protestantismus in. so
viele Sekten bewirkten. Nicht wenig trugen hierzu die
eigenen Vorsteher bei. Diese, aus allen Herren Länder zu-
sammengeströmt predigten eigene Dogmen, die oft den blü-
hendsten Unsinn enthielten. Ferner gab es keine Obrigkeit,
welche die lächerlich vielen Disputationen hätte abstellen
können. Es fehlte ein litauischer Luther, ein Kalvin, ein
Zwingli. Ein Magnat aus jener Zeit, der kurz vorher noch .
ein eifriger Protestant gewesen, schreibt über den inneren
Kampf der Neuerer folgendes an Kardinal Hosius: „Du
aber sollst wissen, dass ich solcher Neuerungen und so
häufiger Aenderungen der evangelischen Religion über-
drüssig bin, sodass ich daran zweifle, ob sie auch nur ein
wenig von den Gaben des hl. Geistes besitzt. Daher hege
ich keinen Zweifel mehr, dass eine solche Religion, je
mehr sie sich entwickelt, desto mehr in hässliche Irr-
vümer gerät. Diese Ungeheuer sind nach meiner Ueber-
zeugung weder die wahre Kirche, noch ist bei ihnen das
Wort Gottes oder überhaupt etwas Wahres.“ !
Ferner muss auch,? die sorglose Nachlässigkeit, wel-
cher die Neuerer ihrer Religion gegenüber sich hingaben,
zuden wichtigeren Gründen ihres Sturzes gerechnet werden.
Und zuletzt dürfen wir nicht stillschweigend an der
Leichtfertigkeit der Grossen vorübergehen, die so sorg-
los die Religionen wechselten, als ob sie Hausröcke
wären .?
1 Johann Kotkiewicz (Chodkiewiez) Vorsteher von Samogitien,
Hosio card. epistola ex an. 1567 (Hosii opera omnia II, p. 242 s.).
2 ‚Johannes ille Chodkievicius (Chodkiewicz), vir sine contro-
versia magnus, quem vulgus terrorem impr’oborum hominum vocare
consueverat, bellicis artibus clarus, omnes fere haereses antea pex-
vagatus tandem levitatem et inconstantiam fluctuantium dogmatum
detestatus toto animo catholicam amplexus est religionem.“ C;-
chocki, Alloquia Ossiecensia, p. 205.
— 169 —
Was ist nun aber von der katholischen Aktion gegen
den Protestantismus in Litauen zu halten ?
Wir haben schon gezeigt, dass die katholische Kirche —
infolge der Unfähigkeit seines Klerus — dem hereinbre-
chenden Protestantismus nur schwarzen Widerstand leisten
konnte. Und vollends als die übermächtigen Magnaten! ins
protestantische Lager. übereingegangen waren, hatte die
katholische Kirche den Boden vollständig unter ihren
Füssen verloren. Trotzdem ihr der vollständige Ruin drohte,
raffte sich die 'Geistlichkeit erst spät auf, denn bis zur
Ankunft der Jesuiten im Jahre 1569, erkennen wir keine
Wendung zum Besseren. Denn so verdorben wie der
Klerus am Vorabend der Reformation war, so blieb er
es auf lange Zeit hinaus. Erst die Jesuiten rich-
teten den scheinbar hoffnungslos darniederliegenden Ka-
tholizismus wieder auf. Bis zur Ankunft der Jesuiten
sah der Protestantismus in der katholischen Kirche keinen
Gegner. Damit will ich' jedoch nicht sagen, dass die Ka-
tholiken die Flinte ins Korn geworfen und den Kampf
nicht aufgenommen hätten. Was sie vermochten, das taten
sie, doch würden sie nicht nur von ihren Gegnern, sondern
oft auch durch die eigenen „Glaubensbrüder‘‘ gehemmt.
Ueber die Bischöfe habe ich weiter oben gesprochen,
doch möchte ich hier noch zwei Persönlichkeiten in Erinne-
rung bringen, die — obwohl sie nicht in Litauen wohnten
und keinen unmittelbaren Einfluss auf die religiösen Ver-
hältnisse ausübten — durch ihre grossartige Tätigkeit in
Polen auch auf Litauen, das mit jenem Staate eine Art
von Union hatte, stark beeinflussten : Commendone und
Hosius. | |
Commendone! war in den Jahren 1563—65 päpstlicher
3Commendone, ein Italiener, (1523—1584), Bischof von Zakynth
und Kardinal, geschulter Jurist, war unter Julius III. mit den
wichtigsten diplomatischen Aufträgen in Spanien, Portugal, Frank-
reich und England betraut. 1561 wurde ihm die schwierige Auf-
gabe anvertraut, die deutschen Fürsten zur Beschickung des Kon-
— 170° —
Nuntius in Polen. Durch seine hervorragenden Tugenden,
seinen Eifer und seine glänzende Beredsamkeit, vor allem
auch durch. seine ausserordentliche diplomatische Geschick-
lichkeit, übte er auf Sigismundr August, den Senat
und den polnisch-litauischen Episkopat einen bedeutenden
Einfluss aus, und verstand es, sich geschickt für die
katholische Sache zu verwenden. Wenn er auch nicht
lange in Polen weilte, so hat er hier doch mehr erreichen
können, als irgend ein anderer Nuntius und es ist sein
grosses Verdienst, dass er Sigismund-August und den Senat
zur Annahme der Beschlüsse des Tridentinischen Konzils
bestimmen konnte. !
Noch grössere Bedeutung um die katholische Rllizien
in Polen erlangte Kardinal Hosius, der Bischof von Culm
(später von Ermland)?. Er war eine seltene Erscheinung
im damaligen polnischen Episkopat. Der selige Canisius
nennt ihn ‚den glänzendsten Schriftsteller, den vorzüg-
zils von Trient zu veranlassen. 1563—1565 wirkte er in Polen,
dann in Wien als Legat zur Durchführung der Konzilsbeschlüsse.
Vergl. Antonii Mariae Gratiani, de vita Johann. Francisci Com-
mendoni cardinalis, libri IV, Parisiis 1689.
Albertrandi-Malinowski, Listy Commendoni do Car. Borromensza,
2 Bade.
1 Liubowiez, Nacalo katoliceskoj reakcii i upadok reform. w
Polsche, S. 151—153.
? Stanislaus Hosius, der deutscher Herkunft war, wurde 1504
geboren und starb 1579, 1538 war er Sekretär des Königs Si-
gismund-August, 1549 Bischof von Kulm und 1551. von Ermland, 1559
königlicher Nuntius in Rom, 1561 Kardinal und päpstlicher Legat
für das Konzil von Trient und am Hofe Maximilians II.und 1565-
Kandidat bei der Papstwahl. Sein Werk: ‚„Confessio Fidei‘‘ er-
schien 1557 es wurde mehrmals herausgegeben und übersetzt.
Vergl. Eichhorn. Der Ermländische Bischof und Kardinal St.
Hosius, Mainz 1855, 2 Bde.
Zukowicz, Kardinal Gosij, i polskja Cerkov jego wremieni, S.
P.B. 1862.
Seine Briefe herausgegeben von Hippler u. Zakrzewski 1879—S8,.
Krakau, 2 Bde. | Da
— 171 —
lichsten Theologen und den besten Bischof seiner Zeit“.
Hosius war ein Mann von reinsten Sitten, erfüllt von glü-
hendem Eifer für die katholische Sache und regierte nicht
nur: seine Diözese musterhaft, sondern dehnte seine Tä-
tigkeit auch auf ganz Polen und Litauen aus. Besonders:
richtete er sein Augenmerk auf die Bischöfe ; die pflicht-
vergessenen und nachlässigen ermahnte er und die eifrige-
ren unterstütze er mit Rat und Tat. Seinen Bemühungen
ist es hauptsächlich zu verdanken, dass der polnisch-li-
tauische Episkopat die katholische Kirche nicht verriet,
wenn schon einige Bischöfe den neuen Lehren zugetan
waren. | |
Eine zweite Sorge des Kardinal Hosius ging dahin,
Sigismund-August dem Katholizismus zu. erhalten, worin
ihn .die päpstlichen Nuntii, besonders Commendone, ge-
schickt unterstützten.
Schliesslich beeinflusste Hosius: auch die Magnaten,
besonders die angeseheneren, und war bemüht sie dem
katholischen Glauben zu erhalten.
Wenn auch Commendone und Hosius selten und nur
kurze Zeit in Litauen weilten, so hatten sie dafür Leute,
die sie über alles benachrichtigten und ihnen als Ver-
mittler dienten. Hosius stand mit den Bischöfen Litauens
in Briefwechsel, ermahnte sie und erteilte ihnen Rat-
schläge. Er war der erste, der die Jesuiten herbeirief und
nahm auch Protasewicz, den Bischof von Vilnius für sie ein.
Er bekehrte Johann Chodkiewicz, den Starosten von Sa-
mogitien, den bedeutendsten und einflussreichsten Mag-
naten in ganz Litauen. Ebenso soll er auch auf die Be-
kehrung der anderen Magnaten eingewirkt haben. Ho-
sius merkte wohl, wie die innere Uneinigkeit den Pro-
testantismus untergrub, und so unterstützte er die schwä-
chere Sekte gegenüber der stärkeren.’ Auch durch seine
i Hosius widersetzte sich der Vertreibung der Arianer aus Polen.
Zukowicz, Kardinal Gosij (Hosius) i polskaja oerkow, S. 181.
— 12 —
theologischen Werke ist Hosius berühmt geworden. Sein
Werk „Confessio fidei‘‘ fand in vielen Ländern Aufnahme,
wurde vielfach übersetzt und herausgegeben.
Noch kurz einen Blick auf die Tätigkeit der Je-
suiten in Litauen |
Einige, Historiker wie z.B. Kojalowiez, Naramowski
und Rostowski und deren Anhänger (Dzieduszycki, auch
einige Jesuiten) behaupten, dass die Tätigkeit dieses Ordens
‚die einzige Ursache des Zusammensturzes des litauischen
Protestantismus gewesen sei; Liubowiez und andere da-
gegen,! weisen den Jesuiten in der Geschichte des Protes-
tantismus in Litauen eine weit bescheidenere Rolle zu.
Beide Ansichten gehen zu weit; denn dass auch andere
am Ruin der neuen Lehren gearbeitet haben, geht daraus
hervor, dass schon vor der Ankunft der Jesuiten in
Litauen der Protestantismus geschwächt und von vielen
Magnaten wieder preisgegeben worden war.? Zudem konnten
die wenigen Jesuiten diese Titanenarbeit nicht allein be-
wältigen. Ihre Wirksamkeit konnte sich nur allmählich
entfalten und gelangte erst unter der Regierung Sigis-
munds Ill. zur vollen Blüte.
Aber die Verdienste der Jesuiten um die Kirche in
Litauen muss man sehr hoch anschlagen.
Auch jesuitenfeindliche Historiker, wie Lukaszewiez
u.a., sprechen ihnen diese Verdienste durchaus nicht ab;
denn in der Tat beschleunigten die Jesuiten den Unter-
gang des Protestantismus und rotteten die Ueberbleibsel
vollständig aus. Aber bei weitem mehr Verdienste haben sie
sich um die Wiederherstellung der katholischen Kirche
ı Kiistorii Jezuitow w litowsko-russkich ziemlach, Warszawa
2 Die reichsten und angesehendsten Grossen Litauens, wie z.B.
Nik. Christoph Radvila, der Sohn des Schwarzen, „Sierotka‘‘ (der
Weise) genannt, Johann Chotkiewiez, Vorsteher (Starosta) von Sa-
‚mogitien und viele andere, waren schon vor der Ankunft der Je-
‚suiten (1569) zum Katholizismus zurückgekehrt.
2 478:
erworben ; denn sie unterrichteten das Volk in der katho-
lischen Lehre mit grosser Aufopferung und erzogen es in
christlicher Tugend. Sie verbesserten den Klerus und
hauchten ihm einen neuen Geist ein, gründeten zahlreiche
Schulen, in Vilnius selbst eine Hochschule, und sorgten.
für einen umfassenden, katholischen Unterricht. Das be-
rechtigt uns, die Jesuiten als die Reformatoren des Ka-
tholizismus in Litauen zu bezeichnen.
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der Herrschaft der Jagiellonen, poln.).
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nisch).
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eine entscheidende Dissertation, polnisch).
Niemojewski Jan, Okazanie \iz kosciol rzymski nie jest apostolski,
1583 (Ein Beweis, dass die römische Kirche nicht die wahre
apostolische Kirche ist, polnisch). |
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Prophetiae Danielis.tres horribiles de casu videlicet et ruina vitae
spiritualis. De lapsu ecclesiasticae dignitatis et de ruina
catholicae fidei ac adventu Antichristi et mundi consumma-
tione. A beato Vincentio ordinis praedicatorum... exvlanatae,
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— AU —
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Skarge P., Pro sacratissfma eucharistia, Vilnae 1576.
— Artes duodecim sacramentariorum, Vilnae 1582.
--- Contradictiones et antilogiae scholae calvinisticae, Vilnae 1576.
— Siedem Filarow na ktorych stoi katolicka nauka o przenajsw.
sakramencie Oltarza postawione przeciw nauce Zwinglianskiej,
J. Wolana. Wilno 1582 (Die sieben Grundpfeiler, auf wel-
chen sich die katholische Lehre über das allerheiligste Sakra-
ment aufbaut, im Gegensatz zu den Lehren Zwinglis und Kal-
vins, polnisch).
— Dziesiece mocnych dowodow, iz adwersarze kosciola powazech -
uego w porzadnej o wierze dysputacyey upasc musza, E. Kam-
piana na polski przeclumaczono. A przytem na antidotum
calwinskie odpowied tez Nowokrzezencom ruzprawa, Wilno
1583 (Zehn starke Beweise, dass die Gegner der allgemeinen
Kirche in einer gründlichen Disputation über Glauben be-
siegt werden müssen, polemische Schrift, polnisch). v
— Zawstydzenice nowych Arianow i wzywanie üch do po-
kuty i wiary chrzescianskiej, Krakow 1603 (Die Beschämung
der neuen Arianer und die Aufforderung zur Busse und An-'
nahme der katholischen Religion, polnisch).
Sigismund- August (König) siehe: Zygmunt August.
Stalut Dilesaiı Wilno 1614 ibid. 1774 (Das litauische Statut).
— 15 —
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Tschakert P., Urkundenbuch ızur .Reformationsgeschichte des Her-
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— Ejusdem contra eundem ad Gorg. Radzivilum Romae 1576.
— Ds sacratissima Eucharistia... contra Volanum Polonum (Li-
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Warszewski Christoph, Caesarum regum et principum vitarum libri
duo, Francofurti 1604.
— Memorabilium rerum et hominum coaevorum ab orbe condito
ad an. 1585 descriptio. Cracovise (1585).
— Pro Christi fide et Petri sede orationes tres, Cracoviae, 1583.
Vega Em., Assertiones Theologicae, Vilnae 1585.
Vergerios, Zweite Reise nach Preussen und Litauen (Altpreussische
Monatschrift 1911, S. 221 ff.
Wilkowski, Przyczny nawrocenia de wiary powszechnej od sekt No-
wokrzcencow Samosatenskich, Wilno 1583 (Die Ursachen
der Bekehrung zum allgemeinen Glauben von den Sekten der
Wiedertäufer, polnisch).
Wisniowski, Rozmowa o prawdziwej znajomosei Boga Ojca, Syna
Jego i Ducha sw (Gespräche über die wahre Kenntnis Gott
Vaters, Gott Sohnes und des hl. Geistes, polnisch).
Wiszowaty A., Narratio compendiosa, quomodo in Polonia a ri-
nitariis Reformatis separati sint Christiani Unitarii (An-
hang zur zweiten Auflage Wegierski-Slavonia reformata, vie
Regenvolscius).
— 1856 —
Wiszniewski, Historya. literatury polskiej (Geschichte der polnischen
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Wolf J., Senatorowie i Dygnitarze Wielk: Ks. Litewskiego, Krakow
1885 (Die Senatoren und Würdenträger des Grossfürstentums
Litauen, polnisch’).
Wolan Andr., Ad scurrilem et famosum libellum Jesuiticae scholae
. Vilnensis 1589.
— Libri quinque contra Skargae Jesuitae Vilnensis septem missae
‚sacrificiique ejus columnas. Adjecta adversus Possevinum pro
Volano p. Joh. Lasicki, Wilnae 1584.
— De libertate politica seu civili (dedic. Nicolao Radziwill)
— Epistola August. Rotundi Mielesii, Cracoviae 1572.
— Epistolae aliquot ad refellendum doctrinae Samosatensium er-
rorem (dedie. Joann Szemiot), Vilnae 1592. |
— Paraenesis ad omnes; in Regno Poloniae M. Duc. Lituaniae
Samosatenianae vel Ebioniticae doctrinae professores (dedie.
Joanni Ostrorog), Spirae 1582.
— Idololatriae Lojolistarum vilnensium oppugnatio (dedic. Ni-
. colao Radzivill), Vilnae 1583.
Woltolini Mat., La Legazione del cardinale Ippolito Aldobrandini in
Polonia nel 1588. Bessarione 1905. 8, 292 ff.
Völker K., Der [Protestantismus in Polen auf Grund der einheimischen
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Wolonczewskis, Zemaijtiu wiskupiste, Wilniuj 1848, t. I—II (Das
Bistum von Samogitien, litauisch).
Wotschke Th., Abraham Culvensis. Urkunden zur Reformations-
gesch;ichte Litauens. Separatabdruck aus der Altpreussischen
Monatschrift, Bd. XLII, Heft 3, 4.
— Briefwechsel der Schweizer mit den Polen. Archiv für Refor-
mationsgeschichte Ergänzungsband III., Leipzig 1908.
— Sigismund-August und seine Hofprediger, Archiv für Refor-
mationsgeschichte 1907, 4, S. 329 ff.
Zagiel M., Termin na protestacye ministra jednego ewangelickiego
etc., Wilno 1599 (Der Termin für die Protestation eines
evangelischen Ministers, polemische Schrift, polnisch).
— 1397 —
— Censura dysputacyi wilenskiej podanej przez Dan. Ni-
kolajewskiego, Wilno 1600 (Polemische Schrift).
— Odpor powesciom ewangelickim o sakramencie Ciala i Krwi
panskiej, Wilno 1600 (Gegenbeweis auf die evangelischen Fa-
beln, polnisch).
Zakrzewaki, Powstanie i ‘wzrost Reformacyi w Polsce Lipsk 1870:
(Entstehung und Verbreitung der Reformation in Polen, pol-
nisch). |
Zaleski Jezuici w Polsce, Lwow 1900, t. I—X. (Die Jesuiten in.
Polen, polnisch). |
Zebrowski, Recepta na plastr Czechowica, Wilno 1597. (Das Rezept
für das Pflaster des Czechowicz, polnisch).
— Kakol ktory rozsiewa Stef. Zizania, Wilno 1595 (Das Un-
kraut, welches Stephan Sisania aussät, polnisch).
— Probatia proby na minucie Latosowe, Krakow 1598 (Eine
polemische Schrift, polnisch).
Zukowiez, Kaıflinal Gosij \Hosius) i polskaja cerkow ego wremieni.
S.P.B. 1882 (Kardinal Hosius und die polnische Kirche
seiner Zeit, russisch).
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wyd. Lachowiez, Wilno 1842 (Briefe des Sigismund-Au-
gust an Nikolaus Radvila, polnisch).
Sachregister. *
Aberglauben in Litauen 67f.
Ackerbau, 65.
Adel, Abfall vom Katholizismus 109,
109 No 3, 109 No 5, Grausamkeit
des A. 56 No 1; Kleinadel 10;
Landadel 16 No 1; Rechte des A.
49 No 1; Stellung zum Protestan-
tismus 116, 117 No 2, 118 No 1.
Adessenarii, 143.
Akten, des Zentralarchives in Vilnius,
5.
Aktion, gegen die Protestanten, 169 ff.
Amsdorfianer, 143.
Anabaptisten, 142, 146, 153.
Analphabethen, 125.
Anarchismus, 152.
Antichrist (Papst und Katholizismus)
150.
Andersgläubige, 121.
Antidiaphoristen, 143.
Antikalvinianer, 143.
Antiossiandriner, 144.
Archivalien, 7.
Archive, litauisch e A. 7; Pfarra. 6;
Privata. 6.
Arianer, 10, 139, 149, 153, 155,
165 ; gemässigte A. 149, No 7; ju-
daisierende, radikale A. 149 No 2;
Schriften der A. 154 No 1; Synode
der A. zu Jwje (1568) 151;
Sekten der A. 150; Vertreibung
des A. aus Polen 171 No 1.
Arianismus, 138ff, 146 No 2, 152,
157, 163; Anhänger des A. 138
No 2.
Aristokratie, höhere
Arrahonarier, 143.
49 ff.
Atheismus, 58 No 1, 153, 153 No 4A.
Atheisten 58, 153.
Aufstände, der Polen (1831 und 1863)
7.
Ausländer, in Litauen 59£, 72, 91;
A. als Geistliche 69.
Autoren, reformatorische 9.
Bauern 60ff; freie B. 65; an die
Scholle gebundene B. 65; Lebens-
verhältnisse der B. 61 No 2 und
3; Sitten der B. b4ft.
Bauernklassen, Einteilung der, 64.
Beichte 166.
Besitz, herrenloser B. (possessiones va-
cuae) 17, kirchlicher 20.
Bibel, 147; B. von Brest (Biblia
Brzeska) 128, 128 No 3.
Biblisten 143.
Bildungsanstalten, höhere 13.
Bildungstand, der Litauer 65.
Bisakramentale 144.
Bischöfe in Litauen 12 No 2, 15,
69, 169, 171; B. in Samogitien
insbes. 33 ff; B. in Polen im 16r
Jahrhundert 116 No 1; Autorität
der B. 19 f; B. als Beamte des
Staates 30; Befugnisse der B. 23;
Einkünfte der B. 21 ff; B. ım 16.
Jahrhundert 32; das Leben der B.
23 f£; Militärgewalt der B. 21;
Wahl der B. 29.
Bischofsitze, Verkauf der B. 30.
Bissurmanuen (Tataren) 52 No 2.
Bullen, päpstliche 5.
Charakter, der litauische, 15.
Christentum in Litauen 165; Einfüh-
* Das Zeichen No gibt die betr. Fussnote an.
— 1% —
rung des Chr. 68ft.
Circumeisionen 146.
«Civuni (samogitische Kreisbeamte), 18,
Clancularier 142.
Cmetho (litauischer Bauer) 61.
Confessio fidei (des Hosius) 172.
‚Daemoniacer 142.
Decalog 148.
Deutschen, die, 137.:
Disputationen, 177, 177 No 3, 126,
154 No 2 und 3; 155, 156, 168;
D. der Sekten 154;
Disputierwut der Litauer 154.
Distrikte 17.
Disziplin, kirchliche, 80.
Dogmen der Sekten 168.
Dokumente der Protestanten 9.
Domkapitel von Vilnius 35 £.,
No 1; D. von Samogitien 361.
Domschule in Vilnius 39.
Donnergott 161 No 1.
Driewnije Akty (Akten des Zentral-
archives in Vilnius) 5.
Druckereien, protestantische, in Vil-
nius, Brest Litowsk, Nieswiezis und
Losk 125 No.
Preussen 128.
Druckschriften 9; D. des 16. Jahr-
hunderts 8.
Druckverbot in Litauen 3, 10.
Eberesche 161 Neo 1.
Edikte von Sigismund I. 120 No 3;
E. gegen die Protestanten 83; E.
von Gardinas 1522 83 No 3; E. von
Krakau 1523 83 No 3; E.
Thorn (1520) 83 No 3
Eheprozesse 20.
Einflüsse, polnische in Litauen, 13.
Einheitlichkeit, dogmatische der pro-
test. Kirche 129.
Einigungsversuche in der litauischen
Kirche 157, 158, 158 Nb 1 und 3.
Eiulantes 143.
114
von
1; D. Albrechts v..
Episkopat, litauisch-polnisches 170f.;
polnisches E. 170.
Erbsünde, Problem . der, 154.
Erlösung, Problem der, 141, 149, 154.
Erziehung, religiöse E.der Laien, 45ff.
Fanatismus, religiöser, 8. -
Forum 17.
Gefängnisgtrafen 112.
Geistlichkeit, katholische 169; li-
tauische 3, 48; polnische 48.
Geistliche als Analphabeten 39 No 1.
Geistesbildung in Litauen 165.
Gericht (bischöfliches) 20.
Gerichtprozesse 56 N® 1.
Gerichtsachen 15.
Geschichte, politische 2; litauische 3;
G. der Litauer 8; Erforschung der
G.8.
Gewalt, oberste in Litauen 15.
Glaubenspaltung 1, 4, 8; Anfänge der
Gl 71££.
Gnade, Problem der G. 154; Gn-
Lehre 149.
Goldfloriner 21;
Gottheit, Lehre über die G. Christi
149.
Götterkult 67 £.
Götzendienst 134.
Grosche (litauische Münze) 55N°2,
62 No 1.
Grossfürst, Wahl des Gr.) 14 £.
Grossfürstentum, das litauische 7.
Grosse, litauische Gr. (Magnaten) 14.
Handelsverkehr, zwischen Litauen und
Polen 13, allgemeiner H. 172.
Hahdschriäten der geistlichen ale
mie in Petersburg 6.
Handweiser für die Diözesen Litauens
69 No 1.
Heidentum in Litauen, 67, 67 No 5,
87 No 2, 161 No 1, 165.
Heiligenverehrung 166.
Historiya wierna o Kacerstwach, 6.
— 11 ° —
Hölle, Existenz der H., 153.
Humanismus 8. 9 |
Hussiten (Böhmische Brüder) 146.
Jdeen, protestantische K. 72.
Jesuiten 6, 9, 113, 115, 124, 145,
152, 171; Ankunft der J.3, 6, 161
No 1, 162, 168, 172; Tätigkeit der
J. 172.
Jllirianer 142.
Infernale 143.
Inventar, kirchliches, 5.
Joga‘lonen, Dynastie der J. 165.
Judaismus 146, 157.
Judaisten 145, 148.
Kämpfe, innere der Sektierer, 167.
Kalvinismus 3, 106, 108, 127, 167
No 1.
Kalvinisten 156 ff., 138, 147, 153,
163, die litäauischen K. 137 ; Kämp-
fe, zwischen K. und Arianern 139
No 2.
Kapitel 3ff.;
Krakau 25, No 1; K. von Samogi-
tien 36ff.; K. von Vilnius 34f£.,
39 No 4.
Kapitulare 114.
Karveden (Wojewoden) 15, 16£.
Karvedschaft (Wojewodschaft) 16.
Kastellane 15.
Katholiken, Verfolgung der K. 78
No 3.
Katholizismus 157, 171; Niederlage
des K. 161, besiegter K. 169.
Kaufleute fremde in Litauen K. 72,
IL;
Kirchengeschichte, litauische 2, 3, 10.
Kirchengüterstreit 20.
Kirche, Rückkehr zur katholischen K.
157 No 4; katholische K. in Sa-
mogitien 161 No 1; Wiederher-
stellung der katholischen K. und die
Jesuiten 172. Zustand der katho-
lischen K. 73f.; protestantische K.
Domk. 23,.K. von.
133; Schweizerisches Kirchenmün-
ster in Litauen 110.
Kirche St. Annak .73 No 1.
Klerus, Kampf zwischen Kl. und Adel
90, No 1;; Regularklerus 47 £.,
Streitigkeiten unter dem Kl. 20,
Unfähigkeit des katholischen Kl.
169.
Klöster in Samogitien 48, in der Diö-
zese Vilnius 47.
Kommunismus 145, 146 No 2, 152.
Kommunisten 143.
Konfessionisten 143. | |
Konstitution, politische des Grossfür-
stentums 14.
Kriminalprozesse 56.
Kultur, abendländische, 2.
Kultur der Litauer 164.
Kulturgeschichte 8.
Landessprache, litauische, 3.
Latifundien der Bischöfe 21, 21 No5.
Leben, das Oekonomisch -soziale in Li-
tauen 150.
Legitimation unehelicher Kinder 20.
Leichtfertigkeit, religiöse der Grossen,
168.
Lehre, hussitische L. 88,
L. 79 8° 1.
die neue L. 70; protestantische L.
165.
Leibeigene, Entlassung der L. 151,
Litauer, der Charakter des L. 165, 167.
Literatur r.ligiös-pol’mische 8, 9.
Lutheraner 146, 147, 153, 156, 161
161 No 1; 163.
Luthertum 136; h. in
135 No 1.
Luthers
den Städten
Magnaten 15, 16, 49 ff.; litauische
M. 171; protestantische M. 164;
Sittenlosigkeit der M. 52 No 2.
Maioristen 144.
Manus impositorier 143.
Mennonisten 143.
— 19 —
Menschwerdungslehre 141.
Mittelalter 7.
Misstände, soziale 152.
Mohammedanismus 121,
157.
Mythologie der Litauer 68, 165.
Naturreligion 148.
Neuerer, litauische 166 ; Streite unter
den N. 157;
Neuerungsucht der Adeligen 87, No 4,
88 No 1.
Neutrale 143.
Nihilismus 153, 157.
Nihilisten 153.
Nuntius, päpstlicher, 10, 114, 170,
171. j
Orden, deutsche 7.
Orthodox-Griechisch O.
Ossiandrianer 144.
146, 149,
121, 12
VD
Pany-Herren 14. |
Papstwahl (von 1565) 170 NP 2.
Paironaisrecht 46.
Pelagianer (Neu-P.) 144.
Pfarreiverkauf 47.
Plünderungen 7.
Pochozije (Die Wandernden). 6.
Poenitentiarier 144.
Poloneutychia 6.
Polonisierung Litauens 13.
Polygamie 143, 150.
Prädikanten ‚litauische 127.
Präfekt vor Samogitien 18.
Prediger, protestantische 12,
123 f., 126.
Priester, litauische, 69 f., 69 No 2,
161 No 1 ; Lebensführung der P. 37
ff., 75 No 1; Polnische P. in
Litauen 69 No 2.
Privilegien 5.
Protestantismus 1, 3, 4, 6, 8, 9, 77,
112ff., 116, 118, 166 £., 172, Auf-
stieg des P. 14, 21 ff., 73 No 1],
79, S5ff., 110 No 5, 165, 169;
Taff.,
Ausbreitung des P. 111 No 4,
116 £f., 11 8£., 121 No 3, 124$.,
127. Zusammenbruch des P. 124,
135 ff., 160, 162, 163 No 1,
164, 167 £.
Rada-Rat 15.
Rat der Grossen 15.
Rationalismus 147, 153, 156.
Reformation (vergl. Protestautismus)
1, 4, 131, 153, 169, 173.
Reformatoren 9, 168; Schweizerische
Rg. 130.
Religion evangelische 168; individua-
listische 166; katholische 164; ra-
tionalistische 166.
Religionskämpfe 119 No 2, 120 f.,
164.
Religionsunterricht 68 ff.
Religionsvergehen 20.
Religiösität am Hofe 100 N° 2.
Ritterorden, Deutsche, 136.
Ritus, lateinischer, 19.
Sabbatarier 142.
Sacerdotales 143.
Sakramentarier 143, 156.
Sakramentenlehre 141, 149.
Sakramentenproblem 154.
Samogitier 63 No 2.
Samosatener 156.
Schrift, die hl., 147, 148, 1483 N° 4,
149, 152, 155.
Schulen in Litauen 13, 65, 76, 124,
124 No 3, 125 No 2.
Schweden, die, 7.
Sekten, 3, 6, 9, 144ff., 163, 167,
168.
Senat, litauischer 15, 170; polnischer
S. 119 No 3.
Senatoren 120 No 1, 132, 132 N92.
Seniunen 17.
Servetianer 142.
143.
Sineretisanten 144.
Significativi
— 193 —
Sitten des lit. Volkes 66 N° 1; 8.
der Geistlichen 42 N° 2, 44 No 2,
‘0 No 1, 80; fremde S. 12, 13,
14. .
Skeptizismus 157.
Sklaven 65, 152.
Skude, italienischer Taler, 61 No 3.
Sozialismus 152.
Spaltungen, religiöse, 6.
Sprache, litauische, 69.
Städte, litauische, 7, 59 No 2, 5Iff.
Stadtbrände 7.
Stände 15.
Stankarianer‘ 142, 146.
Starost 16.
Statut, litauisches (von
und 1588), 55 No 2.
Statuta Vilnensis (Diözesanstatuten)
80 No 1.
Stebleri 142.
Strafbestimmungsn, kanonische, 74.
Studenten, litauische, im Ausland 72
No.
Swidnicensen 144.
Synagogen 108, No 2,
Syphilis 51.
Synoden, katholische 79, 113; S.
der Neugläub!gend, 18 f., 129, 154,
156, 158.
1529, 1566
148.
Tataren 7.
Testament, das alte T.. 5, 155; das
neus T. 5, 148, 145 No 4, 155.
Theologen, Schweizer Th., 106 No 1,
140; Zürcher Th. 141.
Thronerblichkeit, litauische, 14 N07.
Tradition, christliche, 147.
Trinitäislehre 141, 154.
Trisakramentale 144.
Tropisten 143.
Trunksucht 55.
Tugend, christliche, 173.
Universitäten des Westens 72.
Untertanen in ‚Litauen 65.
Unterricht, katholischer, 173.
Urkunden 7.
‚Verfassungsurkunden der Grossfürsten
19 No 3. | a
Verordnung an die Priester 80.
Verwaltung 15f.
Verwirrung, religiöse, 157 Ne 1.
Vielweiberei 146 No 2.
Vikare 38.
Visitation der Diözesen 46.
Volk, das litauische, 14, 161. No 1,
164, 166f., 173, Stellung des V.
zum Protestantismus 117 f£., 117
No 1. Volkspoesie 165.
Wandernden, die w. Bauern /Apocho-
zije) 65.
Wille, Probl:m des frvien W., 154.
Zoelibat der Priester 43.
Zustand, religiöser 6, 18 £., 65 ff,
146 No 2.
Zusammenkünfte, politische 154.
13
Personenregister.
‚Albrecht, Herzog von Preussen, S. 77
f., 79, 81 No 2, 91, 98 No 3, 100,
100 No 2, 127, 131, 135.
Alciata, arianischer Prediger aus Ita-
lien 138.
Alexander, litauischer Grossfürst, 15.
Algirdas (Olgerd), litauischer Gross -
fürst, 15.
Algmundus (oder Algimuntus),
Holszanensis, 78 N° 2, SO £.
Aristoteles, 148 No 4, 155.
Dux
Bathory,. Stephan, 125 No 2,
Berosus, 1458 No 4, 155.
Blandrata, arianischer Prediger aus
Italien 138.
Bobrzynski, Historiker 98.
Bona, Königin 30, 30 No 3, 77, &1
No 2, 95, 97 No 2, 100, 114.
Budny, Führer der Judaianten 9, 148,
149 No 2.
151, 153 No 2.
Bukowski, 4.
Bullinger, Schweizer. Reformator, 108
No 1, 127.
Buongiovanni, Botschafter, 56, 130.
Canisius, der sel., 170.
Chodkiewiez, Johann, Starost von Sa-
mogitien 160, 168 No 2, 171, 172
No 2; Ch. Rückkehr zur katholi-
schen Kirche 160 N° 1; die Fami-
lie Ch. 109.
Chlebowiez, die Familie, 109.
Cichocius 134.
Commendone, päpstlicher Nuntius in
Polen (1563—1564) 21, 28, 29, 45,
48, 98, 105, 105 No 1, 106 N® 1,
'. Ferrerius,
130, 169 £., 169 No 1, 171.
Culva, reform. Prediger 73 N° 1. 6,
112 No 1.
Cumuleus, apostolischer Legat der Diö-
zese Vilnius (1595) 161 No 1.
Cyprian, Suffragan von Vilnius, 133
No 6.
Czechowicz, Pole und kalvinischer Pre-
diger, 108, 127, 149 Na 2, 150, 150
153; die Lehre des ch. 150, 150
No 5.
Czekanowiez, Silvius, 142.
Dambrauskas, 3, 4, 111.
Dawidowicz, 149 No 2.
Domanowski, Johannes, Bischof von
Samogitien und litauischer Justiz-
minister 4, 22, 34 No 2, 36, 115.
Dzieduszycki, Historiker, 172.
Dzierzgowski N., Erzbischof von Kra-
kau (1545—1559) 25 No 1.
Dorohostajski, Familie der, 109.
Elisabeth von England 167.
Falconius, Preusse, kalvinischer Pre-
diger in Klech, 108.
Zacharias,
Nuntius, 69 No 1.
Friese, Historiker No 73 No 1.
Apostolischer
Gasztold, Alberi, Karvedis (Wojewoda)
von Vilnius, 39 No 4; G. Magnat
50.
Gediminas, litauischer Grossfürst, 15.
Gentilis, arianischer Prediger aus Ita-
lien,
Georgius, Magister der Künste, 39
No 4.
— 1% —
Giedraitis Melchior (Gedroje), Kano-
nikus, später Bischof von Samogi-
tien, 161 No 1, 162 No 2.
Giovanni, Paolo Emilio, Sekretär des
päpstlichen Nuntius
Glirius, Führer der Judaisanten in
Litauen, 21, 148, 143.
Goniadz (Gonesius) Peter, kalvinischer
Prediger, 137, 138.
Gorski, Familie, 109.
(Grabowiecki, 51 N° 6.
Grabowski, Historiker, 9.
Gratiani 101 No 1.
Heinrich VIII, von England, 77, 167.
Herbest, kaiholischer Historiker, 9,
146. |
Holszanski, siehe Algimuntus.
Hosius, Bischof von Ermland und
Kulm, später Kardinal, 40, 51 No
6, 114, 130, 132, 160, 168, 170
ff., 170 No 2, 171 No 1.
Jewlaszewski, litauischer Schriftstel-
ler des 16. Jahrhunderts, 89 No 1.
Jogatla Vladislas, Litauischer Gross-
fürst, 12 No 1, 20 No 5, 121,-121
No 5.
Johann, Herzog von Finnland 133
No 38.
Johann, Grossfürst von Moskau, 94
Ne 2,
Jsdbienski, Bischof von Posen, 25
No 1.
Julius III., Papst, 169 No 1.
Jungius, katholischer Schriftsteller, 9.
Jupiter 161 No 1.
katholischer Schriftstel-
ler, Kanonikus von Vilnius 9, 162
No 2,
Jurgiewiez,
Kalvin 106 No
138, 140, 168.
Kariejew,
x» 1.
1, 109, 127, 136,
Historiker 98,
russischer
Karl V. Kaiser, 106.
Kasimir (aus dem Geschlecht der Jo-
gailonen) 20 No5.
Katharina (Schwester des Sigismund-
August) 113.
Keistutis 11 No 1.
Kiejzgall, Magnat, 50; Geschlecht
der K. 50 No 3.
Kisszka v. Ciechanowiec, Johannes,
Starost in Samogitien, 50, 140;
Familie K. 109.
Kojalowic, Historiker 19, 73 No 1,
161 No 1, 172.
Kosminezyk Johannes, Jlutherischei
Prediger 100.
Krasinski 4.
Kromer, Bischof v., 110.
Krzyszkowski, Pole und kalvinischer
Prediger 108.
Kurbski, Fürst, 1, 10, 51, 52 No 2.
Lasicius Johannes 10, 59 No 2, 66
No 1.
Leezyca, Synode (1547) 41.
Leibnitz 86.
Lippomano, päpstlicher Nuntius 27,
56 No 2, 61, 70 Ne 1.
Lippomano Hieronymus 61.
Litwin, *Michailo 10.
Liubowiez 4, 172.
Lorenz von Przasnysz (gen. Discor-
diae) luther. Prediger 100.
Lowejka, Richter von Mozera, 58
No 1.
Lubieniecki Andreas, Minister in
Kleinpolen 6, 9, 144, 144 No 2,
145.
Lukaszewiez, Geschichtschreiber 3, 4,
110, 172.
Luther 9, 73, 131, 168.
Maciejowski, Bischof von Vilnius, 34.
Maximilian II.
Melesko, Kastellan von Smolensk 136
Ne 1.
)
— 196 —
Messias 149 No° 2.
Michailo, Geschichtsschreiber 40, 54,
64.
Mindaugas (Mindove‘, König von Li-
tauen 12 No 1,
Modrzewski Frycez, rzformatorischer
Autor 2, 60.
Moscovidius (Georgius Martinus), Re-
formator, 73 N® 1.
Moses 148 N®° A.
Napoleon 7.
Narkustis Stanislaus, Bischof von Sa-
mogitien 34 No 2, 115.
Niemojewski, Jakob und Johann 9.
Noskowski, Bischof von Plock (1546-
1567), 25 Ne 1.
Orzelski, Schriftsteller 49.
Ossolinski 6. “
Pac, Nicolaus, Bischof, 4; Familie
des P. 78 No 2, 109, 160.
Paul IV, Papst 27.
Pauli Gregorius, arianischer Prediger
aus Italien 138.
Perkunas, Oberster Gott in der heid-
nischen lit. Mythologie 161 Ne1l.
Philipp II von Spanien 97.
Fietkiewiez Georg, Bischof von Samo-
gitien (1567—1574) 111, 161°
No 1.
Piekarski Johann,
prediger 132.
Plato, 148 No 4, 155.
Protasewicz Valerianus, Bischof von
Vilnius 22, 113£f., 113 No 3, 114
No 3, 162, 171.
Prunski, Familie der P.
katholischer Hof-
109.
Radvila (Radziwill), Familie R. 159,
163, 167 No 1; Albert R., Bi-
schof von Vilnius 1508-1519) 32
f.; R. Chodkiewic 50; R. der
Schwarze (oder Nikolaus) 50, 76
No 1, 98 No 3, 102 ff., 103 No
2 u. 3, 104 No 1, 127 f£t., 129
No 3, 132, 134 f., 140 No 4, 141,
160, 162. Nikolaus R., Bischof von
Samogitien (1514—1522) 33, 82
No 1; Nikolaus Christoph (gen.
Sierotka) 158 No 4, 159 No 2,
172 No 2.
Rappagelanus Stanislaus, Reformator
in Lit., 73 No 1, 112 Ne11.
Regenvolscius (A. Wegierski), Schrift-
steller des 17. Jahrh., 73 N° 1.
Rescius Stanislaus, Sekreiär des Kar-
dinal Hosius, 9, 110, 110 No 3,
145.
Rostowski, Historiker, 161 N® 1, 142.
Roysius, Petrus Maurus, Kanoniker
der Kapitel von Samogitien und Vil-
nius, 24 No 3, 34, 53 No 3, 115.
Ruggieri Julius, päpstlicher Nuntius
13, 21, 56 No 4, 59, 61.
Sapieha, Familie S., 160.
Served, Reformator 137 f.
Sigismund I, König von Polen (1519-
1536) 12 No 2, 30, 33, 76. 78,
83, 83 No 2 u. 3, 92, 92 No 1,
97 Ne 2, 101, 124.
Sigismund II, litauischer Grossfürst
(in Polen als König Sigismund I),
11, 14, 15, 18, 18 No 3, 33,
50 No 5, 76, 78, 112.
Sigismund III 30, 34 No 4.
Sigismund-August II., 13 No 2, 16,
18 No 3, 28 f., 34 No 2, 36, 50
No 5, 51, 51 No 6, 53, 67, 77,
93 ff., 98 No 1, 101 No2, 103
No 3, 124, 130, 131, 162, 163.
170.
Skarga, katholischer Schriftsteller 9,
145, 162.
Slonczewski Leonhard, Bischof von Ka-
mienic, 25 N® 1.
Spinella, arianischer Prediger aus Ita-
138.
lien
—
Stankaro, arianischer Prediger aus Iia-
lien, 138.
Svidrigaila, litauischer Grossfürst, 11
Ne 1.
Szemiot, Familie Sz.
polnischer
Szujski, Historiker, 98
No 1.
Taliat Georg, Kanoniker von Samogi-
tien (1522--1531) 34, 82 No 1.
Tolstoı 153.
Tortyllowiez von Batocki-Trieben 75.
Uchanski, Bischof von Cholm (1551-
1557) 25 No 11.
Valancius (Wolonczewski), Bischof v.
Samogitien, 22 No 1, 110.
Vergerius Paulus 110.
Vierzbicki Victorius, Bischof v. Sa-
mogitien,
115.
Viklef (oder Vincler), Reformator, 73
No 1.
Vincentius, Mönch, 24.
Vitus, der hl. 12 No 1.
Vizgajlo (Visgalis) Nikolaus, Bischof
von Samogitien.
4, 81 f, 82 No2, 113,
197° —
Volanus, litauischer Schriftsteller 9..
53, 64.
Vytautas (Witold) der
Grossfürst, 15.
Grosse, lıt..
Warszewicki Christoph (Höfling Si-
gismund-August). 10, 17, 51, 56:
No 6, 97 No 1, 104 No 1.
Wedrychowski, kalvinistischer Prediger:
in Vilnius, 108.
Wegierski (Regenvolscius) 73 No1.
Wilkowski, Reformator 156.
Wizna, Paul v., Arianer, 152.
Wizna, Familie W., 160.
Wojna Benediktus, Bischof von Vil-
nius 5.
Wollowiez, Familie W., 109,
Wotschke, Geschichtschreiber 4.
160.
Zaczyc, kalvinischer Prediger in Bras-
ta 108.
Zakrzewski 4, 97, 98 No 1.
Zarnowiec, Gregor v. 9.
Zebrzydowski Andreas, Bischof von
Krakau (1555—1560) 25 No 1,
30 No 3.
Zebrowski, katholischer Autor 9.
Zwingli, Schweizerischer Reformator:
168.
Geographisches Register.
Augstajtija (Oberlitauen) 111.
Berlin 7.
Birziai 160, 163 No 2, 167 No 1.
Braclaw, Karvedschaft (Wojewoldschaft)
16 No 2.
Brest (auch Brestia, oder Brzgesc-Li-
tewski) Karvedschaft (Wojewod-
schaft), 16 No 2, 59, 138.
-Culen 170.
Deutschland 72.
Dubinkiai 160, 163 Ne 2, 167 No 1.
England 167, 169 Ne 1.
Ermland 170, 170 N° 2.
Frankreich 169 N® 1.
‚Gardinas 58 No 2; Edikt von G., 83
No 3.
Genf 126, 141.
‚Gieranony
37 No .4.
'Gnesen, Erzbischof (Metropolit. v. G.)
19; Primas v. G. 32.
Horodlo 14 N° 1, 16 Ne 1, 121.
‚Jeznas 78 No 2; Kirche v. J. 78,
(in der Diözese Vilnius)
6, 135 No 1, Pfarrer von J. 44
No 4,
Jwie, arianische Synode von J. (1568).
Kaunas 59 No 2, Priesterseminar von
K. 4.
Kiew 7, Bischof v. K.
Bistum K. 18, Karvedschaft (Wo-
jewodschaft) K. 16, N» 2.
Krakau 73 No 1, Akademis von Kr.
56 No 4, Bibliothek von K. 8;
Bischof v. K. 33; Edikt v. K.
18 No 3,
(1523) 83 No 3; Kapitel v. K. 25.
25 No 1; Universität K. 34 No 2.
Kulm 170 No 2.
Leezyca, Synode (1547) 41.
Lemberg 6, 7; Bibliothek v. L. 8;
Bibliothek des Ossolinski in L. 6.
Lublin, Union v. L. 49 Ne.
Luceoria, Bischof v. L. 33.
Luck, Bischof v. L. 18 No 3; Bistum
v. L. 18; |
Lukiszki, Vorstadt von Vilnius 107.
Medininkai, Bischof v. 18 Nv 3.
Minsk 59 No 2.
Morawski 6.
Moskau 7, 98 No 3.
Mscielaw, Karvedschaft '(Wojewod-
schaft) 16, No 2.
Novgorod, Karvedschaft (Wojswod-
schaft) von N. 16 No 2.
Novogrudok 59 Ne 2.
Petersburg 6, 7, 8.
Petrikau 25, 40, 119 Ne 1.
Pinsk 59 No 2.
Podlasien 16 No 2.
Podolien 2, 59 No 2.
Polock 16 No 2.
Polen 4, 8, 119. Klein-P. 146.
Portugal 169 No 1.
Preussen 72, 75, 77, 127.
Punia 44 No 4.
Rom 170 No 2.
Rumsiskes 6, 44 Ne 3 u. 4,
Samogitien 2, 4, 17f£., 18 Neo 3,
21, 22 No 1, 111, 161 No 1, 172
No 2.
— 199 ==
Schweiz 109, 127, 138. Seminar 5; Universität 173.
Smolensk 16 N® 2. Vilkomir (Ukmerge) 133.
Spanien 169 No 1. Vitebsk 16.
Stockholm 7. | Volynien 2, 16 No 2, 59 Ne 2.
Trakai 6, 16 NP 2, 78 No 2. Warschau 113 No 1.
Upita 56. | Wawrzynsyce 25 No 1.
Wielun 20 No5.
Vilnius (Wilna) 59 No 2, 60 No 1; wien 7.
Bistum 2,5,18,18 No 3, 21, 32ff., wWilna (Vilnius) 74 No 1.
2, 5,18, 18 No 3, 21, 32 ff, Wittenberg 76, 126.
161 No 1; Archiv 5, 10; Biblio- wioclawek 123 No 1.
theken 5, 8, 78; Gericht 58 No 1;
Kathedrale 21, 21 No 5; Karved- Zakynth 169 Noel.
schaft (Wojewodschaft) 16 N02,;104, Zürich 141.